Als Kaukasuskrieg werden zusammenfassend die militärischen Aktionen des Russischen Kaiserreiches zwischen 1817 und 1864 bezeichnet, die das Ziel hatten, die vollständige Kontrolle über den Nordkaukasus zu erlangen. Dagegen wehrten sich die autochthonen Volksgruppen wie zum Beispiel die Tscherkessen und Tschetschenen.
Ursachen und Beginn des Krieges miniatur|links|hochkant=1|Katharina II. d. Große miniatur|hochkant=1.2|Die Georgische Heerstraße von Süden gesehen. Kolorierte Foto-Postkarte zwischen 1890 und 1900. Sie verläuft vom nordkaukasischen Wladikawkas her kommend durch die Darielschlucht östlich und südlich um den Fuß des Kasbek (Berg im Hintergrund Mitte) und über den Kreuzpass (vorderer Hintergrund) ins Georgische Vorgebirgsland (Vordergrund) bis Tiflis. Das 1721 von Peter dem Großen ausgerufene Kaiserreich Russland erstrebte Zugänge zur Ostsee, zum Schwarzen Meer und Mittelmeer, um wirtschaftliche und politische Seeverbindungen herzustellen. Katharina II. die Große ließ im Russisch-Türkischen Krieg 1768–74 weite Teile der Ukraine und Teile des mittleren Nordkaukasus erobern. Im Frieden von Küçük Kaynarca 1774 wurde u. a. die formale Unabhängigkeit des zuvor vom Osmanischen Reich abhängigen Krimkhanates beschlossen, das zu einem russischen Klientelstaat wurde und 1783 von Russland aufgelöst wurde. Russland wurde in Küçük Kaynarca auch als Schutzmacht der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich anerkannt, also der Rumänen, Bulgaren, Serben, Griechen und Georgier, später auch der Armenier u. a. Diesen Status nutzte Russland in den nächsten Jahrzehnten, sich auf Kosten des Osmanischen Reiches rund um das Schwarze Meer auszudehnen. Erklärtes Ziel dieser Expansion war die Eroberung der „Meerengen“, der Dardanellen und des Bosporus mit der Stadt Konstantinopel (der alten Hauptstadt des orthodoxen Christentums), um russische Schwarzmeerhäfen mit dem Mittelmeer zu verbinden. Das verfeindete Osmanische Reich hielt die Meerengen für russische Schiffe anfangs geschlossen. Mit Katharina II. begann also der Versuch einer imperialen Ausdehnung Russlands nach Südwesten, nach Transkaukasien und zum Balkan.
miniatur|hochkant=0.6|Mansur Uschurma Ursprünglich wollte Russland nicht das schwer zugängliche Nordkaukasien erobern, das auch nicht zum Osmanischen Reich gehörte, sondern nur eine befestigte Verbindungsstraße ins transkaukasische Georgien beherrschen, die von Russland ausgebaute Georgische Heerstraße. Deshalb wurden 1774 die beiden an diese Straße grenzenden Fürstentümer der Kabardiner, die „Große Kabarda“ und „Kleine Kabarda“, zum Protektorat (abhängigen Schutzstaat) erklärt und 1825 aufgelöst. Zum Gebiet dieser Fürstentümer gehörte auch das Siedlungsgebiet der Nordosseten (etwa das heutige Nordossetien-Alanien), der Inguschen und Balkaren. Auch das ebenere nördliche Tschetschenien wurde von Russland annektiert. Dort traf Russland aber auf entschiedeneren Widerstand unter dem Prediger der mystischen Richtung des Islam, des Sufismus, Scheich Mansur Uschurma, der 1785–91 die russische Armee aus Nordtschetschenien wieder vertriebKurzerwähnung in Grobe-Hagel: Tschetschenien, Köln 2001, S. 43 und S. 53. Mit vier Kriegszügen außerhalb Tschetscheniens scheiterte er aber. Er starb 1794 in russischer Haft in Schlüsselburg.Baddeley, S. 49.
Ab ca. 1763 versuchte Russland, Nordkaukasien zu isolieren. Dazu wurde zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer eine Linie von befestigten Stützpunkten gegründet, darunter 1818 auch Grosnaja krepost (deutsch: Furchtgebietende Festung), das heutige Grosny, oder Wladikawkas u. v. a. – der sogenannte „Kaukasuswall“ (auch „Kaukasuslinie“ genannt). Außerdem wurden Kosaken als Wehrbauern im Vorland Nordkaukasiens angesiedelt, was die Feindseligkeiten aber verstärkte, weil ein Teil der Bergbewohner (russ. „gorzy“, „Bergler“) von den traditionellen Winterweiden im Flachland abgeschnitten wurde.
