Community Care, (von und Care, ‚Sorge, Fürsorge‘), deutsch etwa Gemeinwesen-basierte Fürsorge oder gemeinschaftliche Fürsorge, ist ein Modell zum Umgang der Gesellschaft mit ihren Mitgliedern.
Einführung Der Begriff „Community Care“ beschreibt die Merkmale einer zivilisierten Gesellschaft, die sich um ihre Mitglieder kümmert und ihnen Wahlmöglichkeiten für ihre Lebensgestaltung bietet. Der Begriff steht für ein Konzept bzw. für eine gesellschaftliche Bewegung, die sich mit einem weitestgehend gleichberechtigten und teilweise unterstütztem Zusammenleben von Menschen innerhalb einer festgelegten geographischen Größe (Stadtteil, Quartier oder Kiez) befasst und die uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben anstrebt.
Kein Mensch wird aus den Angeboten, die das Gemeinwesen seinen Bürgern zu bieten hat, seien es Kindertagesstätten, Schulen, Freizeit- oder Kulturangebote oder Arbeits- und Wohnangebote ausgeschlossen.Kai-Uwe Schablon: Community Care. Professionell unterstützte Gemeinweseneinbindung erwachsener geistig behinderter Menschen. Analyse, Definition und theoretische Verortung struktureller und handlungsbezogener Determinanten. Lebenshilfeverlag, Marburg 2009, ISBN 978-3-88617-212-2, S. 154 f. Nach Lüpke ist dieser Ansatz am besten innerhalb eines Sozialraumes mit ca. 3000 bis 5000 Bewohnern realisierbar (vgl. Lüpke, 2001). Er begründet dies mit der möglichen Intimität, die bei einer so „geringen“ Anzahl von Bewohnern entstehen kann. Thimm hingegen verortet die ideale Anzahl von Bewohnern bei ca. 20.000 (Thimm, 1997). Sein Beweggrund hierfür ist die Ansicht, dass erst bei dieser Anzahl die erforderliche unterstützende Infrastruktur vorhanden sei.
Die Community Care-Theorie ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen in ihrer Individualität Wertschätzung erfahren und trotz ihrer unterschiedlichen Lebensbedingungen gleichgesetzt sind. Kennzeichnend für Community Care ist daher der Verzicht auf Aussonderung und spezielle Lebenswelten für Menschen mit Behinderung. Das bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung, Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen sowie Menschen mit Lebensstilen, die von der Norm abweichen (wobei diese nicht in den Bereich des Strafbaren führen dürfen) zusammenleben. Gerade für Menschen mit Behinderung soll diese Form des Zusammenlebens eine Chance darstellen, indem sie, professionell unterstützt, die Unterstützung der Gemeinschaft (Nachbarschaft) erfahren. Alle Menschen, die in dieser Gemeinschaft leben, haben die Möglichkeit, politischen Einfluss zu nehmen. Dadurch können positive Veränderungen, insbesondere im Kontext traditioneller Stigmata, aufgebrochen werden (z. B. der geistig behinderte Mensch als Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten). In dieser Gemeinschaft werden Ressourcen, z. B. Gelder, bedarfsgerecht verteilt und sozialraumbezogen verwaltet. Das bedeutet im Idealfall, dass auch Menschen mit einem hohen Unterstützungsbedarf keine Ausgrenzung aufgrund sozialer oder materieller Determinanten erfahren. In dieser am Community Care-Leitbild ausgerichteten Gemeinschaft muss Integration nicht in einer künstlichen Sonderwelt ermöglicht werden, sondern findet quasi im alltäglichen Zusammenleben, nach der Idee der Inklusion (Vgl. Hinz 2009, Stein 2005) statt.
