Jochen Gerz (* 4. April 1940 in Berlin) ist ein deutscher bildender Künstler und Konzeptkünstler, der sein Leben zum großen Teil in Frankreich (1966 bis 2007) verbracht hat. Sein Werk dreht sich um das Verhältnis von Kunst und Leben, Geschichte und Erinnerung, um Begriffe wie Kultur, Gesellschaft, öffentlicher Raum, Partizipation und öffentliche Autorschaft. Nach literarischen Anfängen arbeitet Gerz in verschiedenen künstlerischen Disziplinen und mit unterschiedlichen Medien. Gleich ob es sich dabei um Text, Fotografie, Video, Künstlerbuch, Installation, Performance oder seine Autorenprojekte und -prozesse im öffentlichen Raum handelt, im Zentrum der Arbeit steht die Suche nach einer Kunstform als Beitrag zur res publica und zur Demokratie. Seit 2007 lebt Jochen Gerz in Irland (Co. Kerry).
Werdegang Jochen Gerz, Sohn des Journalisten Alfons Gerz, kam als Autodidakt von der Literatur zur Kunst: Er begann Anfang der 1960er Jahre zu schreiben und zu übersetzen (Ezra Pound, Richard Aldington) und war zeitweise Auslandskorrespondent einer deutschen Presseagentur in London (1961–1962). In Köln studierte er Germanistik, Anglistik, Sinologie, später dann in Basel Archäologie und Urgeschichte (1962–1966). Nach seiner Übersiedlung nach Paris schloss er sich der Bewegung der Visuellen Poesie an.
In Paris nutzte er als Aktivist und Zeuge des Mai ’68 die neuen Freiräume zwischen den literarischen und künstlerischen Konventionen. Seit Ende der 1960er Jahre setzte er sich kritisch mit den Medien, den kommerziellen ebenso wie den künstlerischen, auseinander und verstand den Betrachter, die Öffentlichkeit, die Gesellschaft zunehmend als Teil des kreativen Prozesses. Seine Foto/Texte, Performances, Installationen und Arbeiten im öffentlichen Raum befragen die soziale Funktion der Kunst und den Anspruch der westlichen Kultur nach Auschwitz. Der Zweifel an der Kunst scheint in der Folge immer wieder auf und durchzieht die Arbeit von Gerz bis heute.
Mit seinem Beitrag zur 37. Biennale in Venedig 1976, wo er zusammen mit Joseph Beuys und Reiner Ruthenbeck den deutschen Pavillon bespielte, und mit seinem Beitrag zur documenta 6 (1977) und documenta 8 (1987) in Kassel erlangte Jochen Gerz internationale Anerkennung in der Kunstwelt, die zu zahlreichen Retrospektiven seiner Arbeit in Europa und Nordamerika führte (Hamburger Kunsthalle, Centre Pompidou Paris, Corner House Manchester, Vancouver Art Gallery, Newport Habour Art Museum u. a.). 1979 nahm Gerz an der Biennale of Sydney teil, und 1980 an der ROSC-Ausstellung in Dublin.www.jochengerz.eu. Ab Mitte der 1980er Jahre kehrte er jedoch mehr und mehr in den öffentlichen Raum zurück und ließ in den 1990er Jahren den Kunstmarkt und das Museum zunehmend hinter sich.
Seit 1986 hat Gerz zahlreiche (Anti-)Monumente realisiert, die die Tradition des Gedenkens thematisieren, unterwandern und die Öffentlichkeit zum kreativen Vortex seiner Arbeit machen. Seine Autorenprojekte und partizipatorischen Prozesse im öffentlichen Raum seit der Jahrtausendwende vollziehen eine radikale Transformation des Verhältnisses zwischen Kunst und Betrachter.
Schreiben Die Tätigkeit des Schreibens und die Frage: „was heißt Schreiben?“ zieht sich von Anfang an wie ein roter Faden durch das Werk. Sie ist geprägt vom Zweifel an der Sprache, spielt mit ihrer repräsentativen Funktion und bricht mit ihrer diskursiven Linearität. Zahlreiche seiner Manuskripte hat Gerz handschriftlich in Spiegelschrift verfasst, was ihre Lesbarkeit erschwert und das Wort als Objekt, als Medium kenntlich macht, das sich trennend vor die Wirklichkeit schiebt, und hinter dem die Lebensäußerung und -zeit verschwindet.
