Der Totentempel des Mentuhotep II. ist ein Totentempel, den Mentuhotep II., altägyptischer König (Pharao) der 11. Dynastie (Mittleres Reich), erbauen ließ. Der Tempel liegt auf dem thebanischen Westufer im Talkessel von Deir el-Bahari, ganz in der Nähe der Saff-Gräber von Mentuhoteps Vorfahren. Er ist historisch und baugeschichtlich ein wichtiges Denkmal und Zeugnis für den Übergang von den Pyramidentempeln des Alten Reichs zu den Millionenjahrhäusern des Neuen Reichs.D. Arnold: Lexikon der Ägyptischen Baukunst. Düsseldorf 2000, S. 159.D. Arnold: Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen – Baudenkmäler – Kultstätten. München u. a. 1992, S. 140.
Der Totentempel des Mentuhotep II. ist der einzige halbwegs erhaltene monumentale Tempelbau des Mittleren Reiches und war auch richtungsweisend für den rund 550 Jahre jüngeren Totentempel der Hatschepsut. Spätere Nutzungen und ein die Ruinen bedeckender Bergsturz in der 20. Dynastie führten zu seinem schlechten Erhaltungszustand.
Erforschung mini|hochkant|Karte von Deir el-Bahari
I) Tempel des Mentuhotep II. 1) Bab el-Hosan 2) Untere Pfeilerhallen (zu beiden Seiten der Aufgangsrampe) 3) Obere Halle Zwischen 3) und 4) Ambulatorium 4) Kernbau Zwischen 4) und 5) Mittelhof, in dessen Mitte der Dromos, der zum Königsgrab führt 5) Hypostyle Halle 6) Sanktuar II) Tempel des Thutmosis III. III) Tempel der Hatschepsut
Da die Tempelruine des Mentuhotep-Tempels im frühen 19. Jahrhundert vollständig mit Schutt bedeckt war, registrierten die damaligen Reisenden nicht, dass neben dem Hatschepsut-Tempel ein weiterer Tempel begraben liegt. 1858 stießen Arbeiter Auguste Mariettes bei Arbeiten am Hatschepsut-Tempel auf die Cachette der Month-Priester aus der 22. bis 26. Dynastie, die einen Sammelfund von 72 Mumiensärgen beherbergte.
1859 begannen Lord Dufferin und seine Helfer Dr. Lorange und Cyrill C. Graham mit Grabungen im Mentuhotep-Areal. Sie begannen mit den Arbeiten an der Südwestecke des Hypostyls, das von ungeheuren Schuttmassen bedeckt war, und entdeckten bald darauf das nahezu vollständig ausgeplünderte Grab der Königin Tem. Allmählich arbeitete man sich auf das Sanktuar zu, wo man ein Sitzbild des Amunre und einen Granitaltar des Mentuhotep fand. Es folgten laufend weitere Funde wie zum Beispiel das Grab der Neferu (TT319).
1898 entdeckte Howard Carter das Bab el-Hosan. Er ließ das riesige Scheingrab freiräumen und stieß dabei auf die kunst- und religionsgeschichtlich bedeutende, schwarze Sitzstatue des Königs.
mini|hochkant|links|Querschnittszeichnung von Édouard Naville mini|hochkant|Plan des Tempels von Édouard Naville
In den Jahren 1903 bis 1907 erforschte Édouard Naville das Areal im Auftrag des Egypt Exploration Fund. Wenn sich auch Lord Dufferin – wie aus der Planskizze von C.C. Graham hervorgeht – über Umfang, Charakter und Grundriss nicht im klaren war, muss man, trotz der wiederholten Beteuerungen von Édouard Naville, er habe den Tempel als erster entdeckt, den Ruhm dem eigentlichen Finder zubilligen.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 70. Unter Naville wurde der Tempel erstmals vollständig freigelegt und systematisch erforscht.
Zwischen 1920 und 1931 führte Herbert E. Winlock für das Metropolitan Museum of Art nochmals 5 Kampagnen im Mentuhotep-Areal durch, deren Ergebnisse nur in Form von Vorberichten summarisch veröffentlicht wurden.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 70f.
Zwischen 1967 und 1971 führte Dieter Arnold im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts eine Reinigung und Neubearbeitung der Anlage durch und publizierte seine Ergebnisse in drei Bänden.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. 3 Bände, Mainz 1974–1981.
Architektur Aufweg und Vorhof mini|links|hochkant|Kopf einer Standfigur aus dem Vorhof des Tempels (geborgen 1921/22, heute im Metropolitan Museum of Art) mini|hochkant|Luftbild des Totentempels mini|hochkant|Reste zweier Sitzstatuen des Mentuhotep II. im Vorhof des Totentempels
Wie seine Vorläufer, die Pyramiden des Alten Reichs, besaß die Anlage einen – in Fruchtland versunkenen – Taltempel und einen 1,2 Kilometer langen und 46 Meter breiten Aufweg, der allerdings nicht mehr gedeckt war. Der Aufweg mündete in einen weiten Vorhof, der den innersten Talkessel von Deir el-Bahari einschloss und mit einer mehrreihigen Baumbepflanzung und Standfiguren des Königs ausgestattet war.
Insgesamt lassen sich archäologisch Wurzelgruben von mindestens 57 Tamarisken und 6 Sykomorenfeigen sowie lange rechteckige Beete verschiedener Blumensorten nachweisen.Herbert Winlock In: D. Arnold: The Temple of Mentuhotep at Deir el Bahari. New York 1979, S. 21ff. Daraus lässt sich der nur in wenigen Fällen archäologisch belegte Tempelgarten rekonstruieren.Robichon-Varille In: D. Arnold: The Temple of Mentuhotep at Deir el Bahari. New York 1979, S. 21. Mehrere Gärtner mussten eine solch aufwändige Anlage unter stetem Einsatz aufrechterhalten haben, nur schon um die Bewässerung aus dem einen Kilometer entfernten Niltal zu bewerkstelligen und damit eine Grünanlage inmitten der Wüstenlandschaft zu kultivieren.
Links und rechts der Prozessionsstraße wurden mindestens 22 Sitzstatuen des Königs aufgestellt, vermutlich auf der Südseite mit der Weißen Krone Oberägyptens und auf der Nordseite mit der Roten Krone Unterägyptens bekrönt. Eine solche Sandsteinplastik wurde 1921/22 von Herbert Winlock gefunden und ist heute im Metropolitan Museum of Fine Arts in New York ausgestellt.Thomas Kühn: Der königliche Tempel- und Grabbezirk Mentu-hotep II. in Deir el-Bahari. In: Kemet. Jahrgang 19, Heft 1, 2010, S. 21.
Vorderer Teil des Tempels Westlich des Aufwegs befindet sich das eigentliche Heiligtum, das als Terrassentempel angelegt war und aus zwei Teilen besteht, dessen vorderer Teil dem Month-Re geweiht war, einer Verschmelzung von Month, dem thebanischen Gott des Krieges, der während der 11. Dynastie besonders verehrt wurde, mit dem Sonnengott Re.
An der östlichen Front des Tempels sind zu beiden Seiten der Aufgangsrampe Pfeilerhallen vorgelagert, die jeweils aus einer Doppelreihe von rechteckigen Pfeilern bestehen und den Eindruck eines Saff-Grabes erwecken.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 11ff.
Eine Rampe führt in der Mittelachse des Tempels zur oberen Tempelterrasse. Allerdings wurde sie 1905 von Édouard Naville angelegt und überlagert die Reste der ursprünglichen, die nur noch an zwei Stellen sichtbar ist, bei denen es sich um die untersten beiden Lagen der seitlichen Kalksteinverkleidung handelt.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 16f.
mini|hochkant|Reste des Ambulatoriums und eine Ecke des Kernbaus auf der Tempelterrasse
Auf der Tempelterrasse erheben sich auf einem 60 Meter breiten, 43 Meter tiefen und 5 Meter hohen Podium die obere Halle, das Ambulatorium und der Kernbau.
Das Ambulatorium ist im Prinzip ein aus oktogonalen Pfeilern bestehender, dreireihiger Säulenhof, der durch eine 5 Ellen starke Mauer eingefasst wird und dessen Hof vollständig vom Kernbau ausgefüllt wird, „so dass – besonders heute wieder in seinem ruinösen Zustand – der Eindruck eines um diesen Sockel herumgeführten Umganges entsteht“. Außer an der Westseite ist es wiederum von einer Pfeilerhalle, der oberen Halle umgeben und ist durch zwei Eingänge betreten worden, nämlich durch je ein Tor an der Ostseite und an der Westseite. Von den ursprünglichen 140 Pfeilern des Ambulatoriums sind teilweise nur noch die Basen und Stümpfe erhalten.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 21f.
Der Kernbau, der 1904/05 von Édouard Naville freigelegt wurde, bildet ein quadratisches Scheingebäude mit einer Seitenlänge von 22 Metern und einer Höhe von 11 Metern. Er ist das eigentliche Zentrum der vorderen Tempelhälfte und war vielleicht die Darstellung des Urhügels und ähnelte womöglich den Oberbauten der Königsgräber in Abydos. Édouard Naville und Herbert E. Winlock rekonstruierten den Kernbau so, dass er von einer Pyramide bekrönt war. Dies lehnt Dieter Arnold jedoch aus statischen Gründen ab.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 27ff.D. Arnold: Lexikon der ägyptischen Baukunst. Düsseldorf 2000, S. 159.Michael Höveler-Müller: Am Anfang war Ägypten. Die Geschichte der pharaonischen Hochkultur von der Frühzeit bis zum Ende des Neuen Reiches. 2. Auflage, von Zabern, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-8053-4607-8, S. 142.
Hinterer Teil des Tempels mini|hochkant|Ausschnitt eines bemalten Kalksteinblocks aus dem Reliefprogramm (Naville-Grabung von 1907, heute im Metropolitan Museum of Art)
Der hintere Teil des Tempels, der dem Kult des vergöttlichten Königs diente, war teilweise in das ansteigende Bergmassiv geschnitten, mit einem offenen Hof und einem Pfeilersaal mit der Statuenkapelle. In den letzten Regierungsjahren des Königs wurde mit dem Einbau eines dem Statuenraum vorgelegten Sanktuares der Kult des thebanischen Amunre eingefügt und die Anlage somit in ein echtes Millionenjahrhaus verwandelt.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 141.
Der Mittelhof liegt westlich vom Ambulatorium. An der Nord- und Südseite flankieren ihn jeweils sechs Säulen, östlich befindet sich eine zweireihige Säulenhalle mit jeweils acht Säulen. In der Mitte dieses Hofes liegt ein tief hinabführender Dromos, der zum Königsgrab führt. Die Funde im Mittelhof umfassen einen Kalksteinaltar, eine Granitstele Sestostris’ III. und sechs Granitstatuen Sesostris’ III.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 33.
Westlich des Mittelhofes folgt die hypostyle Halle, welche 8 × 10 Säulen beinhaltet. Sie ist durch eine Mauer vom Mittelhof getrennt und liegt höher, sodass eine Stufe zu ihr hinaufgeführt hat.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 1, Mainz 1974, S. 34f.
Das Sanktuar schließt sich im Westen an die hypostyle Halle an und besteht aus einem in den Berg geschlagenen Speos und einem davor errichteten Langraum. Alle drei Außen- und die vier Innenwände des Sanktuares trugen Inschriften und Darstellungen in bemaltem Hochrelief.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 3, Mainz 1981, S. 15. An den Innenwänden der Kapelle sind etwa zwanzig Einzelbilder und an der Eingangswand zwei Textfelder zu sehen gewesen. Auf Relieffragmenten ist der König in der Gegenwart von anderen Göttern als ein Kult empfangender Gott zu sehen. Der König wird vergöttlicht, da er ebenbürtig mit den Göttern dargestellt ist. Er ist nicht derjenige, der den Kult vollzieht, sondern der, der ihn erhält.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 3, Mainz 1981, S. 16.
In der Statuenkammer wurde eine überlebensgroße Statue des Mentuhotep II. und ein Sitzbild des Amunre gefunden, wobei das Standbild wahrscheinlich zugleich Amunre darstellt. Hier ist wiederum die Gleichstellung des Königs mit einem Gott zu beobachten.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 3, Mainz 1981, S. 33f.
Gründungsgruben Unter den vier Ecken der Tempelterrasse entdeckte H. E. Winlock 1921/22 unversehrte Gründungsgruben, die während des Gründungsrituals, eines Rituals zur Grundsteinlegung von Tempeln und Gräbern, in den Boden gehackt und mit Gründungsopfern versehen wurden. Diese Gruben enthielten u. a. einen Rinderschädel, Essensbeigaben bestehend aus Krügen und Schalen mit Brot, Früchten und Gerste sowie Gründungsziegel mit den Namen von Mentuhotep II.D. Arnold: Der Tempel des Königs Mentuhotep in Deir el-Bahari. Band 3, Mainz 1981, S. 49ff. und zum Gründungsritual: Arnold: Lexikon der ägyptischen Baukunst. Düsseldorf 2000, S. 95f.