mini|General der Infanterie Waldemar Erfurth (rechts) mit Feldmarschall Mannerheim (während Besuchs Adolf Hitlers in Finnland 1942) Waldemar Erfurth (* 4. August 1879 in Berlin; † 2. Mai 1971 in Tübingen) war ein deutscher Militärhistoriker, -stratege und Offizier in der Armee des Deutschen Kaiserreichs, der Reichswehr der Weimarer Republik und der Wehrmacht des Dritten Reiches. Bereits im Ersten Weltkrieg diente er als Generalstabsoffizier, er wurde in der Wehrmacht reaktiviert und bekleidete zuletzt den Dienstgrad eines Generals der Infanterie. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte er in der Operational History (German) Section mit und trat als Militärschriftsteller hervor.
Herkunft und Familie Erfurth war der Sohn des Geheimen Preußischen Landesvermessungsrates Karl Friedrich Wilhelm Erfurth (1839–1919) und dessen Frau Martha, geb. Kiefer. Er wurde zunächst daheim unterrichtet und besuchte dann bis zum Abitur das Ascanische Gymnasium in Berlin.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. Berlin 2015, S. 331.
Waldemar Erfurth, evangelisch, war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Sein Sohn diente als Offizier in der Bundeswehr.
Ein Teil seines Nachlasses befindet sich im Bundesarchiv.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. Berlin 2015, S. 20.
Militärischer Werdegang (1897–1931) Preußische Armee und Erster Weltkrieg Erfurth trat am 20. September 1897 als Freiwilliger mit Aussicht auf Beförderung in das Füsilier-Regiment „Prinz Heinrich von Preußen“ (Brandenburgisches) Nr. 35 der Preußischen Armee in Brandenburg an der Havel ein. 1899 erfolgte die Beförderung zum Leutnant und 1903 wurde er für die Ausbildung im Waffeninstandsetzungsgeschäft zur Gewehrfabrik Spandau kommandiert. 1904 wurde er Adjutant des I. Bataillons und 1906 erfolgte zur weiteren Ausbildung seine Kommandierung zur Kriegsakademie. 1909 wurde er zum Garde-Fußartillerie-Regiment und im Jahr darauf zur Dienstleistung zum Großen Generalstab kommandiert. Mit seiner Beförderung zum Hauptmann erfolgte am 22. März 1912 seine Versetzung in den Großen Generalstab und ab Mitte Februar 1914 war er als Zweiter Generalstabsoffizier im Generalstab des XX. Armee-Korps tätig.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges war Erfurth Generalstabsoffizier beim Generalkommando des XX. Armee-Korps. Im März 1915 erfolgte die Versetzung in den Generalstab der 36. Reserve-Division. Im August 1916 wurde er zum XXII. Reserve-Korps kommandiert, da er von der Heeresgruppe Linsingen zur besonderen Verwendung zur Verfügung gestellt wurde. Nachdem man ihn im Oktober 1916 zunächst zum Generalstab der 203. Infanterie-Division kommandiert hatte, wurde Erfurth Ende des Monats zum Ersten Generalstabsoffizier des Großverbandes ernannt. In gleicher Eigenschaft kam er Mitte Dezember 1916 zum Generalkommando 52 und avancierte kurz darauf zum Major. Im Juli 1917 wurde er Generalstabsoffizier bei der Landesaufnahme. Wenig später wurde er in den Generalstab der 9. Armee versetzt. Im Januar 1918 absolvierte er den 4. Generalstabslehrgang in Wahn. Im Juni 1918 wurde er Ia im Generalstab des XIV. Reservekorps. Ab 17. September 1918 war Erfurth als Major mit der Wahrnehmung des Geschäftes als Chef des Generalstabes des V. Reserve-Korps beauftragt. Für sein Wirken während des Krieges erhielt Erfurth neben beiden Klassen des Eisernen Kreuzes das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern, den Bayerischen Militärverdienstorden III. Klasse mit Schwertern, das Ritterkreuz I. Klasse des Albrechtsordens, das Mecklenburgische Militärverdienstkreuz sowie das Braunschweiger Kriegsverdienstkreuz II. Klasse, das Hanseatenkreuz aus Lübeck, von den Verbündeten Österreichenern den Orden der Eisernen Krone und das Militärverdienstkreuz III. Klasse mit Kriegsdekoration, aus dem Osmanischen Reich den Eisernen Halbmond und die Bulgaren ehrten ihn mit dem Militärorden für Tapferkeit IV. Klasse I. Stufe.Reichswehrministerium (Hrsg.): Rangliste des Deutschen Reichsheeres. Mittler & Sohn, Berlin 1924, S. 119.
