Die Unabhängige Historikerkommission – Auswärtiges Amt wurde am 11. Juli 2005 vom damaligen Bundesminister des Auswärtigen Joschka Fischer eingesetzt, um die Geschichte des Auswärtigen Amts und des Auswärtigen Dienstes in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland zu untersuchen. Anlass waren ein Nachruf-Erlass 2003 und die Nachruf-Affäre 2004. Dazu wurde am 11. August 2006 ein entsprechender Vertrag zwischen dem Auswärtigen Amt und der Kommission abgeschlossen. Die Kommission veröffentlichte ihre Ergebnisse am 21. Oktober 2010 als Buch unter dem Titel Das Amt und die Vergangenheit.

Mitarbeiter Der Kommission gehörten an:

Eckart Conze, Philipps-Universität Marburg Norbert Frei, Friedrich-Schiller-Universität Jena Peter Hayes, Northwestern University Illinois Klaus Hildebrand, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (bis 2008) Moshe Zimmermann, Hebrew University Jerusalem

Wissenschaftliche Mitarbeiter der Kommission und Mitautoren sind: Jochen Böhler (Uni Jena), Irith Dublon-Knebel (Tel Aviv University), Astrid Eckert (Emory University Atlanta), Norman Goda (University of Florida), William Gray (Purdue University), Lars Lüdicke (Uni Potsdam), Thomas Maulucci (American International College Springfield), Katrin Paehler (Illinois State University), Jan Erik Schulte (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung Dresden), Daniel Stahl (Uni Jena), Annette Weinke (Uni Jena) und Andrea Wiegeshoff (Uni Marburg). Endredaktion und Lektorat übernahm Thomas Karlauf (Berlin).Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 3 u. 720.

Ergebnisse Die Forschungsergebnisse der Kommission liegen seit dem 21. Oktober 2010 als Buchpublikation mit dem Titel Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik vor. Offiziell überreichte die Kommission ihre Studie am 28. Oktober 2010 an Bundesaußenminister Guido Westerwelle im Rahmen einer Veranstaltung im Auswärtigen Amt (AA).„Man konnte Mord als Dienstgeschäft abrechnen.“ Dokumentation der Rede des Außenministers Guido Westerwelle bei der Übergabe der Studie durch die Historikerkommission. In: FAZ.net, 28. Oktober 2010.

Das Buch kommt (im ersten Teil) zu dem Ergebnis, die Rolle des Auswärtigen Amtes im Dritten Reich müsse neu bewertet werden; das Auswärtige Amt sei kein Hort des Widerstands gewesen, sondern Wegbereiter der „Endlösung der Judenfrage“ und aktiver Unterstützer der Deportation von Juden aus Deutschland und des Holocaust. Dieser historischen Verantwortung und Schuld habe sich das Amt, so der zweite Teil des Buches, nach Gründung der Bundesrepublik nicht gestellt, sondern im Gegenteil gegenüber der Öffentlichkeit die Widerstandskämpfer aus den Reihen des Auswärtigen Amtes übermäßig hervorgehoben.

Rezeption des Buchs Das Buch hat ein großes Medienecho hervorgerufen. Die Arbeiten der Kommission wurden zunächst zumeist positiv bewertet,Vgl. den Überblick über Rezensionen seriöser Zeitungen auf Perlentaucher. fanden dann aber eine zunehmend kritische Rezeption.Siehe zuletzt die umfassende Kritik von Johannes Hürter: Das Auswärtige Amt, die NS-Diktatur und der Holocaust. Kritische Bemerkungen zu einem Kommissionsbericht. In: VfZ 59, 2011, Heft 2, S. 167–192, . Der Historiker Hans Mommsen nennt das Werk , als es gelungen sei, .Hans Mommsen: Das ganze Ausmaß der Verstrickung. In: Frankfurter Rundschau, 16. November 2010 (). Besonders den zweiten Teil des Buches, der die Entnazifizierung und den Wiederaufbau des Auswärtigen Amtes mitsamt seiner behandelt, lobt Mommsen, da er , trage.

