Minako Ōba (, Ōba Minako, eigentliche Schreibung ; * 11. November 1930 in Tokio; † 24. Mai 2007) war eine japanische Schriftstellerin.
Leben Ōba Minako war das zweite Kind einer japanischen Hausfrau, Mutsuko, und eines Arztes, Saburō. Letzterer wurde 1894 in Asahi, Kreis Inashiki, Präfektur Ibaraki, als Sohn eines reichen Teehändlers geboren. 1915 zog er nach Niigata, um an der Medizinischen Fachhochschule zu studieren. Er verliebte sich in Takiko, Mutsukos zweitälteste Schwester, heiratete diese und hatte mit ihr einen Sohn. Als Takiko an Lungentuberkulose verstarb, heirateten Mutsuko und der Witwer auf testamentarischen Wunsch der Verstorbenen. Mit ihr zeugte er einen Sohn und zwei Töchter, von denen Minako die ältere war. Ōba Minako stammt aus einem gebildeten Haushalt. Auch die beiden Onkel mütterlicherseits hatten studiert, die beiden Tanten und ihre Mutter das Lyzeum absolviert.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 62.
Ihre Mutter war ein moga, ein „modern girl“,Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 35. was bedeutete, dass sie sich westlich kleidete. Sie selbst trug, wie sie sich in ihrer Autobiografie erinnert, nur einmal eine japanische Frisur und zwar an ihrem Hochzeitstag.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 42. Der Vater begann nach seinem Studium im Marineministerium zu arbeiten, weshalb die Familie nach Tokyo zog, wo Ōba Minako zur Welt kam. Ihre Mutter besuchte in der Stadt eine teure Schneiderschule für westliche Kleidung und eine Englisch-Schule. Ihre Studien setzte sie auch nach der Geburt Minakos fort. Bis zu deren Einschulung 1937 wurde diese von einer Amme großgezogen, die ihr auch das Schreiben lehrte und beibrachte, „beim Lesen etwas zu empfinden“, beispielsweise bei der Lektüre von Hänsel und Gretel.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 63. Als Kind lernte sie gemeinsam mit der jüngeren Schwester Tanz und Shamisen zu spielen.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 53.
Der mütterliche Haushalt war an Literatur interessiert, weshalb Minako bereits als Kind die Zeitschriften „Neue Strömung“ sowie „Welt der Literatur“ las.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 14. Der Vater hatte nur Tolstois Auferstehung und Die Elenden von Hugo gelesen, die Mutter auch japanische Literatur beispielsweise Tanizaki Jun’ichirō, die der Vater als „amoralische Lüstlingsliteratur“ geringschätzte. Die älteste Schwester der Mutter war Amateurschriftstellerin. Die Mutter verehrte Kitahara Hakushū, Yoshii Isamu sowie Yosano Akiko und verfasste Gedichte in deren Stil.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 17. Im Lebensabend schätzte die Mutter Saigyō und Sankashū war ihre Nachtlektüre.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 18. Ihr Großvater mütterlicherseits, Morita Shōkasu, der auch schrieb, machte sie mit dem Werk Bai Juyis bekannt.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 57. Die elterliche Bibliothek versorgte sie mit den „Gesammelten Werken der japanischen Gegenwartsliteratur“ vom Verlag Konzōsha, den „Gesammelten Werken der Meiji- und Taishō-Literatur“ vom Shunyōdō, den „Gesammelten Werken der Weltliteratur“ von Shinchōsha, der Reihe „Romane der japanischen Literatur“, den „Gesammelten Schriften der Philosophie der Welt“ sowie der Reihe „Dramen der Weltliteratur“ vom Verlag Shunjūsha. Zudem fanden sich dort die Gesammelten Werke Victor Hugos, Natsume Sōsekis und Higuchi Ichiyōs.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 96 f. Mit ihrer Mutter tauschte sie sich über das Gelesene aus.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 97. Als sie – noch zur Kriegszeit – die untersten Klassen des Lyzeums besuchte, wurden ihr in der Schule die Bücher Gustave Flauberts und Guy de Maupassants weggenommen.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 98. Da die Lektüre von liberaler japanischer Literatur und westlicher im Allgemeinen in der Schule problematisch war, las sie sie zuhause und vor Ort z. B. die Gedichtssammlung Manyōshū sowie die Saga Heike Monogatari.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 98. Während des Krieges war ihr Vater Direktor eines Marinekrankenhauses in Shanghai.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 74. Der Vater hatte vor dem Krieg die Prinzen Takamatsu und Kuninomiya auf einer Auslandsreise begleitet,Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 107. dennoch hatte die Familie während des Krieges weder Photographien der kaiserlichen Familie noch einen shintoistischen Hausaltar (Kamidana) aufgestellt.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 109. Am Kriegsende lebte die Familie in der Nähe Hiroshimas, Minako leistet mit ihrer Klasse Hilfsdienste. Diese Erfahrungen verarbeitete sie in der fiktionalen Erzählung „Urashima-Kraut“, die 1974 veröffentlicht wurde.Irmela Hijiya-Kirschnereit, Nachwort. In: Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 141–150, S. 148. Da der Vater arbeitslos war,Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 9. lebte die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg in Niigata,Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 8. dem Geburtsort der Mutter,Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 9. der nicht bombardiert worden war. Dort praktizierte der Vater nun als Landarzt und Minako besuchte die Volksschule.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 8. Außerdem besuchte sie zu einem anderen Zeitpunkt in Kamakura die Onari-Volksschule.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 45. Zeit ihrer Kindheit las Minako Grimms Märchen, griechische Mythen und die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, da sie ihr besser als die von Zensur und didaktischen Überlegungen gekürzten japanischen Märchen gefielen.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 113. In der fünften Volksschulklasse begann sie, eigene Märchen zu verfassen, die sie bisweilen auch der Klasse erzählen durfte.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 114.
