Die Flut ist ein Lied des deutschen Musikers Joachim Witt aus dem Jahr 1998, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Synthiepop-Sänger Peter Heppner. Das Stück ist die zweite Singleauskopplung aus Witts achtem Studioalbum bayreuth eins.
Entstehung und Artwork Geschrieben wurde das Lied gemeinsam von Peter Heppner und Joachim Witt, letzterer arrangierte und produzierte die Single zusammen mit José Alvarez-Brill. Brill war ebenfalls für die Abmischung des Stückes verantwortlich. Gemastert wurde das Stück von Liquid Gold Mastering in Halle (Saale), unter der Leitung von Radu Marinescu. Die Aufnahmen erfolgten im Tonstudio The Factory in Belgien. Die Flut wurde unter den Musiklabels Epic Records und Zeitbombe (Strange Ways Records) veröffentlicht, durch Eisenherz, Hanseatic MV und Strange Ways Records verlegt sowie durch Sony Music Entertainment vertrieben.
Auf dem schwarz gehaltenen Cover der Maxi-Single sind – neben Künstlernamen und Liedtitel – Wasserwellen zu sehen. Die Fotografie und Artworkarbeiten stammen von den Graphischen Werken Ottensen, das Designkonzept selbst stammt von Heppner.
Veröffentlichung und Promotion Die Erstveröffentlichung von Die Flut erfolgte am 23. Januar 1998 in Deutschland als Independent-Single bei Strange Ways Records.Peter Heppner: Interview mit Ecki Stieg. Grenzwellen TV, Arte, 1998. Diese erste Auflage wurde jedoch nach kurzer Zeit vom Markt genommen und im März 1998 als Maxi-Single in einer leicht veränderten Aufmachung erneut bei dem Majorlabel Epic Records veröffentlicht. Auf dem Cover der ersten Auflage befinden sich noch die Vornamen beider Interpreten, diese wurden bei der Neuauflage weggelassen. Im Laufe des Jahres folgten Veröffentlichungen in Österreich (12. Juli 1998) und der Schweiz (9. August 1998) sowie schließlich eine europaweite Veröffentlichung. Neben der Radioversion enthält die Maxi-Single eine erweiterte Fassung von Die Flut sowie die Lieder Wintermärz und Twelve, als B-Seite. Bei den B-Seiten handelt es sich um Solo-Veröffentlichungen, Wintermärz stammt von Witt und Twelve von Heppner.
2001 veröffentlichte Witt eine Liveversion zu Die Flut als B-Seite seiner Single Stay? Es handelt sich um eine Soloversion des Stücks, die während Witts Bayreuth 2 Tour 2001 aufgenommen wurde. Das Mastering dieser Version erfolgte durch das „Woodhouse-Studio“ in Hagen. Am 22. Februar 2019 erschien ein orchestrales Liveduett von Heppner und Witt, unter der musikalischen Begleitung des durch Christoph-Johannes Eichhorn dirigierten MDR-Sinfonieorchesters, auf Witts Livealbum Refugium. Die Aufnahme entstand am 7. Oktober 2018 im Leipziger Gewandhaus.
Hintergrund Zusammenarbeit Witt/Heppner Peter Heppner und Joachim Witt veröffentlichten in ihrer Karriere gemeinsam zwei Singles. 1998 erschien mit Die Flut das erste gemeinsame Werk. Das Zustandekommen beschrieb Witt damit, dass einer seiner „absoluten Lieblingstitel“ Übers Jahr von Wolfsheim sei. Alleine das sei Grund genug gewesen, Kontakt zu Heppner aufzunehmen. Zusätzlich sei Witt durch Lothar Gärtner – dem Labelinhaber von „Strange Ways“, bei dem Wolfsheim unter Vertrag standen – angeregt worden. Witt stellte Heppner den Titel vor und so habe sich die Basis für eine Zusammenarbeit ergeben, getragen von auffälliger gegenseitiger Übereinstimmung.
Zum 20-jährigen Jubiläum von Die Flut nahmen Heppner und Witt mit Was bleibt? erneut ein Duett auf. Das Lied wurde am 10. August 2018 als Single veröffentlicht und feierte am 12. August 2018 seine Livepremiere bei einem gemeinsamen Auftritt auf dem M’era Luna Festival. Was bleibt? entstand unter umgekehrten Vorzeichen. Während Heppner mit Der Flut noch auf bayreuth eins von Witt gastierte, so ist Heppner diesmal der Gastgeber. Die Single erschien auf Heppners drittem Studioalbum Confessions & Doubts.Peter Heppner: Confessions & Doubts. Begleitheft, RCA Deutschland, 28. September 2018.
