mini|hochkant=0.95|Hasso von Boehmer (1943)

Hasso von Boehmer (* 9. August 1904 in Groß-Lichterfelde; † 5. März 1945 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Oberstleutnant im Generalstab und am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime beteiligt, der zum Attentat vom 20. Juli 1944 führte.

Werdegang Hasso von Boehmer stammt aus der Familie Böhmer/von Boehmer, die mehrere namhafte Juristen hervorgebracht hat. Als drittes von vier Kindern von Hugo Erich von Boehmer und Ellinor geborene Seliger wuchs er in Berlin-Lichterfelde auf. Dort besuchte er zunächst das Lichterfelder Realgymnasium, wo er Hans und Harald von Uslar-Gleichen kennenlernte, die lebenslang Freunde seiner Familie waren.Harald von Uslar-Gleichen: Erinnerungen an Hasso von Boehmer. In: Vergilia-Nachrichten, Jg. 1982/83, S. 42–43, gekürzter und kommentierter Abdruck in: Erika Reinhold: 20. Juli 1944 – 20. Juli 2004: Erinnerungen an Hasso von Boehmer. In: Heimatverein Steglitz e. V. (Hrsg.): Steglitzer Heimat. Mitteilungsblatt des Heimatvereins Steglitz e. V., 49. Jg, Juli – Dez. 2004, Nr. 2 / 2004, S. 39–42, PDF 1,3 MB Dann wechselte er zur Verbesserung seiner Schulnoten auf eigenen Wunsch ans Potsdamer Viktoria-Gymnasium, wo er im September 1923 das Abitur ablegte. Entgegen gesundheitlicher Einschränkungen durfte er aufgrund einer Sondergenehmigung des damaligen Chefs der Heeresleitung General von Seeckt am 1. Oktober 1923 als Offizieranwärter in das Potsdamer 9. Infanterie-Regiment der Reichswehr eintreten. Er diente dort bis 1934. Dieser Einheit gehörten auch zahlreiche weitere spätere Mitglieder des Widerstands an, so von 1925 bis 1934 sein späterer Freund Henning von Tresckow.Ines Reich-Hilweg: Hasso von Boehmer. In: Potsdam und der 20. Juli 1944: auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau 1994, ISBN 978-3-7930-0697-8. Auch Wolf Graf Baudissin, der in diesem Regiment von 1930 bis 1938 diente, wurde damals enger Freund von Boehmers.Rüdiger von Voss: Der Staatsstreich vom 20. Juli 1944: politische Rezeption und Traditionsbildung in der Bundesrepublik Deutschland. Lukas Verlag, Berlin 2011, S. 58. ISBN 978-3-86732-097-9. 1934 wurde von Boehmer im Zuge der Heeresvergrößerung zum Infanterieregiment 29 versetzt. Die nächsten Dienststellungen waren Bataillonsadjutant, Kompaniechef und Regimentsadjutant in den Garnisonen Crossen an der Oder, Cottbus und Guben. Während des Zweiten Weltkrieges nahm er am Polen- und am Westfeldzug teil und absolvierte eine verkürzte Generalstabsausbildung. Beim Angriff auf die Sowjetunion 1941 war er Zweiter Generalstabsoffizier (Ib) einer Division. An mehreren Standorten wohnten von Boehmer und seine Familie im selben Haus wie Harald von Uslar-Gleichen und dessen Familie. Durch diese lernte er 1937 auch seine spätere Frau Käthe von Boehmer, geb. Torhorst (1911–2019) kennen.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow: ein Preusse gegen Hitler. Biographie. Stalling, Oldenburg und Hamburg, 3. Aufl. 1973; neueste Ausgabe Propyläen, Berlin 2004, ISBN 978-3-549-07212-7, Zit. n. Peter Steinbach, Johannes Tuchel, Ursula Adam (Hrsg.): Lexikon des Widerstandes, 1933–1945, Band 1061 der Beck’schen Reihe, Verlag C. H. Beck, München 1998, ISBN 978-3-406-43861-5, S. 30. Aus der Ehe gingen in den Jahren 1938 bis 1942Babette Stadie (Hrsg.): Die Macht der Wahrheit: Reinhold Schneiders ›Gedenkwort zum 20. Juli‹ in Reaktionen von Hinterbliebenen des Widerstandes. Lukas Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86732-033-7. drei Kinder hervor, eine Tochter und zwei Söhne, darunter Harald von Boehmer. Aufgrund mehrerer Kriegsverletzungen erhielt er das Silberne Verwundeten-Abzeichen und das Eiserne Kreuz 1. Klasse und musste von Herbst 1941 bis August 1943 in Berlin stationär behandelt werden. Dabei zog er sich als Komplikation außerdem eine Erkrankung an Wundstarrkrampf zu.

