mini|Lage des Kastellplatzes am niederpannonischen Donaulimes Das Kastell Budapest-Albertfalva war ein römisches Militärlager, das für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am pannonischen Limes (Limes Pannonicus) errichtet wurde. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Der heute zum 11. Bezirk der ungarischen Hauptstadt Budapest gehörende Stadtteil Albertfalva (deutsch Sachsenfeld) liegt südlich des historischen Stadtkerns von Buda.
Lage Bereits während der frühen Bronzezeit war die Region um Albertfalva besiedelt. Der anfänglich von einer bis heute unbekannten Einheit belegte Kastellplatz befand sich am westlichen Ufer des Donauwestarms, rund 13 Kilometer südlich des Legionslagers Aquincum. Am gegenüberliegenden östlichen Flussufer befindet sich die etwas weiter nördlich beginnende, rund 48 Kilometer lange – bereits in der Antike bestehende – Csepel-Insel, die nach den Markomannenkriegen (166–180) von den Römern zum militärischen Sperrgebiet für die am Ostufer lebenden sarmatischen Jazygen erklärt wurde.
Die Kastellanlage, deren antiker Name nicht überliefert wurde,Krisztina Szirmai: Auxiliarkastell und Vicus in Albertfalva. In: Paula Zsidi (Redaktion): Forschungen in Aquincum, 1969–2002. Budapesti Történeti Múzeum, Budapest 2003, ISBN 963-9340-23-5, S. 93–95, hier S. 93. wurde am Donauufer nahe dem südwestlichen Anstieg zum Tétényi-Plateau bei Budafok (Promontor) gegründet. Südlich von ihr befindet sich die Mündung des von Westen aus den Budaer Bergen herabfließenden Hosszúréti-Baches in die Donau. Die große römische Heer- und Handelsstraße entlang des Donaulimes verlief hier südlich des Gellértberges ungefähr unter der Trasse der heutigen Budafokistraße und zog sich südlich von Albertfalva – wahrscheinlich unter der heutigen Hauptstraße – bis zur nördlichen Grenze von Budapest-Nagytétény im 22. Bezirk hin. Dort befand sich das nächstgelegene Kastell des Donaulimes.
Forschungsgeschichte mini|Karte des Luigi Ferdinando Marsigli mit der Eintragung des Kastells am linken (Roman. Antiq.) und eines möglichen Brückenkopfs am rechten Ufersaum. mini|Seit dem Beginn des Autobahnbaues ab 1990 und der damit verbundenen Ausweisung neuer Gewerbeflächen wurden große Teile des Kastells und seines Lagerdorfes zerstört. Blick von Norden auf die Grabungszone im Jahr 2008. Das Kastell blieb teilweise unter der Grünfläche rechts erhalten. Der Kastellort von Albertfalva blieb nach seiner Aufgabe durch die Römer eine weithin sichtbare Landmarke, deren Schanzen auch noch im 17. Jahrhundert gut zu erkennen waren. Dies verdeutlicht eine detailreiche Landkarte des Luigi Ferdinando Marsigli. Ein von ihm südöstlich dieser Schanzen, am Ostufer der Donau bei Dunaharaszti zusätzlich abgebildeter L-förmiger Graben ist mit der Erklärung „römisches Denkmal“ versehen. Der Archäologe Zsolt Visy nannte diesen mutmaßlichen römischen Standort Burgus Albertfalva.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 63. Möglicherweise handelte es sich hierbei um eine brückenkopfartige Schiffslände, wie sie insbesondere im Bereich der nördlich gelegenen Szentendre-Insel mehrfach erforscht werden konnten. Das Dorf Albertfalva/Sachsenfeld selbst wurde als Folge der durch die türkische Besatzungszeit bedingten VerwüstungenEckhard Grunewald (Red.): Immanuel-Kant-Sipendien – Berichte über aktuelle Forschungen. Darin: Norbert Spannenberger: Migration und Ansiedlung der Deutschen in Ungarn. Die grundherrschaftliche Kolonisationstätigkeit der Fürsten Esterházy in Süd-Transdanubien im 18. Jahrhundert. In: Berichte und Forschungen. Bd. 11. Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Oldenbourg Verlag, München 2003, S. 202. im Zuge der Wiederaufsiedlungsmaßnahmen von Herzog Albert Kasimir von Sachsen-Teschen (1738–1822) gegründet. Erste Ausgrabungen fanden ab 1947 statt. Der Archäologe Tibor Nagy konnte von 1954 bis 1971Jenő Fitz: Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 91.Krisztina Szirmai: Auxiliarkastell und Vicus in Albertfalva. In: Paula Zsidi (Redaktion): Forschungen in Aquincum, 1969–2002. Budapesti Történeti Múzeum, Budapest 2003, ISBN 963-9340-23-5, S. 93–95, hier S. 93 (Fußnote). Teile des Kastells und große Abschnitte des Lagerdorfes (Vicus) untersuchen. Erst 2008 fanden unter der Leitung von József Beszédes vom Archäologischen Institut des Historischen Museums Budapest (BTM) wieder Forschungen im Kastellareal statt.József Beszédes: Kutatások az albertfalvi római tábor védműveinél, Grabungsbericht, Historischen Museums Budapest. (in ungarischer Sprache)
Bis in die Spätzeit des 20. Jahrhunderts blieben die Kastellfläche und ein kleinerer Teil des Vicus unbebaut, doch bestand keine Möglichkeit, die verbliebenen Mauerreste zu konservieren; das Ruinengelände lag eine lange Zeit völlig offen und ungeschützt da.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 89. Weitere Freilegungen fanden unter der Leitung von Krisztina Szirmai zwischen 1990 und 1991 bedingt durch den Bau der Autobahn M 6 sowie 1994 und 1996 rund 200–250 Meter nordwestlich und 150–200 Meter südöstlich des Kastells im Lagerdorf statt. Anschließend waren die Forscher in den Jahren 1999, 2001 und zuletzt 2002 mit Notgrabungen erneut im Vicus beschäftigt. Seit dieser Zeit wurden auch die letzten größeren Teile des bisher unverbauten Geländes durch den Neubau eines Gewerbegebietes zerstört. Einige Mauerreste des Kastells und der Zivilsiedlung blieben zwar erhalten, können jedoch noch nicht besuchergerecht präsentiert werden.
Baugeschichte Holz-Erde-Kastell Tibor Nagy konnte während seiner Grabungen feststellen, dass dem späteren Steinkastell eine in Holz-Erde-Technik errichtete Anlage vorangegangen war. Als erste römische Befestigung an diesem Platz konnte er eine von ihm in die claudischer Zeit (41–54) datierte, 166,5 × ca. 190 Meter (rund 3,2 Hektar) umfassende Befestigung nachweisen. Neuere Forschungen gehen aber von einer etwas später anzusetzenden, vespasianischen Gründung (69–79) aus. Das frühe Kastell war von zwei Sohlgräben umgeben, wobei der innere Graben 4,5 Meter breit und 3,34 Meter tief und der äußere Graben 4,2 Meter breit und 3,26 Meter tief unter der heutigen Oberfläche gewesen ist. Daneben konnten Spuren der in Holzbauweise konstruierten Principia (Stabsgebäude), der Baracken, der hölzernen Palisadenmauer sowie eines Seitentores, der Porta principalis sinistra, nachgewiesen werden. Die Pfahlkonstruktion der Palisadenwerke war an der südlichen Umwallung besonders gut erhalten geblieben.
Während eines Angriffs der Jazygen 91/92, in dessen Zuge auch die Legio XXI Rapax bei Brigetio aufgerieben worden war,Marcelo Tilman Schmitt: Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n. Chr. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07106-7, S. 84–85. wurde das Kastell durch einen Brand beschädigt. Nach dem Sieg Kaiser Domitians (81–96) waren Wiederaufbauarbeiten notwendig, während derer einige Gebäude eine steinerne FundamentierungZsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 87. erhielten bzw. teilweise völlig neu in Stein aufgebaut wurden. An den Dimensionen des Lagers änderte sich dadurch nichts. Durch Abschwemmung der östlichen Lagerseite mit der Prätorialfront, der dem Feind zugewandten Seite, nach Verlassen des Platzes durch das römische Militär bleiben bauliche Einzelheiten aus diesem Bereich unbekannt und können nur in groben Zügen aufgrund der bekannten, weitgehenden Standardisierung dieses Kastelltyps erschlossen werden.
