Murano, venetisch Muran, ist eine Inselgruppe nordöstlich der Altstadt von Venedig in der zentralen Lagune von Venedig. Die aus sieben Einzelinseln bestehende Inselgruppe ist bekannt für ihre Glaskunst, lebt aber auch vom Tourismus und – in wesentlich geringerem Umfang – noch immer vom Fischfang.

Ihre Wurzeln reichen bis in die Spätantike zurück. Im 5. und 6. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung durch Flüchtlinge aus Altinum an, die vor Hunnen und Langobarden Schutz suchten. Ende des 13. Jahrhunderts wurde die Glasproduktion auf die Insel verlegt, um die Stadt vor der Feuergefahr zu schützen und die Gewerbe hier zu konzentrieren. Diese Glasgewerbe waren gegen Ende der Republik Venedig im Niedergang begriffen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Neubelebung. Murano gehört erst seit 1924 zur Stadt Venedig.

Geographie Murano liegt 1,1 km nördlich von Cannaregio, dem nördlichen Stadtteil (Sestiere) der Altstadt von Venedig) sowie 230 m nördlich der Friedhofsinsel San Michele. Die Gesamtfläche beträgt 1,17 km² (genauer 1.171.625 m²veniceinitaly.com, ), mit 4.683 Einwohnern (Stand 19. August 2009). Die Inselgruppe erreicht nur eine Höhe von einem Meter.

Murano besteht aus sieben Einzelinseln, die durch acht Kanäle voneinander getrennt und durch elf Brücken miteinander verbunden sind.

mini|Leuchtturm von Santo Stefano Durch den breiteren Canal Grande di Murano (der sich von West nach Ost untergliedert in Canale degli Angeli, Canale Ponte Lungo und Canale San Giovanni) ist Murano in zwei Teilgruppen gegliedert. Zur nördlichen Gruppe gehören die Inseln Sacca Mattia, eine noch wenig bebaute, künstliche Insel, dann die Hauptinsel San Donato, dazu Dei Conventi und Navagero. Zur südlichen Gruppe gehören die drei Inseln Sacca Serenella, die zweite künstliche Insel, dann San Pietro Martire (mit dem Palazzo da Mula) und S. Chiara e Santo Stefano, wo sich der faro, der Leuchtturm befindet.

Ähnlich wie die Altstadt von Venedig weist Murano eine Reihe von Kanälen auf, die von zehn Brücken überspannt werden, die die Inseln miteinander verbinden:

Ponte Angelo Zaniol, Canale San Donato Ponte Ballarin o de Mezo, Rio dei Vetrai Ponte delle Terese, Canale San Donato Ponte San Donato, Canale San Donato Ponte San Martino, Rio San Matteo Ponte San Pietro Martire, Rio dei Vetrai Ponte Santa Chiara, Rio dei Vetrai Ponte Longo Lino Toffolo o Vivarini, Canale Ponte Longo Ponte del Campo Sportivo, Canale di San Mattia Ponte dell’isola della Serenella Canale Serenella

Insel Flächem² Bevölkerung2009 Anmerkungen  Sacca Mattia 411.8637 künstliche Insel, noch wenig bebaut  San Donato 349.5701776 Hauptinsel  Dei Conventi 129.8501224 mit San Giuseppe  Navagero 122.259268 mit San Matteo und dem Palazzo Trevisan  Sacca Serenella 159.97518 künstliche Insel  San Pietro Martire 219.919969 mit dem Palazzo da Mula  S. Chiara e S. Stefano 137.886450 mit dem Leuchtturm  Murano 1.531.322 4.712   

Die drei Inseln südlich des Canal Grande di Murano, nämlich San Pietro Martire, Santo Stefano und Sacca Serenella, sowie der westliche Teil der Hauptinsel San Donato mit der Filialkirche Santa Maria degli Angeli gehören zur Pfarrei San Pietro di Murano. Die restlichen Gebiete gehören zur Pfarrei San Donato di Murano.Pfarreien in Cannaregio-Estuario (MS Word; 54 kB)

Geschichte Spätantike und Frühmittelalter Schon im Römischen Reich bestanden Kanäle (fossae), die, wie die fossa Clodia, bis Chioggia reichten. Sie gestatteten Booten die Fahrt nach Pellestrina, Poveglia und Malamocco. So konnte der Verkehr von Ravenna über diese Wasserwege nach San Pietro di Castello, Murano, San Giacomo in Paludo und Torcello bzw. Altinum reichen. Nördlich von Murano fanden sich Überreste zweier Wachposten aus dem 3. und 4. Jahrhundert.

