Modernisierung beschreibt und erklärt in der Soziologie den sozialen Wandel als Übergang von einer traditionalen Form von Gesellschaft oder Kultur hin zu moderneren Formen, etwa der Industriegesellschaft, zu Demokratisierung, Verstädterung, sozialer Differenzierung, Individualisierung, Bürokratisierung oder Globalisierung. Keine Einigkeit besteht in den Sozialwissenschaften darüber, welche dieser inhaltlichen Indikatoren für die Modernisierung ausschlaggebend sind und wie sie sich zueinander verhalten. Der Soziologe Dieter Goetze beschreibt Modernisierung daher rein formal als „Auf-Dauer-Stellung und Beschleunigung des Wandels“ (2004).Dieter Goetze: Modernisierung. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politik. Band 4: Die östlichen und die südlichen Länder. Directmedia, Berlin 2004, S. 380.

Modernisierung bei den soziologischen Klassikern Die Klassiker der Soziologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verwendeten den Begriff Modernisierung nicht.Hans van der Loo, Willem van Reijen: Modernisierung. Projekt und Paradox. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997, S. 14. Gleichwohl beschrieben und problematisierten sie die historische Erfahrung eines epochalen Wandels in unterschiedlichen Begrifflichkeiten.

Auguste Comte (1798–1857) formulierte ein Drei-Stadien-Gesetz, nach dem der menschliche Geist von einem theologischen oder fiktiven Stadium über ein metaphysisches oder abstraktes schließlich in das positive oder wissenschaftliche Stadium fortschreite, das seine optimale Entfaltung darstelle.

Karl Marx (1818–1883) sah in seinem Historischen Materialismus Modernisierung als evolutionäre Entwicklung der Arbeit, deren Fortschritte weltweit zur wirtschaftlichen und politischen Vorherrschaft des Kapitalismus führe und mit der Spaltung der Gesellschaft in die beiden Klassen der Bourgeoisie und des Proletariats einhergehe. Der Klassengegensatz werde in eine Revolution münden, was zur Aufhebung aller Klassengegensätze führen werde und erstmals in der Menschheitsgeschichte eine wirklich allseitige Entwicklung der Persönlichkeit und ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ohne Ausbeutung und Unterdrückung erlauben werde.

Ferdinand Tönnies (1855–1936) sah dagegen in seinem 1887 erschienenen Werk Gemeinschaft und Gesellschaft das Charakteristikum der neuen Zeit im Wandel von der Gemeinschaft in eine Gesellschaft: In vormodernen Gesellschaften hätten urwüchsige und organische soziale Beziehungen wie die Familie vorgeherrscht, die Menschen hätten aus Gemeinsinn, Tradition und Glauben einander bejaht. Diese Werte würden dann aber zunehmend durch Verwissenschaftlichung und Kommerzialisierung ersetzt. Nun würden künstliche soziale Formen wie Betriebe oder Verbände dominieren, die auf der Grundlage von Verträgen geschlossen würden.

Georg Simmel (1858–1918) erblickte in seinem 1890 erschienenen Buch Über sociale Differenzierung eine verstärkte Individualisierung als zentrale Folge der Modernisierung: Sie resultiere aus der zunehmenden strukturellen Differenzierung einer Gesellschaft und der Verselbstständigung ihrer Funktionen, Aufgaben und Aktivitäten. Traditionelle Bindungen würden ausgehöhlt, neue Bindungen, die von zunehmend in die Lebenswelt der Individuen intervenierenden bürokratischen Organisation geschaffen würden, blieben wenig intensiv.

Émile Durkheim (1858–1917) sah in seinem 1893 erschienenen Werk De la division du travail social die Arbeitsteilung als entscheidenden Beweggrund. Sie führe dazu, dass die „mechanische Solidarität“ der vormodernen Menschen, die in einem engen, unhinterfragten Zusammenhang mit ihrem Kollektiv und dessen Normen leben würden, durch eine „organische Solidarität“ abgelöst würde, die nicht mehr durch gleiche Lebensbedingungen, sondern durch das funktionale Angewiesensein aufeinander begründet sei. Diese Form der Solidarität sei aber deutlich schwächer ausgeprägt, weshalb Durkheim eine „Hyperindividualisierung“ bis hin zu einer gesellschaftlichen Anomie heraufkommen sah, die sich bereits in einer gesteigerten Selbstmordrate abzeichne.

Max Weber (1864–1920) sah dagegen bei der Modernisierung in erster Linie einen Prozess der Rationalisierung am Werk. Die Vernunft ersetze zunehmend andere Begründungsweisen wie Tradition oder Autorität, Mythos und Magie würden zurückgedrängt, die Welt werde als kognitiv beherrschbar gedacht und dadurch entzaubert. Gleichzeitig wachse auch die Abhängigkeit der Menschen von „jenem mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung […], der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden – nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen –, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“Max Weber: Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist. In: Derselbe: Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik. Alfred Kröner, Stuttgart 1973, S. 379.

So unterschiedlich die Ansätze der soziologischen Klassiker sind, sie haben gemeinsam, dass sie alle Modernisierung als einen Prozess mit nur einem Richtungssinn verstehen, der praktisch unumkehrbar und mit beinahe naturgesetzlicher Notwendigkeit abläuft. Die Entwicklung, die Europa mit der industriellen und der Französischen Revolution nahm, wird als Maßstab verabsolutiert, der für alle anderen Weltgegenden maßgeblich sei. Die dortige Modernisierung habe dem Modell der europäischen zu folgen, oder sie sei keine Modernisierung. Insofern werden diese Thesen als unilinear und ethnozentristisch kritisiert.Hans van der Loo, Willem van Reijen: Modernisierung. Projekt und Paradox. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997, S. 18 ff. Einige der genannten Klassiker weisen einem der genannten Faktoren eine Dominanz über die anderen oder deren Verursachung zu, wie es beispielsweise Marx in seinem Verständnis von Basis und Überbau tut. Insofern werden diese Thesen auch als monokausal kritisiert.Hans van der Loo, Willem van Reijen: Modernisierung. Projekt und Paradox. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997, S. 25 f.

Begriffsentwicklung nach 1945

Soziologie der Entwicklungsländer Seit der Dekolonisierung, also etwa ab 1960, wurde der Begriff Modernisierung zunächst zur Erklärung des Entwicklungsrückstands der so genannten Dritten Welt wichtig. Zur Selbstbeschreibung der Industriegesellschaften des Westens wurde er bis Ende der siebziger Jahre kaum herangezogen.Hans Ulrich Gumbrecht: Modern, Modernität, Moderne. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 8, Klett, Stuttgart 1978, S. 129. Das Wörterbuch der Soziologie hatte in seiner Ausgabe von 1969 noch kein Lemma „Modernisierung“.Wilhelm Bernsdorf: Wörterbuch der Soziologie. 2. Auflage, F. Enke, Stuttgart 1969.

