mini|Karte Galliens zur Zeit Caesars (58 v. Chr.), mit der Lage Helvetiens im Osten von Gallia Celtica Die Helvetier waren ein keltischer Volksstamm, der im 1. Jahrhundert v. Chr. im heutigen schweizerischen Mittelland sowie in den Vorderalpen siedelte. Die Helvetier sind vor allem wegen ihrer Rolle in den Berichten von Julius Caesar über den Gallischen Krieg bekannt.
Nach Julius Caesar bestanden um 60 v. Chr. vier helvetische Teilstämme (pagi), von denen er die Verbigener und die Tiguriner nennt. Auch Poseidonios nennt vier Teilstämme, darunter die Tougener und Toutonen. Es ist umstritten, ob letzterer Teilstamm mit den von Livius als Germanen bezeichneten Teutonen identisch ist.Felix Staehelin: Die Schweiz in Römischer Zeit. Schwabe, Basel 1948, S. 59.
Nach dem Abzug der Römer Anfang des 5. Jahrhunderts waren die Helvetier im 400 Jahre römisch kultivierten Alpenvorland Teil der bodenständigen Bevölkerung und vermischten sich auf Dauer mit den nun zuziehenden alamannischen Siedlern. Eine Zwangsassimilation wird in der Forschung nicht mehr angenommen, da auch noch zu dieser Periode das Gebiet nur schwach besiedelt war.
Bei der Gründung der Helvetischen Republik 1798 wurde wieder ein Bezug des schweizerischen Gebiets zu den Helvetiern hergestellt. Mit der Gründung des Bundesstaates 1848 wurde als offizielle Bezeichnung der Schweiz nebst dem Namen in den vier Landessprachen zusätzlich die sprachenübergreifende lateinische Bezeichnung Confoederatio Helvetica eingeführt.
Geschichte Überlieferungsgeschichte und Siedlungsgebiet Die erste historische Erwähnung der Kelten stammt vom griechischen Historiker Hekataios von Milet aus der Zeit um 500 v. Chr. Er erwähnt, dass sie nördlich der griechischen Kolonie von Massilia lebten. Die Helvetier werden zum ersten Mal fassbar durch eine Inschrift auf einer Tonscherbe aus Mantua. Dort steht in einem etruskischen Alphabet das Wort eluveitie, das als die etruskische Form des keltischen Wortes Helvetios («der Helvetier») identifiziert wird. Man geht davon aus, dass der Eluveitie einer von Helvetiern abstammenden etruskischen Familie angehörte. Durch Münzen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. ist aus dem Oppidum Heidengraben ein Adliger (König?) namens Atullos bekannt. Die erste zuverlässige schriftliche Erwähnung der Helvetier findet sich beim griechischen Historiker Poseidonios, der sie als «goldreich, aber friedlich» beschreibt, aber nicht erwähnt, wo sie genau lebten.
Dem griechischen Geographen Ptolemäus und dem römischen Historiker Tacitus zufolge lebten die Helvetier um 100 v. Chr. noch im Gebiet zwischen Donau, Rhein und Main. Aus diesem Gebiet seien sie aufgrund des Vordringens germanischer Stämme in die Nordwestschweiz ausgewichen: «Im 1. Jahrhundert v. Chr. (verdrängten die) von Norden und Osten her eindringenden germanischen Stämme die ansässige Bevölkerung, was bald zu einer spürbaren Siedlungsausdünnung führte. Der keltische Stamm der Helvetier, der nach Aussage der literarischen Quellen in [der heutigen Main-Tauber-Region]Gerhard Bund/Peter Rückert: Zur eisenzeitlichen Besiedlung zwischen Main und Tauber in: Wertheimer Jahrbuch 1991/92 (Hrsg.: Historischer Verein/Staatsarchiv Wertheim), Verlag des Historischen Vereins Wertheim e. V. 1992, S. 17. zu suchen ist, wurde nach Süden, ins Gebiet der heutigen Schweiz vertrieben.»In Anm. 26 bei Bund/Rückert: Dieter Timpe: Die Siedlungsverhältnisse Mainfrankens in Caesarisch-Augusteischer Zeit nach den literarischen Quellen in: Christian Pescheck (Hrsg.): Die germanischen Bodenfunde der römischen Kaiserzeit in Mainfranken, Bd. 1, München 1987, S. 119–129.