Töpferwaren fanden sich aus dem späten 4. bis Mitte des 6. Jahrhunderts beim heutigen Museo del Vetro, dem Museum für die Glasmacherkunst.Marco Bortoletto: Murano, Mazzorbo e Torcello. Tre siti a confronto, in: Archeologia delle Acque 1/1 (1999) 55-74, hier: S. 62. Ende des 6. Jahrhunderts kamen Flüchtlinge vor den Langobarden vom Festland nach Torcello und Murano, aber auch auf andere Inseln. Um 600 hatte die Insel mit dem steigenden Wasserspiegel der Lagune zu kämpfen, im 7. und 8. Jahrhundert setzten Aufschüttungen ein. Als das weiter im Norden der Lagune gelegene Torcello nach und nach bis zum 12. Jahrhundert aufgegeben werden musste, zogen viele seiner Bewohner nach Murano.

Im 11. Jahrhundert spielte die Salzgewinnung eine große Rolle. Im Zeitraum von 1000 bis 1049 befanden sich von den zwölf fondamenti, den Anlagen zur Salzgewinnung in der Lagune, allein fünf bei Murano.Jean-Claude Hocquet: Le Saline, in: Storia di Venezia, Bd. I: Origini–Età ducale Lellia Cracco Ruggini, M. Pavan, Giorgio Cracco, Gherardo Ortalli (Hrsg.), Rom 1992, S. 515–548, hier: S. 518–520. Zu diesen Salinen zählte etwa Tresaria, um die sich die Klöster San Giorgio, San Lorenzo und San Zaccaria im Jahr 1079 stritten.

Von ebenfalls großer Bedeutung war die Verarbeitung von Getreide, in erster Linie Weizen, der ganz überwiegend eingeführt werden musste. Dabei dominierten Wassermühlen. Die erste Nachricht von einer solchen Mühle auf Murano stammt aus dem Jahr 1001; die Familie Gradenigo besaß eine Mühle im Westen der Insel. Eine weitere Mühle lässt sich im Jahr 1250 am Lago di Santa Maria degli Angeli nachweisen, der in einem Dokument von 1408 wegen der einstigen Mühlen als lacu mollendinorum bezeichnet wird.

Renaissance, Kirchen und Klöster, Glasherstellung mini|Gefäß von Angelo Barovier Die Glasherstellung im Römischen Reich fand durch die Völkerwanderung eine Unterbrechung. Mutmaßlich über den Handel mit Byzanz, wo die Technik nicht verloren gegangen war, kam sie über Venedig nach Mitteleuropa zurück. Somit kann Venedig als Wiege der mitteleuropäischen Glasherstellung angesehen werden. Das älteste Dokument, in dem ein fiolario erwähnt wird, stammt von 982.

Aus Brandschutzgründen wurden 1295 alle Glasöfen von Venedig auf diese Insel verlagert. Vor allem diente diese Maßnahme jedoch dazu, das streng gehütete Geheimnis der Glasherstellung zu bewahren. Den gut bezahlten Glasbläsern war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, ihr Wissen weiterzugeben. Dennoch war die Anerkennung des im 15. Jahrhundert entstandenen Patentrechts keine Selbstverständlichkeit. Der Glasmacher Giorgio Ballarin stahl dem Erfinder verschiedener Färbemethoden und des cristallo, Angelo Barovier (um 1400–1460), einige Rezepturen und verriet sie seinem angehenden Schwiegervater. Ballarin wurde daraufhin einer der erfolgreichsten Glasmacher auf Murano. Seit dem 13. Jahrhundert besaßen die Glasmacher Statuten, die 1441 reformiert und zusätzlich ins Volgare übertragen wurden, in die Volkssprache. Diese Statuten nannten sich Mariegole.

mini|Plan von Murano, um 1600 Dem Historiker W. Patrick McCray zufolge war der Aufstieg der Glasindustrie von Murano in der Renaissance durch ein enges Zusammenspiel von Verbrauchernachfrage, handwerklichem Können und strengen staatlichen Vorschriften geprägt, die zusammen das Glas von einem handwerklichen Produkt zu einer Luxuskunstform machten.W. Patrick McCray: Glassmaking in Renaissance Venice: The Fragile Craft. Routledge, 2016, ISBN 978-0-7546-0050-3. Die kunstvollen Glasprodukte des farblosen venezianischen cristallo entwickelten sich zur Haupteinnahmequelle der Bevölkerung.