Mommsen kritisiert jedoch die seiner Ansicht nach starre Ausrichtung der Untersuchung auf : Weder würden hinreichend beachtet, noch sei genügend berücksichtigt worden, so dass bereits die Mitarbeit des Auswärtigen Amtes an den Deportationsplänen als Mitarbeit an der Judenvernichtung qualifiziert werde. Dies sei lediglich , da es gewesen sei. Mommsen bemängelt außerdem das Fehlen von über jenes Material hinausgehenden Quellenbeständen, das bereits in den Akten zur deutschen auswärtigen Politik,Akten zur deutschen auswärtigen Politik. 1918–1945. Aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes. Göttingen u. a. 1950–1995. deren Edition Mommsens akademischer Lehrer Hans Rothfels ab 1950 organisierte, veröffentlicht ist. Auch fehle es an , etwa von Christopher Browning. Die Unabhängige Historikerkommission hat in der Süddeutschen Zeitung zu der Kritik Stellung genommen.Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Unser Buch hat einen Nerv getroffen. Diplomaten im Nationalsozialismus: Die Unabhängige Historikerkommission antwortet ihren Kritikern. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 286, 10. Dezember 2010, S. 13; siehe auch die Kurzfassung auf sueddeutsche.de.

In einer weiteren Rezension betont Mommsen am 27. Dezember 2010 in der Süddeutschen Zeitung, Das Amt habe erhebliche und . So sei in Bezug auf die „Endlösung“ die These . Auch sei das Auswärtige Amt zwar kein „Hort des Widerstands“ gewesen, doch habe gelegen als bei .Hans Mommsen: Vergebene Chancen. „Das Amt“ hat methodische Mängel. In: Süddeutsche Zeitung, 27. Dezember 2010, S. 29. Bezug nehmend auf den Historiker Ulrich Herbert, der auf die Kompetenz des Kommissionsmitgliedes Peter Hayes für die Holocaustforschung hingewiesen und Kritik an dem angeblich mangelnden Sachverstand der Kommission in dieser Frage als zurückgewiesen hatte,Interview NS-Beteiligung Auswärtiges Amt. „Am Ende nur noch Opfer“. In: taz.de, 8. Dezember 2010 (Interview von Stefan Reinecke und Christian Semler mit dem Historiker Ulrich Herbert). bezeichnet Mommsen seine eigene Auffassung, , als .

Für den amerikanischen Holocaustforscher Christopher R. Browning bedurfte es dieses bisherige Forschungen bestätigenden und . Er lobt insbesondere das , das zeige, . Zur Aufklärung der Ausgestaltung dieses Mythos in der Nachkriegszeit leiste Das Amt . Browning hätte sich gewünscht, eine deutlichere Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Komplizenschaft. Dennoch findet er . Die Studie der Historikerkommission bedeute .Christopher R. Browning: Historikerstudie „Das Amt“. Das Ende aller Vertuschung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 2010.

Der israelische Historiker Saul Friedländer äußert in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, zwar seien ihm „viele Dokumente“, auf die sich die Studie Das Amt stützt, schon „bekannt“ gewesen. Er betont aber: In Bezug auf die Rolle Ernst von Weizsäckers erscheint es Friedländer . Die Kritik Mommsens findet Friedländer problematisch, da Claudia Tieschky, Willi Winkler: So präzise wie möglich, aber ungläubig staunend. Ein Gespräch mit dem Historiker Saul Friedländer über „Das Amt“, die katholische Kirche und emotionale Wissenschaft. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Januar 2011, S. 11.

Im Januar 2011 sprach Horst Möller, damaliger Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), in einem Beitrag für die FAZ von einem „fehlerhaften […] tendenziös vermarkteten, skandalösen Buch“, das die politisch Verantwortlichen von Konrad Adenauer und Willy Brandt bis zu Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel pauschal diffamiere. Angesichts der vorliegenden Aktenpublikationen und Sekundärliteratur sei „die Behauptung, das Amt und sein Politisches Archiv würden die Erforschung seiner Rolle im NS-Regime behindern, […] mehr als dreist“.Horst Möller: Worin besteht die Sensation? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Januar 2011, S. 8.

