mini|Bronzebüste von Michael Mohns, 2002, am Theaterwall in Oldenburg mini|Rudolf Bultmann. Signatur 1958 Rudolf Karl Bultmann (* 20. August 1884 in Wiefelstede; † 30. Juli 1976 in Marburg) war ein deutscher evangelischer Theologe und Professor für Neues Testament. Bekannt wurde er durch sein Programm der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. Seine Auffassungen wurden von der Systematischen Theologie und der Philosophie aufgegriffen.
Leben Rudolf Bultmann war ein Sohn des evangelischen Pfarrers Arthur Kennedy Bultmann und dessen Ehefrau Helene, geborene Stern.ancestry.de: Sterbeurkunde Arthur Kennedy Bultmanns, abgerufen am 15. August 2025. Während der Vater sich der liberalen Theologie zuwandte, behielt seine Mutter zeitlebens eine pietistische Einstellung bei. Von 1895 bis 1903 besuchte Bultmann das humanistische Gymnasium in Oldenburg und war während dieser Zeit Mitglied der Schülerverbindung Camera obscura Oldenburgensis.
Nach dem Abitur studierte er Evangelische Theologie und Philosophie zunächst in Tübingen, wo er mit besonderem Interesse der Vorlesung Karl Müllers über Kirchengeschichte folgte. In Tübingen wurde Bultmann Mitglied der Akademischen Verbindung Igel. Nach drei Semestern wechselte er 1904 nach Berlin, wo er unter anderem bei Adolf von Harnack und Hermann Gunkel studierte. Schon im Sommer 1905 zog Bultmann nach Marburg, wo er sich zunehmend auf sein späteres Spezialgebiet konzentrierte, das Neue Testament. Einflussreiche Lehrer dieser Zeit waren Adolf Jülicher, Johannes Weiß und Wilhelm Herrmann.
Nachdem er 1907 das erste theologische Examen abgelegt hatte, erlangte Bultmann 1910 in Marburg mit einer Arbeit über den Stil der paulinischen Predigt die Doktorwürde. Zwei Jahre später habilitierte er sich mit einer Untersuchung über die Exegese des Theodor von Mopsuestia, ebenfalls in Marburg. Der Titel seiner Antrittsvorlesung lautete: Was läßt die Spruchquelle über die Urgemeinde erkennen? Bultmann lehrte zunächst als Privatdozent. 1916 erhielt er einen Ruf nach Breslau, im Jahr darauf heiratete er Helene Feldmann. Die Novemberrevolution 1918/19 löste bei Bultmann einen politischen Denkprozess aus, der ihn in die Nähe der politischen Linken führte und für sozialistische Ideale öffnete. Er las zustimmend Lenins Staat und Revolution,Martin Evang: Rudolf Bultmann in seiner Frühzeit (= Beiträge zur historischen Theologie, 74). Tübingen 1988, S. 80–84. und engagierte sich in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Im Jahr 1922 publizierte er in den Sozialistischen Monatsheften ein Plädoyer für die Verbindung von Religion und Sozialismus.Rudolf Bultmann, Religion und Sozialismus, in: Sozialistische Monatshefte 28 (1922), H. 8, 15.05. 1922, S. 442–447. Im Jahr 1924 trat er in das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ein.Kristian Geßner: Rudolf Bultmann zwischen Kollaboration und Widerstand. Eine Untersuchung seines Wirkens im Kontext des Dritten Reiches (= Historische Grundlagen der Moderne, Bd. 26). Nomos, Baden-Baden 2024, S. 237f. 1920 folgte Bultmann einem Ruf nach Gießen, kehrte als Nachfolger von Wilhelm Heitmüller jedoch schon 1921 nach Marburg zurück. Dort setzte er sich intensiv mit der Philosophie Martin Heideggers auseinander, der 1923 bis 1928 eine außerordentliche Professur in Marburg innehatte.
