mini|300px|Lage von Arbor Felix am DIR-Limes (Bodensee-Linie) mini|Arbor felix auf der Tabula Peutingeriana mini|Hafen, Seeuferpromenade und Altstadt von Arbon mini|Übersichtsplan der Grabungen in Arbon mini|hochkant|Die Heiligen Columban und Gallus werden über den Bodensee gebracht, Abbildung aus der Gallus-Legende von 1452, Stiftsbibliothek St. Gallen mini|St.-Martinskirche in Arbon mini|Die mittelalterliche Galluskapelle steht über den Überresten von Turm 5 und markiert den südlichen Abschnitt des Kastells mini|Türschwelle Turm 6 mini|Konservierte Fundamente des Turmes 6 mini|Ausgrabung am Nordtor, Aufnahme von 1961 mini|Detailansicht Kastellmauer, Mauertechnik Ährenverband, Aufnahme von 1961 mini|Hypokaustenreste der Therme unter der St.-Martins-Kirche, Grabungsfoto mini|Modell des Caldariums des Kastellbades mini|Römisches Eichenfass mit Weidenrutenbindung aus dem Kastellgraben mini|Römischer Lederschuh mit Gitterverzierung aus dem südwestlichen Kastellgraben mini|Bronzene Gürtelschnalle aus einem Frauengrab des frühmittelalterlichen Gräberfeldes auf dem Bergli (600 n. Chr.). Deutlich erkennbar sind ein Kreuz sowie die ihre Arme zum Gebet erhobenen Adam und Eva
Kastell Arbon war Bestandteil der spätantiken Kastellkette des Donau-Iller-Rhein-Limes (Provinz Raetia prima) auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, Kanton Thurgau, Bezirk Arbon, Gemeinde Arbon.
Das Kastell ist heute komplett vom mittelalterlichen Ortskern überbaut. Obwohl immer wieder in den antiken Hauptquellen erwähnt, konnte es erst 1957 archäologisch nachgewiesen werden. Es zählt bislang zu den jüngsten und bedeutendsten Entdeckungen spätrömischer Militäranlagen auf dem Staatsgebiet der Schweiz.
Name In der Antike trug der Kastellplatz den lateinischen Namen Arbor Felix, was in etwa «glück- oder segenbringender Baum» bedeutet. Der Name des Platzes könnte auf religiöse Wurzeln zurückgehen: Römische Priester (flamines) waren traditionell kahlgeschoren. Ihre abrasierten Haare und geschnittenen Fingernägel begruben sie unter einem arbor felix. Dies war zum Beispiel ein vom Blitz getroffener oder auch außerhalb der üblichen Jahreszeit blühender Baum. Arbor Felix gehört zu den wenigen römischen Kastellen der Nordostschweiz, die auch in antiken Quellen erwähnt werden. Die Namensbezeichnung ist erstmals im Itinerarium Antonini aus dem 3. Jahrhundert nachweisbar und vielleicht auch aus der im keltischen Siedlungsraum verbreitete Ortsbezeichnung «Arbona» hervorgegangen. Während das Itinerarium Arbon noch lediglich als befestigte Poststation an der Straßenkreuzung der Strecken Vitudurum (Oberwinterthur) – Brigantium (Bregenz) bzw. Constantia (Konstanz) – Curia (Chur) ausweist, bezeichnet die Tabula Peutingeriana aus dem frühen 4. Jahrhundert es bereits als Kastell. In der Notitia dignitatum Occ. (entstanden um 400) ist ein in «Arbore» stationierter Tribun aufgelistet, der eine Kohorte Pannonier unter seinem Kommando hatte. Der Chronist Ammianus Marcellinus berichtet, dass Kaiser Gratian im Jahre 378 über «Felicis Arbore» in den Osten zog, um seinem Mitherrscher Valens gegen die Goten beizustehen.Ammianus, res gestae 31, 10, 20 ...per castra quibus Felicis Arboris nomen est.
Die Begriffe castra und castrum tauchen auch in der Lebensbeschreibung eines katholischen Heiligen, Gallus, der ältesten mittelalterlichen Quelle, die Arbon erwähnt, auf.
Lage und Topografie Die Kleinstadt Arbon befindet sich am südlichen Ufer des Bodensees auf einer Höhe von etwa 400 m ü. d. M. Das spätantike Kastell lag direkt am Seeufer und ist heute komplett durch den mittelalterlichen Ortskern überbaut. Der Nordabschnitt des Kastellareals wird fast vollständig vom Stadtschloss bedeckt, der Südabschnitt durch die Martinskirche bzw. Galluskapelle und einen bis etwa 1890 genutzten Friedhof. Dazwischen liegen der mittelalterliche Schlossgraben und der Schlosspark.
