mini|Bronzerelief Stammlager XVII A Kaisersteinbruch von Alexandru Ciutureanu, 1939–1999 Das Kriegsgefangenenlager Kaisersteinbruch, auch als Stalag XVII A Kaisersteinbruch bezeichnet, befand sich in der damaligen Gemeinde und heutigen Ortschaft Kaisersteinbruch in der Gemeinde Bruckneudorf im Burgenland. Im Zuge vom Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland wurde die Bevölkerung von Kaisersteinbruch abgesiedelt um Platz für ein Lager zu schaffen. Das Lager befand sich damals im neugebildeten Reichsgau Niederdonau, heute überwiegend auf dem Gebiet vom heutigen Bundesland Burgenland, einige ehemalige Lagerbereiche liegen heute jenseits der Grenze im Bundesland Niederösterreich. Dieses erste Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet der neu gebildeten „Ostmark“ mit dem Wehrkreis XVII (Wien) war eines der ersten Lager des gesamten Reichsgebietes.

Die erste Erwähnung fand das Lager Kaisersteinbruch am 29. August 1939 durch die Aufstellung des Dulag „J“, dem die Landesschützenbataillone XXV und XXVII unterstellt wurden. Am 30. September 1939 erfolgte die Umbenennung in Stalag XVII A, während Stalag XVII B Krems-Gneixendorf und Stalag XVII C Edelbach-Döllersheim noch Durchgangslager blieben. Neben seiner Funktion als Stalag hatte Kaisersteinbruch, im Herbst 1939 noch mit dem Standort Bruck an der Leitha benannt, auch noch weiterhin seine frühere Funktion als Dulag auszuüben.

Kaisersteinbruch 1938 Gleich nach dem Anschluss Österreichs begann eine emsige Bautätigkeit. Keine dringend notwendigen Wohnhausbauten entstanden, sondern ein Militärlager wurde neu erbaut. In der Folge wurde das Militärlager (Lager I) von der deutschen Wehrmacht übernommen und mit Truppen belegt.

Auflösung der Gemeinde Schon im Juli 1938 wurde die Gemeindevorstehung verständigt, dass Kaisersteinbruch von der Zivilbevölkerung gänzlich geräumt werden müsse. Der Bürgermeister, statt einen Widerstand zu organisieren, räumte als einer der ersten das Feld. Als zweite verkaufte das Stift Heiligenkreuz alle Grundstücke samt Bauten, welches nicht nur den Pfarrhof und die Kirche mit den dazugehörenden Pfarrgründen, sondern auch den Friedhof mit den Toten umfasste. Es fanden sich nach und nach Nachahmer und im Sommer 1939 war bis auf wenige Familien Kaisersteinbruch geräumt.

Absiedlung 1939 Ein Schreiben der Deutschen Ansiedlungsgesellschaft Geschäftsstelle Bruck a.d.L., dokumentiert die befohlene Absiedlung von Kaisersteinbruch.Archiv des Museums- und Kulturvereines Kaisersteinbruch wir bestätigen, dass Ferdinand Schweiger aus Kaisersteinbruch seine Wohnung infolge Erweiterung des Truppenübungsplatzes Bruck an der Leitha aufgeben muss. Die Gemeinde Kaisersteinbruch muss bis spätestens 15. März 1939 geräumt sein ..

Ein Schreiben der Kommandantur des Truppenübungsplatzes Bruck a.d.Leitha vom 24. Juli 1939 gewährte noch einen Aufschub .. da der Ort am 1. Oktober 1939 endgültig geräumt werden muss.

Auflösung der Pfarre Kaisersteinbruch Die Apostolische Administration des Burgenlandes teilte in einem Schreiben vom 31. März 1939 dem Heiligenkreuzer Abt Gregor Pöck neue Pfarrgrenzen mit: Die dem Stifte inkorporierte Pfarre Kaisersteinbruch gehörte nun der Pfarre Winden am See und die Siedlung Königshof der Pfarre Wilfleinsdorf.Stiftsarchiv Heiligenkreuz 51-2-53.

Vollständige Räumung der Kirche Die Zentralstelle für Denkmalschutz in einem Schreiben vom 20. Mai 1939 an das Lagerkommando in Bruck/Leitha: Da der Ort Kaisersteinbruch mit seiner künstlerisch bemerkenswerten zweitürmigen Pfarrkirche vollständig geräumt werden muss, sollen fotografische Aufnahmen des Ortes und von den Außenseiten, wie vom Inneren der Kirche angefertigt werden.

Das erste Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet der „Ostmark“ Für die Wahl des Standortes waren die Erfahrungen mit Kaisersteinbruch als Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg, sowie als „Anhaltelager“ des Ständestaates verantwortlich.

→ Anhaltelager Kaisersteinbruch

Lager 2 Gleich nach dem Einzug der deutschen Truppen in das Lager 1 wurde mit dem Bau eines neuen Lagers begonnen. Es wurden 30 große Mannschaftsbaracken, 2 große Mannschaftsküchen und 4 große Garagen für Fahrzeuge aller Art, alle aus Holz, mit einem „Normalbelagraum“ für 6.000 Mann errichtet. Mai/Juni 1939 wurden die ersten Truppen dort untergebracht. Im Sommer 1940 richtete man den größeren Teil dieses Lagers, kurz Lager 2 bezeichnet, als Kriegsgefangenenlager ein.

In die am obersten Waldrand gelegenen 4 Baracken wurden die 4 Kompanien des im Lager 1 als Wachmannschaft untergebrachten Landesschützen-Bataillons übersiedelt und dadurch das gesamte Mannschaftslager von Lager 1 zur Unterbringung von Kriegsgefangenen freigemacht. Nach der Heimbeförderung der Polen existierten ebendort ausschließlich Sowjet-Russen, mitten unter diesen, in zwei separat mit Stacheldraht abgeschlossenen Baracken waren 500 bis 600 englische Kriegsgefangene untergebracht.

„Unser Bataillon 892“ Aus einem Kompanie-TagebuchKonrad Biricz-Archiv, Bruck an der Leitha im Kriegsgefangenenlager Kaisersteinbruch: Unser Marsch ging also über Wilfleinsdorf in die neue Heimat – Kaisersteinbruch! .. so zogen wir in unser neues Quartier ein. Was wirst du uns bringen?

Das Lager ist unübersehbar. Barackenreihen steigen gegen den angrenzenden Wald an. Dazwischen liegen breite Durchfahrtsstraßen. Und das Neue für uns – Menschen hinter Drahthürden. Das Symbol des Lagers – weithin sichtbar: die Wachttürme, roher Holzbau mit einer Leiter. Oben gedeckte, nach einer Seite hin offene Kasten. Im Wachtstand blitzen MG-Läufe im Sonnenschein. Dort werden wir bald Dienst machen müssen! In der Lagerstadt ziehen sich die Barackenstraßen unabsehbar dahin, dazwischen rege Bewegung von tausenden Gefangenen. Die verschiedenen Uniformen, die fremde Hautfarbe, all das gibt ein eigenes Bild.

Anthropologische Messungen Kurz nach Ausbruch des Krieges wurde vom Naturhistorischen Museum in Wien, unter Beiziehung wissenschaftlicher Institute, eine anthropologische Kommission zusammengestellt, die im Jänner 1940 ihre Messungen ins Stalag XVII A verlegte. Hier wurden weit über tausend polnische Kriegsgefangene erfasst. Im Tagebuch wurde ein gedachter Leser angesprochen: … alle Nationen waren vertreten, damit ihr euch ein Bild machen könnt …: Polen, Griechen, Ukrainer, Bulgaren, Rumänen, Magyaren, Deutsche, Tschechen, Italiener, Serben, Kroaten, Schwarze. (Die Wortwahl im Kompanie-Tagebuch des Kriegsgefangenenlagers Kaisersteinbruch ist: „Neger“)

Auch Juden gab es hier unter den Gefangenen. Sie stammten meist aus dem Süden. Meist waren sie aus Deutschland emigriert und schon früher nach Frankreich eingewandert. Sie wurden streng von den anderen Gefangenen abgesondert und hatten verschiedene Arbeiten zu leisten.

Ein Jahr später enden die Aufzeichnungen: Das Barackenlager mit seinen Stacheldrahtzäunen, Wachttürmen und Lagergassen, voll belegt mit Kriegsgefangenen, einer stumpfen, trägen unheimlichen Masse von entwaffneten Feinden, die lauern, ob nicht irgendwann und irgendwie sich eine Lücke im abgesperrten Stacheldraht auftue und ein Weg in die Freiheit offen stehe.

Über die Lagerinsassen Die hauptsächliche Belegung in Kaisersteinbruch bestand aus französischen Kriegsgefangenen. Die Belegschaft betrug z. B. am 31. Januar 1941 insgesamt 74.553 Soldaten und 220 Zivilinternierte: Verwendungsgruppe Franzosen Belgier Polen Gesamt Offiziere 970 0 0 970 Mannschaften & UO. 65.441 5.642 2.500 73.583Zivilinternierte 146 42 32 220

Bis Februar 1941 war Stalag XVII A eines der größten Lager des gesamten Reichsgebietes. Ab März 1941 war ein gewaltiger „Schwund“ an Insassen zu bemerken, was durch die Lager in Wolfsberg und Spittal/Drau zu erklären ist. Im Juni 1941 bildeten die Serben die zweitstärkste Gruppe unter den Kriegsgefangenen, wurden jedoch ab Dezember 1941 von Rotarmisten an der zweiten Stelle abgelöst. In den folgenden Monaten erreichte das Lager Kaisersteinbruch zwar nie mehr an die Zahlen des Jahres 1940, gehörte aber zu den größeren Lagern des Reichsgebietes. Auch die Zahl der italienischen Militärinternierten kam in ihrer Gesamtzahl fast an jene der Franzosen heran.

Überprüfungsberichte einer IKRK-Kommission Der erste erhaltene Überprüfungsbericht einer IKRK-Kommission stammte von Sommer 1940. Die Verpflegung wurde bereits 1940 von den Gefangenen als nicht ausreichend beschrieben, vor allem wünschten die meisten mehr Brot. Die Küche selbst, die unter dem Kommando eines deutschen Unteroffiziers stand, war sauber und ausreichend ausgestattet und wurde von einem französischen Arzt überwacht. Die Bekleidungsausstattung war zu gering, wobei besonders die Uniform der Belgier aus einem Material bestand, das schnell abgetragen war, besonders bei jenen Gefangenen, die einen Arbeitseinsatz leisteten. Die Wünsche der Kriegsgefangenen gingen vor allem in Richtung Schuhe, aber auch Bekleidung allgemein und Unterwäsche.

Die Sterberate unter den Gefangenen war sehr niedrig und erreichte im Sommer 1940 die Zahl von 55 Todesfällen, von denen mehrere Arbeitsunfälle waren. Neben einem deutschen Arzt arbeiteten auch fünf französische Ärzte im Krankenrevier, die mit den hygienischen Bedingungen im Allgemeinen zufrieden waren. Die grundsätzliche Klage der Gefangenen ging in Richtung Postempfang, der sehr spärlich war, vor allem aus dem besetzten Frankreich. Viele hätten ihre Gefangenenkarten vor einem oder zwei Monaten nach Genf geschickt und würden nun Post erhalten, was die Männer sehr glücklich machen würde, da dies die ersten Nachrichten von ihren Angehörigen seien. Probleme bestanden allerdings für die Zensur des Lagers durch manchmal sehr lange Briefe, die oft schwer leserlich waren, was deren Verteilung enorm verzögerte.

Besuche der Delegierten im Stalag XVII A erfolgten am 20. August 1940, 19. März 1941, 28. März 1942, 10. November 1942, 30. April 1943, 10. Jänner 1944 und am 8. August 1944. Überdies wurde dieses Lager auch von Vertretern der Schweizer Regierung besucht, allerdings sind die Besuchsdaten nicht bekannt. Die Besuchsberichte wurden an das Außenministerium in Berlin, der damaligen Gewahrsamsmacht, weitergeleitet.Informationen vom Generalsekretariat des Roten Kreuzes, Jany Bernhard. In: Helmuth Furch: Historisches Lexikon Kaisersteinbruch, S. 389

Religiöse Aktivitäten Bezüglich der religiösen Aktivitäten der Kriegsgefangenen scheint in Stalag XVII A Kaisersteinbruch eine Ausnahme geherrscht zu haben. Kaplan Josef Franzl wurde für die Seelsorge unter den Landesschützen eingeteilt, durfte diese Tätigkeit nach seiner eigenen Aussage aber auch unter den Kriegsgefangenen ausüben – was offiziell verboten war.Bericht von Pfarrer Josef Franzl. In: Mitteilungen des Museums- und Kulturvereines Kaisersteinbruch. Nr. 34, 1994 Im Wesentlichen dürfte diese seelsorgliche Tätigkeit die französischen und polnischen Gefangenen betroffen haben, die sich „in den Gottesdiensten in engen Baracken um den Altar drängten und gläubig ihre Lieder sangen“, während die anderen Nationalitäten ihre eigenen Seelsorger hatten. Im Überprüfungsbericht vom 17. März 1944 spricht die Kommission von einem katholischen Priester, der die Erlaubnis hatte, den katholischen Insassen des Lagers am Sonntag im „Russentheater“ die Messe zu lesen. Die verschiedenen Arbeitskommanden durfte er allerdings nicht besuchen – ein Hinweis auf Pfarrer Franzls Tätigkeit.

Im Laufe des Jahres 1944 übten auch zwei britische Militärkapläne ihre seelsorgliche Tätigkeit unter ihren Glaubensangehörigen aus. Im Laufe des Jahres durften sie allerdings im Zusammenhang mit den neuen Sicherheitsrichtlinien die einzelnen Arbeitskommanden nicht mehr aufsuchen.

Französische Kriegsgefangene