mini|Die Lage des Ländeburgus am Donaulimes. Der Burgus contra Florentiam war ein spätantiker römischer Ländeburgus, dessen Besatzung einen Flussübergang am pannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) sicherte. Seine Überreste befinden sich auf dem Gemeindegebiet der Ortschaft Dunafalva (dt. Salasche, Seetschke) im Komitat Bács-Kiskun in Ungarn. Die Anlage wurde am östlichen Ufer des Flusses auf dem Gebiet des sarmatischen Barbaricums errichtet. Der Strom markierte in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Am anderen Ufer, dem Burgus direkt gegenüber, lag auf einer das flache Land dominierenden Anhöhe das strategisch wichtige Kastell Florentia.Kastell Lugio/Florentia bei Der antike Name des Ländeburgus ist heute umstritten.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 106.
Lage mini|Im Vordergrund liegt das auf einem mächtigen Lößsockel errichtete Kastell Lugio/Florentia; auf der gegenüberliegenden Flussseite, an der kleinen Lichtung des Ufersaums, befand sich der Ländeburgus mini|Die Schiffslände von Dunafalva nach der Bestandsaufnahme durch András Mócsy 1958. mini|Rekonstruktionsversuch des valentinianischen Ländeburgus. Ein umlaufendes Grabenwerk konnte bei derartigen Befestigungen in Ungarn bislang noch nicht festgestellt werden.
Der am Ostufer der Donau gegründete Burgus liegt auf der großen Insel von Mohács, einem von vielen größeren und kleineren Verästelungen der Donau durchzogenem Landstrich, der in den Reisebeschreibungen des 19. Jahrhunderts als ein sumpfiges, jährlich überschwemmtes Gebiet beschrieben wird und bis heute als ein Kleinod der Vogelkunde gilt. Die hydrologischen Gegebenheiten verdeutlicht auch der süddeutsche Name von Mohác – Moosach. Aufgrund der wichtigen Straßenverbindung nach Dakien befand sich schon seit mittelrömischer Zeit an dieser Stelle ein Flussübergang.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 124. Die Besatzung des Burgus stand in engem Kontakt zur Kastellgarnison am westlichen Ufer. Da deren Befestigung auf einer markanten Anhöhe lag, hatte man von dort aus eine gute Fernsicht auf das Land der sarmatischen Jazygen, die eigentlich Verbündete der Römer, aber auch immer wieder zu Aufständen gegen sie bereit waren. Über Dunafalva führte ein bedeutender Handelsweg durch Sarmatien über das Marostal bis nach Dakien, wie ein in Szeged, dem antiken Partiscum, mitten im Barbaricum aufgefundener Weihestein eines römischen Zöllners verdeutlicht.Inscriptiones Daciae Romanae – Belegstelle = IDR-03-01,00281; Epigraphische Datenbank HeidelbergAndrás Mócsy: Die spätrömische Schiffslände in Contra Florentiam. In: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Steiner, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 223.
Namensgebung Der Name des Brückenkopfes und seiner Besatzungseinheit ist aus der Notitia dignitatum, einem spätantiken Staatshandbuch, bekannt (…equites sagittarii altino, nunc in burgo contra Florentiam…),Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 125. doch fehlte hierfür lange Zeit der richtige geographische Bezugspunkt. Aufgrund der mutmaßlichen Route des hier vorbeiführenden Handelsweges vermuteten Wissenschaftler schon im 19. Jahrhundert eine römische Befestigung gegenüber dem schon bekannten Donaukastell von Lugio, doch war diese Annahme ohne entsprechende Grabungen nicht zu beweisen. 1888 erkannte schließlich der Archäologe und LimesforscherZsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 15. Robert Fröhlich (1844–1894) in den Bauresten den aus der Notitia Dignitatum bekannten burgus contra Florentiam („Burgus gegenüber von Florentia“). Da allerdings der damals bereits bekannte, mittelkaiserzeitliche Name des am westlichen Ufer liegenden Kastells Lugio in diesem Staatshandbuch nicht aufschien, stattdessen nur ein Florentia an dessen Stelle genannt wurde, musste der Platz in der Spätantike einen neuen Namen erhalten haben. Somit konnte seiner Ansicht nach mit dem in der Notitia genannten Burgus nur die kurz zuvor untersuchte Ruine bei Dunafalva gemeint sein. Zsolt Visy war in der Vergangenheit ebenfalls der allgemeinen Auffassung gefolgt, dass Dunafalva mit dem Burgus contra Florentiam gleichzusetzen war, später revidierte er seine Meinung jedoch und geht nun davon aus, dass mit contra Florentiam ein anderes, bis heute unbekanntes Kastell in der näheren Umgebung gemeint sein muss, da in der Notitia Dignitatum üblicherweise keine Ländeburgi aufgelistet werden.
