mini|hochkant|Afghanische Frauen mit Burka Während der ersten Regierungszeit der Taliban im Islamischen Emirat Afghanistan von 1996 bis 2001 – mit begründeten Befürchtungen für eine erneute Bedrohung der Frauenrechte nach der Machtübernahme der Taliban 2021 – wurde das System der Taliban international besonders durch die Be- und Misshandlungen von Frauen bekannt. Das erklärte Ziel der Taliban war es, ein „sicheres Umfeld für die Frau zu schaffen, in der ihre Keuschheit und Würde wieder unantastbar ist“,Nancy Hatch Dupree: Afghan Women under the Taliban In: William Maley: Fundamentalism Reborn? Afghanistan and the Taliban. Hurst, London 2001, ISBN 0-8147-5586-0, ISBN 0-7864-1090-6, S. 145–166. was auf Glaubensvorstellungen basiert, denen gemäß eine Frau in Zurückgezogenheit („Parda“) leben solle.Peter Marsden: The Taliban: War, religion and the new order in Afghanistan. Zed Books, London 1998, ISBN 1-85649-522-1, S. 88–101.
Frauen wurden gezwungen, in der Öffentlichkeit die Burka zu tragen, weil, wie ein Sprecher der Taliban es ausdrückte, „das Gesicht der Frau eine Quelle der Korruption für die mit ihr nicht verwandten Männer ist“.M. J. Gohari: The Taliban: Ascent to Power. Oxford University Press, Oxford 2000, ISBN 0-19-579560-1, S. 108–110. Es wurde Frauen verboten, zu arbeiten und ab dem Alter von acht Jahren unterrichtet zu werden. Bis dato war der Unterricht auf die Lehren des Koran beschränkt. Frauen, die eine höhere schulische Ausbildung anstrebten, waren gezwungen, Schulen im Untergrund zu besuchen, wo sie und ihre Lehrer, falls entdeckt, die Todesstrafe riskierten.Ron Synovitz: , Radio Free Europe, 31. März 2004.Christina Lamb: In: The Sunday Times, 13. November 2005 (englisch). Frauen war es nicht gestattet, ohne einen männlichen Begleiter einen männlichen Arzt aufzusuchen, was dazu führte, dass viele Krankheiten unbehandelt blieben.
Nachdem die Taliban 2021 wieder an die Macht kamen, führten sie viele dieser Regelungen nach und nach wieder ein und ergänzten diese.
Im Jahr 2025 erließ der Internationale Strafgerichtshof mit dem Vorwurf Verbrechen gegen die Menschlichkeit wegen der Unterdrückung von Frauen in Afghanistan Haftbefehl gegen Taliban-Chef und Staatsoberhaupt des Emirats Afghanistan Hibatullah Achundsada und Afghanistans Obersten Richter Abdul Hakim Hakkani.
1996–2001 Geschlechterpolitik mini|Ein Mitglied der Taliban-Religionspolizei schlägt in Kabul eine Frau (26. August 2001). Die Aufnahmen wurden von der RAWA (Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans) gefilmt.
Die Geschlechterpolitik basierte auf folgenden Inhalten:
Ab dem Alter von acht Jahren war es Frauen untersagt, mit Männern in direktem Kontakt zu stehen, die nicht mit ihnen blutsverwandt oder angeheiratet sind.Michael Griffin (2001). Reaping the Whirlwind: The Taliban movement in Afghanistan. London: Pluto Press, S. 6-11 und 159-165 (englisch). Frauen sollen nicht ohne einen männlichen Blutsverwandten und ohne Burka auf die Straße. Frauen sollen keine Schuhe mit hohem Absatz tragen, damit kein Mann die Schritte einer Frau hören und dadurch erregt werden könne. Frauen dürfen nicht laut in der Öffentlichkeit sprechen, da kein Fremder die Stimme einer Frau hören soll.some of the restrictions imposed by Taliban in Afghanistan Alle Fenster im Erdgeschoss und im ersten Stock sollen zugemalt oder abgeschirmt werden, um zu vermeiden, dass Frauen in ihren Wohnungen von der Straße aus gesehen werden könnten. Das Fotografieren oder Filmen von Frauen ist strengstens verboten, genau wie das Zurschaustellen von Bildern mit weiblichen Personen in Magazinen, Büchern, Zeitungen, Geschäften oder im eigenen Heim. Ortsnamen, die das Wort „Frau“ beinhalten, müssen geändert werden (Ein Beispiel: „Frauengarten“ wurde zu „Frühlingsgarten“ umbenannt). Es ist Frauen nicht gestattet, sich auf der Terrasse oder dem Balkon ihrer Wohnung bzw. ihres Hauses aufzuhalten. Verbannung der Frau von Radio, TV und öffentlichen Versammlungen jeglicher Art.
