Die Kampfgruppe von Gottberg war ein nach ihrem Kommandeur SS-Brigadeführer Curt von Gottberg benannter, hauptsächlich aus SS-, Polizei- und Waffen-SS-Einheiten bestehender Ad-hoc-Verband, der von November 1942 bis zum August 1944 vorgeblich zur Partisanenbekämpfung während des Deutsch-Sowjetischen Krieges in Belarus eingesetzt wurde. Darüber hinaus sollte die Kampfgruppe von Gottberg die Aufgaben der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD übernehmen und verbleibende Juden ermorden oder in die Vernichtungslager deportieren. Tatsächlich entvölkerte die Kampfgruppe von Gottberg ganze Landstriche in Belarus nahezu komplett. Die Einheiten der Kampfgruppe von Gottberg, der auch die SS-Sondereinheit Dirlewanger und ab Herbst 1943 die Kaminski-Brigade angegliedert wurden, zeichneten sich durch besondere Grausamkeit aus und sind für die Ermordung zehntausender belarussischer Zivilisten verantwortlich. Nach der sowjetischen Rückeroberung von Belarus im Zuge der Offensive Operation Bagration spielten sie eine Hauptrolle bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im August 1944.
Entstehung Durch das brutale Vorgehen der SS-Einsatzgruppen und der Ordnungspolizei im Deutsch-Sowjetischen Krieg wurden große Teile der belarussischen jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung Opfer des von Adolf Hitler definierten Kriegsziels der Schaffung von Lebensraum im Osten im Rahmen der nationalsozialistischen Europapläne. Durch den organisierten Raub von Lebensmitteln und die präventive Verwüstung von Landstrichen verelendeten die Einwohner Belarus’ immer mehr.Kenkmann, Spieker: Im Auftrag. 231. (→Polizei-Regiment Mitte) Infolgedessen erhielten die sowjetischen Partisanenabteilungen in Belarus, die im Jahr 1941 noch keine nennenswerte Rolle gespielt hatten, während des Jahres 1942 immer stärkeren Zulauf und wurden durch die systematische Unterstützung durch sowjetische NKWD-Agenten unter der Führung von Panteleimon Ponomarenko für die deutschen Besatzungstruppen eine zunehmende Bedrohung.Musial: Sowjetische Partisanen in Weißrussland. S. 14–22. Diese reagierten mit brutaler Härte gegen die Partisanen. Seit dem Sommer 1942 führten Einsatzkräfte der SS, Polizei und Wehrmacht in Belarus weitreichende Aktionen zur Partisanenbekämpfung durch, wie etwa das Unternehmen Sumpffieber.
Curt von Gottberg war ein von Heinrich Himmler protegierter NS-Funktionär, der mit Wirkung vom 21. Juni 1942 zum SS- und Polizeiführer „Weißruthenien“ ernannt wurde.Bauer, Rüter: Justiz und NS-Verbrechen. S. ??? Aufgrund vorangegangener Rückschläge in seiner Karriere war von Gottberg hochmotiviert und bereit seine Führungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. In der Zeit der Weimarer Republik war er Mitglied der Marine-Brigade Ehrhardt und später des Bund Wiking und dadurch mit den Gegebenheiten des illegalen Kampfes vertraut.Heer: Tote Zonen. S. 71. Entsprechend den Erwartungen Himmlers begann von Gottberg eigene Vorgehensweisen im Kampf gegen die als „Banden“ bezeichneten Partisanenabteilungen zu entwickeln.
Von Gottberg führte einerseits Krieg gegen die gesamte Zivilbevölkerung in den Operationsgebieten der Partisanen, andererseits stützte er sich im Kampf gegen die Partisanen von Beginn an auf belarussische Zivilisten, die aufgrund von Repressalien und Terror zu Zeiten der sowjetischen Herrschaft, Gewalttaten der sowjetischen Partisanen und wegen des verbreiteten Antisemitismus in Belarus gegen eine Rückeroberung durch die Rote Armee waren. Zur Umsetzung seiner im Sommer und Herbst 1942 entwickelten Ideen errichtete von Gottberg im November 1942 eine Kampfgruppe unter seinem Kommando, die sich ursprünglich aus der 1. SS-Infanterie-Brigade (mot.), dem SS-Polizei-Regiment 14, der Sicherungsgruppe „Barkholt“Michaelis: Die Panzergrenadier-Divisionen der Waffen-SS. S. 213. und einem Schutzmannschafts-Bataillon zusammensetzte.Müller, Volkmann: Die Wehrmacht. S. 939–942. Die Kampfgruppe von Gottberg wurde durch Agenten des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS (SD) bei der Lokalisierung von Partisanenverbänden unterstützt. Verantwortlich war die Einheit nur gegenüber dem Befehlshaber der Bandenkampfverbände Erich von dem Bach-Zelewski.
