Das Echte Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea, Syn.: Centaurium umbellatum), auch Kopfiges Tausendgüldenkraut genannt, ist eine formenreiche Pflanzenart in der Gattung der Tausendgüldenkräuter (Centaurium). Das Echte Tausendgüldenkraut wurde 2004 zur Heilpflanze des Jahres gekürt.
Beschreibung mini|Illustration mini|Teilblütenstand mit geschlossenen und offenen Blüten; Staubblätter gefüllt (Mitte links) sowie entleert, korkenzieherartig gedreht (vorne und hinten links) mini|Die Rosettenblätter sind verkehrteiförmig bis elliptisch und breiter als sechs Millimeter mini|Fruchtstand mini|Die Stängelblätter sind elliptisch bis eilanzettlich und meist dreinervig mini|Die Endblüte des Dichasiums ist nicht oder höchstens einen Millimeter lang gestielt
Vegetative Merkmale Das Echte Tausendgüldenkraut wächst als sommergrüne ein- bis zweijährige krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 20 bis 50, selten bis zu 60 Zentimetern. Der meist aufrechte Stängel ist hohl.
Die kahlen, ganzrandigen, einfachen Laubblätter stehen in einer auffälligen grundständigen Rosette zusammen und sind kreuzgegenständig am Stängel verteilt. Die Grundblätter sind bei einer Länge von 20 bis 40 Millimetern breit-länglich mit gerundetem oberem Ende. Die sitzenden Stängelblätter sind bei einer Länge von meist 1 bis 3 Zentimetern sowie einer Breite von 5 bis 15 Millimetern verkehrt-eiförmig bis länglich-elliptisch oder lanzettlich, aber ihr oberes Ende ist spitz; sie werden mit zunehmender Höhe am Stängel kleiner.
Generative Merkmale Die Hauptblütezeit reicht von Juni bis September. Es wird ein lockerer bis dichter, zusammengesetzter, trugdoldiger Blütenstand gebildet, dessen zymöse Teilblütenstände oft oben abgeflacht sind. Fast direkt über jeweils zwei Tragblättern befinden sich die mehr oder weniger sitzenden Blüten.
Die zwittrigen Blüten sind bei einem Durchmesser von 9 bis 15 Millimetern radiärsymmetrisch und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf Kelchblätter sind verwachsen mit spitzen Zipfeln; der Kelch ist mit 4 bis 7 Millimetern Länge halb bis zwei Drittel so lang wie die Kronröhre. Die fünf zumeist hell-roten bis kräftig rosafarbenen, selten weißlichen Kronblätter sind röhrig verwachsen. Die Krone ist 12 bis 15 Millimeter lang. Die Kronlappen sind 5 bis 7 Millimeter lang und fein-flaumhaarig. Die fünf Staubblätter sind in einem Kreis angeordnet und nahe dem Schlund angeheftet. Die nicht geöffneten Staubbeutel sind 2 bis 3 Millimeter lang. Sie ragen aus der Kronröhre heraus. Nach dem Verstäuben sind sie korkenzieherartig gedreht. Der Griffel ist schlank. Heterostylie oder Herkogamie, ist nach Hegi nicht oder nur wenig ausgebildet. Zudem können lange und kurze Griffelformen bei Blüten derselben Pflanze vorkommen, die außerdem zahlreiche Mittelstufen aufweisen. Die Griffellänge wie auch die Blütengröße richtet sich nach der Anzahl der Bestäuber in einem Gebiet.Hans Jacquemyn et al.: Evolutionary changes in plant reproductive traits following habitat fragmentation and their consequences for population fitness. In: Journal of Ecology. Volume 100, Issue 1, 2012, S. 76–87, doi:10.1111/j.1365-2745.2011.01919.x. In neueren Florenwerken wird Heterostylie beim Echten Tausendgüldenkraut allerdings nicht aufgeführt. Die zweilappige Narbe ist länglich.