Reichswehr Nach Kriegsende wurde Erfurth in die Reichswehr übernommen und im Wehrkreiskommando I in Königsberg eingesetzt. 1920 wurde er Generalstabsoffizier und 1921 Chef des Stabes der 1. Division. In dieser Stellung stieg er am 1. Februar 1922 mit Rangdienstalter vom 28. Dezember 1916 zum Major auf und wurde im April 1924 Kommandeur des III. Bataillons im 14. (Badisches) Infanterie-Regiment. Im gleichen Jahr absolvierte er einen MG-Lehrgang auf dem Truppenübungsplatz Königsbrück und 1925 einen Artillerie-Lehrgang in Jüterbog. Nach seiner Beförderung zum Oberst rückte Erfurth im Februar 1927 in den Regimentsstab auf. Er wurde schließlich mit der Wahrung der Geschäfte des Chefs des Stabes des Generalkommandos 1 beauftragt und zum 1. Januar 1928 zum Chef des Stabes ernannt. Für einige Tage war er im Spätherbst 1928 zum Infanterie-Kampfschul-Lehrgang nach Döberitz kommandiert. Von Oktober 1929 bis zu seiner Verabschiedung am 30. September 1931 war Erfurth als Generalmajor Infanterieführer II. 1930 gehörte er gemäß der damaligen Rangliste zu den 42 Generalen des Deutschen Reichsheeres.Nikolaus von Preradovich: Die soziale Herkunft der Reichswehr-Generalität 1930. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. 54 (1967) 4, S. 481–486, S. 482 f.
Geschichtsstudium (1930er Jahre) Von 1931 bis 1934 studierte Erfurth Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, wo er nach Abschluss des Studiums einen Lehrauftrag für Kriegsgeschichte erhielt und 1939 bei Gerhard RitterManfred Kehrig: „… und keinen Staat im Staate bilden. Skizzen zur Entwicklung des militärischen Archivwesens 1945–1955“. In: Friedrich P. Kahlenberg (Hrsg.): Aus der Arbeit der Archive. Beiträge zum Archivwesen, zur Quellenkunde und zur Geschichte. Festschrift für Hans Booms (= Schriften des Bundesarchivs. Bd. 36). Boldt, Boppard am Rhein 1989, ISBN 3-7646-1892-2, S. 368–408, hier: S. 383. mit der Arbeit (als „Dissertationsersatz“Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert (= Schriften des Bundesarchivs. Bd. 58). Droste, Düsseldorf 2001, ISBN 3-7700-1612-2, S. 170.) Der Vernichtungssieg. Eine Studie über das Zusammenwirken getrennter Heeresteile zum Dr. phil. promoviert wurde.
Während die englische Übersetzung (Surprise) von Die Überraschung im Kriege noch 1944 durch den US-amerikanischen Historiker William O. Shanahan gelobt worden war,William O. Shanahan: Recent Military Publications. In: The Review of Politics 6 (1944) 3, S. 372–376, hier: S. 373. wurden seine Schriften der 1930er Jahre, Die Überraschung im Kriege und Der Vernichtungssieg, in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone (Hrsg.): Liste der auszusondernden Literatur. Zentralverlag, Berlin 1946, Transkript Buchstabe E, S. 90–105 (PDF).
Reaktivierung (1935) und Zweiter Weltkrieg Kriegswissenschaftliche Tätigkeit Am 1. September 1934 wurde Erfurth als Leiter der Gruppe Auswertung der Kriegserfahrungen im Truppenamt / Generalstab des Heeres (vormalige Verbindungsstelle des Truppenamtes zum Reichsarchiv (Gruppe Viebahn)) angestellt und am 1. November 1935 in der Wehrmacht reaktiviert. Er wurde nun Chef der daraus hervorgegangenen 7. (kriegsgeschichtlichen) Abteilung im Generalstab des Heeres. Diese war Herausgeber des Schlieffen-Nachlasses und verantwortlich für die militärische Fachzeitschrift Militärwissenschaftliche Rundschau.Hans Umbreit: Von der preußisch-deutschen Militärgeschichtsschreibung zur heutigen Militärgeschichte. In: Ursula von Gersdorff (Hrsg.): Geschichte und Militärgeschichte. Wege der Forschung. Mit Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-7637-5131-9, S. 17–33, hier: S. 32. 1938 wurde Erfurth zum Oberquartiermeister V (Kriegswissenschaft) im Generalstab des Heeres ernannt; die Dienststelle wurde wiedereingerichtet. Ihm unterstanden damit die militärhistorisch tätige Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres (vormals Forschungsanstalt für Kriegs- und Heeresgeschichte), der Chef des Heeresarchivs Generalleutnant Friedrich von Rabenau und die 7. (kriegsgeschichtliche) Abteilung unter der Leitung von Major Walter Scherff. Im Frühjahr 1941 war er damit direkt dem Chef des Generalstabes des Heeres Generaloberst Franz Halder unterstellt.Siehe militärische Spitzengliederung 1941 mit Aufmarsch nach Ostern: Gerd R. Ueberschär: Das Scheitern des »Unternehmens Barbarossa«. Der deutsch-sowjetische Krieg vom Überfall bis zur Wende vor Moskau im Winter 1941/42. In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion: „Unternehmen Barbarossa“ 1941 (= Fischer. 19063: Die Zeit des Nationalsozialismus). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-19063-8, S. 85–122, hier: S. 91. Nach dem Krieg berichtete Erfurth, dass auf Geheiß Hitlers 1942 die Auflösung der Dienststelle Oberquartiermeister V forciert worden war.Sven Uwe Devantier: Das Heeresarchiv Potsdam. Die Bestandsaufnahme in der Abteilung Militärarchiv des Bundesarchivs. In: Archivar 61 (2008) 4, S. 361–369, hier: S. 363.
Verbindungsgeneral in Finnland mini|General der Infanterie Waldemar Erfurth (hinten Mitte) beim Besuch Adolf Hitlers in Finnland (1942)