Überraschender Erfolg von Die Flut und Auswirkungen auf Wolfsheim In einem Interview mit dem Online-Magazin Laut.de – welches Heppner im Zuge der Veröffentlichung seiner Alben Confessions & Doubts und TanzZwang gab – berichtete er 20 Jahre nach der Veröffentlichung von Die Flut, dass sie der Erfolg der Single alle überrascht, fast „überfahren“ hätte. Sie hätten alle an das Stück geglaubt, auch er selbst habe daran geglaubt, dass es erfolgreich werden könne. Aber dass es so erfolgreich werden würde, vor allem ohne Radiounterstützung, es sei schließlich nur über Mundpropaganda und Verkäufe gelaufen, das sei schon eine „erstaunliche Sache“ und „irre“ gewesen. Und es hörte und hörte nicht auf, so dass es beinahe schon etwas genervt habe am Ende. Des Weiteren berichtete er während des Interviews, dass er seine Nebenprojekte immer so „timen“ wollte, dass sie kurzfristig vor neuen Wolfsheim-Projekten stattfinden, um diese Projekte damit zu unterstützen. Wolfsheim wollte mit ihrem vierten Studioalbum Spectators rauskommen und Die Flut sei immer noch in den deutschen Singlecharts gewesen. Das sei für ihn und Markus Reinhardt als Band „doof“ gewesen. Deswegen hätten sie die Veröffentlichung von Spectators um ein Vierteljahr verschieben müssen. In einem Interview bei Grenzwellen gab er zudem an, dass Die Flut nur eine Idee am Rande gewesen sei, die hauptsächlich durch die Wolfsheim-Fans gut angelaufen sei, sodass es von einer Indie- zur Majorveröffentlichung avancierte.
Erdbeben im Indischen Ozean 2004 Kurz nach dem Sumatra-Andamanen-Beben im Indischen Ozean am 26. Dezember 2004 verbannten einige Radiostationen das Lied vorübergehend aus ihrer Rotation. Schätzungsweise starben durch das Beben und seine Folgen etwa 230.000 Menschen, davon allein in Indonesien rund 165.000. Über 110.000 Menschen wurden verletzt, über 1,7 Millionen Küstenbewohner rund um den Indischen Ozean wurden obdachlos. Neben Die Flut wurden auch Titel wie Perfekte Welle von Juli oder auch Land unter von Herbert Grönemeyer vorübergehend aus dem Programm genommen. Der SWR3-Sprecher Frank Bischoff erklärte beispielsweise, dass es nicht passen würde, wenn solche Titel jetzt gespielt würden.
Inhalt Der Liedtext zu Die Flut ist in deutscher Sprache verfasst. Sowohl die Musik als auch der Text wurden gemeinsam von Heppner und Witt verfasst. Musikalisch bewegt sich das Lied im Bereich der Rock- und Synthie-Pop-Musik. Das Tempo beträgt 115 Schläge pro Minute. Das Lied befindet sich in der Tonart E-Dur. Aufgebaut ist das Lied auf zwei Strophen, einer Bridge und einem Refrain. Die Bridge erfolgt vor jedem Refrain sowie zwischen dem zweiten und dritten Refrain und besteht immer aus einem Vierzeiler, dessen Text sich jedes Mal unterscheidet. Die Strophen werden von Witt, die Bridge von Heppner gesungen. Der Refrain wird letztendlich von beiden zusammen gesungen. Als Instrumentalist ist Martin Langer von der deutschen Popgruppe Felix de Luxe am Schlagzeug zu hören.
Inhaltlich beschreibt das Stück die Sehnsucht nach einem Leben in einer besseren Welt und die Unzufriedenheit über unsere und ihre Vergänglichkeit. Es geht um einen inneren Kampf, bei dem jemand mit seinem bisherigen Leben hadert. Die regionale Tageszeitung Freie Presse schrieb, dass bei den Hörern wohl eher zunächst Gefühle wie Melancholie aufkämen; neben vielen negativ klingenden Aussagen verberge der Text auch einige optimistische Passagen wie die des Refrains, in dem nur der Traum auf ein neues „großes“ Leben besungen wird.
