Taxi zur Hölle (Originaltitel: Taxi to the Dark Side) ist ein US-amerikanischer politischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007. Regisseur, Drehbuchautor, Co-Produzent und Erzähler des Independent-Films ist Alex Gibney. Der Film kritisiert die gemäß den Genfer Konventionen verbotene Anwendung von Folter durch das US-Militär und ihre Beauftragung durch Mitglieder der Bush-Regierung während des Krieges gegen den Terror. Exemplarisch wird das Schicksal des jungen, unschuldigen afghanischen Taxifahrers Dilawar dargestellt, der 2002 im US-Militärgefängnis Bagram zu Tode gefoltert wurde.
Der bei mehreren internationalen Filmfestivals gezeigte Film erhielt bei der Oscarverleihung 2008 den Preis als bester Dokumentarfilm, darüber hinaus wurde er mit dem Peabody Award ausgezeichnet. Bezogen auf das weltweite Einspielergebnis bei Kinovorführungen wurde der von ZDF und arte mitproduzierte Film zu einem kommerziellen Misserfolg. Seine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im Fernsehen sowie auf DVD.
Inhalt mini|hochkant|US-Vizepräsident Dick Cheney Wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begannen, ausgehend vom Stab des US-Vizepräsidenten Dick Cheney, Überlegungen zur Änderung der Verhörpraktiken mit dem Zweck, sie im von Präsident George W. Bush erklärten Krieg gegen den Terror einzusetzen. In Cheneys Auftrag formulierte der Jurist John Yoo die Leitlinien für die legale Anwendung von Folter durch US-Militärangehörige. In Yoos sogenanntem „Folter-Memo“ wurde der Begriff Folter neu definiert, sodass US-Militärangehörige nicht mehr der Folter angeklagt werden konnten. Als Grundlage für diese Bestimmungen diente ein von Alberto R. Gonzales, Bushs juristischem Berater, erarbeitetes Rechtsgutachten, das besagt, dass die Genfer Konventionen für Terrorismusverdächtige nicht mehr gültig seien. Cheney erläuterte seine Absichten fünf Tage nach dem 11. September in einem Fernsehinterview, auf dem der Originaltitel des Films mitbasiert:
Auf der Grundlage von Yoos Memo begann die Bush-Regierung, als besonders wertvoll eingestufte Gefangene in das Militärgefängnis Guantanamo auf Kuba zu verlegen, in dem weder kubanisches noch US-amerikanisches Recht galten. Darunter befand sich auch Mohammed al-Qahtani, der der Mittäterschaft an den Anschlägen von 9/11 verdächtigt wurde. Weil al-Qahtani den Standard-Verhörtechniken der CIA acht Monate lang widerstand, befahl US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Einführung und Anwendung von Verhörtechniken, die darüber hinausgehen, während die Details der Anwendung den Verhörspezialisten überlassen blieben. Al-Qahtani wurde sensorischer Deprivation unterzogen und – auch um seinen Glauben zu brechen und ihn kulturell zu destabilisieren – sexuell gedemütigt. Anfang Dezember 2002 autorisierte Rumsfeld in einem Memo bestimmte Verhörtechniken, darunter Phobie-orientierte Techniken, Isolationshaft von bis zu 30 Tagen und Lichtentzug. Alberto J. Mora, Rechtsberater der Marine, beurteilte diese Techniken als auf Folter hinauslaufend. Auf seine Drohung hin, die Erlaubnis öffentlich zu machen, zog Rumsfeld die Genehmigung wieder zurück.
Am 1. Dezember 2002 startete der afghanische Taxifahrer Dilawar mit drei Passagieren zu einer Fahrt von der Stadt Chost in seine Heimatstadt Yakubi. Nahe der US-Artilleriebasis Salerno (Provinz Chost) wurden er und die Passagiere von afghanischen Milizen aufgegriffen und als angeblich Mitschuldige an einem Raketenangriff auf die Basis, der an diesem Morgen verübt worden war, an das US-Militär übergeben. Am 5. Dezember wurde er als Verdächtiger für den Angriff im Militärgefängnis Bagram eingesperrt. mini|hochkant=1.1|links|Dilawar im Militärgefängnis Bagram mini|hochkant|links|Skizze eines US-Militärpolizisten, die Dilawar an die Decke seiner Zelle gekettet zeigt im Militärgefängnis Bagram
Unter der Leitung von Captain Caroline Wood wurden einige der in Guantanamo angewandten Techniken, darunter Stresshaltungen und Schlafentzug, auch in Bagram und bei Dilawar eingesetzt. Ziel war es, Geständnisse zu erhalten und so trotz Beweismangel Schuldige zu ermitteln. Dilawar wurde von Mitgliedern der US-Militärpolizei verhört, die dazu vom militärischen Abhördienst beauftragt worden waren und die noch keine praktische Erfahrung mit Verhören hatten. Der militärische Abhördienst befahl, die Gefangenen gesprächsbereit zu machen, zu demütigen und zu brechen. Die Militärpolizisten folterten und quälten Dilawar. Unter anderem mit Tritten in seine Beine, während seine Hände kopfüber gefesselt waren und Schlägen in die Nieren. Während er gefesselt war, wurde ihm auf den Rücken gesprungen, wodurch er sich einen Nasenbeinbruch zuzog. Am 10. Dezember 2002 war Dilawar tot. Entsprechend dem Obduktionsergebnis war seine Beinmuskulatur zu Brei geschlagen worden, sodass die Beine hätten amputiert werden müssen.