Erhalten ist nur noch wenig; die Vielzahl der Formen und Dekore erschließt sich vor allem aus den Darstellungen auf Stillleben. Ein erhaltenes Cristallo-Stück und ein Beispiel für die Nachfrage aus Deutschland ist der Behaim-Becher aus dem Jahr 1495, der vergoldet ist und mit drei emaillierten Bildern verziert wurde. Eines davon zeigt das Wappen der Familie Behaim von Schwarzbach auf Kirchensittenbach. Der Becher wurde für die Hochzeit von Michael Behaim und Katerina Lochner, der Tochter eines reichen Kaufmanns, dessen Firma den Handel zwischen Nürnberg und Venedig kontrollierte, angefertigt. Trotz aller Versuche der Republik Venedig, die Technik der Glasherstellung und Glasveredelung geheim zu halten, gelang es Ende des 16. sowie im 17. Jahrhundert einigen Glasbläsern, in die Länder nördlich der Alpen zu emigrieren und dort Glashütten zu gründen. Entscheidend waren vor allem die Abwerbeversuche Ludwigs XIV., der sich so seinen Traum vom Spiegelsaal von Versailles erfüllen konnte. Als Glas à la façon de Venise lebte der venezianische Stil in Deutschland, in den Niederlanden und in Flandern weiter, wo weitere reichhaltige Sammlungen erhalten sind. Die venezianische Vormachtstellung in der Glasherstellung wurde erst im 18. Jahrhundert durch den Erfolg barocken Schnittglases gebrochen, denn diese vornehmlich in Böhmen und Schlesien, zunehmend jedoch auch andernorts in Deutschland beheimatete Technik beherrschten die Venezianer nicht.

Murano, das Sitz des Bischofs von Torcello war, war selbst für venezianische Verhältnisse mit einer großen Zahl von geistlichen Einrichtungen ausgestattet. So zählte man Ende des 18. Jahrhunderts bei 7.000 Einwohnern „vier Parrochial Kirchen, sechs Nonnenklöster, ein Mönchskloster, ein Bethaus, und zwei Seminarien.“Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 50 (Digitalisat bei archive.org), Teil III,1, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1791 (Digitalisat bei Münchner Digitale Sammlungen). Mit den Erlassen unter Napoleon verschwanden die Klöster.

Die 1817 aufgelassene Klosterkirche San Cipriano diente u. a. den Dogen Pietro Polani, beigesetzt 1148, und Pietro Gradenigo, beigesetzt 1311, als Grablege. Nach Umzug des Bischofssitzes von San Pietro di Castello nach San Marco 1807 und dem Umzug des 1563 errichteten Priesterseminars des Patriarchats neben die Kirche Santa Maria della Salute, Dorsoduro, wurde die Klosterkirche San Cipriano 1837 verkauft und abgerissen. Der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. erwarb das byzantinische Apsismosaik für die Friedenskirche in Potsdam.

Bei der Neuorganisation der Stadt in den 1170er Jahren wurde Murano zunächst dem Sestiere Santa Croce zugeschlagen. Ab dem späten 13. Jahrhundert unterstand die Insel einem Podestà. Spätestens 1581, wahrscheinlich jedoch erheblich früher, erhielt die Insel das Recht, einmal im Jahr eigene Medaillen nach dem Vorbild venezianischer Münzen zu prägen (die Oselle), und diese ihren Magistraten auszuhändigen.Venezia e le sue lagune, Bd. I, Teil II: Zecca e monete di Venezia, Venedig: Antonelli 1847, S. 70. Verzeichnis und Abbildungen. Adrian Balbi's Allgemeine Erdbeschreibung von 1894 gibt als Einwohnerzahl 7.800 an.Adriano Balbi: Adrian Balbi's Allgemeine Erdbeschreibung. Ein Handbuch des geographischen Wissens für die Bedürfnisse der Gebildeten, Bd. 3, A. Hartleben's Verlag, 7. Aufl., Wien 1894, S. 511.

1924 wurde die Insel gegen den Widerstand der Bevölkerung von Venedig eingemeindet. Dabei kam es zu Tumulten.Storie di Murano. I Tumulti del 1923-1924, Website L’Isola.

Tourismus, Wiederaufleben der Glaskunst, Museum mini|Rippenvase aus mundgeblasenem Muranoglas von Flavio Poli für Seguso Vetri d’Arte in Sommerso-Technik (um 1958) mini|Briefbeschwerer aus Millefioriglas