1968 gründete Gerz zusammen mit Jean-François Bory den alternativen Verlag „Agentzia“, in dem frühe Werke von Künstlern (Maurizio Nannucci, A.R. Penck, Franco Vaccari, Manfred Mohr u. a.) ebenso wie Autoren der „Visuellen Poesie“ erschienen sind. Die eigene Arbeit beschrieb er damals als „Progressionstexte: vom Papier-weg Texte, zu Plätzen-Strassen-Häusern-Menschen-hin Texte und wieder-ins-Papier-zurück Texte. Sie nisten im Buch wie Parasiten. Sie konstituieren sich nicht auf dem Papier, finden überall, jederzeit und öffentlich statt. Sie haben unzählige anonyme Autorenleser.“Jochen Gerz: Annoncenteil, Arbeiten auf/mit Papier, Neuwied/Berlin, 1971, o.P. In dieser Formulierung ist der Weg vorgezeichnet zum Text als Teil der bildenden Kunst und der Kunst als einem kritischen, partizipativen Beitrag zum öffentlichen Raum und zur Gesellschaft.
Obwohl seine Texte im Kontext und als Teil der künstlerischen Arbeiten entstehen, werden sie auch für sich genommen hoch eingeschätzt. „Das umfangreichste und reichste dieser Bücher“, schreibt Petra Kipphoff zu dem parallel zur Installation auf der Biennale in Venedig 1976 entstandenen Buch Die Schwierigkeit des Zentaurs beim vom Pferd steigen, „ist Reflexion und Rechenschaftsbericht einerseits, eine Aphorismensammlung andererseits, die in der Verzweigtheit der filigranen Formulierungen in der zeitgenössischen Literatur nicht ihresgleichen hat.“Petra Kipphoff: „Trau keinem Bild“, in: Die Zeit, Hamburg, 15. September 1978, zitiert nach Detlef Bluemler: „Jochen Gerz. Weitermachen gegen das Aufhören“, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 6, München, 1989, S. 7.
Frühe Arbeiten im öffentlichen Raum 1968 begann Jochen Gerz, den öffentlichen Raum für seine Arbeit zu erschließen. Er konfrontiert sie mit der Wirklichkeit des täglichen Lebens. In einem Interview 1972 bezeichnet er sich selbst nicht als Schriftsteller oder Künstler, sondern als „einer, der sich veröffentlicht“.Interview mit Beatrice Parant, Kunstnachrichten Luzern, 1972, in: Jochen Gerz: Gegenwart der Kunst, Interviews (1970–1995), Regensburg 1995, S. 14.
Achtung Kunst korrumpiert (1968) 1968 brachte Gerz einen kleinen Aufkleber mit den Worten „Achtung Kunst korrumpiert“ an Michelangelos „David“ in Florenz an und legte „damit den Grundstein für ein künstlerisches Schaffen, das sich bewusst den Kategorien zu entziehen sucht und Eingriffe und Übergriffe wagt, die einer strengen Gattungsordnung entgegenstehen. „Achtung Kunst korrumpiert“ ist eine Arbeit, die sich sowohl an die Kunst richtet als auch an das, was über die Kunst hinaus weist; ein einziger Satz, eine einzige Geste machen deutlich, dass die Bedingungen für eine Kunst nach ’68 sich eben nicht mehr allein aus der Kunst ableiten.“Marion Hohlfeldt: „Achtung Kunst korrumpiert. Überlegungen zur Bedeutung des öffentlichen Raums in den Arbeiten von Jochen Gerz“, in: Jochen Gerz, Res Publica. Das öffentliche Werk 1968–1999, Ostfildern 1999, S. 9.
Das Buch der Gesten (1969) Anlässlich der Ausstellung „Intermedia“ (1969) wurden von Dächern der Heidelberger Innenstadt Karten abgeworfen, die die Aufmerksamkeit der Passanten und zufälligen Leser in der Straße auf das eigene Leben lenkten: „Wenn Sie die obige Nummer auf einer blauen Karte gefunden haben, so sind Sie der Teil eines Buches an dem ich schon seit langem schreibe, der mir bisher fehlte. Ich möchte Sie daher bitten, den heutigen Nachmittag in Heidelberg so zu verbringen, als wäre nichts geschehen und durch diese Mitteilung Ihr Verhalten nicht beeinflussen zu lassen. Nur so kann es mir gelingen, das Buch zu Ende zu schreiben, das ich Ihnen, meiner wiedergefundenen Gegenwart widmen möchte.“Vgl. Jochen Gerz: Werkverzeichnis Bd. I, Nürnberg 1999/2011, S. 21.