Kleidungsregeln Farbenfrohe Kleidung wurde verbannt, da sie als sexuell attraktiv angesehen wurde. Ein Erlass der Taliban aus dem Jahre 1996 besagt: „Wenn sich Frauen mit modischer, geschmückter, enger und reizvoller Kleidung außer Haus zeigen, werden sie von der Islamischen Scharia verdammt, und kommen niemals in den Himmel.“Butcher, Bolt: Two Hundred Years of Foreign Failure in Afghanistan. David Loyn, ISBN 978-0-09-192140-8, S. 235 (englisch).Afghan women tell tales of brutality, oocities.org (englisch). Auch das Auftragen von Nagellack wurde verboten.
Mobilität Die Regelung der Taliban, was öffentliches Auftreten betraf, schränkte die Freiheit der Frau außerhalb ihres Heims enorm ein. Besonders schwierig war es für diejenigen, die sich keine Burka leisten konnten oder keinen Mahram (männlichen Verwandten, der sie begleiten konnte) hatten. Diese Frauen standen regelrecht unter Hausarrest. Eine Frau, die von den Taliban schwer verprügelt wurde, weil sie alleine auf der Straße lief, erklärte: „Mein Vater fiel im Krieg … Ich habe keinen Ehemann, keinen Bruder und keinen Sohn. Wie soll ich leben, wenn ich nicht alleine aus dem Haus gehen darf?“
Ein Außendienstarbeiter der NGO Terre des hommes wurde im größten staatlichen Waisenhaus Taskia Maskan in Kabul Zeuge der Auswirkungen, die diese Einschränkungen der Mobilität der Frau mit sich brachten. Nachdem die weiblichen Angestellten von ihren Aufgaben entbunden wurden, waren die circa 400 Mädchen, die in dieser Institution lebten, ein ganzes Jahr lang eingesperrt. Verordnungen, welche die Mobilität der Frau betrafen, lauteten:
Verbot der Frau, ein Fahrrad oder Motorrad zu fahren, selbst mit ihrem Mahram Verbot der Frau, ohne ihren Mahram ein Taxi zu nehmen Einführung getrennter Busbetriebe, um das Reisen von Männern und Frauen in ein und demselben Bus zu verhindern
Arbeit Die Taliban stimmten den früheren afghanischen Gesetzesbestimmungen nicht zu, die die Einstellung von Frauen an einem Arbeitsplatz gemischter Geschlechter erlaubte. In ihren Augen war dies ein Verstoß gegen Parda und Scharia. Am 30. September 1996 erließen die Taliban, dass alle Frauen vom Arbeitsplatz verbannt werden.Chronology of Events January 1995 - February 1997. UNHCR Es wurde geschätzt, dass 25 Prozent der Regierungsangestellten weiblich waren. Mit dem Verlust anderer Sektoren vereint, waren Tausende von Frauen von dem Erlass betroffen. Dies hatte verheerende Auswirkungen auf das Haushaltseinkommen, besonders in schutzlosen oder von Witwen geführten Familien, die in Afghanistan weit verbreitet waren.
Grundschulen, die nicht nur Mädchen unterrichteten, wurden in Kabul geschlossen, da fast alle Grundschullehrer weiblich waren. Tausende gebildete Familien flohen aus Kabul nach Pakistan, nachdem die Taliban die Stadt 1996 übernommen hatten.Rashid: Taliban. 2000, S. 106. Unter denjenigen, die in Afghanistan blieben, erhöhte sich die Zahl der Mütter, die mit ihren Kindern betteln gehen mussten, da der Verlust des Einkommens ihre Familien an den Rand der sozialen Existenz versetzte.
