Jan Versluys Janszoon [fɛr'slɔɪs] (* 1. September 1873 in Groningen; † 22. Januar 1939 in Wien) war ein niederländischer, deutscher und österreichischer (?) Zoologe und Anatom.

Leben In Amsterdam (1886–1907) mini|Jan Versluys (rechts) mit Max Weber (2. v. r.) im September 1899 im Laboratorium während der Siboga-Expedition Der Sohn eines LehrersJan Versluys Willemszoon (1845–1920) war ein Mathematiker und Didaktiker (besonders der Mathematik: Er verfasste Bücher über Perspektive, Kegelschnitte, Kugeldreiecksberechnung, Geldwesen, die noch lange nachgedruckt wurden); er war mit Multatuli befreundet und schrieb auch über diesen zwei Bücher. — „Jan Versluys“ ist ein durchaus häufiger holländischer Name, so dass es zu Lebzeiten des Morphologen als bekannte Namensträger auch einen Geologen in Delft (angeblich sein Bruder, 1880–1935, trotz Namensgleichheit?) und einen Mediziner gibt. kam 1886 an eine ungefähr einer Realschule entsprechende Amsterdamer „Höhere Bürgerschule“. Ab 1891 studierte er an der Universiteit van Amsterdam Biologie, namentlich Botanik bei Hugo de Vries und Zoologie bei Max Wilhelm Carl Weber; aber auch geologisch-paläontologische Vorlesungen (von Gustaaf Adolf Frederik Molengraaff, 1860–1942) fesselten ihn. Schon während des Studiums konnte er (1895–96) an einer Forschungsfahrt (auf der Yacht „Chazalie“) des französischen Zoo- (besonders Ornitho-), Ethnologen (usw.) Raymond Comte de Dalmas (1862–1930) in die Karibik teilnehmen und befasste sich dort hauptsächlich mit „niederen“ Meerestieren. Nach Amsterdam zurückgekehrt schrieb er seine Dissertation über die Ohrsphäre der Echsen, ging aber dann nach Gießen, wo er 1898 von Johann Wilhelm Spengel (1852–1921) promoviert wurdeIn Amsterdam war das nicht möglich, offenbar weil er keine gültige Gymnasiallaufbahn hinter sich gebracht hatte – er konnte dort bloß den Magister erlangen. Der „allround“-Zoologe Spengel aber war von Versluys so beeindruckt, dass er ihm in Gießen das Doktorat ermöglichte.. 1899–1900 nahm er an der berühmten Siboga-Expedition nach InsulindeWortprägung Multatulis für Niederländisch-Indien, ungefähr dem heutigen Indonesien entsprechend. unter Leitung Max Webers teil. 1901 habilitierte er sich in Amsterdam bei C. P. Sluiter, las zunächst über Zoosystematik (Protozoen, Hohltiere) und Tierkunde für Mediziner.

1903 heiratete er Maria Hülsmann, Tochter des Amsterdamer Handelsschulleiters. Der Ehe entstammten zwei Söhne und eine Tochter.

In Gießen (1907–1919) Nach einer Reise in die USA (Studien an fossilen Reptilien – Neugier auf die Dinosaurier) 1907 kehrte er aber nach Gießen zurück und wurde hier zum Dozenten, 1911 zum außerordentlichen Professor ernannt. Bei der Habilitation in Gießen verteidigte er vier Thesen, die schön seinen Kenntnisreichtum belegen: über (1) die Anatomie der Urodelen, (2) die Verbreitung der Tiefseetiere, (3) die Kaumuskeln der Reptilien, und (4) die Salamander als „primitive“ Tetrapoden. Spengel machte ihn daraufhin zu seinem Haupt-Assistenten (Ankel 1957). 1907 gewann Versluys überdies den Prix de Guèrne, der von der Societé Zoologique de France (ohne Einreichung!) für herausragende Publikationen vergeben wurde – wohl auch in Anerkennung der Illustrationen, die Versluys stets selbst mit hohem Talent anzufertigen wusste (van Bemmelen 1939).

Zwischenspiel in Gent (1916–18) Bei Ausbruch des Krieges – der ihn allerdings völlig aus der Bahn warf, wie sein Biograph van Bemmelen schreibt – wurde er wie damals üblich sofort zur Seuchenvorsorge ans Hygiene-Institut seiner Universität versetzt, trat aber 1915 freiwillig (und obwohl noch niederländischer Staatsbürger) als Landsturmmann ins Deutsche Heer ein, wo er freilich 1916 (43-jährig) zum Pressestab versetzt wurde. Noch im gleichen Jahr wurde er ordentlicher Professor für Zoologie und Vergleichende Anatomie an der von den Deutschen geförderten Flämischen Universität Gent.Andreas Anderhub: Das Antoniterkreuz in Essen: Zur Geschichte der Universität Gießenwährend des Ersten Weltkriegs. Gießen, 1979, S. 8. Der Titel seiner Antrittsvorlesung lautete „De verandering van levenswijze en de afstamming van de degenkrab (Limulus)“.- Für seine sozusagen „rembrandtdeutschen“ Neigungen wurde er 1918 im befreiten („siegreichen“) Belgien als collaborateur (in Abwesenheit) zum Tode verurteilt.Genaueres über dieses „Abenteuer“ siehe Daniël Vanacker (2006): Het activistisch avontuur. Versluys’ Ziel war stets die Förderung seines „niederländischen Stammes“ (Volkes), wie er sagte – die Umstände konnte er sich nicht aussuchen. — Zur frankophonen Hegemonie in Belgien und der Verweigerung einer Vlaamse Universiteit [bis 1930] vgl. Kristoffer Nyrop (1917): The inprisonment of the Ghent professors (Nyrop war Däne und hätte lieber eine englische als die deutsche „Förderung“ gesehen). Hatte er doch schon im Oktober 1914 die Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches mitunterzeichnet, nach dem die deutschen Wissenschaftler sich in ihrem Patriotismus nicht vom übrigen Volk (etwa durch Internationalismus) unterscheiden ließen. Am 20. Juli 1920 wurde das Urteil, abermals in absentia, vom Ostflandrischen Assisen-(Schwur-)Gerichtshof Gent in „12 Jahre Zwangsarbeit“ umgewandelt.Walter Thys: "Gebildeter Vagant". Leipziger Universitätsverlag, 2000, ISBN 978-3-934-56511-1, S. 399 (). Dass Versluys allerdings kein simpler pangermanischer Chauvinist gewesen sein dürfte, bezeugt wohl S. J. Hicksons Nachruf in Nature 143 (vom 4. März 1939; p. 365).The eminent Dutch zoologist, … Jan Versluys was a fine, tall man, with a fluent command of English, German and French, and was well known to, and highly respected by, many British zoologists who met him either abroad or in Great Britain on the occasions when he attended the meetings of the British Association for the Advancement of Science …

Im Oktober 1918 kam Versluys nach Gießen zurück, wo er aber nicht mehr lange blieb: Die deutsche Republik weigerte sich, ihn als Nachfolger Prof. Spengels einzusetzen, wie es der Wunsch der Gießener Fakultät gewesen wäre: Versluys hatte sich zwischen alle Stühle gesetzt. Also zog er sich 1919–25 als Privatier nach Hilversum zurück. 1923 wurde er zum Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Amsterdam gewählt. Zu dieser Zeit schrieb er den Großteil einer „Vergelijkende ontleedkunde van de vertebraten“, nämlich über Skelett (gemeinsam mit Hugo F. Nierstrasz [1872–1937; Utrecht]), Nerven und Muskulatur (während die übrigen Organsysteme von Johan E. W. Ihle [1879–1956; Amsterdam] und Pieter N. van Kampen [1878–1937; Leiden] bearbeitet wurden; mehrere Neuauflagen). Dieses 900-Seiten-Werk wurde sogleich ins Deutsche übersetzt: das bald als „der Versluys“ bekannt gewordene Lehrbuch der „Vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere“ (Berlin 1927).

