Der schwarze Mann,Johann Christoph Friedrich GutsMuths: Der schwarze Mann. In: Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes, für die Jugend, ihre Erzieher und alle Freunde unschuldiger Jugendfreuden. Im Verlage der Buchhandlung der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal, Schnepfenthal 1796, S. 259–261. seltener auch Schwarzer Mann,Prussia Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten (Hrsg.): Schwarzer Mann. In: Leitfaden für den Turn-Unterricht in den preußischen Volksschulen. Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1862, S. 82. ist ein traditionelles Sport- und Freizeitspiel für Kinder, das u. a. im Sportunterricht an Grundschulen oder in Jugendlagern gespielt wird und sowohl als Geländespiel als auch für den Hallensport geeignet ist. Das als Fang- oder Laufspiel kategorisierte Bewegungsspiel ist anlässlich seiner einleitenden Fragestellung auch unter dem Titel Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? bzw. seit dem 20. Jahrhundert umgangssprachlich in der Form Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? bekannt.Reinhard Peesch: Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? In: Das Berliner Kinderspiel der Gegenwart. Akademie-Verlag, Berlin 1957, S. 36.
Der schwarze Mann ist an die mythische Figur gleichen Namens angelehnt, die im europäischen Volksglauben als unheilvolle Schreckgestalt,Lutz Röhrich: Schwarz. In: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 2: Maul bis zwölf. 3. Auflage, Verlag Herder KG, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 1973, ISBN 3-451-16630-5, S. 919. aber auch als Personifizierung des Todes, z. B. in der Verkörperung als Schwarzer Tod, in Erscheinung tritt.„Es lässt sich darauf verweisen, dass die Krankheit in der Rede von der ‚verpesteten Luft‘ oder in einem Kinderspiel wie ‚Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?‘, in dem der schwarze Mann nichts anderes ist als der durch die Pest heraufziehende und sich durch Infektion ausbreitende Tod, bis in die Gegenwart hinein im kollektiven Gedächtnis präsent geblieben ist.“ Achim Landwehr: Das Verschwinden der Pest. Soziale und kulturelle Konsequenzen in Europa um 1700. In: Wolfgang Benz (Hrsg.), Georg Iggers (Hrsg.): Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG). Bd. 54, Metropol Verlag, Berlin 2006, , S. 761. Mediävisten und Kulturhistoriker führen das Spielprinzip und die jahrhundertealte Spieltradition auf die Pest und die mit ihr in Zusammenhang stehenden Totentänze des Mittelalters zurück.Josef Edmund Jörg, Franz Binder: Alte und neue Todtentänze. In: Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland. Bd. 51, In Commission der literarisch-artistischen Anstalt, München 1863, S. 134.Karl Julius Schröer: Todtentanzsprüche. In: Franz Pfeiffer (Hrsg.): Germania. Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde. Verlag von Carl Gerold's Sohn, Wien 1867, S. 286–287.
Das ursprünglich aus Mitteleuropa stammende Spiel verbreitete sich in den angrenzenden Regionen und später weltweit im Rahmen der Auswanderungsströme des 19. Jahrhunderts. Insbesondere durch die Niederlassung von Teilen der deutschen Turnbewegung in den USA wurde Der schwarze Mann ein Bestandteil der „Physical Education“ an staatlichen Einrichtungen. Variationen des Spiels haben sich dort bis heute erhalten. mini|Spielillustration in einem Schweizer Kinderbuch von 1860.Schwarzer Mann. In: Der kleine Kinderfreund: mit 76 Bildern in Tondruck. Druck und Verlag von H. Müller-Schmid, Glarus (Schweiz) 1860, S. 21. (siehe auch Kapitel 15, inkl. Spielanleitung)
Spielinformation Einordnung Der schwarze Mann wird zur Gattung traditionell gewachsener Spiele gezählt, deren Regeln (im Unterschied zu konzeptionell entworfenen Spielen) von Generation zu Generation üblicherweise mündlich weitergegeben werden.Lois Coffey Mossman: The Nature of Learning. In: Principles of Teaching and Learning in the Elementary School. Houghton Mifflin Company, Boston/The Riverside Press Cambridge, Cambridge, Massachusetts, 1929, S. 35.Andreas von Arnauld de la Perrière: Regelentstehung und kulturelles Gedächtnis. Die Entstehung von Spielregeln. In: Recht und Spielregeln. Verlag von Jakob Christian Benjamin Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 2003, ISBN 3-16-148085-6, S. 213. Ihre spätere Aufnahme in Spielebücher, d. h. ihre Verschriftlichung, ähnelt laut Andreas von Arnauld der Kodifikation von Gewohnheitsrecht, das ebenso wenig auf Schriftlichkeit angewiesen ist, um sich „fortzuerben“. Der schwarze Mann ist demnach den tradierten Regelspielen zuzurechnen,„Solche mit sehr genau festgelegten Regeln, die jede Handlungseinheit genau umschreiben und der Initiative des einzelnen wenig Spielraum und auch wenig Einfluß auf den Ausgang des Spieles überlassen. Die meisten volkstümlichen Kinderspiele ([…] ‚Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?‘, […]) gehören zu dieser Gruppe […].“ Lotte Schenk-Danzinger: Das Spiel des Kindes. In: Studien zur Entwicklungspsychologie und zur Praxis der Schul- und Beratungspsychologie. Verlag Ernst Reinhardt, München 1963, S. 91. die angesichts ihrer zeitüberdauernden Kontinuitätsmuster im Fokus ludischer Reliktforschung stehen.
