Die Unvollendeten ist ein 2003 im Carl Hanser Verlag erschienener Roman von Reinhard Jirgl. Er erzählt die Geschichte dreier Generationen einer sudetendeutschen Familie, die im Sommer 1945 aus Komotau vertrieben wird, zwischen 1946 und 1988 in der ostdeutschen Altmark zunächst in einem Dorf und dann einer Stadt ansässig ist und um die Jahrtausendwende mit dem letzten kinderlosen Nachkommen in Berlin endet.
Inhalt Der Roman besteht aus drei Teilen: Die ersten beiden – „Vor Hunden und Menschen“, „Unter Glas“ – werden von einer personalen Erzählhaltung getragen, im letzten „Jagen Jagen“ tritt Reiner K. als Ich-Erzähler in Erscheinung.
„Vor Hunden und Menschen“ In acht mit Nummern versehenen Kapiteln geht es um die so genannten wilden Vertreibungen, die unmittelbar mit dem Kriegsende 1945 einsetzen, und den anschließenden Flüchtlingstreck mit Fahrten in Güterzügen durch das besetzte Deutschland und zeitweiligen Unterbringungen in Lagern, bis sich ein Ankunftsort in einer der Besatzungszonen herausschält.Drei Frauen, Hanna, Mitte vierzig, Mutter einer Tochter und seit 1940 Witwe eines Tschechen, ihre zehn Jahre jüngere unverheiratete Schwester Maria und ihre siebzigjährige Mutter Johanna, müssen sich als Deutschstämmige an einem Spätsommertag 1945 nach einer Lautsprecherankündigung innerhalb von 30 Minuten mit höchstens acht Kilo Gepäck pro Person auf dem Bahnhof von Komotau einfinden, wo in Güterzügen Trecks zusammengestellt werden. miniatur|Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei: Vertriebene Sudetendeutsche warten mit Handgepäck auf ihren AbtransportDie Flüchtlinge tragen weiße Armbinden, mit denen sie sich als Deutsche zu erkennen geben müssen. Die tschechische Miliz sorgt für den Ablauf. Die drei Frauen gelangen nach München, könnten ohne Johanna dort aussteigen; weil sie aber überzeugt sind, dass, wer seiner Familie den Rücken kehre, nichts tauge (S. 9, 10, 20, 152)Zitiert wird nach der dtv-Taschenbuchausgabe vom Januar 2007, ISBN 978-3-423-13531-3. – Neben der lange angestrebten „Rückkehr in die Heimat“ und den Prinzipien von „Anstand und Stolz“ bleibt der Familienzusammenhalt Leitmotiv für Hannas Handeln. und deshalb zusammenbleiben wollen, geht es über Dresden nach Leipzig und von dort nach Magdeburg, wo sie für Januar und Februar 1946 in ein bombenversehrtes Haus zwangseingewiesen werden. Die Arbeitssuche scheitert, so dass sie mit anderen nach Stendal weitergeschickt werden und schließlich am nordwestlichen Rand der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in der Altmark vom letzten Bahnhof aus mit einem Fuhrwerk in das Dorf Schieben gebracht werden und in einem Gutshof für entsprechende Landarbeit in einer Dachkammer Unterkunft finden.Von dort aus kann sich Hanna endlich auf die Suche nach ihrer bei Kriegsende 18-jährigen Tochter Anna begeben, die als Gymnasiastin zur Zwangsarbeit auf dem Lande interniert worden war. Sie reist immer wieder kreuz und quer durch die SBZ in den Komotau am nächsten gelegenen deutsch-tschechischen Grenzort Reitzenhain, wo sie „in diesem Heerlager aus Flüchtlingen Schiebern Dieben Militär Versehrten Heimkehrern Zuhältern & Schmugglern“ (S. 24) nach ihrer Tochter forscht.Anna hatte ihre Familie am Vertreibungstag nur knapp verfehlt. Denn turnusgemäß hätte sie sich zu Hause mit frischer Wäsche versorgen können, wird aber auf dem Heimweg zur Zeugin von Vorgängen, die sie aufhalten: Am Ortsrand werden im Stadion Gefangene