In der Zeit des Nationalsozialismus schloss Bultmann sich der Bekennenden Kirche und dem Pfarrernotbund an.Andreas Lippmann: Marburger Theologie im Nationalsozialismus. K. G. Saur, München 2003, ISBN 3-598-24571-8. Er wies in Predigten auf Widersprüche zwischen nationalsozialistischer Ideologie und christlichem Glauben hin. Er übte jedoch keinen offenen Widerstand und blieb daher bis zu seiner Emeritierung 1951 im Amt. Im Zuge der Entnazifizierung der Philipps-Universität Marburg setzte er sich für die Entlassung von NS-belasteten Hochschullehrern ein (Georg Wünsch, Wilhelm Mommsen).Konrad Hammann: Rudolf Bultmann. Eine Biographie. 3. Auflage. Tübingen 2012, S. 357–360. Im Herbst 1944 nahm Bultmann bis zum Kriegsende die spätere Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann in seinen Haushalt auf,. In: Alfred Neven DuMont (Hrsg.): Jahrgang 1926/27, Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz. Köln 2007, S. 95–106. eine Tochter Hilda Heinemanns, die 1926 bei ihm ihr theologisches Staatsexamen abgelegt hatte, und des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann.
Bultmanns bedeutender Vortrag über Neues Testament und Mythologie (1941) fällt in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die mit diesem Vortrag begonnene Entmythologisierungsdebatte wurde nach dem Krieg kontrovers geführt und führte auf der Flensburger Synode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands 1952 zu einer bischöflichen Erklärung, die sich gegen Bultmanns Ansatz der Entmythologisierung des Neuen Testaments richtete. Es handelte sich jedoch nicht um eine Lehrverurteilung und der Landesbischof Eduard Lohse drückte Bultmann einige Jahre vor dessen Tod das Bedauern der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers über die zwanzig Jahre zuvor abgegebene Erklärung aus. 1957 erhielt Bultmann den Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim.
Ab 1958 war er korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und seit 1960 der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Die Accademia Nazionale dei Lincei nahm ihn 1968 als auswärtiges Mitglied auf.
mini|hochkant=.85|Das Grab von Rudolf Bultmann und seiner Ehefrau Helene geborene Feldmann auf dem Hauptfriedhof Marburg Das Grab Helene und Rudolf Bultmanns befindet sich auf dem Marburger Hauptfriedhof. (27. Juli 2014, englisch, abgerufen am 13. März 2026)
Familie Rudolf Bultmann heiratete 1917 Helene K. W. B. Feldmann (1892–1973) (eigentlich: Helene K. W. B. Feldmann, Frau von Rudolf Bultmann, 27. Juli 2014, englisch, abgerufen am 13. März 2026), sie hatten vier Töchter: (28. Mai 2021, englisch, abgerufen am 13. März 2026)
Emma (1915–1977), verheiratet mit dem Schweizer Theologen Christophe Senft (1914–1988) Antje Bultmann Lemke (1918–2017), Bibliothekarin Gesine Diesselhorst, geborene Bultmann (1920–2017), Flötistin, verheiratet mit dem Juristen Malte Diesselhorst Heilke Bultmann (1924–2006), Cellistin. Der Cellist Jan Diesselhorst (1954–2009) war Rudolf Bultmanns Enkel.
Bultmann hatte eine Schwester. Sein Bruder Peter Bultmann (1888–1942) war Bibliothekar und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und starb im französischen Internierungslager Septfonds.Bultmann, Peter. In: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1980, S. 103f.
Theologisches Werk Formkritik des Neuen Testaments 1921 veröffentlicht Bultmann seine Geschichte der synoptischen Tradition, die bis heute als Standardwerk zur Exegese des Neuen Testaments gilt. Er liefert darin eine gründliche formgeschichtliche Analyse der synoptischen Evangelien, in der er versucht, einzelne Quellen zu identifizieren, die Eingang in die Evangelien gefunden haben. Ähnlich wie Martin Dibelius vertritt er dabei die Ansicht, dass auch die ältesten Schriftquellen, die auf diese Art rekonstruiert werden, aus einer vorliterarischen Überlieferungsphase hervorgegangen sind. Sie dürften daher nicht als objektive historische Berichte betrachtet werden, sondern seien bereits vom Glauben der Jerusalemer Urgemeinde geprägt. Für das richtige Verständnis sei es nötig, ihren „Sitz im Leben“ der Urgemeinde zu berücksichtigen. Bultmann war der Ansicht, Paulus (und Johannes) hätten sich nicht für den Menschen Jesus bzw. für sein Erdenleben interessiert, sondern nur noch für den geglaubten Christus, was er primär mit begründete: „auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir [ihn] doch nun nicht mehr [auf diese Weise]“.Otto Betz: Aufsätze zur biblischen Theologie, Bd. 2, WUNT 52, Tübingen 1990: „Das ‚kata sarka‘ (‚nach dem Fleisch‘) gehört aber zum Prädikat (‚kennen‘), nicht zum Objekt (‚Christus‘).“Martin Hengel: Jesuszeugnisse ausserhalb der Evangelien. In: Testimony and Interpretation: Early Christology in Its Judeo-Hellenistic Milieu. London / New York 2004, S. 146: „Selbst R. Bultmann … gibt zu, dass die adverbielle Bedeutung ‚wahrscheinlicher’ sei, verwischt dann aber diese klare Bedeutung durch eine unsinnige Umkehrung. Selbst G. Theissen / A. Merz (Der historische Jesus, Göttingen 2. Auflage 1997, S. 100) wollen in 2 Kor 5,16 eine Abwertung des Rückgriffs auf den historischen Jesus sehen: Diese schwerwiegende Fehlinterpretation ist offenbar nicht auszurotten.“ Bultmanns Sicht gilt in der historischen Jesusforschung als überholt.