Strittig ist, in welchem sozialen Umfeld Der schwarze Mann sich entwickelt hatte. Die Einordnung des Spiels als „gesunkenes Kulturgut“ (d. h. Tradition und Brauchkunst, die höfisch-aristokratischen Ursprungs sind und nachfolgend in allen Schichten der Gesellschaft Anklang fanden) wurde in der Vergangenheit von dem Historiker Erwin Mehl thematisiert.Erwin Mehl: Von der Brauchkunst zum Körperspiel. In: Gesundheit und Erziehung. Bd. 49, Verlag von Leopold Voss, Leipzig 1936, S. 291. Joachim Landkammer (Zeppelin Universität Friedrichshafen) verweist hingegen im Kontext der Pest-Epidemien auf eine mögliche Herkunft des Spiels im unteren Bereich des ständischen Systems – als eine spezifische Unterschichtenreaktion derer, die (im Gegensatz zum teils abgeschieden lebenden Adel) in den Städten zurückblieben und dem tödlichen Infektionsgeschehen ausgesetzt waren.Joachim Landkammer: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? In: Kultur/Reflexion – Philosophische, kultur- und sozialwissenschaftliche sowie künstlerische Beiträge. Universität Witten/Herdecke, 18. Mai 2020. Vgl. auch ders.: Wer hat Angst vor'm schwarzen Mann? Das "Infektionsgeschehen" als Spiel. In: Markus Heidingsfelder, Maren Lehmann (Hrsg.): Corona. Weltgesellschaft im Ausnahmezustand? Weilerswist, Velbrück, 2021, ISBN 978-3-95832-237-0, S. 325–336.
In gleicher Weise rubrizierte der Historiker Siegfried Melchert den Schwarzen Mann als volksnahes Spiel, das lange vor dessen Verschriftlichung praktiziert wurde. Es sei davon auszugehen, dass insbesondere „im Volke vielfältige Formen der Körperkultur gepflegt wurden“, die den Pädagogen und Ziehvätern der Turnbewegung, wie Johann Christoph Friedrich Gutsmuths, Gerhard Vieth und Friedrich Ludwig Jahn, „wesentliche Anregungen“ für ihre Konzepte der Leibeserziehung gaben.Siegfried Melchert: Volkstümliche Kinder- und Jugendspiele in Pommern im 19. und 20. Jahrhundert. In: Werner Buchholz (Hrsg.): Kindheit und Jugend in der Neuzeit 1500–1900. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07259-4, S. 323–325.
Verschriftlichung Im 18. Jahrhundert, mit Beginn des „bürgerlichen Zeitalters“, hielten Spiele wie Der schwarze Mann Einzug in den Lebensalltag des Bildungsbürgertums. Im Rahmen dessen kam es vermehrt zu einer Literarisierung volkstümlicher Spielweisen.Dorothea Kühme: Gesellschaftsspiel-Traditionen. In: Bürger und Spiel. Gesellschaftsspiele im deutschen Bürgertum zwischen 1750 und 1850. Campus Verlag, Frankfurt und New York, 1997, ISBN 3-593-35597-3, S. 39.
