mini|hochkant=1.6|Abgeschossener sowjetischer Panzer T-34 im Bereich der deutschen 6. Armee am Mius (August 1943)

Die Donez-Mius-Offensive (russisch: Изюм-Барвенковская операция und Миусская наступательная операция) war eine sowjetische militärische Operation während des Zweiten Weltkrieges an der deutsch-sowjetischen Front. In ihrem Verlauf kam es zwischen dem 17. Juli und dem 2. August 1943 zu größeren Kämpfen zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht an den Flüssen Donez und Mius. Das Ziel der sowjetischen Südwest- und Südfront war, die deutsche Führung zum Abzug von Verbänden des Unternehmens Zitadelle bei Kursk zu zwingen und das wirtschaftlich bedeutende Donezbecken zurückzuerobern. Nach geringen Anfangserfolgen gelang es der deutschen Heeresgruppe Süd jedoch, die sowjetische Offensive aufzufangen und stellenweise die alte Frontlinie wiederherzustellen.

Hintergrund Einige Tage nach dem Beginn der deutschen Offensive am 5. Juli 1943 bei Kursk zeigte sich, dass die sowjetische Zentralfront und die Woronescher Front, die mit deren Abwehr beauftragt waren, große Verluste erlitten und zunehmend unter Druck gerieten. Um sie zu entlasten, erteilte die Stawka der Südwestfront unter Generaloberst Rodion Malinowski und der Südfront unter Generaloberst Fjodor Tolbuchin am 7. Juli den Auftrag, eine Angriffsoperation vorzubereiten.А.Г. Ершов: Освобождение Донбасса. Москва 1973, S. 102. Die Truppen der Südwestfront sollten den Donez überqueren und danach auf die Stadt Stalino vorstoßen.Г.А. Колтунов: Изюм-Барвенковская операция. In: Советская военная энциклопедия. Bd. 3, Москва 1977, S. 509. Die Verbände der Südfront hatten den Auftrag, gleichzeitig über den Mius und die Krynka vorzustoßen und ebenfalls Stalino zu erreichen.John Erickson: Road to Berlin. London 1983, S. 116. Bei einem Gelingen dieser Operationen wäre ein großer Teil der deutschen Heeresgruppe Süd eingekreist und das wirtschaftlich bedeutende Donezbecken zurückerobert worden.

Sowjetische Planungen mini|Offensivplanungen der Süd- und Südwestfront im Juli 1943

Die sowjetische Südwestfront umfasste zu diesem Zeitpunkt die 1. Gardearmee (W. I. Kusnezow), die 8. Gardearmee (W. I. Tschuikow) und die 3. Gardearmee in erster Linie, sowie die 12. Armee (Generalmajor A. I. Danilow), das 23. Panzerkorps (Generalmajor J. G. Puschkin) und 1. mechanisierte Gardekorps (Generalmajor M. D. Solomatin) in der Reserve. Unterstützt wurden diese Kräfte durch die 17. Luftarmee. Insgesamt kamen 202.430 Soldaten und 1.109 Panzer zum Einsatz.Григорий Ф. Кривошеев: Россия и СССР в войнах ХХ века. Олма-Пресс, Москва 2001. (Online-Version) Der Plan des Fronthauptquartiers sah vor, dass zunächst die 1. und die 8. Gardearmee aus dem Raum Isjum heraus den Donez überschreiten und die deutsche Verteidigung durchbrechen sollten. Ihr Operationsziel sollte die Stadt Barwenkowo sein. Den so geschaffenen Durchbruch sollte danach die 12. Armee ausnutzen, um den Brückenkopf bis Krasnoarmejsk auszudehnen. Erst nach der Vollendung des Durchbruchs und der Errichtung eines Brückenkopfes auf dem jenseitigen Flussufer plante Generaloberst Malinowski seine gepanzerten Reserven, das 23. Panzerkorps und das 1. mechanisierte Gardekorps, einzusetzen, um in die Tiefe des Raumes vorzustoßen und Stalino zu erreichen. Zur Unterstützung dieses Angriffs sollte auch die 3. Gardearmee (G. I. Chetagurow) weiter östlich bei Priwolnoje offensiv vorgehen, den Fluss überschreiten und die Stadt Artjomowsk einnehmen.