Forschungsgeschichte Frühe Beobachtungen mini|Die Reste des südlichen Eckturms mini|Die Baureste desselben Turms bei niedrigem Wasserstand. mini|Der südliche Eckturm am Donaustrand (Zustand 2007). mini|Der Turm aus einer anderen Perspektive (Zustand 2007). Die römische Anlage galt lange als Rest einer mutmaßlichen mittelalterlichen „Kirche zu Ehren der Engel“ (ung. Angyalok temploma, lat. Templum angelorum). Einer Legende zufolge sollte der 20-jährige böhmisch-ungarische König Ludwig II. nach der für Ungarn katastrophalen Niederlage gegen die Türken 1526 (Schlacht bei Mohács) hier getötet werden. Tatsächlich fanden sich im Umkreis der Ruine mehrere mittelalterliche Gräber mit Gewänderverzierungen, Panzerbruchstücken und Säbeln.András Mócsy: Die spätrömische Schiffslände in Contra Florentiam. In: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 226. Bei Mohács wurden zudem in den 1970er Jahren auch Massengräber für rund 15.000 Gefallene dieser Schlacht entdeckt. Bevor sich die Wissenschaft ernsthaft für den Burgus interessierte, war um 1800 aber schon ein Großteil seines Steinmaterials für den Bau der katholischen Pfarrkirche des angrenzenden Ortes entwendet worden.
Als erster erforschte und dokumentierte im Jahr 1885 der Rechtsanwalt, Kunstsammler und Mäzen Antal Horvath (1848–1912) die antiken Mauerreste:Antal Horvath: A duna-szekcsői római falmaradványokról. In: Archaeologiai Értesítő. 5, 1885, S. 37–38.
„Die Ruinen sind weitreichend, jedoch nur bis zu einem geringen Teil freigelegt; einige Teile erstrecken sich auch ins Donaubett hinein ... Die Mauern sind aus Ziegeln, unbehauenen Steinblöcken und bearbeiteten Steinen verschiedenen Ausmaßes gebaut ...“
Zusätzlich berichtete Horvath über aufgefundene Ziegelstempel, von denen er allerdings nur einen richtig lesen konnte: COH(ors) VII BR(eucorum) – die 7. Kohorte der Breuker. Weiters berichtet er von einer – zwischen 200 und 201 für Kaiser Septimius Severus (193–211) entstandenen – Ehreninschrift auf einer Statuenbasis, die als Spolie in der spätantiken Schiffslände vermauert war..