Als Oberschülerin las sie privat Romane Chikamatsu Shūkōs, Tokuda Shūseis sowie Uno KōjisŌba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 115. und in der Schule neben dem Arbeitsdienst an der Nähmaschine höfische Literatur wie die Geschichte vom Prinzen Genji, die Erzählung vom Fräulein im Verlies und das Sarashina-Tagebuch, da die Lyzeumsbibliothek nur klassische japanische Literatur vorrätig hatte.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 117. Auch las sie, wenn sie ihren Felddienst wegen der Bombenangriffe unterbrechen musste.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 118. Minako konstatiert in ihrer Autobiographie, dass ihre Mutter ihre „einzige literarische Freundin“ seit ihrer Kindheit gewesen sei. Als sie über zehn Jahre im Ausland wohnte, verwendete ihre Mutter Literaturzeitschriften als Knüllpapier für die Pakete und hielt so ihre Tochter in dieser Hinsicht auf dem Laufenden. In einer dieser Zeitschriften, Gunzō war ein Nachwuchspreis ausgeschrieben, den Minako mit der Erzählung „Drei Krabben“ (, Sambiki no kani) gewann. Die Autorin hegte jedoch Zweifel, ob ihre Mutter ihre Werke ernst nähme.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 18. Die Mutter, die selbst nicht berufstätig war, äußerte stets den Wunsch, dass ihre Tochter nicht berufstätig werden solle, sondern gut heirate.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 100.
Ōba Minako hatte nach dem Lyzeum die Tsuda-Frauenuniversität (, Tsudajuku Daigaku) besucht.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 100. Nachdem sie das Studium der englischen Literatur 1953 beendet hatte, arbeitete sie zunächst als Lehrerin, bis gesundheitliche Probleme ihr dies verwehrten. Zwei Jahre später heiratete sie Toshio, einen Ingenieur, den sie schon als Studentin kannte und zog mit ihm 1959 nach Sitka in Alaska.Irmela Hijiya-Kirschnereit, Nachwort. In: Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 141–150, S. 148. Sie nahm bereits zu Studienzeiten, allerdings erfolglos, an literarischen Nachwuchswettbewerben teil, ließ sich aber nicht vom Misserfolg entmutigen und schrieb weiter. In den zehn Jahren ihres Auslandaufenthaltes schrieb sie. „Es ist wie beim Singen, wenn man ohne jedes Publikum und ohne aufgefordert worden zu sein beim Wäschehängen etwas vor sich hinsummt – etwas, das einem ganz spontan und selbstverständlich in den Sinn kommt“.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 134. 1970, zwei Jahre nachdem sie den Nachwuchspreis und den Akutagawa-Preis erhalten hatte, zog sie von Alaska, auch wegen der Schulausbildung der Tochter, zurück nach Japan,Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 131. wo sie in Tokyo lebte und ein Landhaus auf der Halbinsel Izu besaß.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 79. Sie zählte Kawabata Yasunari und Takahashi Takako zu ihren Freunden.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 45.
1984 veröffentlichte sie unter dem Titel „Tanze, Schneck, tanz“ ihre Autobiographie. Der Titel geht auf ein lebensbejahendes Gedicht aus dem Ryōjin hishō zurück, das ihre Japanisch-Lehrerin der Klasse nach dem Kriegsende, als der Unterricht wieder begann, vortrug.Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 127. Auf Deutsch liegt neben der gekürzten Autobiographie auch der Roman „Träume fischen“ (Tsuga no yume) vor. 1991 erschien im Verlag Kōdansha eine vorläufige Gesamtausgabe ihres Werks, das neben Erzählungen und Romanen auch Essays, Theaterstücke, Drehbücher sowie Reisebeschreibungen umfasst.Irmela Hijiya-Kirschnereit, Nachwort. In: Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 141–150, S. 149. Im 1993 erschienenen Roman „Zweihundert Jahre“ verarbeitete sie ihre Familiengeschichte in literarische Prosa.Irmela Hijiya-Kirschnereit, Nachwort. In: Ōba Minako, Tanze, Schneck, tanz, Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 1995, S. 141–150, S. 150.
1987 wurde sie gemeinsam mit Taeko Kōno als erste Frau Mitglied im Auswahlkomitee des Akutagawa-Preises, in dem sie bis 1997 mitarbeitete.
1991 wurde sie Mitglied der japanischen Kunstakademie und Vizepräsidentin des PEN-Clubs. Ōba trat zudem als streitbare Verfechterin des Feminismus in Erscheinung. 1996 erlitt sie einen Zerebralinfarkt, der ihr die Fähigkeit zu gehen nahm und der 2007 auch ihren Tod verursachte.
Themen