Im April 2011 übte IfZ-Mitarbeiter Johannes Hürter in einer ausführlichen fachwissenschaftlichen Besprechung in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte (VfZ) scharfe Kritik an dem Buch und warf den Autoren teilweise Pauschalkritik vor. Unglücklich sei bereits die umstrittene These, dass der Krieg von Anfang an als Vernichtungskrieg geführt worden sei und das Auswärtige Amt, wo man zweifellos gut informiert gewesen sei, die „Vernichtungspolitik“ der Nationalsozialisten ermöglicht hätte. Hürter bestritt unter anderem, dass fast alle Diplomaten auch Mittäter gewesen seien, da nicht immer zwischen Mitwisser und Mittäter unterschieden worden sei. Vielmehr seien einzelne Abteilungen und Referate stärker in die nationalsozialistische Politik verstrickt gewesen, wo dann durchaus auch überzeugte Nationalsozialisten Schlüsselpositionen bekleidet hätten. Ebenso hätten sich zwar auch Diplomaten in einigen Ländern an der dortigen Judenverfolgung beteiligt, was nicht zu bestreiten ist; schwerwiegend sei etwa der Anteil des Auswärtigen Amts und einiger seiner Mitarbeiter in Serbien, Griechenland und Ungarn gewesen. In Polen und der besetzten Sowjetunion seien diese aber weitgehend ohne Einfluss gewesen und hätten daher, anders als im Buch behauptet, keine leitende Rolle in der „Judenpolitik“ gespielt. Die Behauptung etwa, das Auswärtige Amt habe nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion sogar „die Initiative zur Lösung der ‚Judenfrage‘ auf europäischer Ebene“ ergriffen und sich an der Entscheidung über die „Endlösung“ direkt beteiligt, sei vollkommen unbelegt und daher nicht haltbar. Hürter warf den Autoren vor, sich „zwischen anerkannten, umstrittenen und schlichtweg falschen Befunden“ hin und her zu bewegen. Er kritisierte auch den öffentlichen Diskurs bezüglich der Publikation.Johannes Hürter: Das Auswärtige Amt, die NS-Diktatur und der Holocaust. Kritische Bemerkungen zu einem Kommissionsbericht. In: VfZ 59, 2011, Heft 2, S. 167–192, (PDF),

In einem für die Welt von Alan Posener geführten Gespräch wies Kommissionsmitglied Moshe Zimmermann die Kritik Hürters, im Verbund mit deren umgehendem Aufgreifen durch den Spiegel,Klaus Wiegrefe: Streit über „Das Amt“. Historiker zerpflückt Bestseller. In: Spiegel Online, 1. April 2011. als politisch motivierte Kampagne zurück.Alan Posener: „Das ist eine Kampagne.“ Das Münchener Institut für Zeitgeschichte greift den Bestseller „Das Amt und die Vergangenheit“ an. Moshe Zimmermann, Mitautor der Studie, sieht hinter der Kritik politische Motive. In: Welt Online, 4. April 2011. Hürters Vorwürfe seien nicht neu und längst widerlegt. Die Schlussfolgerungen der Studie seien „das Ergebnis differenzierter Forschung“. Sie zu bestreiten diene dazu, „die sogenannten ‚anständigen’ Leute, wie z. B. Ernst von Weizsäcker, den Vater des früheren Bundespräsidenten, rückwirkend zu entlasten, die in der frühen Bundesrepublik oft eine bedeutende Rolle spielten.“ Zimmermann äußerte auch den Verdacht, dass hinter der Relativierung der Mitschuld des Auswärtigen Amts eine politische Agenda stehe und so versucht werde, speziell Druck auf den ehemaligen Außenminister Fischer auszuüben, der die Studie in Auftrag gab.Alan Posener: „Das ist eine Kampagne.“ Das Münchener Institut für Zeitgeschichte greift den Bestseller „Das Amt und die Vergangenheit“ an. Moshe Zimmermann, Mitautor der Studie, sieht hinter der Kritik politische Motive. In: Welt Online, 4. April 2011.

In einem am 3. Mai 2011 in der Frankfurter Rundschau erschienenen Beitrag setzten sich die Verfasser der Studie nochmals mit Hürters Besprechung auseinander und widersprachen dessen scharfer Kritik.Debatte über „Das Amt“: Zauberwort Differenzierung. In: Frankfurter Rundschau, 3. Mai 2011.