festgehalten, ehemalige SS-Männer und Kollaborateure, und „Einwohner & Milizionäre sind gerade dabei, die gefangenen SS-Männer & Kollaborateure mit Eisenstangen & Steinen zu erschlagen“ (S. 14). Anna wird weggejagt, hört die Lautsprecherdurchsagen zur Vertreibung, verbirgt ihre Armbinde und gerät in das Spalier der einheimischen tschechischen Gaffer beim Spießrutenlauf der auf die Straße getriebenen Deutschstämmigen. „Um nicht aufzufallen, beschrie auch sie jubelnd die Schläge auf die Vertriebenen, brüllte sich in den Straßenkor-der-Masse rein“ (S. 19) und kehrt wegen tschechischer Milizposten vor ihrem Haus ins Lager zurück. In den sie umhüllenden Duft aus den spätsommerlichen Gärten mischt sich der Geruch von „verschmortem Menschenfett (…); im Stadion wurden die Leichen der Erschlagenen verbrannt“ (S. 19). Im Lager ist sie nachts ständigen Vergewaltigungen ausgesetzt, erhält aber eines Nachts heimlich von einem Tschechen die von ihrer Mutter für Reitzenhain abgefasste Nachricht, sich dorthin zu begeben, damit Hanna sie abholen könne. Anna gelingt die Flucht aus dem Lager und die Zugfahrt nach Reitzenhain, wo sie sich in einem Zimmer einmietet und darauf wartet, dass sie in Kontakt mit ihrer Familie kommt. Dort lernt sie einen jungen ehemaligen SS-Soldaten, Erich, kennen, der noch ein „Halbesjahr vor-Schluß“ an die Ostfront sollte, einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen bewachen muss, in ein Massaker verstrickt wird, desertiert und sich wegen seiner Blutgruppentätowierung vorsichtig verhalten muss. Mit Anna, in die er sich verliebt und der er fehlen wird (S. 78), würde er gern zusammenbleiben und sein Leben in der Nachkriegszeit organisieren. Aber Anna wird im Sommer 1947 von ihrer Mutter abgeholt.
„Unter Glas“ Der zweite Teil umfasst die Jahre 1947 bis zum Aufstand des 17. Juni 1953 und stellt dar, wie die Familie in der sich formierenden Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ihr Auskommen zu finden versucht, während es der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) um „Aufbau“ geht, zu dem alle „gerufen werden“ (S. 81, 84). Schauplatz ist vorwiegend Birkheim, die leicht identifizierbare Kreisstadt Salzwedel (vgl. S. 83f.), deren Straßennamen als Kapitelüberschriften Teil 2 strukturieren. (aufgerufen am 28. Oktober 2010)Es gelingt Hanna, ihre Tochter Anna im Gymnasium von Birkheim anzumelden, wo sie gegen alle negativen Voraussagen der autoritären Direktorin, in Hannas Augen ein „BeDeM-Suppjeckt“ (S. 105), alles Versäumte aufholen und 1949 ihr Abitur ablegen wird. Zum Zeitgewinn verschafft ihr Hanna ein Zimmer in Birkheim, während sie selbst versucht, in Birkheim in der Lohnbuchhaltung der Deutschen Reichsbahn (DR) unterzukommen, weil sie bereits im Sudetengau mit ihrer Schwester als Sekretärin bei der Deutschen Reichsbahn tätig war. Bevor jedoch in Birkheim eine Planstelle frei wird, muss sie sich in Magdeburg einquartieren, weil es dort eine freie Stelle gibt. Sie bekommt in demselben Haus, in dem sie 1946 mit ihrer Familie einquartiert war, „1 Zimmer, kahl, die Fensterscheiben zerschlagen, kaum Möbel, kein Ofen“ (S. 91). Dazu eine mürrische Witwe, die damals gesagt hatte: „Flüchtlinge u Dünnschiß kann eben niemand aufhalten“ (S. 8, 91). Der verwitwete Dienststellenleiter macht ihr vergeblich einen Heiratsantrag. Denn Hanna hält an ihrem Treueschwur fest, den sie am Grab ihres Mannes ablegte, nämlich niemals mehr einem anderen Mann zu gehören. Außerdem hält sie weiter an ihrem „Wieder-zurück-in-die-Heimat“ (S. 130) fest. Der Dienststellenleiter kann ihr noch zu einem Wechsel nach Birkheim und zu einem neuen Zimmer verhelfen.miniatur|Schlangestehen nach Baumkuchen zur DDR-ZeitZurück in Birkheim muss sie erkennen, dass ihre Tochter Anna ein eigenes Leben führt, das ihren Vorstellungen von Familienzusammenhalt zuwiderläuft. Während sie noch davon überzeugt scheint, dass das gegen allen Widerstand zu erringende Abitur von Anna eine „Vorab-Garantie fürs tatsächliche Rückkehren in die-Heimat“ (S. 131) ist, bedeutet das Abitur für Anna, dass sie sich unabhängig machen kann. Sie geht auf die Dolmetscherschule nach Leipzig. Denn für Dolmetscher gibt es nicht nur in der DDR Bedarf, sondern vor allem in den Dienststellen der Alliierten im Westen, wohin zu gelangen allerdings an einige Bedingungen gebunden ist (S. 148). So zieht Anna es vor, zunächst in Birkheim beim Magistrat in der Statistik zu arbeiten, während sie sich über die Zugehörigkeit zu einer Partei Chancen eröffnen will: „Wenn du in keiner Partei warst, dann warst du Garnischt. Und da haben meine Mutter & ich überlegt, ?was tun. Die EsEhDe kommt nich in Frage. (…) Also meine Mutter: ab in die TseDeUh – ich in die Partei von meinem Chef: in die Ende-Pede“ (S. 149). So wird sie als Dolmetscherin ins Außenministerium vermittelt und lebt fortan in Ost-Berlin, wo sie ein weiteres Sprachstudium aufnimmt, dann bis zu ihrem Ruhestand in die Staatliche Versicherungsanstalt wechselt, für die sie anfangs häufig auf Dienstreisen für Wirtschaftsverhandlungen im Ausland unterwegs ist.In Birkheim wie in Berlin erhält Anna unangemeldet Besuch von Erich, den sie in Reitzenhain kennengelernt hat. Er handelt mit technischem Gerät und mit Devisen und verdient gut. Während er ihr in Birkheim ungelegen kommt, weil sie den Besuch des kurzfristig mit ihr heimlich Verlobten, eines Klassenkameraden „aus sogenannt Gutemhause“ (S. 137), erwartet, Anna und Erich sich aber gleich wieder sehr nahe sind, was in der heftigen Umarmung von Erichs Seite jedoch gewalttätig wird (S. 137 f.), leben sie in Berlin länger zusammen, nachdem Anna ihm einen Job als Hausmeister im Außenministerium vermittelt hat. Als beim Duschen zufällig jemand seine Tätowierung entdeckt und er Denunziation fürchten muss, setzt er sich nach München ab und lässt Anna schwanger zurück.Anfang Januar 1953 kommt in einer schwierigen Geburt ihr Sohn zur Welt: „1 Anfang: ?meiner … . Niemand’s Sohn, von=Anbeginn hartnäckig & zäh wie altes Fleisch & alte Geschichten … .“ (S. 152). Während der Junge schnell in einer Tageskrippe untergebracht wird und Anna als Dolmetscherin weiterarbeitet, kommt Hanna an jedem Wochenende nach Berlin. Inzwischen hat sie mit ihrer Schwester und ihrer Mutter eine frei gewordene geräumige Dienstwohnung – „1 Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche“ im zweistöckigen Gebäude in der Mansarde der Güterabfertigung Birkheim (S. 152) – beziehen können. Dorthin nimmt sie ihren Enkel mit, als er in der Tageskrippe schwer erkrankt, dort aufgegeben wird, sich aber in Birkheim wieder erholt. Während es in Berlin am 17. Juni zum Aufstand kommt und der Ausnahmezustand verhängt wird, sorgen sich drei Frauen um ihn, und Heimat ist für sie zu etwas geworden, das „ferner als der Tod“ ist. „Also ist Heimat auf paar m² Fremde in Birkheims Güterabfertigung, Bahnhofstraße 9“ (S. 154).
„Jagen Jagen“