mini|Deckblatt des Radetzkymarsches, op. 228 (1848) mini|Radetzky-Marsch (Spieldauer 2:33)

Der Radetzky-Marsch (Armeemarsch II, 145) ist ein von Johann Strauss komponierter und dem österreichischen Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz gewidmeter Marsch und trägt die Opus-Zahl 228. Die Uraufführung fand am 31. August 1848 am Wasserglacis in Wien statt.

Entstehungsgeschichte der Widmung mini|Joseph Radetzky von Radetz, der Namensgeber des Marsches Die Entstehung des Marsches gehört historisch in einen Abschnitt der Märzrevolution in Wien, vor dem einerseits vor dessen Beginn die Aufständischen wichtige Zugeständnisse erreichten. Dazu gehörten am 13. März 1848 der Rücktritt von Fürst Metternich, der verhassten 74-jährigen Symbolfigur der Restauration, am 14. März erste Zugeständnisse durch Kaiser Ferdinand I. zur Errichtung einer Nationalgarde und Aufhebung der Zensur, am 15. März die Gewährung der Pressefreiheit und ein Verfassungsversprechen. Am 25. April 1848 wurde diese bekanntgemacht, sie und die am 9. Mai veröffentlichte Reichstags-Wahlordnung sorgten in ihren weitgehenden Restriktionen für Empörung, worauf es zu neuerlichen Unruhen kam („Mairevolution“): Am 17. Mai 1848 floh der Kaiser nach Innsbruck.

Am 22. Juli 1848 wurde der konstituierende österreichische Reichstag mit 383 Delegierten aus Österreich und den slawischen Ländern von Erzherzog Johann eröffnet. Unter anderem wurde dort Anfang September die Bauernbefreiung von der Erbuntertänigkeit beschlossen.

Andererseits hatte am 25. Juli 1848 Feldmarschall Josef Wenzel Radetzky von Radetz einen überzeugenden Sieg in der Schlacht bei Custozza über die piemontesischen Truppen errungen und schließlich am 6. August die Lombardei für Österreich zurückgewonnen. Damit bekamen die restaurativen Kräfte in Wien wieder die Oberhand und hegten die Hoffnung, mit Hilfe des Militärs die Revolutionäre in Wien wieder zurückdrängen oder sogar vernichten zu können.Frank Miller (d. i. Helmut Reichenauer): Johann Strauss Vater – Der musikalische Magier des Wiener Biedermeier. Dokumentarbiographie. Castell-Verlag, Eisenburg [d. i. Vasvár], 1999, ISBN 3-9501095-0-1, S. 331.

Einer der Vorboten der kommenden und als Wiener Oktoberrevolution bezeichneten Ereignisse war die blutige Niederschlagung eines Arbeiterprotestes am 23. August 1848, die als „Praterschlacht“ in die Geschichte eingegangen ist: Ein aus Anlass der Kürzung der Notstandszahlungen um 5 Kreuzer durch Arbeitsminister Ernst Schwarzer (bedeutete allerdings eine prozentuale Kürzung der Zahlungen für Männer um 25 %, für Frauen sogar um 33 %) formierter Protestzug wurde durch die kaiserliche Nationalgarde blutig niedergeschlagen, wobei vor allem unbewaffnete Arbeiter, Frauen und Kinder die Opfer waren. Auch Kaiser Ferdinand kehrte am 12. August 1848 nach Wien zurück.

In dieser Situation setzte Strauss (Vater), dessen Sympathien immer auf der Seite der Kaiser-Treuen waren, am 31. August 1848 ein Siegesfest in den Parkanlagen des Wasserglacis „zu Ehren der tapferen Armee in Italien und zur Unterstützung der verwundeten Krieger“ an und kündigte die Uraufführung eines neuen Marsches an, der als Radetzky-Marsch uraufgeführt wurde. Er erhielt auf dem Titelblatt der Klaviererstausgabe den Zusatz „zu Ehren des großen Feldherren … und der k.k. Armee gewidmet“.Frank Miller: Johann Strauss Vater – Der musikalische Magier des Wiener Biedermeier. Dokumentarbiographie. Castell-Verlag, Eisenburg [d. i. Vasvár], 1999, ISBN 3-9501095-0-1, S. 333/334.

Musik

Entstehungsgeschichte mini|Hans Schließmann: Radetzky-Marsch (vor 1920) Der Marsch in seiner originalen Fassung von 1848 ist ein fröhlich-beschwingtes Stück ohne jedes martialisches Gehabe,Frank Miller: Johann Strauss Vater – Der musikalische Magier des Wiener Biedermeier. Dokumentarbiographie. Castell-Verlag, Eisenburg [d. i. Vasvár], 1999, ISBN 3-9501095-0-1, S. 334. mehr Tanz- statt Militärmusik.

Das berühmte Kopfthema des Marsches (Opus 228) beginnt original mit einem vier Takte kurzen Anreißer, dann folgt jene Melodie, die weltbekannt wurde. Dabei greift Strauss (Vater), wie der Strauss-Forscher Norbert Linke nachwies, auf eine langjährige Ausformung dieser Teile zurück: Die Auftakt-Takte (Vorschläge) finden sich 1828 erstmals im „Lust-Lager Walzer“ (op. 18), der zweite Teil der Melodie wurde ebenfalls erstmals 1828 im „Krapfen-Waldl-Walzer“ (op. 12, Walzer 4 b) verwendet und finden sich abgewandelt als Walzerteil 3 a ebenfalls im „Lust-Lager-Walzer“. Weitere Melodieteile sind in der typisch Straussschen Variationstechnik zitatseitig in den opera 144, 217 und 221 zu finden.Norbert Linke: Musik erobert die Welt. Herold, Wien 1987, ISBN 3-7008-0361-3, S. 166. In der „Jubel-Quadrille“ (op. 130 von 1841) ist in deren „Finale“ bereits endgültig im A-Teil nahezu notengetreu das gesamte Marschthema, was Strauss (Vater) sieben Jahre später hier verwendete, aufgeführt worden.

Linke widerlegt die Behauptung des Strauss-Biographen Heinrich Eduard Jacob (1937), Strauss Vater habe die Melodie aus der Ouvertüre zu Rossinis Oper „Wilhelm Tell“ abgeleitet. Auch die Behauptung, Philipp Fahrbach der Ältere sei der eigentliche Komponist, verweist Linke endgültig in das Reich der Legende:Norbert Linke: Musik erobert die Welt. Herold, Wien 1987, ISBN 3-7008-0361-3, S. 165–166. Fahrbach besorgte allerdings die Arrangements für Militär- und für Harmoniemusik.Norbert Linke: „Es mußte einem was einfallen“ – Untersuchungen zur kompositorischen Arbeitsweise der „Naturalisten“. Hans Schneider, Tutzing 1992, ISBN 3-7952-0732-0, S. 124. Behauptet wird auch, dass der Beginn zudem durchaus ähnlich dem zweiten Thema des 1794 komponierten Allegros aus Joseph Haydns Sinfonie Nr. 100 sei: Auch dieses ist falsch. Bearbeitungen verschiedener Haydn-Werke gehörten zwar zum ständigen Repertoire des Strauss-Orchesters, dürften jedoch eher Anreger für die frühen Nachweise in den opp. 12 und 18 von Strauss (Vater) von 1828 gewesen sein.

Die Trio-Melodie ist nach Linke „ein zweistimmiger Klarinetten-Jodler, für den komische Überschläge und Triller charakteristisch sind.“ Es gibt nur zwei harmonische Stufen (1. und 2. Stufe). „Mal gluckert der Sextaufschwung in der Tonika, mal in der Dominante, im zweiten Trio-Teil geht’s umgekehrt. Die Musik scheint auf der Stelle zu treten, nur äußerlich ‚dramatisiert‘ durch das Forte und den ‚Wegwischer-Lauf‘ im zweiten Teil, ehe alles wieder in das Piano-Gluckern zurückfällt.“

Linke widerlegte zudem mehrere in verschiedenen Strauss-Biographien zu findende Legenden um das „Trio“ des Radetzkymarsches:Für Mitlesende: Ein Marsch folgt im deutschsprachigen Raum im Aufbau in der Regel der Form „A–B–A“, wobei der Mittelteil „B“ als „Trio“ bezeichnet wird. Zu den Legenden um die Strauss-Familie gehört, dass es sich um ein Stück „Alter Tanz aus Wien“ oder auch „Tinerl-Lied“ handele, manche auch mit der Ausschmückung, es sei benannt nach einer damals populären Sängerin oder Dudlerin, genannt „Lerchenfelder Tinerl“. Dies geht zurück auf seinen jüngsten Sohn, Eduard Strauß, der es in seinen häufig ungenauen ErinnerungenEduard Strauß: Erinnerungen, Franz Deuticke, Leipzig 1906, S. 170–171. erstmals behauptete. Trotz aller Bemühungen auch von Spezialisten wie Josef KollerLinke bezieht sich auf Josef Koller: Das Wiener Volkssängertum in alter und neuer Zeit. Gerlach & Wiedling, Wien 1931. wurde eine Sängerin oder Dudlerin dieses Namens nie gefunden. Im Übrigen verweist Linke darauf, dass der Tonumfang des Trios zu groß und die Intervalle so schwierig seien, dass es gar nicht sangbar sei. Ebenfalls als Legende gilt: Als Radetzky nach der siegreichen Schlacht bei Custozza (1848) nach Wien zurückkehrt sei, hätten seine Soldaten auf der Straße dieses populäre Lied gesungen. Strauss habe diesen Soldatengesang gehört und ihn im Marschtakt, aber melodisch kaum verändert, in den Radetzky-Marsch eingebaut. Auch das geht auf Eduard Strauß und seine Erinnerungen zurück, allerdings dort in der Variante, dass die Soldaten „bei ihrem Auszuge aus Wien das Lied gepfiffen und gesungen“ hätten. Max Schönherr wiederum verweist in seiner Biographie über Strauss (Vater) (1954) auf eine – angeblich – alte Wiener Melodie von 1845, die Eduard Kremser in seiner Sammlung „Wiener Lieder und Tänze“ von 1913 mit der Behauptung wiedergibt: „Dieser Tanz wurde von J. Strauß sen. im Trio des Radetzky-Marsches benützt.“Max Schönherr, Karl Reinöhl: Das Jahrhundert des Walzers – 1. Band – Johann Strauss Vater, Universal Edition, London 1954, S. 309. Die von Kremser geschaffene Fassung siehe Eduard Kremser: Wiener Lieder und Tänze. Zweiter Band. Gerlach & Wiedling, Wien 1913, S. 218. Kremser hatte aber diese Ländler-Fassung nach dem Trio des Marsches selbst hergestellt und sich überdies noch das Urheberrecht daran gesichert. Linke nennt diese Fälschung „das tollste Husarenstück“. Neuere und durchaus seriöse Strauss-Biographien sprechen von der Zitation „eines alten Wienerliedes“, bleiben jedoch einen Herkunftsnachweis ebenfalls schuldig. 2019 legte Linke neue Nachweise zur Entstehungsgeschichte vor. So verweist er darauf, dass in der Wienbibliothek zwei verkaufbare Kopistennachschriften existieren (Signaturen MHc 13129 und MHc 14492). Überdies sei ein möglichst nah heranreichendes Original durch seinen Enkel Johann Strauss III. erstellt worden, das 1914 im Verlag Scheithauer in Berlin-Charlottenburg erschienen ist.Norbert Linke: Anhaltendes Rätselraten über die Entstehung des Radetzky-Marsches, op. 228, von Johann Strauss (Vater) In: Neues Leben – Das Magazin für Strauss-Liebhaber und Freunde der Wiener Operette, Nr. 60 (2019/1), , S. 29–38, hier: S. 30.

Unter Nutzung seiner Kenntnisse ordnet Linke in seinen Forschungsergebnissen auch das Trio des Marsches einem Tiroler Volkslied zu, einem gesungenen zweistimmigen Ländler, Fein sein, beieinand' bleiben… (ein Ehestandslied), von dem Strauss (Vater) (im Grunde nur) die ersten sechs Takte nutzt. Durch Weglassung der Subdominante, die „Übersetzung“ in einen konsequenten Marschrhythmus, sowie die Verwendung von Wiederholungen, Vertauschungen und (im Volkslied nicht vorhandenen, aber aus ihm abgeleiteten) Jodler-Sequenzen bildete Strauss allein mit diesen sechs Takten des Volksliedes das gesamte Trio des Radetzky-Marsches und damit ein in sich geniales Musikstück.Norbert Linke: Anhaltendes Rätselraten über die Entstehung des Radetzky-Marsches, op. 228, von Johann Strauss (Vater) In: Neues Leben – Das Magazin für Strauss-Liebhaber und Freunde der Wiener Operette, Nr. 60 (2019/1), , S. 29–38, hier: S. 34–35.

Linke weist auf diese Weise die „Erinnerungen“ von Eduard als Sohn von Strauss (Vater) einem schlichten (und auch durchaus naheliegenden) Hör- und Erinnerungsfehler („Tinerl“ und „Tiroler“) zu, sondern auch darauf, dass der Text (Fein sein, beieinand' bleiben…) durchaus auch seinen eigenen Sinn für die Truppen gehabt haben könne und eigentlich eine Völkerverständigungsbotschaft beinhalte.Norbert Linke: Anhaltendes Rätselraten über die Entstehung des Radetzky-Marsches, op. 228, von Johann Strauss (Vater) In: Neues Leben – Das Magazin für Strauss-Liebhaber und Freunde der Wiener Operette, Nr. 60 (2019/1), , S. 29–38, hier: S. 37.

Weitere Geschichte

Der Marsch war – trotz des historischen Hintergrundes – von Beginn an ausgesprochen populär. Soweit nachweisbar, haben er und seine familiären Nachfolger (seine Söhne Johann Strauss (Sohn), Josef und Eduard) sowie sein Enkel Johann Strauss III. allenfalls Anpassungen im Orchesterarrangement vorgenommen, da der Marsch ursprünglich für ein 24–28 Personen umfassendes Orchester (damalige Orchestergröße des Vaters) geschrieben war, von dem nur das Stimmenmaterial existierte. Der Verleger Haslinger brachte nur Bearbeitungen für Klavier 2- und 4-händig heraus, die beiden Kopistenabschriften der Wienbibliothek (Signaturen MHc 13129 und MHc 14492) sind die einzig bekannten „Zusammenschreibungen“.