Nach Dilawars Tod stellte sich heraus, dass der Milizkommandeur, der die Taxi-Insassen aufgegriffen hatte, den Raketenangriff selbst angeordnet hatte, um den US-Amerikanern Unschuldige als Verdächtige zu übergeben und sich so bei ihnen beliebt zu machen. Dennoch wurden die anderen drei Fahrgäste nach Guantanamo verlegt. Nur fünf Prozent der Gefangenen in Afghanistan wurden von den US-Truppen verhaftet, mehr als 90 Prozent hingegen von der Nordallianz oder von Pakistanern, um Kopfgelder zu kassieren. mini|hochkant=1.1|Ein Beispiel für die zahlreichen, im Film gezeigten Fotos, die Misshandlungen und Demütigungen im Militärgefängnis Abu Ghuraib belegen. Ehe Wood die Leitung in Abu Ghuraib übernahm, wurde sie für ihre Arbeit in Bagram mit einem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Der Kommandeur des Guantanamo-Gefängnisses, Geoffrey D. Miller wurde 2003 in den Irak versetzt und führte die nur für Guantanamo zugelassenen Verhörmethoden auch dort ein.
Dilawar ist der zweite, in Bagram infolge Folter gestorbene Häftling. In Abu Ghuraib starben über 100 Häftlinge an Folter. Lawrence Wilkerson, der Stabschef von US-Außenminister Colin Powell, sagte, dass der Verteidigungsminister und andere Regierungsmitglieder ausdrücklich nach Möglichkeiten gesucht hätten, Druck auf die Gefangenen auszuüben. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit in Folge von New-York-Times-Artikeln erhob die US-Armee Anklage wegen der Misshandlungen.
Die Gefangenen in Guantanamo hatten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen oder Einspruch gegen ihre Gefangennahme einzulegen, Anwälte durften jahrelang nicht zu ihren Klienten. Die Grundrechte der Gefangenen waren ausgehebelt. Im Juni 2004 verwarf das oberste US-Bundesgericht die Position der US-Regierung, Häftlinge in Guantanamo unbegrenzt lange festzuhalten. Die Armee richtete ein Sondertribunal ein, aber auch dort hatten die Gefangenen kein Recht auf einen Anwalt. Sie wurden separat eingesperrt, bis die USA ein Zielland für die Abschiebung gefunden hatte. 81 Gefangene traten in Hungerstreik, mindestens vier begingen Suizid.
2005 kam es in den USA zu einer Debatte über die Misshandlung von Gefangenen, die nationale Sicherheit und den Vorrang des Gesetzes. Der republikanische US-Senator John McCain, der einst selbst Folteropfer war, brachte im Oktober 2005 im US-Kongress ein Gesetz zum Umgang mit den Inhaftierten ein, das auch ein völliges Folterverbot enthält.
Kurz nach dem 11. September 2001 erhielt die CIA die Erlaubnis, Wasserfolter anzuwenden. Als einer der ersten wurde ihr der Libyier Ibn al-Shaykh al-Libi unterzogen. Dazu wurde er von den USA nach Ägypten gebracht. Dort sagte er aus, dass Saddam Husseins Regime die al-Qaida in chemischer und biologischer Kriegsführung ausgebildet hätte. Der Film nennt dies als Beispiel für das Scheitern von Folter. Damit rechtfertigten Colin Powell und die US-Regierung vor den Vereinten Nationen den Krieg der USA gegen den Irak. Ein Jahr später wurde al-Libi als unglaubwürdig eingestuft, die unter Folter gewonnene Aussage war falsch.