In der Antike stand das Kastell auf einer rund zehn Kilometer langen, etwas erhöhten und bis weit in den See hineinragenden Landzunge (würmeiszeitliche Moräne). Nördlich und südlich münden Bäche in den See, wodurch der Uferbereich stark versumpft war (deshalb der Flurname Seemoosriet im Norden). Der Höhenrücken ermöglichte einen bequemen Zugang ins Hinterland (Thurtal) und zur Limesstrasse die Arbon mit dem nächstgelegenen Kastell Pfyn und Kastell Winterthur verband. Im Osten waren gute Voraussetzungen für eine Hafenanlage gegeben. Massive Aufschüttungen und eine rege Bautätigkeit haben die Uferlinie seit der Antike stark verändert.
Entwicklung Der Zeitraum von der römischen Besiedlung bis um 300 n. Chr. ist für Arbon nur durch spärliche Münz- und Keramikfunde zu erfassen. Nach diesen Funden – die im 19. und frühen 20. Jahrhundert gemacht wurden – bestand zuerst eine kleinere römische Siedlung im südlichen Bereich des heutigen Bergliquartiers, westlich des mittelalterlichen Ortskerns. Sie entwickelte sich wohl nach dem Ausbau der Heerstraße von Vitudurum (Winterthur) nach Brigantium (Bregenz) am Beginn der christlichen Zeitrechnung, als das Bodenseegebiet unter Augustus von den Römern erobert wurde, und war bis um 280 bewohnt.
Die Lage der ersten Römersiedlung auf dem flachen Hügelrücken über dem See war wohl unter strategischen und verkehrstechnischen Gesichtspunkten gewählt worden. Es fehlt für das Gebiet um Arbon jedoch bislang der archäologische Nachweis einer römischen Fernstraße zwischen Bregenz und Pfyn. Ebenso gibt es keine neueren Beobachtungen und Funde in dieser Gegend; doch gehören 1991 an der Hilternstrasse entdeckte Reste von Kalkbrennöfen zweifellos in die frühe oder mittlere Kaiserzeit.
Der heutige Thurgau lag in dieser Zeit nur am Rande des großen politischen Weltgeschehens. Dies sollte sich jedoch im späten 3. Jahrhundert, nach Aufgabe des Obergermanisch-Rätischen Limes um 260 n. Chr., grundlegend ändern. Nach der Übernahme des Dekumatlandes durch die Alamannen ab 260 wurde die Rhein-Bodensee-Linie (Donau-Iller-Rhein-Limes) zur neuen Reichsgrenze. Wohl bereits im Auftrag des Kaisers Probus (276 bis 282) wurden hier zahlreiche neue Kastelle errichtet oder alte wieder instand gesetzt; diese Maßnahmen wurden von Diokletian (284 bis 305) und seinem Mitregenten (Cäsar) Constantius I. (293 bis 306) fortgesetzt und intensiviert. Sie konnten den Zerfall der schon bröckelnden Grenzen des römischen Imperiums für rund ein Jahrhundert aufhalten, da der neue Grenzverlauf besser für Verteidigungszwecke geeignet war, als es der Obergermanisch-Rätische Limes je gewesen war. Unter Diokletian wurde zudem die Provinz Raetia geteilt, das Gebiet um den Bodensee fiel an die neue Provinz Raetia I.
Die Zivilsiedlungen im Hinterland wurden nun ebenfalls befestigt, so ist beispielsweise durch eine Bauinschrift aus dem Jahre 290 n. Chr. bekannt, dass Viduturum (Winterthur) damals eine neue Stadtmauer erhielt. Die Zivilbevölkerung auf dem Land flüchtete sich bei Gefahr in kleine Hügelfestungen, die oftmals hastig aus Quadern von älteren Gebäuden erbaut wurden (Moosberg bei Turnau, Lorenzberg bei Epfach, Toos-Waldi und Göfis-Heidenburg). Strassen ins Hinterland wurden durch Wachtürme oder Kleinkastelle mit integrierten Vorratslagern gesichert (Füssen und Innsbruck-Wilten). Auf dem Bodensee wurde eine eigene Flottille stationiert (numerus barcariorum), die ihre Hauptstützpunkte in Bregenz und Constantia hatte.
Die neuen Grenzkastelle waren erheblich kleiner als ihre Vorgänger, ihr Grundriss wurde oft dem natürlichen Geländegegebenheiten angepasst. Die Mauern waren hingegen wesentlich dicker und wurden durch vorkragende Hufeisentürme verstärkt, auf denen Geschütze positioniert werden konnten. In konstantinischer Zeit (306 bis 337) wurden die Lücken zwischen den 15–40 km auseinanderliegenden Kastellen mit zahlreichen Wachtürmen für Signalweitergabe und Beobachtung geschlossen.Lothar Bakker: Die Alamannen, 1998, S. 115.
Spekulationen einiger Forscher hinsichtlich der Zerstörung des Arboner Kastells zur Zeit der Usurpation des Magnentius (350 bis 353) konnten durch die bisherigen Grabungen nicht bestätigt werden.So Overbeck 1, S. 213 mit Anmerkungen S. 319; «Nach einer Unterbrechung setzt sich die kleine Münzreihe allerdings erst unter Valentinian wieder fort.» Kaiser Valentinian I. verstärkte die Rheingrenze um 370 noch einmal, und in vielen Kastellen wurden auch unter Stilicho um 400 Baumaßnahmen durchgeführt. Ab 406 verschlechterte sich die Situation dann zusehends. Als sich Armeeorganisation und Verwaltung des Weströmischen Reiches im späten 5. Jahrhundert auch in der Region um Arbon auflösten, blieb ein Großteil der romanischen Bevölkerung zurück, die wohl bald von den nun ungehindert einströmenden Alamannen assimiliert wurde. Die christlich-romanische Gemeinschaft im Kastell Arbon war dabei eine der ältesten am Bodensee. Möglicherweise als einzige blieb sie auch während des turbulenten Frühmittelalters weiter bestehen. Die Ortsnamen Frasnacht und Feilen deuten darauf hin, dass es wohl noch kurzzeitig eine sprachliche Grenze zwischen der alamannischen und romanischen Bevölkerungsgruppe gegeben hat. Die Alamannenstämme schlossen sich allmählich zu einem Herzogtum zusammen, das wiederum im 7. Jahrhundert im Frankenreich aufging.Brem, 1992.
Das romanische Christentum hielt sich während dieser Zeit wohl nur mehr in den ehemaligen Römerkastellen. Als um 610 irische Missionare unter Columban die Gegend um Arbon erreichten, fanden sie im Castrum Arbonense eine prosperierende christlich-romanische Gemeinde mit einem Presbyter namens Willimar vor, deren geistliches Oberhaupt vermutlich der neue – seit etwa 585 in Konstanz residierende – Bischof war. Columban und seine Glaubensbrüder zogen zunächst weiter, aber schon zwei Jahre später kehrte einer von ihnen, Gallus, allein und krank wieder nach Arbon zurück und wurde von Willimars Mitbrüdern gesundgepflegt. Gallus ließ sich nach seiner Genesung als Einsiedler nieder und richtete sich in der Nähe, im Hochtal der Steinach eine Klause ein. An ihrer Stelle entstand später das Kloster St. Gallen. Er starb schliesslich hochbetagt in Arbon.
Ab dem 8. Jahrhundert gehörte Arbon zum Grundbesitz des kurz vor 600 gegründeten Bistums von Konstanz. Durch Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung fiel das Arboner Kastell aus dem Königsgut an den Konstanzer Bischof. Dieser war nun Herr des Arbongaus und somit auch seiner Kirchenorganisation. Das Kastell selbst dürfte spätestens nach der Errichtung des bischöflichen Schlosses im 13. Jahrhundert seine Substanz und bauliche Geschlossenheit endgültig verloren haben.
Forschungsgeschichte Erstmals wird über römische Funde im 18. Jahrhundert, in einem Manuskript von Johann Melchior Mayer, berichtet (...unterschiedliche Geltleyn mit alten keyserlichen Prägen), von Mauern ist keine Rede. Die nächsten Münzfunde werden erst wieder im 19. Jahrhundert erwähnt und Johann Adam Pupikofer vermerkt 1820 in seiner Geschichte des Thurgaues u. a. zu Arbon:
Auch zwischen 1864 und 1902 stiess man am Südhang und am Plateau des Bergli immer wieder auf römische Münzen, Keramik und Mauerreste. 1896 fasste Jakob Heierli den damaligen Wissensstand in einer archäologischen Karte des Kantons Thurgau zusammen.Jakob Heierli: Die archäologische Karte des Kantons Thurgau nebst Erläuterungen und Fundregister. In: Thurgauische Beiträge 36, 1896, S. 123–125.
Die systematische Erforschung begann dennoch erst spät. Nachdem das Arboner Kastell schon lange im Bergliquartier vermutet worden war, konnten 1957 auf der Westseite des Schlosses tatsächlich halbrunde Fundamente eines antiken Gebäudes (Turm 1) entdeckt werden. Seit 1957 wurden nun in regelmässigen Abständen archäologische Ausgrabungen vorgenommen, um die römische Vergangenheit Arbons genauer ausleuchten zu können. Im Zuge dessen konnte bald die Existenz eines typischen spätrömischen Kastells nachgewiesen werden.