miniatur|links|hochkant=0.6|Alexei Jermolow Nach und nach wuchsen sich die Auseinandersetzungen zu einem Krieg aus. Alexei P. Jermolow, der Generalgouverneur (Vizekönig) der russischen Transkaukasischen Provinzen, strebte daraufhin die vollständige Kontrolle des Kaukasus an. Die zumeist muslimischen Bergbewohner leisteten mehrheitlich heftigen Widerstand gegen die russische Expansion. Nach der russischen Angliederung der Kabardei im Jahr 1825 wurden die Adygen bzw. Tscherkessen an der Schwarzmeerküste sowie im Osten die Tschetschenen und zahlreiche Völker Dagestans zu den Hauptgegnern der russischen Expansion. Zeitweise überlagerten sich die Militäraktionen gegen die Bergvölker mit dem Russisch-Persischen Krieg 1826–28, mit dem Russisch-Türkischen Krieg 1828–29 und dem Krimkrieg 1853–56.
miniatur|hochkant=1.2|Kaukasusüberquerung der Armeeeinheit unter General Fürst Argutinski. Gemälde von Franz Roubaud 1892. Als Beginn des Krieges gilt für die Mehrheit der Autoren das Jahr 1817, als russische Truppen unter Jermolow das ebenere Nordtschetschenien eroberten und die Festung Grozny gründeten. Weil schon zuvor Feldzüge gegen dagestanische Fürstentümer und tscherkessische Fürsten geführt wurden, setzt eine Minderheit der Autoren den Beginn des Krieges schon 1800–1802, mit dem Beginn der militärischen Aktivitäten des georgischen Generals in russischen Diensten Fürst Pawle Zizischwili an, der die Georgische Heerstraße ausbauen ließ und größere Feldzüge gegen die kaukasischen Bergvölker unternahm;Diese Periodisierung unternimmt z. B. Iakov A. Gordin: Kavkaz: zemlja i krov’... S. 56–60, zuvor schon im 19. Jahrhundert der General und Militärschriftsteller Rostislaw Andrejewitsch Fadejew: Шестьдесят лет Кавказской войны (=Sechzig Jahre Kaukasuskrieg), Tiflis, 1860. wenige auch mit dem Friede von Küçük Kaynarca 1774 oder mit dem Beginn der Kriege gegen die Kaukasuslinie 1763. Kooperationswilligen nordkaukasischen Fürsten wurde (wie zuvor georgischen und aserbaidschanischen Fürsten) die Integration in den russischen Adel zugesichert. Große Entfernungen, die für die Heranführung von Truppen und Nachschub zu überwinden waren, sowie schwierige geographische und klimatische Bedingungen hatten für die russische Seite einen hohen Aufwand zur Folge. Zudem standen sich als Gegner einander sehr fremde Kulturen gegenüber. Der Krieg wurde von beiden Seiten auf immer rücksichtslosere und grausamere Weise geführt.
miniatur|links|hochkant=0.6|Iwan Paskewitsch Anfangs wurden drei Expeditionsarmeen unter Fürst Rajewski, Fürst Golowin und Graf Grabbe gebildet. miniatur|hochkant=1.2|Französische Karte einiger kaukasischer Besitztümer Russlands 1824 (gelb umrandet): nordkaukasisches Vorland, Georgien und westgeorgische Reiche, dazwischen die Schwarzmeerküste, Gebiet der Georgischen Heerstraße und östliches Dagestan. Von 1818 bis 1830 gelang der russischen Armee unter Jermolow und seinem Nachfolger als Vizekönig und Feldmarschall, Graf Paskewitsch, die Einnahme des östlichen Dagestans, dadurch wurde eine zweite Verbindungsstraße nach Transkaukasien erobert, die entlang der Küste des Kaspischen Meeres über Temir-Chan-Schura und Derbent bis Baku führt und ebenfalls durch zahlreiche Festungsbauten gesichert wurde, die „Kaspische Linie“ („Kaspischer Wall“). Die einheimischen muslimischen Fürstentümer unterstellten sich mehrheitlich der russischen Oberhoheit. Einige wenige leisteten im Bündnis mit Persien militärischen Widerstand.
Im Russisch-Türkischen Krieg 1828–29 eroberte Russland außerdem die zuvor von den Osmanen gehaltenen Hafenstädte an der nordkaukasischen Schwarzmeerküste von Anapa über Tuapse bis Gagra und errichtete hier ebenfalls einen Festungsgürtel, den „Schwarzmeerwall“ („Schwarzmeerlinie“). Diese Festungen wurden in den folgenden Jahrzehnten von einheimischen Tscherkessen häufig angegriffen und belagert, wobei die Tscherkessen einige erobern konnten und so eine Seeverbindung zum Osmanischen Reich herstellten. Im Krimkrieg räumte Russland 1854 alle Festungen der Schwarzmeerlinie. Nach der Zerstörung der osmanischen Kriegsflotte in der Seeschlacht bei Sinope 1853 und später der russischen Schwarzmeerflotte während der Belagerung von Sewastopol verlagerten sich die Hauptkämpfe auf die Krim.
Die Muriden Entstehung der Muridenbewegung mini|hochkant=1.2|Russischer Sturm auf die dagestanische Ortschaft (Aul) Himry, Gemälde von Franz Roubaud 1891. Bei diesem Gefecht starb 1832 Ghazi Muhammad und Schamil entkam schwer verwundet. Ab Mitte der 1820er Jahre führte der Konflikt zur religiös-politischen Radikalisierung. Im politisch zersplitterten Nordkaukasien organisierten sich die zuvor schon in der Region weit verbreiteten Sufi-Gemeinschaften der Naqschbandiyya, später auch der Qadiriyya. Politisch-militärisch bildeten sie die sogenannten Muriden. Sie bezeichneten den Widerstand als ghazawat (). Am Anfang forderte der Naqschbandi-Prediger Mullah Muhammad, ein Lesgier aus der Ortschaft Jarag, 1825 in Derbent den militärischen Widerstand gegen Russland und gegen die teilweise mit diesem verbündeten dagestanischen Fürsten. Die Bewegung breitete sich sehr schnell über Dagestan, Tschetschenien und weitere Teile Nordkaukasiens aus. Als die russische Verwaltung ihren Charakter als auch politische Massenbewegung erkannte, war es bereits zu spät und ab 1827/28 gingen die Muriden zum bewaffneten Kampf über. Die Kämpfe wurden auch als Muridenkrieg bezeichnet.
Die Sufi-Orden unterscheiden sich von anderen Muslimen neben ihrer mystischen Auslegung des Islam durch ihre ekstatischen Rituale (dhikr), die der heutige striktere Islam ablehnt. Trotz dieser Unterscheidung sind gerade die beiden erwähnten Sufi-Orden bekannt dafür, dass sie allgemein gegenüber islamischen Gesetzen nicht gleichgültig oder gar ablehnend sind, im Gegensatz zu vielen anderen Sufi-Strömungen. Es gab auch strikt islamische Elemente in der Politik der Muridenvgl. Kappeler, Simon, Brunner, S. 52–53 (siehe unten).
mini|links|hochkant=0.6|Michail Woronzow mini|links|hochkant=0.6|Grigol Orbeliani Erster Anführer (Imam) der Muriden war Ghazi Muhammad, der 1832 beim russischen Überraschungsangriff auf die dagestanische Ortschaft Himry fiel. Zweiter Imam der Naqschbandi-Muriden war Hamzat Bek, der 1834 wegen der Ermordung der meisten Mitglieder der awarischen Fürstenfamilie der Blutrache von Hadschi Murat zum Opfer fiel. Danach übernahm Imam Schamil die Führung der Muriden. Ghazi Muhammad und Schamil hatten eine Ausbildung an islamischen Hochschulen (Madrasa) und eine Lehre bei Naqschbandiyya-Lehrern absolviert, durch die sie den Nordkaukasiern als religiöse Autorität galten. Sufi-Imame waren die einzigen Persönlichkeiten, die im komplizierten, teilweise zerstrittenen Geflecht zahlreicher nordkaukasischer Fürstentümer, Stammesgesellschaften und Sprachgruppen überregionale Bewegungen bilden konnten.
mini|hochkant=1.2|Sturm auf die awarische Ortschaft Ahulgo 1839, das von der gesamten Bevölkerung, auch Frauen, Kindern und Alten verteidigt wurde, die dabei größtenteils umkam. Gemälde von Franz Roubaud. Ahulgo wurde danach nicht wieder besiedelt und entwickelte sich zum Symbol der awarischen und russischen Kriegserinnerung, dort steht heute ein Denkmal. Anfang der 1840er Jahre verschärfte sich die Auseinandersetzung, Jahr für Jahr verlor Russland mehr Soldaten. Die Muriden erhielten seit dem Krimkrieg Unterstützung vom Osmanischen Reich. Es gelang Schamil, mehrere russische Festungen zu erobern. 1845 endete eine russische Expedition gegen das Hauptquartier der Muriden in Dargo unter dem transkaukasischen Generalgouverneur Fürst Woronzow in einer Niederlage.Fritz Straube, Wilhelm Zeil: Geschichte Russlands 1789-1861: Der Feudalismus in der Krise. Berlin (Ost) 1978, S. 200. Eine Einheit aus 18.000 russischen Soldaten besetzte den vorher geräumten Ort kampflos und verlor aber während des Rückzuges durch Tod und Verwundung 3 Generäle, 195 Offiziere und 3538 Soldaten.Vgl. Clodfelter S. 241. Internationale Zeitungen berichteten deswegen zunehmend über den Krieg.
mini|links|hochkant=0.6|Nikolai Jewdokimow