Auch am Beispiel der US-Fernsehserie 24, aus deren vierter Staffel zwei kurze Ausschnitte zu sehen sind, geht der Film auf das von Folterbefürwortern verwendete Szenario der „Tickenden Zeitbombe“ ein, bei dem ein verheerender Terroranschlag unmittelbar bevorsteht und der Staat wegen der begrenzten Zeit Folter für das Abwenden des Anschlages verwenden sollte. Der Historiker Alfred W. McCoy beurteilt dieses Szenario im Interview als extrem unrealistisch. Serien wie 24 hätten der Bush-Regierung den Weg geebnet für die Bejahung der Anwendung von Folter in der Bevölkerung, ohne Gesetze und Abkommen zu unterlaufen.
Nachdem das oberste Bundesgericht Bushs Vollmachten der Kriegsführung eingeschränkt hatte und entschieden hatte, dass Verhöre entsprechend den Genfer Konventionen zu führen seien, war Bush dazu gezwungen, das CIA-Programm offenzulegen. Daraufhin brachte die Bush-Regierung ein neues Gesetz ein, das die Auflagen des Bundesgerichts umgeht und vom Kongress gebilligt wurde. Damit stimmte Bush den Genfer Konventionen zu, solange er ihren Inhalt und den Rahmen ihrer Anwendung selbst definieren könne. Durch das Gesetz wurden zwar die Mitglieder der Bush-Regierung, nicht jedoch die Soldaten an der Front für die Anwendung von Folter rückwirkend bis 9/11 begnadigt.
Der Film endet mit einer Taxifahrt durch Washington, D.C. und dem Abspann, der eine Widmung für Alex Gibneys 2006 verstorbenen Vater Frank enthält, ein ehemals für Vernehmungen zuständiger US-Marineoffizier. In einem kurzen Interview während des Abspanns sagt Frank, dass sein Vertrauen in die Bush-Regierung durch deren Befürworten von Folter zerstört sei.
Aufbau und Inszenierung Die neun Abschnitte: Ein paar faule Äpfel Todesursache Vorschriften-Änderung Das Labor Der Insider Der falsche Mann Die Schlimmsten der Schlimmen Der Vorrang des Gesetzes Die tickende Zeitbombe Auf eine Einleitung folgend, ist der Film in neun Kapitel-ähnliche, betitelte Abschnitte eingeteilt, die thematisch miteinander verknüpft sind und nicht alle in chronologischer Reihenfolge angeordnet sind. Aufgebaut wie eine Detektivgeschichte, weitet sich für den Zuschauer mit jedem Abschnitt der Kreis aus Ursache und Wirkung. Der Film untersucht so die Befehlskette, die zu Dilawars Tod führte – dem Ausgangspunkt der Einleitung –, und die Folgen von Folter.Lesage 2009. Ein Beispiel für eine thematische Verknüpfung zweier Abschnitte ist die am Einleitungsende erwähnte Versetzung der im Militärgefängnis Bagram verantwortlichen Offizierin Wood ins Gefängnis von Abu Ghuraib und die im darauf folgenden Abschnitt enthaltene Untersuchung der dortigen Haftbedingungen und Verhörmethoden.
Der Film ist aus einer Folter gegenüber ablehnenden Haltung erzählt. Dies kommt unter anderem mit der musikalischen Untermalung des Gesehenen zum Ausdruck. Zum Beispiel regt der Film durch die traurig wirkende Musik zu Bildern, die Dilawar als Kind mit seiner Familie zeigen, zum Mitleid für die Folteropfer an.Chaudhuri 2013.
Als Erzähler aus dem Off fungiert in der englischen Originalfassung Regisseur Alex Gibney, in der deutschen Fassung ist es eine deutsche Stimme. Jeweils auf einige von ihm gesprochene Sätze folgen mehrere Interviews, hauptsächlich mit Gefängnisaufsehern, Verhörspezialisten, früheren Regierungsbeamten, Journalisten und Familienmitgliedern von Folteropfern. In der deutschen Fassung werden die Interviews per Voice-over wiedergegeben, das heißt deutsch übersetzt mit dennoch hörbarem Originalton. Ausnahmen bilden die Presse-Interviews und -Redeausschnitte von Bush, Cheney und Rumsfeld, die stets unübersetzt wiedergegeben werden. Gezeigt werden zudem zahlreiche Fotos aus dem Inneren der Gefängnisse von Bagram, Abu Ghuraib und Guantanamo. Der Film enthält zudem Reenactment-Fotos und -Szenen, das heißt nachgestellte Situationen, beispielsweise von der Körperstellung, in der Dilawar in seiner Zelle ausharren musste, oder von der Folterung Al-Qahtanis. Der Film versucht, Historizität zu vermitteln, indem er Originaldokumente einblendet, zum Beispiel von Memos des Verteidigungsministers.