Nach Ptolemaios habe es in Süddeutschland eine Helvetier-Einöde gegeben.Ptolemaios, Geographike Hyphegesis 2,11,6. Der Auszug ist nach der Meinung der modernen Forschung Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. geschehen, im Rahmen der Raubzüge von Kimbern und Ambronen, denen sich wahrscheinlich die Teilstämme der Tiguriner und der Toutonen (Teutonen) anschlossen. Erstere liessen sich nach der Schlacht bei Vercellae nördlich des Genfersees nieder, während letztere entweder bei Aix-en-Provence vernichtet wurden oder in den anderen Teilstämmen aufgingen.
Die genaue Bestimmung der vorgeschichtlichen helvetischen Siedlungsgebiete wird noch problematischer durch eine Inschrift vom Magdalensberg in Österreich. Dort erscheinen die Elveti als einer von insgesamt acht ostalpinen Stämmen, die ein kaiserliches Monument gestiftet haben. Das Fehlen des anlautenden Spiranten spricht nicht gegen eine Namensgleichheit mit den Helvetiern, da in vielen Fällen das h- lateinischer Autoren keine phonologische Basis hatte und häufig scheinbar unmotiviert in der Schreibung «exotischer» Namen erscheint (vgl. etwa die Haedui-Aedui). Ob jedoch die Namensgleichheit auch für eine tatsächliche Identität mit den Helvetiern spricht und wie diese genau ausgesehen haben mag, bleibt vorerst unbekannt.Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter. Teil 4: Eisenzeit. Verlag Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, Basel 1999, ISBN 3-908006-53-8, S. 32.
Erste Auseinandersetzungen mit dem Römischen Reich mini|«Die Helvetier zwingen die Römer unter dem Joch hindurch». Historiengemälde des 19. Jahrhunderts auf den Sieg der Helvetier unter Divico über die Römer bei Agen 107 v. Chr. von Charles Gleyre Die helvetischen Stämme der Tiguriner und der Tougener traten mit dem Zug der Kimbern 107 v. Chr. in die Geschichte ein. Die erste Nennung der Helvetier bei Poseidonius, die über die Geographie des Strabon überliefert ist, steht in diesem Kontext. Nach der Naturgeschichte des älteren Plinius sei ein Helvetier mit dem Namen Helico in Rom als Handwerker tätig gewesen und mit einer getrockneten Feige, einer Traube, Öl und Wein in das Gebiet nördlich der Alpen zurückgekehrt und habe so die keltischen Züge über die Alpen ausgelöst. Diese Geschichte ist in das Reich der Legenden zu verweisen.
Um 115 v. Chr. zogen die germanischen Völker der Kimbern und Ambronen aus Norddeutschland und Dänemark nach Süden vor. Nach ihrem Sieg über die Römer bei Noreia kamen sie um 111 v. Chr. ins heutige Süddeutschland, wo sich ihnen keltische Stämme anschlossen, so die helvetischen Teilstämme der Tiguriner und Tougener. Inwiefern es sich bei den Tougenern und den Teutonen, die traditionell mit den Kimbern genannt werden, um das gleiche Volk gehandelt hat, ist umstritten. Eine mögliche Erklärung des ungedeuteten Namens wäre die Verschreibung von Τουτονοί zu Τουγενοί in einem frühen Stadium der Strabonüberlieferung, in welcher die Tougener allerdings in der Form Τωυγενοί erscheinen.Strabon 4,1,8; 7,2,2.
In der älteren, eigens quellennahen Geschichtsschreibung der Schweiz zerfielen die Helvetier «in vier Gaue oder Bezirke; in demjenigen der Tigoriner lag ihre Hauptstadt Aventicum (Avenches, südl. v. Murtensee).» Fest steht dort, dass «die Cimbern und Teutonen […] zwei deutsche Völker» waren. Diesen folgten zahlreiche Helvetier, insbesondere aus dem Tigorinergaue, geführt von Diviko. Als Führer des römischen Heeres in der Schlacht an der Garonne genannt wird der «Konsul Cassius Longinus». Danach jedoch kehrten «beutebeladen […] die Sieger nach Hause». Das heisst, die Tigoriner bzw. Tiguriner beteiligten sich nicht an einer weiteren Schlacht 105 v. Chr. und am Weiterzug mit den Kimbern über den Brenner. Das unbestimmte «konnten der Vernichtung entgehen» – siehe im weiteren Text – entfällt. Es ist auch fragwürdig, wieso sie nach 107 v. Chr. noch jahrelang «mit ihrer Beute» umhergezogen sein sollen.Wilhelm Oechsli: Schweizergeschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen, Zweite Auflage, Verlag der Erziehungsdirektion, Zürich 1894, S. 4. Die Hervorhebungen im Original.