Zur Südfront zählte zu jenem Zeitpunkt die 51. Armee (G. F. Sacharow), links davon die 5. Stoßarmee (W. D. Zwetajew), im Zentrum die 28. Armee (W. F. Gerassimenko) und an der linken Flanke die 44. Armee (W. A. Chomenko). Als Reserve stand die 2. Gardearmee (J. G. Kreiser) bereit. Zusammen waren dies fünf Armeen mit 28 Schützendivisionen, zwei mechanisierte Korps, drei Panzerbrigaden und ein Kavalleriekorps. Unterstützung erhielten diese Verbände durch die 8. Luftarmee (Generalleutnant T. T. Chrjukin). Insgesamt waren dies 271.790 Soldaten und 737 Panzer. Das Fronthauptquartier plante, den Schwerpunkt des Angriffs in einen etwa 20 km breiten Bereich zwischen der 5. Stoßarmee und der 28. Armee zu legen. Diese Armeen sollten den Mius überqueren und die deutsche Verteidigung durchbrechen. Die 2. Gardearmee sollte danach den erzielten Einbruch ausnutzen und in den rückwärtigen Raum der deutschen Verteidigung vorstoßen, um dort bei Stalino auf die Verbände der Südwestfront zu stoßen. Die 44. und die 51. Armee hatten mit einem Teil ihrer Kräfte am linken und rechten Flügel Unterstützungsangriffe vorzutragen.Н.А. Светлишин: Миусская Операция. In: Советская военная энциклопедия. Bd. 5, Москва 1978, S. 329.

Insgesamt konnten die Südwestfront und die Südfront 474.220 Soldaten und 1.846 Panzer zum Angriff bereitstellen.Karl-Heinz Frieser: Die Schlacht im Kursker Bogen. In: ders. (Hrsg.): Die Ostfront 1943/44. München 2007, S. 144. Die Gesamtkräfte beider Fronten zählten nach älterer sowjetischer Literatur jedoch weit mehr: 1,27 Millionen Soldaten, 2.150 Panzer, 20.754 Geschütze und Minenwerfer sowie 1.604 Flugzeuge.

Deutsche Lage mini|hochkant|Generalfeldmarschall Erich von Manstein, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd (1943)

Da die deutsche Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein maßgeblich an der Offensive bei Kursk beteiligt war, hatte sie den größten Teil ihrer Kräfte auf ihren Nordflügel verlegt. Entlang dem Mius stand die 6. Armee (Generaloberst Karl-Adolf Hollidt) mit dem XXIX. Armeekorps (drei Infanterie-Divisionen, eine Kampfgruppe), dem XVII. Armeekorps (drei Infanterie-Divisionen) und dem Korps Mieth (IV.) (eine Gebirgs-Division, zwei Infanterie-Divisionen). In ihrer Reserve befand sich nur die Masse der 16. Panzer-Grenadier-Division. Nördlich davon stand die 1. Panzerarmee (Generaloberst Eberhard von Mackensen) mit dem XXX. Armeekorps (drei Infanterie-Divisionen), dem XXXX. Panzerkorps (drei Infanterie-Divisionen) und dem LVII. Panzerkorps (drei Infanterie-Divisionen) am Donez. Als Heeresgruppenreserve hatte Generalfeldmarschall von Manstein das XXIV. Panzerkorps unter General der Panzertruppe Walther Nehring zurückgehalten. Es umfasste die 17. und die 23. Panzer-Division sowie die SS-Panzergrenadier-Division „Wiking“.Vgl. Schematische Kriegsgliederung, Stand: 7. Juli 1943. In: Percy M. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Bd. 3, Bonn 2002, S. 732. Diese Kräfte verfügten insgesamt über 223 Panzer, 145 Sturmgeschütze und 115 Selbstfahrlafetten.

Generalfeldmarschall von Manstein hatte bereits Ende Mai 1943 damit gerechnet, dass die Rote Armee eine Entlastungsoffensive gegen das Donezbecken führen würde, sobald Unternehmen Zitadelle begonnen hätte. Er war jedoch davon überzeugt, dass man auch dann keine Kräfte aus dem Kursker Bogen abziehen dürfe. Am 24. Mai 1943 fand die folgende Lageeinschätzung Mansteins Eingang in das Kriegstagebuch der Heeresgruppe Süd:KTB HGr Süd vom 24. Mai 1943, zit. nach: Karl-Heinz Frieser: Die Schlacht im Kursker Bogen. In: ders. (Hrsg.): Die Ostfront 1943/44. München 2007, S. 145.

Die deutsche Feindaufklärung hatte um den 12. Juli die verstärkten sowjetischen Angriffsvorbereitungen am Mius und Donez erkannt. Dies war einer der Gründe für den Abbruch des Unternehmens Zitadelle bei Kursk in den folgenden Tagen.Gotthard Heinrici / Wilhelm Hauck: Zitadelle – Der Angriff auf den russischen Stellungsvorsprung bei Kursk. In: Wehrwissenschaftliche Rundschau. Bd. 15 (1965), S. 599. Zudem gestattete dieser Umstand den deutschen Truppen, sich auf die Abwehr des Angriffs vorzubereiten. Südlich des Donez war die Verteidigung in zwei Linien mit sechs bis acht Kilometer Tiefe organisiert. Einzelne Ortschaften waren befestigt und zu Widerstandsnestern ausgebaut worden.Г.А. Колтунов: Изюм-Барвенковская операция. In: Советская военная энциклопедия. Bd. 3, Москва 1977, S. 510. Am Mius befanden sich ebenfalls ausgebaute Stellungen mit Feldstellungen und Drahthindernissen, darunter die Mius-Stellung. Zusätzlich hatte man für Ausbildungszwecke einige Kilometer hinter der Frontlinie einen Übungsplatz mit zahlreichen Feldstellungen angelegt, welcher noch eine entscheidende Bedeutung erhalten sollte, da später erst in diesen Stellungen die Abwehr der sowjetischen Angriffe gelang. Im Übrigen war das Gelände fast ausschließlich von hohen Gras- und Kornfeldern bewachsen. Nur wenige Höhen dominierten das Terrain. Diese und die wenigen Ortschaften bildeten die einzigen Orientierungspunkte auf dem Gefechtsfeld.George M. Nipe: Decision in the Ukraine. Winnipeg 1996, S. 15–18.

