Die Kölner Ratskapelle St. Maria in Jerusalem entstand zwischen den Jahren 1424 und 1426. Ihre wechselvolle Geschichte endete mit ihrer Zerstörung bei Luftangriffen während des Zweiten Weltkrieges.Information der Stadt Köln auf einer Schautafel am Rathausplatz. miniatur|Ratskapelle St. Maria in Jerusalem miniatur|Kapelle und Sakristei, Grundriss
Geschichte Der Kölner Rat benutzte, wie für die Jahre 1329 und 1341 belegt ist, für den Gottesdienst der Ratsherren ursprünglich die über der Marktpforte eingerichtete Michaelskapelle.Vogts, Witte, S. 186. unter Verweis auf: Stein, Akten zur Verfassung und Verwaltung I, S. 24 u. 88 Wohl wegen des beengten Raumes hatte der Rat schon 1393/94Vogts, Witte, S. 166, Verweis auf Sauerland Vatikanische Regesten VI, Nr. 243 den Bau einer eigenen Kapelle geplant und um eine entsprechende Genehmigung von höchster kirchlicher Stelle nachgesucht. Offenbar nach einem positiven Bescheid forderte man die Kölner Juden im Jahre 1423 auf, dass sie binnen Jahresfrist up ewige tzyden die Stadt zu verlassen hätten.Vogts, Witte: Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln. im Auftrage des Provinzialverbandes der Rheinprovinz und der Stadt Köln. Hrsg. von Paul Clemen, Bd. 7, Abt. IV: Die profanen Denkmäler der Stadt Köln, S. 263 ff. Von Koelhoff und anderen Quellen Die in den Jahrbüchern des 15. Jahrhunderts überlieferten Vorgänge zur Entstehung der Ratskapelle wurden in der Folge unterschiedlich gedeutet. Sprachen die Forschungen durch die Historiker Johann Jakob Peter Fuchs oder Leonard Ennen im 19. Jahrhundert noch von einer Umwandlung des Synagogenbaus, wurde 1928 durch Hans Vogts ein möglicher Neubau der Ratskapelle erwogen, in einer folgenden Abhandlung aber relativiert.
Auch die sich auf die Kölner Schreinsbücher stützende Publikation von Keussen, die Veröffentlichungen von Doppelfeld und die durch Anna-Dorothee von den Brincken in den 1950/60er Jahren, die ebenfalls einen Neubau verwarfen, zogen aus ihren Forschungen die richtigen Schlüsse. Sie wurden nun durch die jüngsten Grabungen vor dem Rathaus durch archäologische Befunde bestätigt.Walter Geis, Ulrich Krings (Hrsg.): Köln: Das Gotische Rathaus und seine historische Umgebung. Stadtspuren – Denkmäler in Köln
Überlieferung miniatur|Johann Koelhoff der Jüngere, „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, 1499 Der 1487 als Student in Köln weilende Johann Koelhoff ging in seiner später verfassten Chronik der Stadt auch auf die Entstehung der Ratskapelle ein und schrieb zu den Ereignissen des Jahres 1426 folgende Anmerkungen.
Dat die Joeden schole tzo Coellen gewyet wart in dem selven jair. Im dem Even maende up unser liever vrauwen dach nativitatis do dede der Rait von Coellen die joeden schoille wyen in Ere unser liever vrauwen. Ind wart die Capelle genoemt tzo Jherusalem. Up den vurs dach heilt men mit groisen eren in der selver Capellen homisse ind wart gesongen mit discante. Dese joedenschole hadde gestanden in der joeden hant 414 jair . („Die (ehemalige) Kölner Synagoge wurde in diesem Jahr (1426 als Kirche) geweiht. In dem Monat, wenn die Geburt unserer Lieben Frau gefeiert wird, weihte der Rat von Köln die (ehemalige) Synagoge zur Ehren unserer Lieben Frau. Deshalb wurde die Kapelle nach Jerusalem benannt. Zuvor hatte man unter diesem Dach mit großem Gepränge Gottesdienste gefeiert und im Diskant gesungen. Diese Synagoge hatte sich 414 Jahre in jüdischem Besitz befunden.“)
Realisierung der Ratskapelle Nach der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus der Stadt, die im Jahr 1424 abgeschlossen war, wurde die zwischen 1012 und 1040 entstandene und nach Pogromen im 14. Jahrhundert erneuerte, auch als Judenschule bezeichnete Synagoge des Judenviertels zu der dem Rat vorbehaltenen Kapelle St. Maria in Jerusalem umgewandelt und im Jahr 1426 zum Festtag „Mariä Geburt“ geweiht. Abgesehen von den täglichen Andachten, die sich nun bequem von den Ratsherren vor ihrem „Hause“ in der Kapelle verrichten ließen, wurde auch von einer Messfeier berichtet. Es war die erste in der Kapelle abgehaltene Totenmesse, die aus Anlass der Beerdigung des Bürgermeisters Wenemar von dem Birbaume vor unserem Hause in der Kapelle unserer lieben Frau stattfand. Die Kapelle blieb bis zu ihrer Profanierung 1798 das Gotteshaus der Ratsherren.
Totenfeiern der Ratsangehörigen Ort der städtischen Repräsentanz war von alters her die Stiftskirche St. Maria im Kapitol. Bei speziellen weltlichen Festlichkeiten, wie Amtseinführungen in das oberste Gremium der Politik, aber auch im Todesfall eines Ratsmitgliedes fanden sich dort alle Repräsentanten der Stadt und der Kirche zusammen.
Die in der Amtszeit der Bürgermeister Johann von Heymbach und Eberhard Hardefust (1423/1424) als Beschluss des Rates angeordnete Ausweisung der Juden hatte auch die Konfiszierung ihrer Grundstücke zur Folge. Der so gewonnene Baugrund hatte zur Errichtung der Ratskapelle geführt, die nun auch als Veranstaltungsort für besondere Anlässe einbezogen werden sollte und wurde den Quellen zufolge zumindest für einige Zeit auch für diese Zwecke genutzt.
Die 1431 stattfindende Totenmesse eines gleichnamigen Bürgermeisters „von dem Birbaum“ soll ebenfalls in St. Maria in Jerusalem stattgefunden haben. Im gleichen Jahr legte die Stadt in einer Ordnung (ordinacie) die Zeremonien eines Begräbnisses und der darauf folgenden Totenfeierlichkeiten fest.
Als 1471 der seit 1456/57 turnusmäßig amtierende Bürgermeister Johann von Breyden starb, wurde nach der neuen Ordnung verfahren, nach deren Prozedere auch eine hohe Beteiligung geladener Personen zu erwarten war. Da der großen Zahl der Geistlichen und weltlichen Würdenträger die Ratskapelle nicht ausreichend Platz bot, fanden die Hauptfeierlichkeiten in der Kapitolskirche statt.
Der Leichenzug bewegte sich in der Regel vom Hause des prominenten Verstorbenen zu der durch diesen zuvor bestimmten Begräbnisstätte (zumeist innerhalb der städtischen Pfarrkirchen) und dann wegen der großen Anzahl der Geladenen in die für alle Raum bietende Kirche St. Maria im Kapitol, in der dann das Requiem stattfand. Dem Trauerzug der „Herren“ folgten die geistlichen Herren, die das „Libera me Domine“ sangen. Weiter folgten dem Trauerzug in schwarzer Trauerkleidung (die ihnen je nach gesellschaftlichem Stand in Form einer bestimmten Menge Tuches erstattet wurde) neben den geistlichen Würdenträgern die Angehörigen, die Bürgermeister, Rentmeister und Ratsherren. Auch die Vertreter der Zünfte, zu deren oberstem Gebot ihre Teilnahme am „Bejängnis“ ihrer Herren gehörte,Adam Wrede, Band I., S. 63. waren vertreten, so sie nicht durch eine „Unbill“ (Krankheit) verhindert waren. Nach den Feierlichkeiten zogen die Ratsherren wieder „in unser Herren Kapelle am Rathaus“, wo sie den Rest der zwölf im Leichenzug mitgeführten Fackeln zum Gedenken des Verstorbenen aufstellten. Wie lange sie diesem bis 1471 belegten Ritus folgten, ist derzeit nicht bekannt.Klaus Wolfgang Niemöller, unter Verweis auf: Ennen, die Beerdigung des Kölner Bürgermeisters Johann von Breide 1471 in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 1865, S. 176–181.
Stiftungen, Strafgelder und Ablässe zur Baufinanzierung Die Ratskapelle St. Maria in Jerusalem, die unter dem Namen „Sacellum B. Virginis in Jerusalem ante curiam“ eingeweiht worden war, unterlag anfänglich nur wenigen baulichen Veränderungen. Zu den späteren äußerlichen Veränderungen gehörte vor allem der Aufsatz eines mit dem Kreuz als christlichem Symbol versehenen Dachreiters. Hinzu kamen lediglich Veränderungen der je drei Fenster an den Längsseiten des Kirchenschiffes. Ihnen gab man ein größeres Maß, um so die innerräumlichen Veränderungen „ins rechte Licht zu rücken“ und bewirkte gleichzeitig, dass einem Ablauf der Liturgie besser zu folgen war.Isabelle Kirgus in: St. Maria in Jerusalem, Kapelle des Rates der Stadt Köln . S. 103–114.