Steinkastell mini|Ausgrabungen im Kastell bis 2008 mini|Sichtbare Spuren der Fundamente im Gelände (2013) mini|Weitere Spuren der antiken Nutzung des Areals (2013)
Umwehrung In der Spätphase der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) oder zu Beginn der Herrschaft Kaiser Hadrians (117–138) wurde das Kastell am selben Ort in Stein neu errichtet, um den Bedürfnissen der hier neu kasernierten Truppe gerecht zu werden. Das nun 186 × ca. 210 Meter (=rund 3,90 ha) umfassende, rechteckige Kastell, das fast genau in einer gedachten Nord-Süd- bzw. West-Ost-Achse lag, besaß danach den – spätestens für die mittlere Kaiserzeit – typischen spielkartenförmigen Grundriss mit abgerundeten Ecken. Die auf dem Lehmgrat der verfüllten Gräben des Vorgängerlagers errichteten neuen Wehrmauern waren 1,35–1,4 Meter stark. Da nach Aufgabe der Garnison auch die Ostfront des Lagers durch die Donau zerstört wurde, sind für den östlichen Vorderteil des Lagers (Praetentura) nur schematische Ergänzungen möglich.
Türme und Tore
Nagy konnte offensichtlich keine Zwischen- oder Ecktürme aufdecken; aus diesem Grund können nur Aussagen über die an den drei erhaltenen Seiten befindlichen Tore gemacht werden, da ihre Fundamente von den Archäologen aufgedeckt werden konnten. Alle drei Tore waren von jeweils zwei rechteckigen Seitentürmen flankiert, die teils sehr unregelmäßige und zu ihrem unmittelbaren Nachbarturm verschobene Grundrisse aufwiesen. Nach außen hin waren die Türme mauerbündig, nach innen sprangen sie ungefähr um die Breite der Erdrampe zurück, die hinter der Wehrmauer lag. Diese zum Lagerinneren hin geböschte Rampe bestand in der Regel aus dem Aushub der vorgelagerten Kastellgräben und trug den Wehrgang.
Am Nordtor, in Albertfalva die Porta principalis sinistra, stellte Nagy zwischen den Tortürmen auch einen Trennpfeiler (Spina) fest. Dies verdeutlicht, dass der Bau mit zwei Durchgängen ausgestattet gewesen sein muss. Bei einer 2008 durchgeführten Nachgrabung konnte der Westturm mit 6 × 4,5 Metern und der Ostturm mit 6,2 × 4,1 Metern vermessen werden. Die Distanz zwischen den beiden Türmen betrug insgesamt rund 7 Meter. Der besser erhaltene östliche Turm besaß einen Fußboden aus Terrazzo. Den Abstand der Seitentürme des Südtors, der Porta principalis dextra, hatte laut Nagy ungefähr dieselbe Breite wie das Nordtor, doch fand sich hier kein Hinweis auf eine Spina. Wie sehr häufig bei diesem Kastelltyp beobachtet, war auch das rückwärtige Lagertor im Westen, die Porta decumana nur einspurig ausgelegt. Von diesem Tor aus führte die Via decumana bis zum Stabsgebäude im Zentrum der Fortifikation. Besonders auffällig war der große Unterschied im Umfang des kleineren nördlichen zum größeren südlichen Torturm.
Wehrgraben
Wie die Nachgrabungen von 2008 zeigten, war das Steinkastell von bis zu vier Gräben umgeben. In einem wurden Terra-Sigillata-Scherben aus Rheinzabern (Tabernae) entdeckt, die vom Anfang des 3. Jahrhunderts stammen. Zudem wurden zerbrochene Dachziegel und größere rundliche Objekte, möglicherweise Katapultgeschosse, entdeckt. Bisher ging die Forschung von zwei Doppelspitzgraben aus, von denen der innere eine Breite von 4,6 Metern und eine Tiefe von 3 Metern besaß und der äußere mit 2,9 Metern Breite und 2,8 Metern Tiefe vermessen wurden.
Innenbebauung Principia