Die zweiklappige, 7 bis 9 Millimeter lange Kapselfrucht bleibt vom Kelch umschlossen.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 40 bei einer Chromosomengrundzahl von n = 10 (tetraploid).
Ökologie Das Echte Tausendgüldenkraut ist einjährig, sommerannuell oder eine winterannuelle bis zweijährige Halbrosettenpflanze. Als sommerannuelle Pflanze, die sich ausschließlich über Samen reproduziert, entspricht die Lebensform der eines Therophyten, als Winterannuelle, mit wintergrüner Rosette überwinternd, der eines Hemikryptophyten. In Deutschland ist die Lebensdauer meist zweijährig. Ob es dort auch winterannuell auftritt, ist ungeklärt.
Blütenökologisch handelt es sich um „Pollen-Stieltellerblumen“, die nur bei Sonne und mindestens 20 °C geöffnet sind. Statt Nektar wird „anbohrbares Gewebe“ angeboten. Es findet reicher Insektenbesuch statt, u. a. auch durch Falter. Die Bestäubung erfolgt durch Bienen, Fliegen und Käfer. Vielleicht ist auch Selbstbestäubung möglich. Die Lebensdauer einer Blüte beträgt etwa fünf Tage.
Die abgestorbenen Pflanzenexemplare sind Windstreuer. Außerdem werden die Samen wohl auch durch Regen verschwemmt. Es sind Lichtkeimer.
Vorkommen Es gibt Fundortangaben in fast ganz Europa mit Ausnahme des nordwestlichen Skandinaviens verbreitet. Außerhalb Europas hat es ursprüngliche Vorkommen in Vorderasien bis Pakistan, in Zentralasien bis zur Republik Altai, im Jemen, Marokko, Algerien und Tunesien.
Das Tausendgüldenkraut kommt zerstreut auf sonnigen, halbtrockenen bis frischen Wiesen und Waldlichtungen bis in Höhenlagen von 1400 Metern vor. In den Allgäuer Alpen steigt es am Grünten in Bayern bis zu einer Höhenlage von 1000 Metern auf. Das Echte Tausendgüldenkraut ist in Deutschland (auf Grundlage der Bundesartenschutzverordnung) besonders geschützt.
Nach Ellenberg ist das Echte Tausendgüldenkraut eine Lichtpflanze, intermediär und ein Frischezeiger. Es ist eine Charakterart der Ordnung der Waldlichtungs-Fluren und -Gebüsche (Atropetalia), kommt aber auch in Gesellschaften der Verbände Mesobromion, Violion oder der Ordnung Origanetalia vor. Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3+w+ (feucht aber stark wechselnd), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).
Systematik Die formelle Erstveröffentlichung erfolgte 1753 unter dem Namen Gentiana centaurium durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus I, S. 229. In der Gattung Centaurium erfolgte die Publikation 1800 als Centaurium erythraea durch Carl Gottlob Rafn in Danmarks og Holsteens Flora, Band 2, S. 75–77. Das Artepitheton erythraea bedeutet „rötlich“. Synonyme für Centaurium erythraea sind: Centaurium minus , nom. rej., Centaurium minus subsp. austriacum , Centaurium umbellatum , nom. inval. Centaurium umbellatum subsp. austriacum , Erythraea capitata , Erythraea lomae , Centaurium latifolium , Erythraea centaurium , Centaurium erythraea subsp. austriacum , Centaurium erythraea subsp. austriacum , Centaurium erythraea subsp. capitatum , Centaurium umbellatum subsp. capitatum .