Übergang von der liberalen zur dialektischen Theologie In seinem Aufsatz Die liberale Theologie und die jüngste theologische Bewegung wendet sich Bultmann 1924 von der liberalen Theologie ab. Als Verdienste der liberalen Theologie erkennt er an, dass sie zum Verständnis geschichtlicher Zusammenhänge beigetragen und ihre Schüler durch ihren radikalen Wahrheitsanspruch zur Kritik erzogen habe. Bultmann wendet sich auch weiterhin nicht gegen die historische Methode als Forschungszweig innerhalb der Theologie, weist jedoch darauf hin, dass sie in der liberalen Theologie eine unangemessene Stellung erhalten habe: Ihre historischen Erkenntnisse seien als Grundlage des christlichen Glaubens untauglich. Bultmann stimmt mit Vertretern der dialektischen Theologie, wie etwa Karl Barth und Friedrich Gogarten, darin überein, dass der Mensch Gott nicht aus eigener Kraft erkennen könne – auch nicht durch theologische Studien. Vielmehr könne Gott sich dem Menschen nur aus seiner Gnade heraus in der Offenbarung zu erkennen geben.
In dem Buch Jesus präsentiert Bultmann 1926 einen konstruktiven Gegenentwurf zur liberalen Theologie: Es geht ihm darin ausdrücklich nicht darum, Jesus als historische Figur zu untersuchen, sondern den Anspruch seiner Verkündigung zu erfassen. Bultmann zufolge richtet sich der christliche Glaube nicht auf Jesus als Person, sondern auf das durch ihn verkörperte Kerygma. Damit steht Bultmann in offenem Gegensatz zu zeitgenössischen Theologen wie Emanuel Hirsch und Wilhelm Herrmann.
Im Aufsatz Kirche und Lehre im Neuen Testament (1929) entfaltet Bultmann sein Verständnis der christlichen Verkündigung genauer: Er fasst sie weder als theoretische Belehrung noch als Annahme unverständlicher Dogmen auf, sondern sieht in ihr eine Ansprache des Menschen, die diesem ein existenzielles Sich-Verstehen ermögliche. Die Situation des Menschen zeichne sich dadurch aus, dass er nicht eigenmächtig über sein Leben verfügt, sich letztlich keine Sicherheit schaffen kann. Der Mensch dürfe aber im Vertrauen darauf leben, dass Gott ihm in Liebe begegnet, ihm seine Sünden vergibt und sein Dasein im theologischen Sinne rechtfertigt. Für diese Haltung könne man sich jedoch nicht ein für alle Mal entscheiden, sondern sie müsse sich in konkreten Lebenssituationen jeweils neu bewähren. Diese Position wurde als Existentiale Interpretation des Neuen Testaments bekannt.
Entmythologisierung des Neuen Testaments Ab den 1940er Jahren konzentriert sich Bultmanns theologisches Werk auf die Frage, wie seine existentiale Interpretation der Bibel einem breiten Publikum verständlich gemacht und zu einer Basis des Glaubens werden könne. Zu diesem Zweck entwickelt er ein Programm zur Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, das er 1941 in seiner Schrift Neues Testament und Mythologie vorstellt. Darin setzt er die These, dass das Neue Testament aus einem mythologischen Weltbild heraus geschrieben wurde, das inzwischen von einem wissenschaftlichen Weltbild abgelöst worden sei. Um eine überholte Gedankenwelt nicht zur Voraussetzung des Glaubens werden zu lassen, sei es Aufgabe der Theologie, den vom mythologischen Weltbild unabhängigen Kern der christlichen Verkündigung herauszuarbeiten: