mini|Pierre-Victor Galland: Die Bar des Maxim’s (um 1890) mini|Pierre-Auguste Renoir: Bal du moulin de la Galette (1876) mini|Josef Engelhart: Loge im Sophiensaal (1903)
Belle Époque (IPA: [], ; französisch für „schöne Epoche“) ist ein nostalgisches, retrospektives Chrononym für eine von politischen, sozialen, wirtschaftlichen, technologischen, kulturellen und wissenschaftlichen Umbrüchen und Fortschritten geprägte Periode von etwa fünf Jahrzehnten. Sie umfasst die 1870er, die frühen 1910er Jahre um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und wird hauptsächlich als eine lebensfrohe, durch Frieden, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand gekennzeichnete Kulturepoche in Europa, insbesondere in Frankreich, dargestellt und interpretiert.
Im Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland entsprach diese Periode dem späten Viktorianischen Zeitalter und der Edwardianischen Epoche, in Österreich-Ungarn und in Deutschland der Gründerzeit und in Deutschland zusätzlich dem Wilhelminismus, in den USA dem Gilded Age. Für die Zeit vor der Jahrhundertwende wird der Begriff Fin de Siècle („Jahrhundertende“) verwendet. All diese zeitgenössischen Epochenzuschreibungen kennzeichnen einen Zeitraum, der mehr in seiner Zerrissenheit als in seiner Ganzheitlichkeit begriffen werden kann. Auch der französische Begriff „Belles Lettres“ fand in diesem Zusammenhang weiter Verbreitung.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 gilt allgemein als das Ende der Belle Époque.
Begriff „Belle Époque“ Der zeitlich und räumlich zunächst unbestimmte Begriff der „schönen Zeit“ ist das Muster eines retrospektiven Epochenbegriffs – im Nachhinein erschaffen, um „die Welt, die wir verloren haben“ zu betrauern. Der Begriff schöpft aus verschiedenen Quellen imaginärer Referenzen und besitzt eine enorme Plastizität. Er wurde in Frankreich und anderswo seit den 1930er Jahren in unterschiedlichen Kontexten verwendet und vage auf das extravagante mondäne Leben von tonangebenden Pariser Schichten und die Blütezeit von Kunst und Kultur in den Jahren vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs bezogen.
Die Stadt Paris zog Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler aus aller Welt an und wurde zum Epizentrum kultureller und wissenschaftlicher Innovationen. Die Belle Époque ereignete sich im Wesentlichen auf den Boulevards, in den Cafés und Cabarets, den Ateliers und Galerien, den Konzertsälen und Salons von Paris. Aber auch andere europäische Metropolen wie Brüssel, Wien, Berlin, London, Sankt Petersburg und Mailand waren in dieser Zeit Hochburgen von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Der Lebensstil und die Moden der mondänen Gesellschaft in diesen Metropolen dehnte sich darüber hinaus auch auf weitere Orte aus, insbesondere auf Kurorte, Seebäder und andere gehobene touristische Zentren in Europa, die von der gesellschaftlichen Oberschicht der Metropolen besucht wurde. In Frankreich waren es unter anderem Orte wie Aix-les-Bains, Deauville, Vichy, Biarritz und Dinard; in der Schweiz Montreux und Genf; in Österreich Salzburg, Bad Gastein und Bad Ischl; in Deutschland die Bäderstädte Wiesbaden, Baden-Baden und Bad Nauheim.
Geprägt wurde das Bild der Belle Époque von einem mittleren und gehobenen Bürgertum, das vom technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt am meisten profitierte. Trotz der nach wie vor bestehenden großen Ungleichheiten imaginierte man (Belle Époque imaginaire), so Dominique Kalifa, dass die Armut zurückging, die Sitten weicher wurden, Wohlstand und Konsum stiegen und damit auch die Lebensfreude (Joie de vivre). Niemand war zwar so naiv zu glauben, dass diese Welt die Gesellschaft als Ganzes verkörperte, aber man wollte glauben, dass das Bild dieser Gesellschaft den Ton angab. Die Freizeit- und Unterhaltungsindustrie entwickelte sich rasant. Die Belle Époque galt als „Fest des Lebens“.
Historischer Kontext Der französische Schriftsteller Charles Péguy notierte in seinem 1913 erschienenen Essay L’Argent (Das Geld):
Dass sich die Welt in den vorangegangenen Jahrhunderten seit Jesus Christus weniger verändert habe als in den drei Jahrzehnten vor 1913 war ein weit verbreitetes Lebensgefühl in Europa Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Belle Époque war eine Zeit des Übergangs, eine Zeit der Dekadenz und eine Zeit von radikalen Neuanfängen. Die Beschleunigung und Anhäufung von sozialen, wirtschaftlichen, politischen, technologischen, wissenschaftlichen und kulturellen Veränderungen, Umbrüchen und Innovationen in diesen Jahrzehnten war historisch beispiellos.
Internationale Politik mini|Deutsch-Französischer Krieg. Hausruine in Saint-Cloud, Fotoaufnahme zur Dokumentation der Kriegsschäden, um 1871 im Pariser Atelier von Adolphe Braun entwickelt mini|Triple Entente: Personifikationen Russlands (Mitte), Frankreichs (links) und Großbritanniens (rechts) auf einem russischen Poster (1914) mini|Anton von Werner: Der Kongreß zu Berlin – Schlusssitzung am 13. Juli 1878 Auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 folgte eine ungewohnt lange Zeit des Friedens in Europa. Der Frieden ermöglichte einen nachhaltigen Aufschwung von Wirtschaft und Kultur in den europäischen Kernländern Vereinigtes Königreich, Frankreich, Belgien, Deutsches Reich, Italien und Österreich-Ungarn. In Österreich-Ungarn herrschte Kaiser Franz Joseph I. über einen Vielvölkerstaat, der jederzeit auseinanderzubrechen drohte. In Großbritannien wurde nach der 63-jährigen Herrschaft Queen Victorias, die 1901 starb, ein ganzes Zeitalter benannt.
Die Periode von 1870 bis 1914 war eine Zeit intensiver diplomatischer Aktivitäten in Europa. Die Mächte auf dem europäischen Kontinent versuchten, durch Bündnisse ihre Sicherheit zu gewährleisten, wobei sich Allianzen mehrmals änderten. Die Gründe für diese Bündnisse waren vielfältig und entsprachen geopolitischen Interessen, wirtschaftlichen Bedenken und dem Bedürfnis nach nationaler Sicherheit. Wichtige Bündnisse waren:
Dreikaiserabkommen (1873): Ein lockerer Bund zwischen dem Deutschen Reich, Russland und Österreich-Ungarn. Ziel war es, das Gleichgewicht in Europa zu bewahren und radikalen Nationalismus oder Sozialismus zu verhindern. Zweibund (1879): Ein Verteidigungsbündnis zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Das Bündnis richtete sich ausdrücklich gegen Russland, mit dem beide Länder Spannungen hatten. Dreikaiserbund (1881): Eine Erneuerung des Dreikaiserabkommens zwischen Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn. Ziel war es erneut, das Gleichgewicht in Europa zu erhalten und gemeinsame Interessen zu verfolgen. Dreibund (1882): Ein Militärbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien. Es war eine Erweiterung des Zweibunds. Das Bündnis war vor allem gegen Frankreich gerichtet, das mit dem Deutschen Reich wegen des Verlustes Elsass-Lothringens in Folge des Deutsch-Französischen Krieges (1870–1871) im Streit lag. Französisch-Russische Allianz (1894): Ein Militärbündnis zwischen Frankreich und Russland. Die beiden Länder schlossen sich zusammen, um sich gegen ein drohendes deutsches Machtzentrum in Europa zu wehren. Entente Cordiale (1904): Ein Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien, das eine Reihe von kolonialen Streitigkeiten klärte und den Weg für eine engere Zusammenarbeit gegen das Deutsche Reich ebnete. Triple Entente (1907): Ein Bündnis zwischen Großbritannien, Frankreich und Russland. Es war keine formelle Militärallianz, aber eine enge diplomatische Verständigung, die ausdrücklich gegen die Macht des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten gerichtet war.
Die Entstehung dieser Allianzen wurde durch eine Kombination aus traditionellen geopolitischen Rivalitäten, wirtschaftlichen Interessen, kolonialen Bestrebungen und einer allgemeinen Unsicherheit in einer sich schnell verändernden internationalen Umgebung beeinflusst. Diese Allianzen trugen jedoch auch mit dazu bei, die Spannungen in Europa zu verschärfen und damit den Weg zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu ebnen.
Ab den 1890er Jahren ist eine zunehmende Isolation des Deutschen Kaiserreiches in Europa zu beobachten, welche durch die Abkehr von der Politik des „ehrlichen Maklers“ und einer aggressiven militaristischen Rhetorik gekennzeichnet war. Das mangelnde Interesse des Deutschen Kaiserreichs an der Fortführung der Beziehungen zu Russland gab Frankreich die Möglichkeit, mit dem Zarenreich eine Defensivallianz zu bilden, womit es seine außenpolitische Isolation durchbrechen konnte. Deutschland konzentrierte sich hingegen auf die Beziehung mit Österreich-Ungarn, den Zweibund, der zu einem Dreibund mit Italien erweitert wurde. Dieser Dreibund zeigte jedoch schon 1896 mit der Annäherung des Königreichs Italien an die französische Republik erste Risse. Zwischen Frankreich und Großbritannien bestanden in den 1890er Jahren Spannungen aufgrund ihrer kolonialen Rivalität. Eine Annäherung beider Rivalen Frankreichs, dem britischen Königreich und Deutschland, scheiterte jedoch 1900, da sie sich nicht auf eine gemeinsame Koordination ihrer Flottenpolitik einigen konnten. So deuteten sich schon 1900 die beiden politischen Blöcke an, die später im Ersten Weltkrieg gegeneinander kämpfen sollten.
Nationalismus unterschiedlicher Schärfe war ein verbindendes Element unter den verschiedenen politischen Strömungen der europäischen Ländern in dieser Epoche. Neue Strömungen kamen auf, die einen „völkischen“ Nationalismus propagierten. Minderheiten wie Juden oder Einwanderer aus dem Ausland sollten dabei aus diesem Nationalverband ausgeschlossen bleiben.
Deutschland: Gründerzeit und Wilhelminismusmini|Deutsche Kaiserproklamation am 17. Januar 1871 im Spiegelsaal von VersaillesIm 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich herrschte nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg eine Epoche allgemeiner Aufbruchstimmung, die später als Gründerzeit beschrieben wurde. Von 1862 bis 1890 – mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1873 – war Otto von Bismarck in Preußen Ministerpräsident, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes. Von 1871 bis 1890 war er erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, dessen Gründung er selbst maßgeblich vorangetrieben hatte. Nach der Reichsgründung eskalierte der sogenannte „Kulturkampf“ zwischen dem neuen protestantisch geprägten Nationalstaat und der römisch-katholischen Kirche. Diese Auseinandersetzungen wurden bis 1878 beendet und 1887 diplomatisch beigelegt. Bismarck gilt als Vollender der deutschen Einigung und als Begründer des Sozialstaates der Moderne. In den späten 1870er Jahren leitete Bismarck die Schutzzollpolitik ein und griff zu staatsinterventionistischen Maßnahmen. Dazu zählte insbesondere die Schaffung des Sozialversicherungssystems. 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung, 1891 die Rentenversicherung. Parallel dazu riefen viele Unternehmen eine eigene betriebliche Sozialpolitik ins Leben.
mini|Der Lotse geht von Bord. Karikatur von Sir John Tenniel, abgedruckt im englischen Magazin Punch. Oben Kaiser Wilhelm II., Reichskanzler Otto von Bismarck muss das Schiff verlassen. mini|Reichstagsgebäude am Königsplatz in Berlin, um 1895. mini|Das zerstörte Hötel de Ville (Pariser Rathaus) nach der Kommune (1871)
1888 kam es in Deutschland zum sogenannten Dreikaiserjahr: Nach dem Tod Kaiser Wilhelm I., der am 9. März 1888 im Alter von fast 91 Jahren in Berlin verstarb, folgte ihm sein ältester Sohn Kronprinz Friedrich Wilhelm als Kaiser Friedrich III. auf den Thron. Dieser starb jedoch bereits nach 99 Tagen Regentschaft am 15. Juni 1888 in Potsdam, woraufhin dessen ältester Sohn Friedrich Wilhelm als Wilhelm II. Kaiser des Deutschen Reiches und König von Preußen wurde. Wilhelm II. regierte bis 1918. 1890 führten Meinungsverschiedenheiten mit dem seit knapp zwei Jahren amtierenden Kaiser Wilhelm II. zur Entlassung Bismarcks als Reichskanzler, Nachfolger wurde der politisch unerfahrene General Leo von Caprivi. mini|Österreich-Ungarn 1899 mini|Das Attentat auf Kaiserin Elisabeth in Genf 1898.