Einsätze der Kampfgruppe von Gottberg in Belarus mini|Soldat der Waffen-SS bei der Gefangennahme von Partisanen in Belarus. (Datierung Juli–August 1943. Das Bild wurde vermutlich während des Unternehmens Hermann aufgenommen) mini|Soldaten der Waffen-SS finden bei der Suche nach Partisanen ein Kind, das sich versteckt hatte. (Datierung Juli–August 1943. Das Bild stammt vom selben Fotografen.) Das erste Bandenbekämpfungsunternehmen unter der Führung von Gottbergs wurde ab dem 10. November 1942 durch den SD vorbereitet und erhielt den Tarnnamen „Nürnberg“. Es fand vom 22. bis zum 26. November 1942 im Gebiet der Orte Pleszezenice, Glebokie und Dolhinow statt. Den Angehörigen der 1. SS-Infanterie-Brigade wurde im Einsatzbefehl de facto nahegelegt, jeden Zivilisten als Feind anzusehen. Ganze Dörfer, die aufgrund des Rückstands bei der Ablieferung von Lebensmitteln an die deutschen Besatzer als „bandenhörig“ betrachtet wurden, sollten ebenfalls vernichtet werden. Im Ergebnis wurden einige kleinere Partisanenverstecke vernichtet und insgesamt 2975 Menschen ermordet. Die Kampfgruppe von Gottberg hatte selbst zwei Tote und zehn Verwundete zu beklagen.Müller, Volkmann: Die Wehrmacht. S. 940.
Durch diesen „Erfolg“ bestätigt, fanden kurze Zeit später weitere Bandenbekämpfungseinsätze der Kampfgruppe von Gottberg statt. Die „Säuberung“ des Gebiets rund um die Städte Nowogrodek, Wolkowysk und Baranowitschi war das Einsatzziel des nächsten Unternehmens, das den Codenamen „Hamburg“ trug. Curt von Gottberg legte im Einsatzbefehl das Ziel des Unternehmens wie folgt fest:
Als Resultat dieses Einsatzes meldete von Gottberg Ende Dezember 1942 weitere 2958 getötete Juden.Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Band 2, S. 402 ff. Später wurde die Aktion in Einsatzmeldungen als eines der „erfolgreichsten“ Bandenunternehmen in Belarus charakterisiert, da es dem SD gelungen war, die Verstecke der Juden und Partisanen sehr genau auszukundschaften.Müller, Volkmann: Die Wehrmacht. S. 942.
Im Februar 1943 folgte das gegen Partisanen im Gebiet um Sluzk gerichtete Unternehmen Hornung, das am 8. Februar 1943 mit der Liquidierung des Ghettos von Sluzk begann. Dabei wurden 1700 Juden erschossen. Das Unternehmen selbst dauerte bis zum 26. Februar 1943Kohl: „Ich wundere mich, dass ich noch lebe“. S. 256. und führte zur Ermordung von 2219 sogenannten Partisanen und insgesamt 3300 Juden. 7 378 Menschen wurden in Vernichtungslager deportiert. Die Kampfgruppe von Gottberg hatte zeitgleich lediglich 29 Tote zu beklagen.Richter: „Herrenmensch“ und „Bandit“. S. 41.
Derartige Unternehmungen wiederholten sich im Laufe des Jahres 1943, darunter das Unternehmen Hermann. Es kann als sicher gelten, dass die Kampfgruppe von Gottberg bis zum November 1943 für den Tod von über 50.000 Menschen verantwortlich ist.
Von Gottberg war die zunehmende Feindschaft der belarussischen Bevölkerung als Auswirkung seines Handelns durchaus bewusst:
Das wurde durch von Gottberg in Kauf genommen, da er bis zum August 1944 nichts an der Vorgehensweise der Kampfgruppe änderte.Richter: „Herrenmensch“ und „Bandit“. S. 75.
Besonders schlimm wütete das zusammen mit der Kampfgruppe eingesetzte Sonderbataillon Dirlewanger. Von Gottberg bemerkte hierzu in dem Einsatzbericht für das Unternehmen Cottbus, das die Kampfgruppe vom 25. Mai 1943 bis zum 23. Juni 1943 zusammen mit der 286. Sicherungs-Division durchführte:Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. S. 293.
Nach dem Ende des Unternehmens „Cottbus“ erhielt von Gottberg auf Antrag des Befehlshabers der Bandenkampfverbände Erich von dem Bach-Zelewski im Juli 1943 das Deutsche Kreuz in Gold.Heinemann: Rasse, Siedlung, deutsches Blut. S. 443.
Wegen des immer brutaler werdenden Vorgehens der Kampfgruppe von Gottberg erhielten die Partisanenverbände weiteren Zulauf und die deutschen Besatzer verloren zunehmend die Kontrolle über weite Teile von Belarus.Wegner: From peace to war. S. 291. Infolgedessen wurde auch die Kampfgruppe um weitere SS- und Polizeibataillone und sonstige Freiwilligeneinheiten verstärkt, zu denen auch Kaukasier und KosakenNewland: Cossacks in the German army. S. 144. gehörten. Im Mai 1944 kamen sogar muslimische Freiwillige hinzu.Trigg: Hitler’s Jihadis, S. 60.Michaelis: Das SS-Sonderkommando „Dirlewanger“. S. 211.
mini|Angehörige der Kaminski-Brigade und deutsche Polizeioffiziere während einer Beratung (Belarus, März 1944) Eine Änderung der Situation trat im Spätherbst 1943 ein. Die Rote Armee eroberte seit der Schlacht bei Kursk große Teile des sowjetischen Staatsgebiets zurück und die Kriegslage wurde für das Deutsche Reich immer dramatischer. Nachdem im Herbst 1943 die Stadt Lokot wieder von sowjetischen Truppen kontrolliert wurde, sorgte Curt von Gottberg dafür, dass die aus diesem Ort stammende Kaminski-Brigade in das belarussische Lepel evakuiert wurde (siehe Republik Lokot). Dort sollte sie als stationärer Verband die Partisanen bekämpfen.
Im November 1943 erreichten die Truppen der Roten Armee den östlichen Rand des Einsatzgebietes der Kampfgruppe von Gottberg. Nachdem die Rote Armee einen Durchbruch bei der Stadt Newel erzielt hatte, wurde die Kampfgruppe von Gottberg erstmals zu Sicherungsaufgaben an der Kriegsfront herangezogen und dem Oberkommando der 3. Panzerarmee unterstellt. Das bis zum 9. November 1943 stattfindende Unternehmen „Heinrich“ musste deswegen abgebrochen werden.Müller, Volkmann: Die Wehrmacht. S. 939–942. Vom 5. November 1943 bis zum 15. Februar 1944 wurde die Kampfgruppe von Gottberg im Norden von Belarus an der Kriegsfront eingesetzt.Michaelis: Das SS-Sonderkommando „Dirlewanger“. S. 47, 50.
Vom 10. November 1943 bis zum 8. Dezember 1943 wurde SS-Brigadeführer Heinz Lammerding vertretungsweise mit der Führung der Kampfgruppe von Gottberg beauftragt.Schulz, Wegmann, Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Bd. 3, S. 5. Ab dem 8. Dezember 1943 erhielt der Oberst der Schutzpolizei Stahn kurzzeitig das Kommando,Michaelis: Das SS-Sonderkommando „Dirlewanger“. S. 183. bevor Curt von Gottberg erneut die Führung übernahm.
Im Frühjahr 1944 operierte die Kampfgruppe von Gottberg im Verbund mit Wehrmachteinheiten wie der 201. Sicherungs-Division und der 95. Infanterie-Division, da das Einsatzgebiet sich jetzt im Zuständigkeitsbereich der Militärverwaltung der Heeresgruppe Mitte befand. Die letzten Partisanenbekämpfungsaktionen Unternehmen „Frühlingsfest“ (16. April bis 10. Mai 1944) und Unternehmen „Kormoran“ (25. Mai bis 17. Juni 1944), die gegen Partisanen um das Dorf Udschadch bei Polozk gerichtet waren, resultierten erneut in der Ermordung tausender belarussischer Zivilisten und der vollständigen Zerstörung vieler Dörfer.Aschenauer: Krieg ohne Grenzen. S. 161.