mini|hochkant|Isaac Israëls 1918 Isaac Lazarus Israëls (* 3. Februar 1865 in Amsterdam; † 7. Oktober 1934 in Den Haag) war ein niederländischer Öl-, Aquarell- und Pastell-Maler. Gemeinsam mit George Hendrik Breitner und Willem Witsen gehörte der in Amsterdam, Den Haag, Paris, London und zahlreichen weiteren Orten tätige Künstler zu den Hauptvertretern des Amsterdamer Impressionismus. Sein Œuvre umfasst Militärszenen, Bildnisse, Akte, Menschen auf der Straße und bei der Arbeit, Urlaubs- und Freizeitvergnügungen, Modeschauen sowie kulturelle Darbietungen. In der kunsthistorischen Literatur gilt Israëls als der „einzige wirkliche Impressionist der Niederlande“. Anders als für die französischen Impressionisten waren Sonnenlicht und Farbeffekte für ihn jedoch zweitrangig. Er legte seinen Fokus auf das Sujet, auf sein Hauptmotiv, den Menschen.
Leben und Werk In den Niederlanden ist Isaac Israëls ein namhafter Künstler, sein Leben daher durch Veröffentlichungen gut dokumentiert. Die einzige deutschsprachige Monografie, die 22 Seiten umfassende Übersetzung des Werks von Anna Wagner, erschien 1969 und ist lange vergriffen. Dieser Wikipedia-Artikel referiert die dortigen Angaben und reichert sie mit jüngeren Informationen aus originalsprachlichen Publikationen an.
Ausbildung mini|Isaac Israels mit seinem Vater, vor 1883 Isaac „Ietje“ Israëls war das zweite Kind des erfolgreichen und wohlhabenden Malers Jozef Israëls und dessen Ehefrau Aleida Israëls-Schaap (1843–1894). Seine Schwester war die Frauenrechtlerin Mathilde Cohen Tervaert-Israëls. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Amsterdam. 1871 siedelte die Familie nach Den Haag über und bezog das geräumige Haus des kürzlich verstorbenen Malers Andreas Schelfhout an der Koninginnegracht. Zwei Jahre später erfolgte ein erneuter Umzug, nur wenige Häuser weiter. Hier lebte der junge Israëls bis 1887. Das „Wunderkind“ ließ seine künstlerische Neigung bereits im Alter von vier Jahren erkennen. 1874 zeichnete er Jozefs Freund Salomon van Witsen, 1876 einen schießenden Soldaten.
1877 unternahm die Familie Israëls eine große Europareise: von Paris nach Turin, Rom, Pisa, Neapel, dann über Rom, Mailand, Venedig, Verona und München wieder zurück nach Den Haag. Der Junge erwies sich als sprachbegabt und künstlerisch talentiert. Um dies zu fördern, ließ Jozef das Kutschenhaus im hinteren Teil seines Gartens umbauen. Er selbst arbeitete im neuen Atelier oben, Isaac konnte das Billardzimmer unten nutzen. Ab 1878 besuchte die Familie jedes Jahr den Salon de Paris, den damals bedeutendsten Schauplatz der Kunstwelt Europas. Kurz darauf verließ Isaac die Schule und erhielt Unterricht bei seinem Vater und bis 1880 an der von Johan Philip Koelman geleiteten Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten (Königliche Akademie der Bildenden Künste). An der Kunstschule traf er unter anderem auf George Hendrik Breitner, der zu den älteren Schülern gehörte.
Erste Erfolge (1881–1885)
Israëls war 16 Jahre alt, als er zwei Bildnisse anfertigte: eines von seiner Großmutter, Frau Schaap-Hijmans, und eines von der jungen Nanette Enthoven. Sein Hauptinteresse galt zu dieser Zeit jedoch einem anderen Genre. Von 1880 bis 1884 zog ihn das Soldatenmilieu an. Er arbeitete in Kasernen oder bei militärischen Übungen am Strand, porträtierte Sumatra-Veteranen im Bronbeek-Invalidenhaus und ließ Soldaten in seinem Atelier Modell stehen. Auf sein Debüt mit einer heute verschollenen Soldatenmahlzeit auf dem Haager Salon (Tentoonstelling van Levende Meesters) von 1881 folgten weitere, zum Teil sehr großformatige Bilder aus diesem Umfeld. Eines der Hauptwerke, der Abtransport der Kolonialsoldaten, wurde 1885 auf dem Pariser Salon mit einem Preis bedacht. Der Kunstkritiker Albert Wolff erwähnte es lobend in der überregionalen Tageszeitung Le Figaro. Israëls Mitgliedschaften bei der 1876 gegründeten Hollandsche Teekenmaatschappij (Holländische Zeichengesellschaft) (1883) und der Haager Malergesellschaft Pulchri Studio (1885) kamen sicherlich auf Betreiben des Vaters zustande.
Neuorientierung (1885–1894) mini|Kohlerevier Borinage, Gemälde von Constantin Meunier, 1882 mini|Studenten an der Rijksakademie Amsterdam, Foto von 1882 mini|Gracht in Amsterdam, Foto von A. T. Rooswinkel, Ende 19. Jahrhundert 1885 unternahm Israëls Reisen in die Provinz Zeeland, ins Herzogtum Brabant und andere Teile Belgiens. Angeregt durch einen Vortrag über Émile Zolas Buch Germinal besuchte er zusammen mit dem späteren Ethnologen und Soziologen Sebald Rudolf Steinmetz die industriell geprägte Region Borinage. In Charleroi zeichnete er Landarbeiter, Glasbläser und Bergleute. Das Leben in den Fabriken wurde für Israëls jedoch nie zu einem echten Thema. Sein Skizzenbuch zeigt, dass er deren unmittelbaren Umgebung, wie zum Beispiel Frauen, die draußen eine Pause machen, nicht weniger Aufmerksamkeit widmete.
Den Haag – mit der erfolgreichen Haager Schule – musste Mitte der 1880er-Jahre die führende Rolle als Kunstzentrum abgeben. Die Eröffnung des Nordseekanals 1876 hatte Amsterdam eine Verbindung zum offenen Meer und damit zum Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten ermöglicht. Die Stadt erlebte nun einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde zum Mittelpunkt des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens.
Für die jungen Künstler bot sich ein Studium an der Rijksakademie van beeldende kunsten (Reichsakademie der Bildenden Künste) an. So auch für Isaac Israëls, der im Dezember 1886 die Aufnahmeprüfung ablegte und im Februar 1887 nach Amsterdam zog. Gemeinsam mit Breitner besuchte er den Unterricht, gemeinsam verließen sie bereits nach einem Jahr die Institution. Das Stammregister der Studenten führt beide Maler mit dem Vermerk „als bereits ausgebildete Künstler an der Akademie völlig fehl am Platz“Stamregisters van studenten 1877–1914. Archiv der Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam. Inventarnr. 90–175. Collectie Rijksarchief van Noord-Holland, Haarlem auf. Ebenfalls 1887 datiert Israëls Mitgliedschaft in der Amsterdamer Sozietät Arti et Amicitiae und sein Anschluss an den Kreis der Literatengruppe Tachtigers („Achtziger“) um Willem Kloos, Hélène Swarth, Frederik van Eeden, Lodewijk van Deyssel, Albert Verwey und Frans Erens. Mit Letzterem blieb er zeitlebens befreundet. Durch den Maler Isaac Voermans lernte er Künstlerkollegen wie Richard Roland Holst, Jan Verkade, Eduard Karsen, Hendrik Haverman und Jan Toorop kennen.
1889 wurde Israëls Mitglied der Künstlervereinigung Nederlandsche Etsclub (Niederländischer Radierklub). Im September fuhr er gemeinsam mit Erens für fünf Wochen nach Paris. Dort trafen die Freunde mit den Schriftstellern Émile Zola, Joris-Karl Huysmans und Stéphane Mallarmé, dem Kunstkritiker Albert Wolff und dem Maler Odilon Redon zusammen. Bei Berthe Morisot lernten sie neben deren eigenen Bildern auch Werke von Édouard Manet kennen. Jan Veth nahm Israëls im Oktober mit in die Kunstgalerie Boussod & Valadon in Montmartre. Der Leiter Theo van Gogh zeigte ihnen unter anderem Gemälde seines Bruders. Nach dem Freitod Vincent van Goghs am 29. Juli 1890 schrieb Israëls an Theo: „Mein Freund, ich drücke Dir mein Mitgefühl zum traurigen Fall mit Deinem Bruder aus. Es tut mir leid, dass ich nie die Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen, aber ich dachte, es würde noch dazu kommen.“Amice, ik condoleer je met het treurige geval met je broer. Het spijt mij dat ik nooit in de gelegenheid was kennis met hem te maken, maar ik dacht dat het er nog wel eens van zou komen. Brief von I. Israëls an Th. van Gogh, Amsterdam 17. August 1890. Sammlung Rijksmuseum Vincent van Gogh, Inv.-Nr. B 1015 v/1962.