Von Centaurium erythraea gibt es je nach Autor viele Unterarten: Centaurium erythraea subsp. erythraea Centaurium erythraea subsp. apertum : Sie kommt in Marokko und in Algerien vor. Centaurium erythraea subsp. bernardii : Sie kommt in Marokko vor. Centaurium erythraea subsp. bifrons : Sie kommt in Marokko vor. Centaurium erythraea subsp. enclusense : Sie kommt auf Menorca vor. Centaurium erythraea subsp. grandiflorum : Sie kommt auf den Azoren, in Portugal, Spanien und Sizilien vor. Centaurium erythraea subsp. limoniiforme : Sie kommt in Griechenland vor. Centaurium erythraea subsp. majus : Sie kommt auf den Azoren, in Nordafrika und in Südeuropa vor. Centaurium erythraea subsp. rhodense : Sie kommt in Marokko, in Südeuropa, in Mitteleuropa und in der Türkei vor. Centaurium erythraea subsp. rumelicum () : Sie kommt in Südeuropa und in der Türkei vor. Centaurium erythraea subsp. ruthenicum () : Sie kommt in der Ukraine vor. Centaurium erythraea subsp. suffruticosum : Sie kommt in Marokko, Algerien, Tunesien, in Spanien und in Frankreich vor. Centaurium erythraea subsp. turcicum () : Sie kommt in Süd-, Mittel- und Osteuropa und in der Türkei vor.
Das Echte Tausendgüldenkraut bildet mit anderen Arten der Gattung Hybriden: Centaurium ×intermedium () : Eltern: Centaurium erythraea × Centaurium littorale Centaurium ×aschersonianum () : Eltern: Centaurium erythraea × Centaurium pulchellum
Das Tausendgüldenkraut als Heilpflanze
Geschichte Dioskurides, Plinius und Galen unterschieden zwischen einem Großen Centaurion und einem Kleinen Centaurion. Das Kleine Centaurion wurde früher als Centaurium erythraea – Tausendgüldenkraut gedeutet, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch eine verwandte Art wie C. tenuiflorum oder C. pulchellum gemeint ist. Als Heilmittel sollte das Kraut bei Augenleiden, zur Wundbehandlung und bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt werden.
Hieronymus Bock war einer der ersten, der bei der Beschreibung der Pflanze sich nicht mehr auf die antiken Schriften verließ, sondern sie in der Natur selbst in Augenschein nahm und den Heilwirkungen der Antike eigene Erfahrungen hinzufügte. Er empfahl sie für Bauchleiden und äußerliche Anwendungen. Matthioli erkannte einen Effekt als Haarbleichmittel.
Das Echte Tausendgüldenkraut wurde früherVgl. auch Gundolf Keil Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 362 (zu Centaur, pibercraut und Centawrsaft) und 438 (pibercraut: Nebenform zu „Fieberkraut“, synonym: centaur). und in der Volksheilkunde bei Erkrankungen der Leber und Galle sowie (als „Fieberkraut“) bei Fieber eingesetzt.
Gegenwärtige Nutzung und Inhaltsstoffe Die medizinisch vielfältig genutzte Droge (getrocknete, oberirdische Teile der blühenden Pflanze) weist an wichtigen Inhaltsstoffen z. B. Bitterstoffe, Flavonoide, Xanthone und Phenolcarbonsäuren auf.
Nach der deutschen Kommission E kann ein Aufguss der bitter schmeckenden zerkleinerten Arzneidroge bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden helfen. Die Kontraindikationen sind Magen- und Darmgeschwüre.
Pflanzenteile sind Bestandteile einiger Kräuterliköre.
Aberglaube Wie vielen rotblühenden Pflanzen sprach man auch dem Echten Tausendgüldenkraut eine antidämonische Wirkung zu. In Schlesien wurde es allgemein als zauberabwehrendes Mittel angewandt. Den Hirten der Walachei in Mähren galt es, gemeinsam mit Wundklee (Anthyllis vulneraria) gepflückt und in der Johannisnacht in die Schafställe gebracht, als wirksamer Abwehrzauber.
Der Trivialname Tausendgüldenkraut legt eine Beziehung zu Geldsegen nahe. So fanden in der Bayreuther Gegend Tausendgüldenkraut und Schabziegerklee ihren Platz in der Spardose, um immer genug Geld zur Verfügung zu haben.
Im Elsass ist das Tausendgüldenkraut Bestandteil des geweihten Würzbüschels an Mariä Himmelfahrt. Damit versprach man sich früher eine Schutzwirkung vor Blitzen.
Namensgebung