In einem Stadtteil, der sich an den Leitlinien von Community Care orientiert, gibt es keine Großinstitutionen, bzw. es ist das Ziel, diese aufzulösen oder in ein familienähnliches Konstrukt umzuwandeln. Das Zusammenleben der Bürger sollte von gleichberechtigten Kontakten, d. h. Begegnungen auf gleicher Augenhöhe gekennzeichnet sein. Diese Achtung voreinander ist auch Grundlage für das Handeln der professionellen Fachkräfte innerhalb dieser Gemeinschaft. Community Care wird hier als Orientierung für eine bezahlte Unterstützung verstanden, die aber erst in dritter Instanz, nach dem informellen Unterstützungsmöglichkeiten (Familie und Freunde) und den regulären Unterstützungsstrukturen (Behörden, Vereine etc.), einsetzt. Der Leitsatz „Begleiten statt Betreuen“, sowie eine radikale Akzeptanz einer sozialen, gleichberechtigten Individualität, sind unabdingbare Voraussetzungen, um mit dem Ansatz Community Care zu arbeiten. Die primäre Verantwortung für die Unterstützung von Menschen in marginalisierten Positionen auf ihrem Weg zur vollen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben liegt im Gemeinwesen und besonders bei den Bürgerinnen und Bürgern.
Definition Die bisher einzige, wissenschaftlich untermauerte Definition des Community Care-Ansatzes hat Schablon 2009 vorgelegt (vgl. Schablon 2009: 295, Röh 2009:138). Sie verdeutlicht das Zusammenspiel der verschiedenen strukturellen und handlungsbezogenen Determinanten und verortet den Begriff eindeutig im Bereich der handlungsbezogenen Theorien, die sich als Leitlinien an professionelle Fachkräfte wenden, ähnlich wie die handlungsbezogene Interpretation des Empowerment-Ansatzes (Vgl. Theunissen 2001 / Herriger 2002). Hierdurch wird eine Abgrenzung zu den verwandten Begriffen „Community Living“, „Supported Living“, „Community Building“ und „Community Organizing“ möglich.
„Der theoretisch als philosophisch-politisches Leitbild, aber auch praktisch als Handlungsmodell und als Theorie mittlerer Reichweite benutzbare Begriff ‚Community Care‘ beschreibt primär den Wechselbezug einer Vielfaltsgemeinschaft innerhalb einer Quartiersnachbarschaft. Menschen (mit geistiger Behinderung) leben in der örtlichen Gesellschaft; wohnen, arbeiten und erholen sich dort und bekommen dabei von der örtlichen Gesellschaft die benötigte Unterstützung. Veränderungen erfolgen hierbei im Sinne einer ‚Grassroot-Bewegung‘, was sich unter anderem durch einen politischen Einfluss aller Akteure ausdrückt. Community Care benötigt eine Subsidiarität staatlichen Handelns, die aber gleichzeitig die Lebensqualität absichert und integrative Kristallisationspunkte ermöglicht. Community Care beinhaltet eine Reduktion bzw. Auflösung großer Institutionen und ein durch Interdependenzen gekennzeichnetes Leben in der Gemeinde. Seitens der Bürger und der professionellen Mitarbeiter bedarf es dazu der Implementation einer Ethik der Achtsamkeit, Anerkennung und der Gerechtigkeit gegenüber Menschen in marginalisierten Positionen.“Kai-Uwe Schablon: Community Care. Professionell unterstützte Gemeinweseneinbindung erwachsener geistig behinderter Menschen. Analyse, Definition und theoretische Verortung struktureller und handlungsbezogener Determinanten. Lebenshilfeverlag, Marburg 2009, ISBN 978-3-88617-212-2, S. 295.
Ein so verstandener Community Care-Ansatz bietet eine Handlungsorientierung für verwandte Ansätze (z. B. den Ansatz der Inklusion), die auch das Ziel und die sozialpolitische Vorgabe der uneingeschränkten Teilhabe verfolgen (gemäß dem SGB IX § 4 / bzw. der UN-Konvention Art. 19).