Durch Amsterdam schlenderten Israëls und Erens vor allem abends, um Anregungen für ihr Schaffen zu sammeln. Der Literat hielt seine Eindrücke in „Prosagedichten“ fest, die er 1893 als „Tänze und Rhythmen“ veröffentlichte. Israëls entwarf dafür den Einband. Überhaupt arbeitete er sehr intensiv, in seinem Atelier häuften sich die Studienblätter. Er zeichnete und malte Porträts, Akte, Vorstellungen und das Publikum im neuen Circus Carré, tanzende Paare in den beliebten Tanzhäusern, Kaffeebohnen sortierende Frauen, spielende Kinder und Passanten sowie arbeitende Menschen wie Dienstmädchen, Portiers und Karrenfahrer in den Straßen der Stadt. Um das geschäftige Treiben im Hutgeschäft Mars festzuhalten, mietete er 1893 im gegenüberliegenden Haus eine Wohnung. Mit den Ergebnissen seines Tuns wenig zufrieden, stellte er zwischen 1887 und 1894 so gut wie nichts aus. Bei den häufigen Treffen im Atelier des Bildhauers Joseph Mendes da Costa skizzierte Israëls mehrere der ihm bekannten Künstler wie Gerrit Willem Dijsselhof und Maurits van der Valk. Auch ein Porträt seines Vaters und das von Thérèse Schwartze entstanden in dieser Phase.
Manche seiner auf der Straße angefertigten Studien setzte Israëls im Atelier in Öl um. So beispielsweise zum Gemälde Noordermarkt, das zu seinen frühesten Stadtveduten zählt. Mehrere Werke zeigen junge Frauen, die an einer Gracht entlanggehen. Sie sind immer mindestens zu zweit. Dicht beieinander, meist Arm in Arm, wappnen sie sich vor den Gefahren der Stadt. Ein Beispiel ist hier das Gemälde Zwei junge Frauen an der Lijnbaansgracht in Amsterdam. Israëls neue Pinselstriche sind massiv und breit, die Häuserreihen im Hintergrund durch flotte Farbkleckse (taches) angedeutet. Für die Maler des Amsterdamer Impressionismus avancierte die Stadt zum Motiv und diente nicht mehr nur als Kulisse. Sie gewannen dem urbanen Leben eine eigene Schönheit ab.
Pleinair-Malerei in Amsterdam und Scheveningen (1894–1904)
200px|mini|Isaac Israëls in seinem Atelier in Amsterdam, 1903 (Ausschnitt) Nachdem Israëls bei seinem Besuch in London im Mai 1891 Kunstwerke von Vertretern der Schule von Barbizon gesehen hatte, beantragte er bei der Stadt Amsterdam die Erlaubnis zum Malen auf der Straße – und erhielt die Lizenz. Doch erst als er 1894 die Vergünstigung zum zweiten Mal erreichte, zögerte er nicht länger. Für Anna Wagner ist das an Paul Verlaines Abreisetag im November 1892 im Innenhof von Witsens Haus entstandene Bild zweier Frauen der „Beginn von Israëls Pleinair-Malerei“. In der Öffentlichkeit malte der Künstler allerdings zum ersten Mal an einem sonnigen Oktobertag 1894. In der Tagespresse war zu lesen: „Heute stand der Maler mit seiner kleinen Staffelei auf der Brücke […] und malte dort unter dem blauen Himmel sein Bild mit den Aufwartemädchen (dagmeisjes).“Nieuwe Rotterdamsche Courant vom 24. Oktober 1894. Zitiert nach Anna Wagner, Isaac Israels, 1969, S. 13 Um welches Bild es sich handelte, kann nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Israëls malte jedoch eine ganze Serie desselben Motivs. Die Titel und Datierungen variieren, aufgrund der übereinstimmenden Häuserzeile im Hintergrund werden zwei Gemälde beim jeweiligen Museum als Dienstmeisjes op de Leidsegracht (Dienstmädchen an der Leidsegracht)Groninger Museum, 1982.0016, RKD 52249 und Rijksmuseum Amsterdam, SK-A-3594,2, RKD 110244 geführt.
Auffallend ist die neue Farbpalette. Die Töne sind heller, die Szenen von Sonnenlicht durchflutet. Israëls hatte nun seinen Stil gefunden. „In fröhlichen Farben besang er die Alltagswelt und verzauberte sie in ein schmetterlinghaft bewegtes Spiel von Linie, Farbe und Licht.“ In Amsterdam fand der Maler seine Modelle auf der Straße, bat Passanten einfach, sich wie gewünscht zu positionieren, und machte sich ans Werk. Die Bilder waren schnell vollendet. Eine gerne zitierte Äußerung von ihm lautet: „Vor allem nicht zu viel arbeiten, nicht mehr als zwei Stunden am Stück, nicht zu lange herumtrödeln, [denn] dann ist man nicht mehr frisch.“ Vooral niet te veel werken, niet meer dan twee uur achter elkaar, niet te lang peuteren, dan ben je niet fris meer. Text zu SK-A-3597, Rijksmuseum Amsterdam, RKD 21394