In Wien (1925–1939) 1925 wurde Versluys als Professor für Zoologie und Paläontologie (als Nachfolger Carl Grobbens) an die Universität Wien berufenEr hatte kurz zuvor nicht ganz im Ernst gemeint, jetzt schon das „erstbeste“ Angebot annehmen zu wollen. und zum Direktor des 2. Zoologischen Instituts ernannt. (Zur selben Zeit erging ein Ruf von der Universität Amsterdam, erreichte ihn aber zu spät. Da in Wien das 1. Institut – entgegen den Zusagen der Regierung – dann lange ohne Leiter blieb, musste Versluys eine doppelte administrative Last tragen – er hat seine Zusage nach Wien trotzdem nicht bereut. Wien war ihm sympathisch, sagt van Bemmelen, auch aus Trotz gegen die Entmächtigung dieser vormaligen Kaiserstadt.) Hier konnte er seine umfassenden Kenntnisse aus vielen Gebieten der Biologie endlich gewinnbringend zum Einsatz bringen und weiterentwickeln, z. B. auch im persönlichen Umgang mit dem Wiener Paläontologen („Paläobiologen“) Othenio Abel. Diese Kenntnisse versuchte er bald zunehmend zur Erhellung des Problems der Evolution des Menschen (Anthropogenese) zu nutzen, wobei er aber kein strikter (Neo-)Darwinist sein wollte: Es ging ihm weniger um die Selektions-Mechanismen als um Erscheinungen der Emergenz, wie man heute sagt, wohl auch der Orthogenese. Namhafte Schüler wie Konrad Lorenz, Helmut Hofer und Wilhelm Marinelli haben diese Ideen auf ihre Weise weiterentwickelt. — Versluys (in Wien gewöhnlich falsch [v- ] ausgesprochen) betreute in den 14 Wiener Jahren an die 50 Dissertationen, von denen manche recht knapp ausfielen (angehende Mittelschullehrer wollte er offenbar nicht allzu lange vom Beruf und Lohn abhalten; es herrschte ohnedies Lehrermangel). Er selbst konnte einen (wichtigen) Teil seiner Erkenntnisse auf morphologischem Gebiet nur mehr im Kapitel „Kranium und Viszeralskelett der Reptilien“ des Handbuchs der Vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere (1936) zusammenfassen.

1927 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Österreichische Akademie der Wissenschaften gewählt, 1929 in die Zoological Society of London. 1929 war er Präsident der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG). 1930 machte er eine Südafrikareise (auf Einladung der Britischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft) und im März 1936 eine Führung nach der Insel Zakynthos (damals Zante), von der sich viele noch Jahrzehnte später beeindruckt zeigten, z. B. der Ökologe Wilhelm Kühnelt. 1933 brachten Freunde in der von ihm gegründeten und herausgegebenen Biologia generalis (Bd. 9 (2), 356 pp.) eine Festschrift zu seinem 60. Geburtstag heraus. — Seine Vorlesungen waren beliebt und „immer ein Genuss“. Vom Charakter und der Tatkraft des Institutsvorstandes zeigte man sich allgemein angetan: Jan Versluys habe durch sein offenes und stets zuversichtliches Wesen viele Schwierigkeiten der damaligen Wirtschaftsflaute überwunden, die unüberwindlich schienen, und auch für die Wiener Zoologisch-Botanische Gesellschaft leistete er in prekärer Lage als Präsident (ab 1928) sehr Ersprießliches (Schnarf 1941). — Mit dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich war er zweifellos zufrieden, doch starb er danach bald (nach längerer, heimtückischer Krankheit, einem „Gallenleiden“ – dennoch überraschend) im Januar 1939.

Bedeutung Versluys verstarb knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – ohne noch selbst die Tragweite seiner Gedankengänge voll erfasst oder gar reflektiert zu haben. Die Nachrufe verhallten im Kriegslärm, und danach war die Anatomie als morphologische Wissenschaft (wie so viele andere) schon zu sehr in amerikanisches (reduktionistisches) Fahrwasser gezogen worden, als dass dieses „biologische Denken“ noch viel Einfluss hätte gewinnen können. Lediglich Helmut Hofer (damals Hirnforscher) hat – fast vierzig Jahre nach Versluys’ Tod! – 1977 in einem Gedenk-Nachruf darauf hingewiesen, woran hier noch immer anzuknüpfen wäre. Knapp vor seinem Tod hat auch Rupert Riedl (2006) das „morphologische Denken“ wiederentdeckt und seinen Verlust beklagt.

mini|Sphenodon hat kein Trommelfell – die Columella endet innen vom Quadratum