Musikvideo Am Anfang des Videos sitzen sich Heppner und Witt an einem – wie in einer Vernehmung von einer Lampe beschienenen – Tisch gegenüber. Durch die Texteinblendung „Die Arche steht bereit“ beginnt die Haupthandlung, die optisch im Stil eines Stummfilms aus dem frühen 20. Jahrhundert gehalten ist. Zu sehen sind weiß gekleidete Frauen und Männer (in Texteinblendungen werden sie als „Auserwählte“ bezeichnet) in Zweierreihe, die vor einem riesigen schwarzen Schiff auf ihre Fahrkarte warten. Zur selben Zeit begleitet ein schwarzgekleideter Mann in Leder- und Regenmantel mit Fliegermütze (Witt) eine Gruppe „behinderter Menschen“ in Richtung des Schiffes. Während die letzte Fahrkarte ausgegeben wird, setzt der Regen ein. Die „Auserwählten“ und „Behinderten“, die sich noch nicht auf dem Schiff befinden, treffen nun aufeinander und kämpfen darum, auf das Schiff zu gelangen. Letztendlich gelingt das nur einem der „Auserwählten“ (Heppner). Dieser kappt die Seile, sodass die Brücke des Schiffs herunterstürzt, hierbei werden einige der Zurückgebliebenen erschlagen und die Luke wird von ihm geschlossen. Am Ende sind wieder Witt und Heppner in der gleichen Position wie zu Beginn des Videos zu sehen. Die „Bordkarten“ werden durch einen Dienststempel mit dem Stralsunder Wappen gekennzeichnet.
Das Musikvideo feierte am Anfang des Jahres Premiere. Die Gesamtlänge beträgt 3:52 Minuten. Regie führten Stefan Browatzki und Philipp Stölzl. Im Februar 2018 hochgeladen, zählte das Video bis Juli 2025 über 6,1 Millionen Aufrufe auf der Videoplattform YouTube.
Mitwirkende Liedproduktion José Alvarez-Brill: Abmischung, Arrangement, Musikproduzent Peter Heppner: Gesang, Komponist, Liedtexter Martin Langer: Schlagzeug Radu Marinescu: Mastering Joachim Witt: Arrangement, Gesang, Komponist, Liedtexter, Musikproduzent
Musikvideo Stefan Browatzki: Regisseur Sven Budelmann: Filmeditor Michael Mieke: Kameramann Philipp Stölzl: Regisseur
Artwork (Cover) Peter Heppner: ArtworkUnternehmen Department M: Filmproduzent (Musikvideo) Eisenherz: Verlag Epic Records: Musiklabel The Factory: Tonstudio Graphische Werke Ottensen: Artwork (Cover) Hanseatic MV: Verlag Indigo: Vertrieb (1. Auflage) Liquid Gold Mastering: Mastering Sony Music Entertainment: Vertrieb Strange Ways Records: Musiklabel (1. Auflage), Verlag Zeitbombe: Musiklabel
Rezeption Beiden Sängern wurde aufgrund des Musikvideos die Verherrlichung des Totalitarismus vorgeworfen. Ähnlich wie Rammstein griffen sie auf eine Ästhetik zurück, die zuvor im Martial Industrial etabliert wurde und erreichten damit ein größeres Publikum. Während Rammstein mit Stripped direkt Bilder Leni Riefenstahls nutzten, orientierte sich das Musikvideo zu Die Flut an Sergei Michailowitsch Eisenstein. Das Musikvideo biete jedoch, wie das Rammstein-Video, deutliche Anknüpfungspunkte an eine totalitäre Ästhetik. Das dargestellte Endzeitszenario von einer drohenden Flut wird von Lindke als Beinahe-Hommage „an den völkisch-rassistischen Republikaner-Wahlspruch ›Das Boot ist voll‹“ gedeutet.
Die taz beurteilte das Video als ein sozialdarwinistisches Werk, „ein absurdes Panoptikum behinderter Menschen, zum Sterben auserwählt – Sound der Eugenik, einer, der Überfremdungsängste inszeniert und Survival of the Fittest.“ Laut Martin Büsser wurde mit Die Flut ein „Überfremdungs- und Überbevolkerungsangst schürendes Video [erzeugt], das an offenkundiger Nazi-Propaganda nur um Haaresbreite vorbeigeschlittert ist[.]“ Der A&R-Manager der zugehörigen Plattenfirma „Strange Ways Records“, Christoph Bolwin, wies die Vorwürfe zurück. Witt bliebe im Video als Ausgestoßener an Land zurück und die Ästhetik des Videos sei an Eisenstein und keineswegs an NS-Propagandafilmen orientiert.
In Interviews, die Witt im Entstehungszeitraum der Werkreihe Bayreuth gab, vertrat er ethnopluralistische Positionen und sprach sich für eine Loslösung der genutzten Ästhetik, die im Video zu Bataillon d’Amour, in Form eines Fackelmarschs, erneut aufgegriffen wurde, aus dem Kontext des Nationalsozialismus aus. In den gleichen Interviews nannte er sich selbst einen linken Kosmopoliten.
Kommerzieller Erfolg Das Lied wurde zum größten kommerziellen Erfolg in Witts und Heppners Karriere. Dem zu Beginn der 1980er-Jahre erfolgreichen Witt gelang damit ein großes Comeback, während es für Heppner die erste kommerziell erfolgreiche Veröffentlichung abseits seines Musikprojektes Wolfsheim war.
Chartplatzierungen