Der oberste Führer der Taliban, Mohammed Omar, sicherte weiblichen Beamten und Lehrern eine Abfindung von umgerechnet 4,50 Euro im Monat zu, doch dies nur für eine begrenzte Zeit.Taliban sack all female civil servants, teachers. Ein Vertreter der Taliban erklärte: „Dass die Taliban 30.000 arbeitslosen Frauen, die nun bequem zu Hause sitzen, eine monatliche Abfindung zahlen soll, ist ein Peitschenhieb in den Augen all jener, die die Taliban in Bezug auf Frauenrechte diffamieren wollen. Diese Leute versuchen mit haltloser Propaganda die Frauen von Kabul gegen die Taliban aufzuhetzen.“
Die Taliban unterstützten den Erhalt der Sippe (Großfamilie), oder die Zakat (Almosensteuer), damit Frauen nicht arbeiten müssten. Doch Jahre des Konflikts führten dazu, dass Kleinfamilien sich kaum ernähren konnten, geschweige denn weitere Familienmitglieder versorgen. Die Gesetzgebung war Männersache, wie zum Beispiel die Nahrungsmittelhilfe, die nur von einem männlichen Verwandten entgegengenommen werden durfte. Die Möglichkeit, dass eine Frau gar keine männlichen Verwandten haben könnte, wurde von Außenminister Mullah Ghaus abgewiesen. Er war überrascht, dass solch ein kleiner Teil der afghanischen Bevölkerung international für so viel Aufmerksamkeit und Bedenken sorgte. Für Frauen in ländlichen Gebieten änderte sich kaum etwas, da ihr Leben von unbezahlter heimischer, landwirtschaftlicher und reproduktiver Arbeit geprägt war.
Weibliches Personal im Gesundheitswesen wurde vom Erwerbsverbot freigestellt, doch mussten in diesem Sektor beschäftigte Frauen unter weitaus beschränkteren Umständen arbeiten. Die Strapazen, zum Arbeitsplatz in einem geschlechtergetrennten Bussystem und unter ständiger Belästigung zu fahren, waren für einige Frauen zu viel, und sie gaben ihren Beruf letztlich freiwillig auf. Diejenigen, die blieben, lebten in Angst vor dem Regime und zogen es vor, unter der Woche im Krankenhaus zu wohnen, um sich so wenig wie möglich den Taliban aussetzen zu müssen.
Die Stadt Herat war besonders von der Auflösung der Frauenrechte durch die Taliban betroffen. Herat war vor 1995 eine der weltoffeneren und aufgeschlosseneren Gegenden Afghanistans. Frauen war es gestattet, in einer begrenzten Anzahl von Tätigkeitsbereichen zu arbeiten, doch das wurde von der Obrigkeit der Taliban unterbunden. Der neue Gouverneur von Herat, Mullah Razzaq, erteilte Frauen den Befehl, nicht an seiner Dienststelle vorbeizugehen, da er Bedenken hatte, dadurch abgelenkt zu werden.Butcher, Bolt: Two Hundred Years of Foreign Failure in Afghanistan. David Loyn, ISBN 978-0-09-192140-8, S. 243 (englisch).
Erwerbstätigkeit ist Frauen im heutigen Afghanistan nahezu nur durch Selbstständigkeit oder Kooperativen möglich. Zu den abgedeckten Wirtschaftszweigen gehören z. B. die Herstellung von Kleidung oder der Anbau von Safran. Bis auf die strikte Geschlechtertrennung werden dieses weitestgehend geduldet. Außerdem wurden die Frauenhandelskammer in Kabul wiedereröffnet und Märkte für von Frauen geleitete Unternehmen eingerichtet. Dies wird als zwangsläufiger Kompromiss seitens der Taliban gewertet, um den schweren wirtschaftlichen Probleme Afghanistans zu begegnen.Lukas Schwabe: Aufgeben ist keine Option. In Glaube und Heimat vom 8. März 2026, S. 7.
Bildung Die Taliban gaben an, ihrer islamischen Pflicht nachzukommen und Jungen sowie Mädchen gleichermaßen auszubilden. Trotzdem erließen die Taliban das Verbot, Mädchen über acht Jahre zu unterrichten. Maulvi Kalamadin bestand darauf, dass dies nur eine zeitlich befristete Verfügung sei und dass Mädchen und Frauen wieder zur Schule bzw. zur Arbeit gehen könnten, sobald Einrichtungen und Straßen ausreichend abgesichert wären, um den Kontakt zwischen den Geschlechtern zu vermeiden. Die Taliban wollten die vollständige Kontrolle über Afghanistan, bevor sie sich an die Ulemagelehrten wenden würden, um den Inhalt des neuen Lehrplans zu beschließen, der die islamische, jedoch für die Taliban inakzeptable Mudschahedversion ersetzen sollte.
Die Taliban verlangten Zeit, damit sie ihr Ziel erreichen konnten. Sie kritisierten die internationalen Hilfsorganisationen für ihre Forderung, die Rechte der Frauen mit sofortiger Wirkung wiederherzustellen. Die Taliban begründeten ihre Vorgehensweise in einem iranischen Interview mit: „Kein anderes Land gibt den Frauen die Rechte, die wir ihnen geben. Wir geben Frauen die Rechte, die Gott und sein Prophet ihnen erteilten, nämlich dass sie zu Hause bleiben und die religiöse Unterweisung in Hidschab erhalten sollen.“