Zu weiteren Um- und Ausbauten der Kapelle stiftete der Canonicus „Arnold Schillinc“ 100 und „Ulrich vom Boichem“ 20 Goldgulden. 1474 wurde durch die Ratsherren „Constantin von Lyskirchen“ und „Johann Hardenrath“ der Bau einer der Kapelle anliegenden Gerkammer in Auftrag gegeben und finanziert. Um den Wunsch des Rates zu ermöglichen, die Kapelle besser auszustatten, suchte man nach weiteren Finanzierungsmöglichkeiten. Diese fand man in zu erhebenden Strafgeldern, wie sie beispielsweise den Häretikern auferlegt wurden. So wurde ein solches Strafgeld in der Höhe von 1400 Goldgulden eingetrieben und im Jahr 1608 zur Restaurierung der Kapelle verwandt. Gleichem Zweck zugeführt wurden eine Geldstrafe von 200 Goldgulden im Jahr 1612, die für den „Ausputz“ (Verschönerung) der Kapelle im Jahr 1614 bestimmt wurde, indem statt des alten hölzernen Unterschlags eine Empore auf Marmorpfeilern gebaut werden sollte. Die 1616 durch Meister „Jakob Sieglar“ für 300 Reichstaler ausgeführte Arbeit stand unter der Leitung der Ratsherren „Peter Terlaen“ und „Peter Gudenau“. Weitere solcher Einnahmen ermöglichten die Ausrüstung, Erhöhung und Wölbung sowie sonstige Verbesserungen der Kapelle, diesmal unter der Leitung der Ratsherren „Caspar Grefrath“ und „Goddert Dunwaldt“. Nach der Vollendung der Restaurierungsarbeiten veranstaltete man im Jahr 1619 am 8. September eine feierliche Kirchweih.
Umfeld der Kapelle miniatur|Rathausplatz und Umfeld um 1571 Der in den Quellen kurz als der „Platz“ bezeichnete heutige Rathausplatz wuchs nur langsam zu einer größeren Freifläche heran. Er entstand oberhalb der Judengasse, an der sich das Haus des Rates befand, welches über lange Zeit auch der lange Saal oder die Hofstadt der „Herren“ genannt wurde.Vogts, Witte in: Das Rathaus, S. 183 ff.
Wandel vom Wohn- zum Verwaltungsviertel Schon vor der Vertreibung der Juden hatte man durch Ankauf und Niederlegung von Häusern an der Nordostecke Platz geschaffen und auf dem Grundstück des Hauses „Zum Blasebalg“ den Rathausturm (1407/14) errichtet.Hermann Keussen, Top. Band I., S. 143 b Die an der Südecke zurückgelegenen Bauten wurden 1426 abgebrochen, wobei die Flucht eines Neubaus (erst 1887 abgebrochen) weiter nach Osten gelegt wurde. Spätestens seit 1426 befanden sich fast alle das „Haus der Bürger“ umgebenden Gebäude bis auf wenige Ausnahmen in städtischem Besitz. Dazu gehörte eine Liegenschaft an der Nordwestecke, die 1542 erworben wurde, und das Gebäude eines alten jüdischen Besitzes, das so genannte „Haus zur Kemenate“, das 1475 in den Besitz des Rates überging. An seiner Stelle entstand zuerst eine Kanzlei und danach ein 1513 von dem Ratsherren der Fischmengerzunft Jakob Beiß errichteter Neubau, der aufgrund seines sicheren Gewölbes zur Aufbewahrung von Schreinsakten, später zur Ausgabe der Ratszeichen, zur Registratur des Bürgermeistergerichts und 1537 den Schöffen diente.Vogts, Witte in: Der Spanische Bau, S. 257 ff. Dieses Gebäude am „Platz“ war der Vorgängerbau des am Anfang des 17. Jahrhunderts in mehreren Phasen entstehenden Neubaus, der später (vermutlich nachdem 1623 der Tagungsort der Spanischen Liga von Frankfurt nach Köln verlegt worden war) als „Spanischer Bau“ bezeichnet wurde.Vogts, Witte, Verweis auf Ennen: Geschichte V. S. 572 f, in: Der Spanische Bau, S. 257 ff. Die Häuser am Platz dienten nun der Verwaltung oder waren zu Dienstwohnungen der Verwaltungsangestellten geworden und ersetzten viele der historische Gebäude bis auf wenige Ausnahmen.
Neubauten und Abrisse