Ausstellung von 8 Personen, wohnhaft in der Rue Mouffetard in Paris, mittels ihrer Namen auf den Mauern ihrer eigenen Straße (1972) Zahlreiche Arbeiten der späten 1960er und der 1970er Jahre befassen sich mit der Qualität von „Öffentlichkeit“ im Verhältnis zum „Privaten“ als dem vermeintlichen Ort von Authentizität. In Zusammenarbeit mit Studenten der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs wurden 1972 acht zufällige Namen von Bewohnern der Rue Mouffetard in Paris in ihrer eigenen Straße plakatiert.Jochen Gerz: Werkverzeichnis Bd. I, Nürnberg 1999/2011, S. 34. Die kontroversen Reaktionen, von der Wertschätzung bis zur Entfernung des Plakats mit dem eigenen Namen rührten wohl auch daher, dass mit dem persönlichen Namen der „Tempel des nicht-öffentlichen Raums“ ausgestellt wurde.Jochen Gerz, zit. nach Guido Meincke: „Jochen Gerz: Platz des europäischen Versprechens“, in: Kunsttexte, 01/2009, Anm. 30.
Ausstellung von Jochen Gerz neben seiner fotografischen Reproduktion (1972) 1972 stand Gerz in Basel in einer Straße der Innenstadt zwei Stunden lang neben einer Fotografie seiner selbst. Diese Performance, so Andreas Vowinckel, habe „mehr als andere Arbeiten das Wahrnehmungsverhalten des Betrachters und zufälligen Passanten auf der Straße offengelegt. Dieser schenkt dem reproduzierten Abbild auf dem Plakat mehr Aufmerksamkeit und Vertrauen als dem Menschen Jochen Gerz, der real neben seinem Abbild steht. Dieses Verhalten bestätigt die Suggestion, die Suche nach dem Rätsel, die Sehnsucht nach einem Geheimnis, das die Realität verweigert.“Andreas Vowinckel: „Die Abwesenheit der Anwesenheit. Zum Produktionsbegriff im Werk von Jochen Gerz“, in: Life After Humanism, Ostfildern 1992, S. 24. Die Reproduktion verdrängt das Original. „Den Medien den Rücken kehren“, hat Gerz notiert, „man kann es nicht.“Jochen Gerz, in: Die Schwierigkeit des Zentaurs beim vom Pferd steigen, Ausst.-Kat Kunstraum München 1976, S. 26, zit. nach Detlef Bluemler: „Jochen Gerz. Weitermachen gegen das Aufhören“, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 6, München, 1989, S. 3. – Vgl. auch Jochen Gerz: Werkverzeichnis Bd. I, Nürnberg 1999/2011, S. 35.
Bild und Text Seit Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich Jochen Gerz mit der Dialektik zwischen Bild und Text. Befanden sich die beiden „ungleichen Geschwister“ im Rahmen der Visuellen Poesie noch im „spielerischen Miteinander“, so unterliegen sie in den „Foto/Texten“ seit 1969 einer fast systematischen Hinterfragung. Gerz arbeitet im Zwischenraum zwischen den Medien und schafft zwischen Fiktion und Wirklichkeit ein poetisches Niemandsland, das der Betrachter oder Leser nur selbst (mit dem eigenen Leben) füllen kann. In den „Mixed Media Fotografie“-Arbeiten der 1980er und 1990er Jahren zeigen sich dagegen immer neue Aneignungen und Verbindungen zwischen Text und Bild, in denen heute selbstverständliche technologische Entwicklungen und Möglichkeiten der digitalen Medien – die Annäherung bis zur Fusion von Bild und Text – vorweggenommen sind.Vgl. hierzu Renate Petzinger und Volker Rattemeyer: „’Ich träume Bild und Schrift simultan’. Anmerkungen zu Band II des Werkverzeichnisses von Jochen Gerz“, in: Jochen Gerz: Werkverzeichnis Bd. II, Nürnberg 1999/2011.
Foto/Text Mit der Kamera sucht Gerz keine ausgesuchten oder seltenen Motive, seine Fotos wirken eher beiläufig und alltäglich. „Schon vom Einsatz der Mittel her“, so Herbert Molderings, „wird deutlich, dass es nicht darum gehen kann, dem bestehenden Reservoir an Reproduktionen der Welt wieder neue, wieder andere ästhetisch ausgewogene und symbolisch verdichtete Fotos hinzuzufügen, sondern dass hier die Tätigkeit des Fotografierens selbst und ihr Platz im alltäglichen kulturellen Verhalten (die ›Verstrickung in seine eigene Beziehung zum Apparat‹) zu denken geben.“Herbert Molderings: „Foto/Texte von Jochen Gerz“, in: Jochen Gerz. Foto/Texte 1975–1978, Ausst.-Kat. Kestner-Gesellschaft Hannover, 1978, S. 18. Die unscheinbaren, wie zufällig entstandenen Fotografien stehen neben Texten, die seltsam kontextlos in unbestimmter Nähe sich zueinander „verhalten“, ohne dass die Natur dieses Verhaltens trotz der Nähe sichtbar würde. Die Texte als Legende beschreiben, ergänzen oder erklären nicht die Bilder, und die Fotos illustrieren nicht den Text.