mini|Rheinübergang in der Nähe des Ortseintrages Zurzach In der lokalen Überlieferung hat sich am Hochrhein die Erinnerung an den Übergang der Kimbern über eine Furt des Flusses im Winter 103/102 v. Chr. bewahrt. Kelten wie die Tiguriner sind dabei nicht erwähnt, Teile des Stammes könnten sich jedoch auf dem weiteren Weg zum Brenner (da hier auch ihr Gebiet lag) den Germanen wieder angeschlossen haben, sodass dies die Beschreibung von A. Furger-Gunti erklären kann.Lokale Überlieferung in: Emil Müller-Ettikon: Kurzer Überblick über die Geschichte Küssabergs. Gemeinde Küssaberg (Hrsg.), 1981, S. 18. Ergänzung durch: Hans Riehl: Die Völkerwanderung, Ludwig-Verlag, München 1988, S. 64.
Die verbündeten keltischen und germanischen Stämme fielen gemeinsam nach Gallien ein, unternahmen dort allerdings getrennte Züge. Im Jahr 107 v. Chr. gelangten die Tiguriner in das Gebiet der Volker im heutigen Südfrankreich. Unter ihrem Feldherrn Divico besiegen die Tiguriner dort bei Agen an der Garonne ein römisches Heer. Nach Caesars Überlieferung seien die gefangenen Römer nach der Schlacht zur Demütigung unter einem Joch hindurchgeschickt worden. Bei Livius wird diese Episode jedoch nicht erwähnt.Livius, Periochae 65: L. Cassius cos. a Tigurinis Gallis, pago Helvetiorum, qui a civitate secesserant, in finibus Nitiobrogum cum exercitu caesus est. Milites, qui ex ea caede superaverant, obsidibus datis et dimidia rerum omnium parte, ut incolumes dimitterentur, cum hostibus pacti sunt. Bei Orange schlugen die Tiguriner wieder gemeinsam mit den anderen Stämmen 105 v. Chr. ein weiteres römisches Heer.
103 v. Chr. teilten sich die Stämme auf, um die Poebene zu erobern. Während die Teutonen und Ambronen westlich über die Provence vorstiessen, zogen die Kimbern und die Tiguriner östlich über den Brennerpass. Die Römer unter Marius konnten jedoch die Teutonen und Ambronen 102 v. Chr. bei Aix-en-Provence und 101 v. Chr. die Kimbern bei Vercellae abwehren und vernichten. Die Tiguriner konnten der Vernichtung entgehen und zogen mit ihrer Beute wieder nach Norden. Die Tiguriner bzw. die Helvetier blieben danach im kollektiven Gedächtnis Roms als starker und bedrohlicher keltischer Stamm erhalten.Andres Furger-Gunti: Die Helvetier: Kulturgeschichte eines Keltenvolkes. Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1984, ISBN 3-85823-071-5, S. 75–77.
Caesar und die Helvetier mini|Julius Caesar und der helvetische Heerführer Divico treffen nach der Schlacht an der Saône zusammen. Historiengemälde des 19. Jahrhunderts von Karl Jauslin Die Eroberung Galliens durch Caesar beendete auch die Unabhängigkeit der Helvetier, die Teil des Römischen Reichs wurden. Cicero erwähnt, dass sie – wohl als Folge der militärischen Niederlage gegen Caesar – ein foedus (Bündnis) mit Rom abgeschlossen hätten.
Über die Kämpfe Roms gegen die Helvetier zu Anfang der Gallischen Kriege berichtet Caesar ausführlich am Anfang seines «De Bello Gallico». Der helvetische Adlige Orgetorix soll eine Auswanderung ins Gebiet der Santonen (heutige Saintonge) geplant und vorbereitet haben. Als die Helvetier loszogen, war Orgetorix bereits unter mysteriösen Umständen gestorben, nachdem man ihn des Strebens zum Königtum angeklagt hatte, was in grossen Teilen Galliens damals als todeswürdiges Verbrechen galt. Danach hätten die Helvetier ihr Siedlungsgebiet komplett verlassen, ihre Siedlungen und Felder zerstört, und seien mit allen wehrfähigen Männern, Proviant und allen anderen Stammesangehörigen in westliche Richtung gewandert, um ein neues Siedlungsgebiet in Gallien zu suchen und andere gallische Stämme zu unterwerfen. Die Haeduer und Allobroger hätten Caesar und seine Legionen um Hilfe gebeten, da die Helvetier sie bedroht und ihr Land verwüstet hätten. Caesar sei es gemeinsam mit seinen gallischen Verbündeten gelungen, die Helvetier und deren Verbündete 58 v. Chr. zur Entscheidungsschlacht bei Bibracte zu stellen und ihr Heer vernichtend zu schlagen.