20. Juli 1944 Orientierung In seiner Jugend war Hasso von Boehmer Mitglied einer „Vaterländischen Jugendgruppe“, dann des „Jungsturm“.Jungsturm 1897–1932: Zur 35-Jahrfeier. Nationale Druckerei- und Verlagsgenossenschaft, Schlawe, 1932.Christoph Schubert-Weller: Hitlerjugend: Vom 'Jungsturm Adolf Hitler' zur Staatsjugend des Dritten Reiches. Juventa Verlag, 1993, ISBN 978-3-7799-1123-4, S. 79.Der „Jungsturm“ wurde zwar 1933 mit der Hitlerjugend gleichgeschaltet, ist aber nicht identisch mit dem „Jungsturm Adolf Hitler“. 1897 in Pommern gegründet, hatte der „Jungsturm“ die Wehrerziehung der deutschen Jugend zum Ziel; später hatte der Verband Verbindungen zum Stahlhelm und wurde Mitglied des Jungdeutschland-Bundes. Wilhelm Grewe schilderte den „Jungsturm“ aus der Zeit seiner Mitgliedschaft als einen Verband, der „bei zunehmender geistiger Politisierung straffe Disziplin, Wehrsport und Arbeitsdienst bevorzugt“ habe.Wilhelm Georg Grewe: Rückblenden 1976 - 1951. Propyläen, Berlin 1979, S. 421. ISBN 3-549-07387-9. Über Grewe kooperierte der „Jungsturm“ damals auch mit Bernhard Ludwig von Mutius, Herausgeber der „Adeligen Jugend“.Stefan Breuer: Carl Schmitt im Kontext: Intellektuellenpolitik in der Weimarer Republik. De Gruyter, Berlin, 2012, ISBN 978-3-05-005943-3, S. 234. Von Boehmer wechselte dann zum Jungnationalen Bund, der sich als „Erziehungsbund“ zur politischen Erneuerung verstand und die parlamentarische Demokratie ablehnte. Wie viele andere stimmte von Boehmer der von Hitler vor 1933 geforderten einseitigen Aufhebung des Versailler Vertrages zu. Ähnlich wie anderen, die später Teil des militärischen Widerstands wurden, kamen von Boehmer zwar anlässlich der Blomberg-Fritsch-Krise von Frühjahr 1938 erste Zweifel am NS-Regime. Er hielt aber den Anschluss Österreichs kurz darauf und des Sudetenlandes im Herbst 1938 für vertretbar. Die Mitglieder des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 repräsentierten ein breites Spektrum politischer und philosophischer Auffassungen.Christine Schindler (Hrsg.): Bewaffneter Widerstand – Widerstand im Militär. In: Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, LIT Verlag Münster, 2009, ISBN 978-3-643-50010-6, S. 30.Marc Philipp: Der 20. Juli 1944 in der Erinnerung der Bundesrepublik Deutschland. GRIN Verlag, 2005, ISBN 978-3-638-35773-9. Hasso von Boehmer wird entsprechend seiner Herkunft, Jugend und Berufswahl dem national-konservativen Lager zugeordnet, das unter den Mitgliedern des Umsturzversuchs die Mehrheit darstellte.Winfried Meyer (Hrsg.): Verschwörer im KZ: Hans von Dohnanyi und die Häftlinge des 20. Juli 1944 im KZ Sachsenhausen. Band 5 von Rebel Book / Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Verlag Edition Hentrich, 1999, ISBN 978-3-89468-251-4 und ISBN 3-89468-251-5.Jürgen Dittberner: Schwierigkeiten mit dem Gedenken. Westdeutscher Verlag, 1999, ISBN 978-3-531-13406-2, S. 61.

