mini|Der Hermannshof im Schau- und Sichtungsgarten in Weinheim war Wohnsitz der Familie Hermann Ernst Freudenberg und wird heute von der Unternehmensleitung als Konferenz- und Seminarhaus genutzt mini|Blick vom Weinheimer Bahnhof auf das Freudenberg-Firmengebäude

Die Freudenberg SE ist die Konzernobergesellschaft der Freudenberg-Gruppe, einem Mischkonzern mit Sitz in Weinheim. Freudenberg ist Automobilzulieferer, aber auch in der Maschinenbau-, Textil-, Bau- und Telekommunikationsindustrie tätig. Das Unternehmen gilt als Weltmarktführer für technische Textilien.

Geschichte Von Gründung bis einschließlich Zweiter Weltkrieg Das Unternehmen ging unter der Leitung Carl Freudenbergs aus der Handelsgesellschaft und Gerberei Heintze und Sammet hervor. Bereits seit 1844 war Carl Johann Freudenberg Teilhaber an dem Unternehmen, damals mit einem Anteil von zwanzig Prozent.

Carl Johann Freudenberg und sein Partner Heinrich C. Heintze übernahmen 1849 eine Gerberei im Müllheimer Tal in Weinheim. Das Unternehmen wuchs aufgrund des zunehmenden Exports innovativer Produkte, wie Lackleder. 1874 zahlte Carl Johann Freudenberg die Partnerfamilie Heintze aus. Der Sohn des Unternehmensgründers, Hermann Ernst Freudenberg, entwickelte zwischen 1900 und 1904 das bereits in den USA praktizierte Chrom-Gerbeverfahren in eigenen Versuchen weiter. Mit der Verwendung von Chromsalzen anstelle von pflanzlichen Gerbstoffen konnte die Produktionszeit von vielen Monaten auf wenige Wochen verkürzt werden, und Freudenberg wurde eine der größten Gerbereien in Europa.

Der Erste Weltkrieg, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise nach 1929 trafen das Unternehmen hart, denn bis zu diesem Zeitpunkt gingen mehr als 70 Prozent des fertigen Leders in den Export, der nun ausfiel. Aus diesem Grund entwickelten die Enkel des Firmengründers, Hans Freudenberg als Ingenieur, Richard Freudenberg als Verantwortlicher für Personal und Finanzen, Otto Freudenberg als Zuständiger für den Verkauf und Walter Freudenberg für den Einkauf, eine neue Strategie: Zunächst wurden Lederreste verwertet und Ersatzstoffe entwickelt. Daraus gingen ab 1929 Dichtungen aus Leder und von 1932 an Radialwellendichtringe mit einer Dichtlippe zunächst aus Leder (später aus dem Kunstkautschuk Perbunan) hervor, die unter dem Namen Simmerringe ein Begriff wurden. Seit Mitte der 1930er-Jahre entwickelten die Forscher und Ingenieure bei Freudenberg aus dem Kunstkautschuk Buna S und Buna N Dichtungen und Schuhsohlen.

Kurz nach der Machtergreifung eignete sich Freudenberg gleich 1933 die vormals jüdische Schuhfabrik Conrad Tack & Cie an – eine der ersten Arisierungen in der Zeit des Nationalsozialismus.Joachim Scholtyseck: Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur. C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68853-9, S. 113–131. 1938 wurde die vormals jüdischen Lederwerke Sigmund Hirsch von Freudenberg erworben. Die Inhaber waren zum Verkauf gezwungen, als das Reichswirtschaftsministerium 1937 das Kontingent an Rohleder für „nichtarische“ Firmen deutlich kürzte. Freudenberg sträubte sich zunächst gegen die Übernahme, willigte auf Druck des Reichswirtschaftsministerium schließlich ein; später sprach er von den Lederwerken als dem „aufgedrängten Kind“.Joachim Scholtyseck: Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur. C.H. Beck, München 2016, S. 149–155, das Zitat S. 153. Weitere Arisierungen von ehemals jüdischen Unternehmen der Lederbranche erfolgten dann, wie Firmenbiograph Joachim Scholtyseck schreibt, mit „zunehmender Routine“.Joachim Scholtyseck: Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur. C. H. Beck, München 2016, S. 157.

1938 startete Freudenberg mit der Produktion des Syntheselatex-Kunstleders Viledon, das vor allem aufgrund der Lederverknappung in den Vorkriegsjahren der 1930er-Jahre durch den bei Freudenberg arbeitenden Chemiker Carl Ludwig Nottebohm als Ersatzmaterial für Taschen und Koffer entwickelt wurde.

Nach dem deutschen Sieg über Frankreich erwarb Freudenberg 1940 die Firma Chromex, die in Lardy, südlich von Paris Fahrzeugdichtungen herstellte. Die jüdischen Inhaber Paul Geissman und Jules Blum waren zuvor vor den Nationalsozialisten in den unbesetzten Teil Frankreichs geflohen. Chromex war 1934 mit finanzieller Unterstützung von Freudenberg gegründet worden und nutzte dessen Technologie in Lizenz. Ob bei dieser Expansionsstrategie die Sorge im Vordergrund stand, mit Mitbewerbern wie Salamander mithalten zu können, oder ob Freudenberg hier einfach die Gelegenheit ausnutzte, die sich ihm bot, ist laut Joachim Scholtyseck schwer zu entscheiden.Joachim Scholtyseck: Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur. C.H. Beck, München 2016, S. 295–301.

Am 26. Januar 1943 traten Richard, Hans und Walter Freudenberg in die NSDAP ein, ihre Parteimitgliedschaft wurde auf den 1. Oktober 1941 rückdatiert.Joachim Scholtyseck: Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur. C.H. Beck, München 2016, S. 316.

Freudenberg gehörte während der Zeit des Nationalsozialismus zu den rund 79 deutschen Firmen, die ihre Materialien von KZ-Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen testen ließen. Auf der sogenannten „Schuhprüfstrecke“ des KZ Sachsenhausen musste das Schuhläufer-Kommando unter anderem Material des Unternehmens Freudenberg durch Ablaufen auf Verschleiß testen. Die „Schuhprüfstrecke“ wurde von der Lager-SS als Strafkommando genutzt. Die Häftlinge mussten täglich Entfernungen von etwa 30 bis 40 Kilometer auf der Strecke zurücklegen und dabei zusätzlich mit Sand oder Ziegelsteinen gefüllte Säcke auf dem Rücken tragen. Viele Häftlinge brachen zusammen und starben. Täglich sollen, nach konservativen Schätzungen und Zeugenberichten, 10 bis 20 Häftlinge bei diesen Materialtests ermordet worden sein.Claudia Gottfried: Konsum und Verbrechen – Die Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen. In: LVR-Industriemuseum Ratingen: Glanz und Grauen: Mode im „Dritten Reich“. Ratingen 2012, ISBN 978-3-9813700-2-7, S. 48.

Nachkriegszeit Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Nutzung von Vliesstoffen, die zunächst als Trägermaterial für das vom Unternehmen gefertigte Kunstleder entwickelt wurden, als Ersatz und Ergänzung gewebter Stoffe. Durch die vielseitige Einsetzbarkeit der Vliesstoffe wurden sie bald sehr bekannt. Seit 1948 gibt es Einlagestoffe aus Vliesstoffen unter dem Namen VlieselineVlieseline – ein neu entwickelter Einlagestoff. In: Rund um den Pelz Heft 8, Köln, 20. August 1949, S. 14. und Haushaltsprodukte der Marke Vileda. Ein Produktionsprogramm von Filtern für Industrie und Konsum mit der Marke Viledon nahm 1957 seinen Anfang.

Nach dem Zweiten Weltkrieg investierte das Unternehmen während des Wiederaufbaus von neuem im Ausland. Freudenberg gründete einen Standort in Lowell, Massachusetts. Dort wurden ab 1950 Vliesstoffe zunächst zusammen mit einem amerikanischen Partner produziert. Von 1954 an gab es in den USA eine Fabrik für Dichtungen und Formteile, und ab 1968 beteiligte sich Freudenberg bei einem amerikanischen Dichtungshersteller, der später vollständig übernommen wurde.

Darüber hinaus eröffnete das Unternehmen in den 1950er- und 1960er-Jahren zahlreiche weitere Produktionsstätten in Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika. 1960 begannen zwei Partnerschaften mit japanischen Unternehmen. Mit der Nippon Oil Seal Industry Company (NOK) kooperierte man im Bereich Dichtungstechnik, mit der Japan Vilene Company im Bereich Vliesstoffe. Von 1970 bis 1989 baute Freudenberg ein weltweites Netz von Produktions- und Vertriebsstandorten auf, zu denen Nord-, Mittel- und Südamerika, Australien, Südafrika und Ostasien gehören. Währenddessen wurde auch die Produktpalette erweitert. Von 1962 bis 1965 wurde die Technik zur Herstellung von Spinnvliesstoffen entwickelt, die seither in der Medizin, der Landwirtschaft und der verarbeitenden Industrie verwendet werden. Der Schmierstoffhersteller Klüber Lubrication wurde 1966 erworben, und ab 1977 erfolgte der Einstieg in die Fertigung von elektromechanischen Bauteilen, die 1981 zusammen mit den japanischen Partnern um flexible Leiterplatten erweitert wurden.

Seit den 1990er Jahren Ab Mitte der 1990er Jahre eröffnete Freudenberg gemeinsam mit seinen japanischen Partnern NOK und Japan Vilene Company erste Produktionsstätten in China. In Changchun und Wuxi wurden Dichtungsfabriken und in Suzhou eine Produktion für Einlagestoffe aufgebaut.

Der erste Sprecher der Unternehmensleitung, der nicht der Familie Freudenberg angehörte, war von 1997 bis 2012 Peter Bettermann.

Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm Freudenberg die früheren Fabrikhallen und Verwaltungsbauten der Gummiwerke Berlin in der Friedrichshainer Boxhagener Straße. Im Jahr 2011 zog das Freudenberg-Werk nach Berlin-Adlershof.Historie des Freudenberg-Areals, abgerufen am 18. Mai 2017. Die verbliebene Fläche in Friedrichshain fand 2011 einen neuen Käufer und Investor, der die Entwicklung und schließliche Bebauung zunächst unter der Bezeichnung Freudenberg-Areal vornahm. 2017 wurde der Name geändert in Box Seven.

1997 gründet Freudenberg in Italien die Freudenberg Politex Nonwovens zur Herstellung von Polyester-Vliesstoffen aus recycelten PET-Flaschen.

Anfang der 2000er Jahre führt das Unternehmen die verschiedenen Aktivitäten der Gruppe im Bereich der Brennstoffzelle in einer Geschäftseinheit zusammen (Freudenberg Fuel Cell Components Technology). 2002 beendet Freudenberg das Ledergeschäft. Das Unternehmen begründete dies mit „Geschäftsverlagerungen und Produktionsreduktionen bei großen Kunden“ sowie mit stark gestiegene Rohwarenpreise und einer damit einhergehenden Unrentabilität. Durch den Zukauf des amerikanischen Unternehmens O’Cedar erschloss sich Freudenberg 2003 den amerikanischen Markt für Haushaltsprodukte. Im Rahmen eines Joint Venture mit der indischen Sigma-Gruppe und der japanischen NOK entstand im Jahr 2003 in Mohali die erste Fabrik von Freudenberg in Indien.

2004 kaufte Freudenberg den Gleitringdichtungs-Hersteller Burgmann Industries aus Wolfratshausen auf. Mit dem japanischen Partnerunternehmen Eagle Industries bildet Burgmann Industries seit 2005 die EagleBurgmann-Gruppe. Ebenfalls im Jahr 2004 erwarb Freudenberg den amerikanischen Hersteller von Trennmitteln, Chem-Trend. Das Unternehmen wurde anschließend gemeinsam mit den Freudenberg-Unternehmen Klüber Lubrication und OKS im neuen Geschäftsfeld Freudenberg Chemical Specialities zusammengefasst.

Mit dem Erwerb von Jenline Industries stieg Freudenberg 2004 in den Markt für Medizintechnik ein. 2006 und 2008 wurden weitere Unternehmen in dem Tätigkeitsfeld hinzugekauft: Helix Medical im Jahr 2006 und Anura Plastics Engineering im Jahr 2008. 2007 verkaufte Freudenberg den Bereich Bausysteme und Schuhkomponenten an ein Investorenkonsortium; das Unternehmen firmiert seitdem unter nora systems.

Im Jahr 2010 hat Freudenberg Chemical Specialities das Oberflächentechnik-Unternehmen SurTec International mit Hauptsitz in Zwingenberg übernommen. SurTec bietet Produkte und Lösungen für Oberflächenbehandlung und Galvanotechnik, beispielsweise für das Reinigen, Entlacken, Färben, Beschichten und Galvanisieren von Oberflächen aus Metall und Kunststoff. Des Weiteren wurde im Jahr 2010 das Joint-Venture-Unternehmen Freudenberg Schwab GmbH, welches 1999 in Kooperation mit der Schweizer Schwab AG gegründet wurde und zu 50 Prozent der Freudenberg Gruppe angehörte, vollständig aufgekauft. Das Unternehmen wurde 2016 an die Trelleborg AB verkauft.