Geschichte von Community Care Geschichtlich lassen sich die Leitsätze und die Ideologie des Community Care-Ansatzes auf das Normalisierungsprinzip, die Sozialpsychiatrie und auf die Gemeinwesenarbeit zurückführen. In diesen drei Ansätzen und in dem in den 1990er Jahren populären Ansatz des Kommunitarismus (der Bürgergesellschaft) kann der Ursprung des Community Care-Gedankens gesehen werden. In einer der ersten Schriften zum Normalisierungsprinzip (Nirje 1968 „Weihnachten im Fegefeuer“) wird der Begriff „Community Care“ erstmals erwähnt. Das Normalisierungsprinzip legt Wert auf die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und der Selbstbestimmung sowie der sozialen Integration und der Partizipation. Es geht davon aus, dass das Leben von Menschen mit einer Behinderung so normal wie möglich gestaltet werden soll. Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderung ihren Alltag so normal wie möglich leben können. Der Normalisierungsgedanke wurde bereits in den 1950er Jahren von dem Dänen Niels Erik Bank-Mikkelsen entwickelt und von dem Schweden Bengt Nirje ausgearbeitet. In den 60er Jahren wurde es von Wolf P. J. Wolfensberger in den USA und in Kanada weiterentwickelt. In Deutschland wurde es in den 90er Jahren durch Walter Thimm etabliert. Das Normalisierungsprinzip stellte bis Ende der 90er Jahre ein zentrales Leitbild und Konzept in heilpädagogischen Wohngruppen dar. Behinderteneinrichtungen öffneten sich und (geistig) behinderte Menschen hatten zunehmend die Möglichkeit, mit ihren eigenen Interessen in die Öffentlichkeit zu treten.
Normalisierungsprinzip im Vergleich mit Community Care Der grundlegende Unterschied zwischen Community Care und dem Normalisierungsprinzip ist die Unterstützungshierarchie vom professionellen Unterstützer zum Klienten. Das Normalisierungsprinzip versteht sich eher als professionell gesteuertes Implementationsmodell (vgl. Leben in Nachbarschaften / Thimm). Hier wird davon ausgegangen, dass die professionelle Fachkraft nah am Klienten dran sein muss, damit bei möglichen Schwierigkeiten unmittelbar Unterstützung gegeben werden kann. Bei Community Care hingegen bildet der professionelle Unterstützer den äußersten Kreis und ist somit in geringem Maße präsent. Zunächst soll das primäre Netzwerk (Familie, Freunde) oder die Anbieter regionaler Personengruppen-unspezifischer Unterstützungsangebote Unterstützung leisten. Dadurch soll ein normalisiertes Leben ermöglicht werden, wie das eines Menschen ohne Behinderung. Neben dem Normalisierungsprinzip sind auch in der Geschichte der Sozialpsychiatrie (Dörner u. a.) deutliche Parallelen zum Community-Care-Verständnis innerhalb der Behindertenhilfe zu erkennen. Hier kam es Ende der 60er zu Publikationen einzelner Fachkräfte und Betroffener, die die Zustände in der Psychiatrie offenlegten. Diese Berichte wurden durch namhafte Psychiater bestätigt und erschütterten das Vertrauen in die Institutionen. Ähnlich diskriminierende Lebensumstände wurden Ende der 70er Jahre aus dem Bereich der Behindertenhilfe bekannt (vgl. Zeitmagazin 1979). In beiden sozialpädagogischen Arbeitsfeldern wurden die Gesellschaft und die Politik durch Presseberichte und Aktionen auf die problematischen Lebensumstände aufmerksam gemacht. Im Bereich der Psychiatrie wurde eine Ermittlungskommission gegründet. In dem von der Kommission verfassten Bericht werden „die inhumanen Lebensbedingungen von psychisch kranken und behinderten Menschen (kritisiert), die oft über viele Jahre hinweg in schlecht ausgestatteten Einrichtungen mit bis zu 2000 und mehr Betten hospitalisiert wurden“. (Bundesdrucksache 15/9555 vom 26. Juni 2002).
Auslandserfahrungen Entwicklung von Community Care in den USA Die ersten im Ausland als „Community Care-Ansatz“ bezeichneten Modelle lassen sich in das Jahr 1983, Rhode Island, USA zurückverfolgen (Kahn 2001). Skandalöse Zustände in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung führten 1983 in den USA zur Gründung einer Community-Care-Bewegung. Dort fand erstmals ein staatlich finanziertes Training für ehrenamtlich engagierte Bürger statt, das von John und Conny O´Brain (Response System Association) veranstaltet wurde, zu einem Dialog aller Beteiligten führte und die Community-Care-Bewegung in Rhode Island auslöste. Auch hier wurden auf der Grundlage des Normalisierungsprinzips fünf Leitsätze formuliert: Präsenz im Gemeinwesen, Aufsuchen gemeinsamer Öffentlichkeit Treffen von Entscheidungen Entwicklung von Kompetenz Anheben des Status, positiver Ruf Teilnahme am Gemeinwesen, Entwicklung von Beziehungen