Vorbereitung Durch von Tresckow wurde von Boehmer im Sommer 1943 für die Ziele der Widerstandsgruppe um Ludwig Beck und Carl Goerdeler gewonnen.Sven Felix Kellerhoff: Als der Widerstand noch als unmoralisch galt. Rezension von Babette Stadie (Hrsg.): Die Macht der Wahrheit: Reinhold Schneiders >Gedenkwort zum 20. Juli< In: Die Welt, 19. Juli 2008. Von Tresckow und von Stauffenberg hatten vorbestehende Pläne, die als Unternehmen Walküre ursprünglich dazu dienen sollten, Aufstände etwa von Zwangsarbeitern und Häftlingen gegen die Reichsregierung niederzuschlagen, umgearbeitet, um im Reichsgebiet und in den besetzten Gebieten wichtige Vertreter des NS-Regimes festzusetzen und die Macht zu übernehmen. Ausgangspunkte dafür sollten unter anderem die Wehrkreis-Kommandos sein. Obwohl von Boehmer gesundheitlich noch deutlich angeschlagen war – wegen der Tetanus-Folgen war er beim Gehen auf Stützen angewiesen –, ließ er sich im Rahmen der Umsturzpläne im Herbst 1943 wieder im Truppendienst einsetzen. Offiziell Erster Generalstabsoffizier (Ia) des Befehlshabers General Bodewin Keitel wurde er für die Planer des Umsturzversuchs insgeheim Verbindungsoffizier zum Wehrkreis XX (Danzig).Peter Hoffmann: Widerstand, Staatsstreich, Attentat.: Der Kampf der Opposition gegen Hitler. Band 418 von Serie Piper, Piper Verlag, Ausgabe 4, 1985, ISBN 978-3-492-00718-4.Peter Hoffmann: History of the German Resistance, 1933–1945. McGill-Queen’s Press – MQUP, 1996, ISBN 978-0-7735-6640-8. Sein „Einweihungsgrad“ in Details der Umsturzpläne ist zwar nicht bekannt.Christian Müller: Oberst i. G. Stauffenberg. In: Band 3 von Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte, Ausg. 2, Droste Verlag, 1971, S. 355. Aber nach Erinnerung seiner Witwe hatte er sich „zu einem verantwortungsvollen Amt bereit erklärt und allerlei Vorarbeiten dazu getan“, wobei eine politische Führungsposition vorgesehen gewesen war. Gegenüber Angehörigen und Dritten wurden von Gegnern des NS-Regimes für ihre jeweiligen Ziele bewusst nur unscharfe Begriffe wie „notwendige Personalveränderungen an der Spitze“ und „Auffangbewegung“ (für den erwarteten Zusammenbruch des Deutschen Reichs) genutzt, so von Helmuth James Graf von MoltkeGünter Brakelmann (Hrsg.): Im Land der Gottlosen. Tagebuch und Briefe aus der Haft 1944/45. Beck, München, 2009, ISBN 978-3-406-58235-6, S. 39. sowie (mit dem Ziel der Abtrennung eines Königreichs Bayern vom Deutschen Reich) von Franz Sperr.Hans Zehetmair (Hrsg.): Politik aus christlicher Verantwortung. Springer, 2007, ISBN 978-3-531-90651-5, S. 55.Ger van Roon: Neuordnung im Widerstand. R. Oldenbourg-Verlag, 1967, S. 263. Noch 1947 formulierte von Boehmers Witwe, ihr Mann sei „zur Auffangbewegung gekommen“. Unter dem Eindruck der erfolgreichen Invasion der Alliierten in der Normandie Anfang Juni 1944 beschleunigte die Widerstandsgruppe ihre Vorbereitungen. Maßgeblich hierfür waren zwei Argumente. Einige hofften, vor dem nunmehr absehbaren militärischen Zusammenbruch die Macht im Deutschen Reich übernehmen und mit den Alliierten in Verhandlungen treten zu können. Dagegen schilderte von Tresckow seine Motivation so:Bodo Scheurig: Henning von Tresckow: ein Preusse gegen Hitler. Biographie. Stalling, Oldenburg und Hamburg, 3. Aufl. 1973. „Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte [Anm.: frz. für ,Koste es, was es wolle’]. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Ähnlich absolut argumentierte von Stauffenberg: „Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte, dieses sinnlose Menschenopfer zu verhindern.“Stauffenberg kurz vor dem 20. Juli 1944, zit. n. Joachim Kramarz: Claus Graf von Stauffenberg. 15. November 1907 bis 20. Juli 1944. Das Leben eines Offiziers. Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1965, S. 201 u. S. 132.

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