mini|Gutsmuths’ Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes aus dem Jahr 1796. Das Buch enthält eine dreiseitige Anleitung zum Knabenspiel Der schwarze Mann und repräsentiert zugleich den letzten Teil der Tetralogie Gymnastik für die Jugend.Johann Christoph Friedrich Gutsmuths: Vorrede. In: Gymnastik für die Jugend. Im Verlage der Buchhandlung der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal, Schnepfenthal 1793, S. 18 (XVIII). Der schwarze Mann wurde bereits unter Johann Christoph Friedrich Gutsmuths in der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal begeistert aufgenommen.Johann Wilhelm Ausfeld (Hrsg.): Der Kinderfreund aus Schnepfenthal. Achtes Stück, Im Verlage der Buchhandlung der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal, Schnepfenthal 1817, S. 59. Eine frühere Ausübung des Spiels im Dessauer Philanthropin (1774–1793), der „Ursprungsstätte des neueren Turnwesens“,Carl Philipp Euler: Schnepfenthal. In: Encyklopädisches Handbuch des gesamten Turnwesens und der verwandten Gebiete. Bd. 2, Verlag von Anton Pichler's Witwe & Sohn, Wien und Leipzig 1895, S. 500. ist nicht gesichert, obgleich der Pädagoge Johann Heinrich Christoph Beutler im Februar 1786 mitteilte, dass unter der Leitung Christian Gotthilf Salzmanns etliche der in Dessau praktizierten Leibesübungen und Spiele an das Schnepfenthaler Erziehungsinstitut überführtJohann Heinrich Christoph Beutler: Ueber die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal. In: Heinrich Christian Boie (Hrsg.), Christian Konrad Wilhelm von Dohm (Hrsg.): Deutsches Museum. Fünftes Stück, Mai 1786, S. 446. und in der Folge von J. C. F. Gutsmuths gesammelt und erweitert wurden.Johann Christoph Friedrich GutsMuths: Vorrede. In: Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes, für die Jugend, ihre Erzieher und alle Freunde unschuldiger Jugendfreuden. Im Verlage der Buchhandlung der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal, Schnepfenthal 1796, S. 10 (X).
Unter Friedrich Ludwig Jahn entfaltete Der schwarze Mann sich zu einem der beliebtesten Spiele der Berliner Hasenheide, auf dem ersten Turnplatz Preußens.Carl Philipp Euler: Die deutsche Turnkunst von 1816. In: Friedrich Ludwig Jahn. Sein Leben und Wirken. Verlag von Carl Krabbe, Stuttgart 1881, S. 449.Richard Bong (Hrsg.): Das Jugendspiel. In: Zur guten Stunde. Illustrierte Zeitschrift. Bd. 9, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin 1892, S. 451. Es ist überdies eines der wenigen Kinder- und Jugendspiele aus der Anfangszeit der Turnbewegung im späten 18. Jahrhundert, die bis in die Gegenwart praktiziert werden. Der schöpferische Umgang mit dem von Gutsmuths und Jahn vermittelten Schriftgut begünstigte die Komplementierung des Spiels und die Entstehung von Variationen, z. B. in Verbindung mit Eislaufen,Münchener Turnlehrer-Verein (Hrsg.): Der schwarze Mann. In: Turn- und Spielbuch für Volksschulen. Ein vollständiger Lehrgang des Turnunterrichtes in Übungsaufgaben und Spielen. Bd. 1, C H Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, München 1893, S. 166–167. Ball-Knut Dietrich, Gerhard Dürrwächter, Hans-Jürgen Schaller: Der methodische Weg. In: Die großen Spiele. Meyer & Meyer Verlag, Aachen 2012, ISBN 978-3-89899-705-8, S. 57–59. und Schwimmsport.Johann Gedrat: Der Seeräuber. In: Hermann Wagner, Alexander Lion (Hrsg.): Illustriertes Spielbuch für Knaben. 25. Auflage, Verlag von Otto Spamer, Leipzig 1914, S. 87.
Wesensmerkmale Eine Besonderheit des koordinierten Spiels gegenüber regulären, durch Fortlaufen gekennzeichneten Fangspielen ist, dass die Spieler dem Fänger entgegentreten und diesem dabei geschickt ausweichen müssen.Luise Rinser: Baustelle. Eine Art Tagebuch. 1967–1970. Verlag Samuel Fischer, Frankfurt 1970, ISBN 978-3-10-066015-2, S. 132. Dieses Spielkonzept wurde für später entwickelte Turnspiele des 19. und 20. Jahrhunderts übernommen.