Verlauf Isjum-Barwenkowo Operation der Südwestfront

Am Morgen des 17. Juli eröffnete die Südwestfront ihre Offensive gegen die 1. Panzerarmee am Donez mit einer Artillerievorbereitung und Schlägen der Fliegerkräfte. Der Zeitplan sah vor, innerhalb der ersten zwei Tage den Donez zu überwinden und Brückenköpfe von 20 bis 30 Kilometern Tiefe zu errichten. In den folgenden fünf bis sieben Tagen sollte dann die Linie Krasnoarmeiskoje–Konstantinowka erreicht werden, von der aus die Einnahme Stalinos vorgesehen war.А.Г. Ершов: Освобождение Донбасса. Москва 1973, S. 106.

Die 1. Gardearmee des Generals Kusnezow, die insgesamt über acht Schützendivisionen und drei Panzerbrigaden verfügte, setzte das 46. Schützenkorps (53. Schützen- und 20. Gardeschützendivision) in erster Linie ein. Dieses brach nach Überwindung des Donez innerhalb der ersten Angriffsstunde in die Stellungen der deutschen 257. Infanterie-Division ein. Danach gingen die deutschen Verteidiger jedoch zu Gegenangriffen über, welche weitere Fortschritte der 1. Gardearmee vereitelten. Der Kampf nahm an dieser Stelle nun den Charakter eines erbitterten Stellungskrieges an.А.Г. Ершов: Освобождение Донбасса. Москва 1973, S. 104–106.Albert Benary: Die Berliner Bären-Division. Geschichte der 257. Infanterie-Division 1939–1945. Podzun-Pallas Verlag, Bad Nauheim 1955 S. 115 ff.

Die 8. Gardearmee des Generals Tschuikow griff unterdessen zwischen Kamenka und Sinitschino an. Generaloberst Tschuikow setzte sein 33. Gardeschützen- und 29. Schützenkorps in der ersten Linie ein und ließ diesen das 28. Gardeschützenkorps als zweite Welle folgen. Diese Verbände trafen hier auf den Widerstand der deutschen 46., 387. und 333. Infanterie-Division. Nach einer Artillerievorbereitung und Luftangriffen begann morgens um 7 Uhr der Angriff, der von 100 Mörsern pro Frontkilometer unterstützt wurde. Im Bereich des 33. Schützenkorps (50., 230., 243. Schützendivision, 253. Schützenbrigade)В.И. Чуйков: В боях за Украину. Киев 1972, S. 50. gelangen schon bald Einbrüche in die deutsche Verteidigung und die Bildung kleinerer Brückenköpfe. Diese konnten auch gegen die sechs deutschen Gegenangriffe gehalten werden, die an diesem Tag noch stattfanden. Im Bereich des 29. Gardeschützenkorps, das weiter rechts angriff, konnten sowjetische Pioniere bereits am ersten Angriffstag eine 16- und eine 60-Tonnen-Ponton-Brücke errichten. Dadurch war es möglich, die Brückenköpfe schnell durch eine große Anzahl weiterer Truppen zu verstärken. Am Ende des Tages stabilisierten deutsche Reserven nördlich von Chrestischtsche die Front.А.Г. Ершов: Освобождение Донбасса. Москва 1973, S. 106–109. Am folgenden Tag versuchte Generaloberst Tschuikow, den Durchbruch mit Hilfe des 28. Gardeschützenkorps der zweiten Welle westlich von Slawjansk zu erzwingen. Da dies nicht gelang, wurden in den folgenden Tagen nach und nach auch das 1. mechanisierte Gardekorps (General I. N. Russijanow) und das 23. Panzerkorps (General J. G. Puschkin) in den Kampf geworfen, obwohl diese eigentlich viel später hätten eingesetzt werden sollen.А.Г. Ершов: Освобождение Донбасса. Москва 1973, S. 109.

mini|links|hochkant=1|Besatzung eines deutschen Panzerabwehrgeschützes im Einsatz