Die nächste Ausgrabung fand unter der Leitung des Althistorikers Alfred von Domaszewski (1856–1927) statt, als er im Zuge seiner Bearbeitung des Supplementbandes zu CIL III auch Ungarn besuchte. Leider ist über diese Arbeiten nur ein Hinweis des Autors zu CIL III 10278,. eine mit einer Inschrift versehenen Spolie von einer Statuenbasis des Septimius Severus, bekannt geworden. Möglicherweise hat der Chronist Pfarrer Mauritius Wosinsky (ungarisch: Mór Wosinszky) in seinem 1896 erschienenen Werk über die Frühgeschichte des Komitats Tolna auf die Ergebnisse von Domaszewskis Grabungen zurückgegriffen, da er diesbezüglich sehr genaue Angaben zu dieser Anlage machen konnte, wenn er u. a. schreibt, dass:
„...die im Wasser liegenden Teile abgerechnet, ist das Gebäude 85 m lang und 59 m breit. Die Mauern sind 1,90–1,45 m stark. Im Inneren des Gebäudes laufen fünf Quermauern in nordsüdlicher Richtung.“
Da die Grundbesitzer das damals noch weitgehend intakte Gemäuer als Steinbruch nutzten, sollen noch insgesamt sechs weitere Spolien mit Inschriften zum Vorschein gekommen sein, von denen jedoch nur drei vor dem Verschwinden gerettet werden konnten. Neben den zwei bereits bekannten des Septimius Severus kam nun auch eine Statuenbasis aus der Zeit des Kaisers Caracalla (211–217) hinzu.. Eine weitere von der antiken Schiffslände stammende und bis dahin unveröffentlichte römische Inschriftenspolie aus der Regierungsperiode des Kaisers Mark Aurel (161–180). beschrieb der erste Ausgräber von Aquincum, Valentin Kuzsinszky (1864–1938), im 2. Band des 1902 veröffentlichten Lexikons der Antike, hier wurde auch wieder die Cohors VII Breucorum erwähnt.
20.–21. Jahrhundert Auch im 20. Jahrhundert wurde die Anlage immer wieder durchwühlt und geplündert. So waren z. B. 1927 für den Bau des Gemeindezentrums Steine abgefahren worden. Parallel dazu gingen die wissenschaftlichen Forschungen nur schleppend voran. Erst mit Veröffentlichung von zwei neuentdeckten spätantiken Ziegelstempeln durch den Archäologen János Szilágyi (1907–1988) wurde die Erforschung der Schiffslände weitergebracht, doch sollte es noch bis ins Jahr 1950 dauern, bis der Direktor der Volksschule von Dunaszekcső, Ferenc Halász, den bis heute umfangreichsten Bericht über contra Florentiam am Ungarischen Nationalmuseum in Budapest vortragen konnte. Durch seine Dokumentation ist weit mehr über die Anlage bekannt geworden, als dies aus der bis dahin veröffentlichten Literatur und den heute noch erhaltenen Mauerresten zu erschließen war.András Mócsy: Die spätrömische Schiffslände in Contra Florentiam. In: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 224.
Nach den katastrophalen Überschwemmungen des Frühjahres 1956 begannen die Bewohner der Umgebung damit, weitere Mauerblöcke des Burgus als Material zum Wiederaufbau ihrer Häuser abzutragen. Daher beorderte das Museum von Pécs im April 1956 Pál Lakatos nach Dunafalva, um die Schäden aufzunehmen und weitere Zerstörungen zu unterbinden. Auch gab es immer noch einige Gelehrte, die das Bauwerk weiterhin als mittelalterliche Kirche ansahen. 1958 wurde der Archäologe, Althistoriker und Epigraphiker András Mócsy (1929–1987) auf die antike Schiffslände von Dunafalva aufmerksam und nahm vor Ort einige Untersuchungen an den Trümmern vor. Eine vollständige Aufnahme des Gebäudes war allerdings nach den vorangegangenen Verwüstungen nicht mehr zu ermitteln.András Mócsy: Die spätrömische Schiffslände in Contra Florentiam. In: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 248. Der rückwärtige Teil des Ländeburgus war im Ufersaum begraben. Vom zentralen Wohn- und Wachturm fehlte fast das gesamte Mauerwerk; nur die beiden seitlich anschließenden Turmfundamente ließen sich noch weitgehend dokumentieren. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es Mócsy unter Zuhilfenahme der älteren Veröffentlichungen und Unterlagen, eine vollständige Rekonstruktion des Grundrisses auf dem Papier wiederzugeben und das Bauwerk typologisch zuzuordnen. Seit 1958 hat sich der Donaulauf bis ins frühe 21. Jahrhundert weitgehend über die Anlage geschoben und unterspült deren Überbleibsel. Die erste wissenschaftliche Ausgrabung fand 2008 unter der Leitung von Zsolt Mráv statt.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In: Archaeologiai Értesitő. 134, 2009, S. 33.Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2. National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 20.
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