Anknüpfend an Daniel Lerner (1917–1980),Daniel Lerner: The Passing of Traditional Society. Modernizing the Middle East. Macmillan, London 1958. der die neue Begriffsverwendung prägte, versuchte man mit dem Begriff der Modernisierung bislang gebräuchliche Termini wie Entwicklung (mit negativem Vorzeichen: Unterentwicklung, RückständigkeitPeter Heintz: Soziologie der Entwicklungsländer. Köln/Berlin 1962.) oder „Fortschritt“ durch einen wertneutralen Ausdruck zu ersetzen. Stärker als andere sozialwissenschaftliche Felder haben Modernisierungstheorien eine Doppelfunktion: Zum einen sollen sie wissenschaftliche Erklärungen für (Unter-)Entwicklung liefern, zum anderen Handlungsstrategien zu deren Überwindung entwerfen. Die Ausbreitung dieser modernisierungstheoretischen Ansätze in der Wissenschaft geschah vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs als Reaktion auf den Ost-West-Konflikt und die Entlassung ehemaliger Kolonien in die Unabhängigkeit. Entwicklungspolitisch wurde der Begriff teils mit teleologischer Zuspitzung verwendet, insbesondere, wenn auf historische Vorbilder Bezug genommen wurde: Als Modell wurde für die Jahrzehnte um 1800 das Vereinigte Königreich genommen, für das 20. Jahrhundert die USA (Amerikanisierung bzw. Westernisierung). Eine solche Fokussierung auf ein bestimmtes historisches Vorbild wird oft verknüpft mit einer Konvergenztheorie. Problematisch ist dabei einerseits die These der unilinear gleichlaufenden Entwicklung von Industrialisierung (bzw. Wirtschaftswachstum) und Demokratisierung (bzw. der Teilhabe der Bürger an der politischen Macht), sowie der Ethnozentrismus, der in der angeblichen Modellhaftigkeit westlicher Industriestaaten liegt. Nach dieser Vorstellung hätten die Entwicklungsländer das Vorbild der westlichen Gesellschaften, dessen strukturelle Überlegenheit vorausgesetzt wird, nachzuvollziehen.Hans-Ulrich Wehler: Modernisierungstheorie und Geschichte. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1975, S. 11; Dieter Goetze: Modernisierung. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politik, Bd. 4: Die östlichen und die südlichen Länder. Directmedia, Berlin 2004, S. 380.

Beschreibung des sozialen Wandels in den Industrieländern Seit den 1970er Jahren wird der Modernisierungsbegriff zunehmend auch zur Beschreibung des sozialen Wandels in der ersten Welt verwendet. Die Soziologen verstanden die Modernisierung Europas zunächst als einheitlichen Prozess, der durch verschiedene Indikatoren und Subprozesse gekennzeichnet sei: Peter Flora (* 1944) nannte Bevölkerungsentwicklung, Urbanisierung, Überwindung des Analphabetismus, allgemeine Schulpflicht, Wirtschaftswachstum, soziale Sicherheit, bürokratische Organisationen, technische Kommunikationsformen und hohe Kommunikationsfrequenz, politische Beteiligung der Bürger, demokratische Regierungsform, Partei- und Verbandsstrukturen und kulturelle Orientierungsmuster.Peter Flora: Quantitative Historical Sociology. In: Current Sociology. Bd. 12, 1976, Heft 1. Peter Flora: Indikatoren der Modernisierung: Ein historisches Datenhandbuch. Westdeutscher Verlag, Opladen 1975. Der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler (1931–2014) führte sechs Subprozesse an: Wirtschaftswachstum als kumulative Dauerbewegung der industriellen Expansion. Strukturelle Differenzierung durch Arbeitsteilung, Ausbildung einer überindividuellen Staatsorganisation, Ausgliederung der Privat- und Intimsphäre aus dem öffentlichen Leben. Wertewandel hin zu universalistischen, funktional spezifizierten Wertemustern, die in Sozialisationsprozessen vermittelt werden. Räumliche und soziale Mobilität. Zunehmende Partizipation zur Legitimierung von Präferenzentscheidungen. Institutionalisierung von Konflikten, die durch bestimmte Verfahren legalisiert, eingehegt und dadurch weniger gewaltsam ausgetragen würden. Diese sechs Subprozesse würden einander bedingen, also alle mehr oder weniger gleichzeitig ablaufen. Dieses Modernisierungsmodell ist demnach dichotomisch und optimistisch: Es beschreibt eine unausweichliche, unumkehrbare, systemische Entwicklung aus der zu überwindenden Tradition hinein in die zu begrüßende Moderne.Hans-Ulrich Wehler: Modernisierungstheorie und Geschichte. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1975, S. 11 f.

Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns