Die Marienstraße im Berliner Ortsteil Mitte ist eine etwa 300 Meter lange, um 1827 in der damaligen Friedrich-Wilhelm-Stadt angelegte, Wohnstraße. Ihre als durchgängiger Straßenzug errichteten Gebäude entstanden zwischen 1830 und 1840. Als einzige Berliner Straße dieser Epoche ist sie fast vollständig erhalten.
Geschichte mini|links|Friedrich-Wilhelm-Stadt mit Marienstraße, 1905 (Meyers Konversations-Lexikon) links|mini|Marienstraße mit Barrikaden (rot) am 18./19. März 1848 Auf dieser Fläche der früheren Spandauer Vorstadt von Alt-Berlin befanden sich noch bis in das 18. Jahrhundert Wiesen und Morast.Ullrich Winkler: Streifzug durch eine Straße – reich an historischen Gebäuden. Geschichtliches und Gegenwärtiges über ein 150jähriges Viertel. In: Neues Deutschland, 23./24. Mai 1981 Durch die preußische Siedlungspolitik bei etwa zeitgleich beginnender Industrialisierung wurde eine Stadterweiterung notwendig, es entstand ab 1825 die Friedrich-Wilhelm-Stadt. Die neuen Straßen erhielten Bezeichnungen nach Adligen der damaligen Zeit. Der Name der Marienstraße leitet sich von Prinzessin Marie Luise Alexandrine von Sachsen-Weimar-Eisenach (1808–1877) ab, die bei der Benennung der Straße noch Verlobte von Prinz Carl von Preußen war und einige Wochen später die Schwiegertochter des Königs Friedrich Wilhelm III. wurde. In amtlichen Dokumenten wird der 16. April 1827 als Tag der Namensvergabe angegeben.
Die Wohnbauten der Marienstraße gehen größtenteils auf Pläne von August Stüler zurück, einem Schüler Schinkels. Die drei- oder viergeschossigen Häuser entsprachen den Vorstellungen der damaligen Zeit und zeigen vor allem Elemente des Spätklassizismus, die in klar gegliederten Giebeln, Friesen und Blumenreliefs bestehen. Bereits ab 1860 wurden erste Wohnhäuser rekonstruiert, wobei einige Gebäude aufgestockt wurden. Fassaden wurden dem Zeitgeschmack angepasst, sodass aus früheren rechteckigen Mitteltoren nun Rundbogentore entstanden und Tordekore geändert wurden. Um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, erhielten einige Häuser Seitenflügel. In die Mietwohnungen zogen mehr und mehr Studenten, Mitarbeiter der Charité, Künstler und Intellektuelle – man sprach von einem „Quartier Latin“.
Während der Märzrevolution standen am 18./19. März 1848 an den Enden der Marienstraße drei Barrikaden.1848 – Barrikadenkämpfe in Berlin. Blog „Auguststraße“, abgerufen am 25. September 2012.
Der Zweite Weltkrieg hatte in der Berliner Innenstadt schwere Schäden angerichtet, die Marienstraße blieb jedoch in ihrer Grundsubstanz erhalten. Der Ost-Berliner Magistrat hatte 1970 eine umfassende Rekonstruktion der gesamten Friedrich-Wilhelm-Stadt beschlossen und die Wohnhäuser unter Bestandsschutz gestellt. Zwischen 1970 und 1973 erhielten die Fassaden frische Farbanstriche in den früheren Originalttönen Steingrau, Rosé und Lindgrün, Schmuckelemente wurden ausgebessert. Gleichzeitig erhielten die Wohnungen modernen Wohnkomfort wie Zentralheizung oder Warmwasser. Seit dieser ersten Restaurierung gilt die Marienstraße als architektonisches Kleinod und fast alle ihre gesamten Häuser sind seither in der Berliner Denkmalliste verzeichnet.
Bekannte ehemalige Bewohner der Marienstraße mini|hochkant|Adolph von Menzel: Blick aus einem Fenster in der Marienstraße
Marienstraße 4: Jean Sibelius, finnischer Komponist, verbrachte hier 1889 bei seiner ersten Auslandsreise ein Studienjahr. Am 23. April 2008 wurde an dem Haus eine Gedenktafel eingeweiht. Marienstraße 6: Michail Iwanowitsch Glinka, russischer Komponist, wohnte im Sommer 1856 hier. Marienstraße 10: Dora Koch-Stetter, expressionistische Landschafts- und Porträtmalerin, wohnte hier bei ihrer Mutter (ca. 1911). Marienstraße 14: Johannes Tropfke, Mathematiklehrer und Stadtverordneter, lebte hier. Am Haus befindet sich eine Gedenktafel. Marienstraße 22: Adolph von Menzel, realistischer Maler, lebte von 1865 bis 1867 (nach anderen Angaben von 1860 bis 1864) hier. Er verewigte das Haus in seinem Gemälde Blick aus einem Fenster in der Marienstraße. Auch an diesem Gebäude wurde eine Gedenktafel angebracht, die allerdings falsche Jahreszahlen angibt.Michael Bienert, Elke Linda Buchholz: Kaiserzeit und Moderne. Ein Wegweiser durch Berlin. S. 190.In den Quellen herrscht Uneinigkeit über die Jahreszahlen von Menzels Aufenthalt in der Marienstraße 22. Das Berliner Adressbuch listet für Nummer 22 einen „Menzel, Professor“ in den Jahren 1865–1867 sowie 1870: Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Satz und die Drucklegung der Adressbücher bereits einige Monate vor dem entsprechenden Jahr fertig werden mussten. Marienstraße 24/27: Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Bundesvorsitzende, wohnte in den 1980er Jahren hier. In einem Interview mit dem SZ-Magazin bekannte Merkel, die leerstehende Wohnung zwar illegal renoviert und bewohnt, aber dennoch Miete an die kommunale Wohnungsverwaltung überwiesen zu haben.Merkel war früher Hausbesetzerin. In: Der Tagesspiegel, 29. Februar 2008. Abgerufen am 20. Januar 2010. Unter dem Artikel schrieb eine Leserin am 29. Februar 2008 einen Kommentar, der Online nicht mehr abrufbar ist: „A. Merkel wohnte in der Marienstr. Nr. 27, Hinterhof links, 1. Etage rechts und nicht in der Nr. 24. Die Mietertafel im Durchgang erinnert sogar daran. Wir wohnten im Flügel gegenüber. Da A. Merkel 1981 unsere alte Küche kaufte, bevor wir aus der Marienstr. Nr. 27 auszogen, weiß ich ganz genau, dass im o. a. Artikel nicht richtig regergiert wurde. Die Wohnung, in der A. Merkel wohnte, wurde in der Regel an Medizinstudenten der Charité vermietet.“Und es war Sommer. In: SZ-Magazin, 9/2008, abgerufen am 22. Oktober 2010. Marienstraße 28: Siegfried Dehn, Musiktheoretiker und Kontrapunktlehrer, lebte von 1855 bis 1857 hier. Marienstraße 32 / Luisenstraße 39: Mori Ōgai, japanischer Militärarzt, Dichter und Übersetzer, lebte von 1887 bis 1888 hier. Seit 1989 ist in dem Haus die Mori-Ōgai-Gedenkstätte beheimatet.
Der Künstler „DJ Fetisch“ lebte in der Marienstraße.
Institutionen in der Marienstraße
Marienstraße 10: Am 2. April 1882 öffnete hier das Postamt N.W. 6 (später: Berlin 6), das sich zuvor in der Luisenstraße befunden hatte. Von 1946 bis 1950 zog es in den Bahnhof Friedrichstraße, kehrte danach aber bis 1974 in die Marienstraße 10 zurück. Der weitere Verbleib ist unklar. Der amtliche Stadtplan von Berlin vermerkt jedoch noch bis 1994 ein Postamt in der Marienstraße 10. Marienstraße 11: Clubräume des Chaos Computer Club Berlin Marienstraße 12: Der amtliche Stadtplan von Berlin verzeichnet im Hof von Marienstraße 12 zwischen 1966 und 1988 einen Sendeturm. Marienstraße 19/20 (genaue Hausnummer unklar): Zwischen Juni 1945 und Oktober 1947 befand sich hier ein Stützpunkt des sowjetischen NKWD/MGB. Eine unbekannte Zahl an Gefangenen wurde hier misshandelt und kam durch Verletzungen und Krankheiten um.
Übersicht der einzelnen Hausnummern
Haus-nummer Baujahr Sanierungen Wohn-einheiten Objekt-Nr.Objekt-Nummer in der Sonstige Angaben Foto Marienstraße 1 1826 um 1960 2002Marienstraße 1 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Abgerufen am 22. Oktober 2010. Bauherr: Christian Friedrich Kaphengst zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 2 1843 2002 8 Johann Rolapp, Bildhauer; Wohnfläche: rund 1150 m² / Gewerbefläche: rund 200 m²; Gebäude war von Milieuschutzsatzung 1999 nicht betroffen.Friedrich-Wilhelm-Stadt: Verdrängung trotz Milieuschutz. Berliner Mieterverein. Abgerufen am 7. Juli 2014. 120x120px|zentriert|Foto Marienstraße 3 1840 1870 Bauherr: Jeremias Rudolph zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 4 1838 Bauherr: Jeremias Rudolph zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 5 1838 1870 Bauherr: Fritz Florentin Niedlich, Kgl. Geh. Kanzlei Secretair zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 6 1838 1870, historisierend überformt Bauherr: Jeremias Rudolph zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 7 1827 Hier befand sich im Revolutionsjahr 1848 ein Studentenkeller, der als Treffpunkt der bürgerlich-demokratischen Studentenbewegung der Berliner Universität diente. 100x100px|zentriert|Nr. 7 am 29. Dezember 1959 100x100px|zentriert Marienstraße 8 1874 um 1890, historisierend überformt Bauherr: Johann Gottlieb Gieps, Fuhrwerkbesitzer zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 9 1883 1890, historisierend überformt Bauherr: Gustav Gieps, Landwirt zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 10 1828 Bauherr: Karl-Wilhelm Schweder, Justizrat.Treppen im Original erhalten zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 11 1828 Bauherr: Johann Christian Possart, Kaufmann zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 12 1827 2002 Bauherr: David Broege, Fuhrherr; Gewerbefläche: rund 700 m² zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 13 2000 Bauherr: Regional Hausbau GmbH; Architekt: Wimmeler; Bauart: Stahlbeton, Putzfassade; Grundstücksfläche: 795 m²; Überbaute Fläche: 446 m²; Bruttogeschossfläche: 2583 m²; Investitionssumme: 3,7 Mio. EuroProjekt Marienstraße 13/13a. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Abgerufen am 22. Oktober 2010. Marienstraße 14 1827 2000 20 Bauherr: Theodor Wilhelm Franz Tropfke, Tischler; Wohnfläche: rund 1300 m².Die historische Treppe ist erhalten zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 15 1828 Bauherr: Schüttler, Maurer zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 16–17 1909–1910 Hotel Albrechtshof, Bauherr: Zentralverwaltung des Vereins für Berliner Stadtmission zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 18 Marienstraße 19/20 1842 Bauherr: Wolf Hagelberg, Papier-Fabrikant.In der Fassadenmitte weist ein Medaillon mit einer Merkurbüste auf die Handelstätigkeit des Hausbesitzers hin. zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 21 1838 Hier ist die historische Treppe ebenfalls erhalten. zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 22 1827 zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 23 1828 1870 Bauherr: Friedrich Accum, Professor der Chemie & Lehrer an der Bauakademie zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 24 1886 Bauherr: Clemens, Maurer zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 25 1885 Bauherr: Gustav Boehme & Carl Diechmann, Glaser zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 26 1893 Bauherr: Franz Klein, Maurer zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 27 1831 Bauherr: Carl Friedrich Winckelmann, Butterhändler zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 28 1840 1999 10 Bauherr: Heinrich Wilhelm Salge, Maurerpolier; Wohnfläche: rund 740 m² zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 29 1841 1870 Bauherr: Heinrich Wilhelm Salge, Maurerpolier zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 30 Marienstraße 31 1840 Bauherr: Johann Carl Klauck, Tafeldecker zentriert|120x120px|Foto Marienstraße 32 1877 Bauherr: Hesterberg (Seifenfabrikant); seit 1989 Sitz der Mori-Ōgai-Gedenkstätte zentriert|120x120px|Foto
Die Marienstraße in den Medien
Die Protagonisten Stella und Ben in dem 2004 erschienenen Roman Spiel mit mir bewohnen eine ausgebaute Dachgeschosswohnung in der Marienstraße. „Fünfzig Meter die Marienstraße hinunter“ von der Albrechtstraße aus kommend befindet sich die Wohnung im Buch. 2009 drehte das Berliner Popduo 2raumwohnung in der Marienstraße das Musikvideo zu ihrem Song Der letzte Abend auf der Welt. In dem Video spaziert die Sängerin Inga Humpe die Straße von der Luisenstraße in Richtung Albrechtstraße hinunter.Der letzte Abend auf der Welt. MySpace-Video. Abgerufen am 9. Mai 2012. 2011 wählte die Schauspielerin und Sängerin Angela Winkler die Marienstraße für das Cover ihres ersten Albums Ich liebe Dich kann ich nicht sagen.Ich liebe Dich kann ich nicht sagen. Abgerufen am 30. Juli 2011. 2012 filmte die Kino-Kette CinemaxX einen Werbespot in der Marienstraße.Emotionen sind das schönste Geschenk. Abgerufen am 10. März 2012. Am 14. Januar 2017 strahlte der RBB in seiner Reihe Heimatjournal die Sendung Ulli Zelle erkundet die Marienstraße aus.
Stolpersteine in der Marienstraße mini|Stolperstein für Adolf Zadek vor Marienstraße 15