mini|Dietmar von Aist (Codex Manesse), Blatt 64r.

Das Gedicht Slâfest du, friedel ziere? ist das vermutlich erste Lied der Gattung Tagelied auf deutschsprachigem Boden und wurde von Dietmar von Aist verfasst. Die Entstehungszeit des mittelhochdeutschen Liedes ist umstritten; die Forschung geht von 1170/80 aus. Das Lied handelt von der Trennung zweier Liebender (Abschied) bei Tagesanbruch.

Originaltext und Übersetzung OriginalÜbertragung nach SchweikleSchweikle, Günther: S. 152–155Übertragung nach RohrbachRohrbach, Gerdt: S. 1 „Slâfest du, friedel ziere?    man wecket uns leider schiere. ein vogellîn sô wol getân,    daz ist der linden an daz zwî gegân.“ „Schläfst du, lieber Freund?    Man weckt uns leider bald. Ein Vöglein so schön,    das ist auf der Linde Zweig geflogen.“ „Schläfst du, schöner Freund?    Man weckt uns leider bald; ein Vöglein, ein so schönes,    das hat sich der Linde ins Gezweig gesetzt.“ „Ich was vil sanfte entslâfen,    nu rüefest du kint ‚Wâfen‘. liep âne leit mac niht gesîn.    swaz du gebiutest, daz leiste ich, friundîn mîn.“ „Ich war so sanft eingeschlafen,    nun rufst du, Kind, ‚wach auf!‘. Lieb ohne Leid kann nicht sein,    Was du gebietest, das tue ich, meine Freundin.“ „Ich war ganz leicht eingeschlafen,    als du, Kind; ‚O weh‘ riefst. Liebe ohne Leid kann es nicht geben.    Was du befiehlst, Geliebte, das tue ich.“ Diu frouwe begunde weinen:    „Du rîtest und lâst mich eine. wenne wilt du wider her zuo mir?    ôwê, du füerest mîn fröude sament dir!“ Die Dame begann zu weinen.    „Du reitest von hinnen und läßt mich allein. Wann wirst du wieder zu mir kommen?    O weh! Du führst meine Freude mit dir.“ Die Dame begann zu weinen:    „Du reitest weg und lässt mich alleine. Wann willst du wieder her zu mir kommen?    Oweh, du führst meine Freude mit dir fort!“

Zusätzliche Übersetzungshinweise Str. 1.: v. 1: friedel: Geliebter; ziere: prächtig, herrlich, schön; v. 2: wan: alem. Form von man; v. 3: wol getan: wohlgestaltet; v.4: zwi: Zweig; Str. 2.: v. 2: kint: hier als zärtliche Anrede gebraucht; wâfen: elliptischer Ausruf für ‚zu den Waffen‘, allgemein als Not-, Hilfe-, Wehruf; Str. 3.: v. 2: einen: allein; v. 4: sant < samet, präp. mit Dat.: zusammen mitVgl. Deutsche Dichtung des Mittelalter: S. 240 und Schweikle, Günther: S. 404

Liedform Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils vier Versen. Die Strophenform besteht aus Kurzzeilenstrophen und zwar paargereimtVgl. Schweikle, Günther: S. 389 mit Vierheber und je ein Fünfheber als Schlussbeschwerung.Vgl. Schweikle, Günther: S. 404 Damit ist die Form des Gedichtes einfach gehalten und dementsprechend in der Forschung wenig widersprüchlich beschrieben: „Die Form dieses dreistrophigen Liedes […] ist einfach. Die Vierzeilerverse zeigen keine Einwirkung der höfischen Kanzone, der Kadenzwechsel zwischen dem 1. und 2. Reimpaar markiert formal die Strophe als Einheit.“De Boor, Helmut: S. 29 Typisch ist diese Gedichtsform für die mittelhochdeutsche Lyrik trotz oder wegen seiner Einfachheit nicht. „Die kurzzeiligen Paarreimstrophen stehen vereinzelt in dieser Phase des Minnesangs: der paargereimte Vierheber begegnet als Grundmaß in lyrischer und epischer ahd. und frühmhd. Dichtung und in der mhd. Epik; in der mhd. Lyrik, von Ausnahmen wie z. B. dem Reichston Walthers von der Vogelweide abgesehen, tritt er meist nur kombiniert mit anderen Versformen auf.“Schweikle, Günther: S. 389

Zur Textkritik Die Textkritik konzentriert sich ähnlich wie die Interpretationsansätze vor allem auf Vers 2 der ersten Strophe. Dieser Vers wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich analysiert: „Von Hermann Paul, der an der handschriftlichen Lesart wan des 2. Verses festhalten wollte, bis zu Günther Jungbluth, der – sehr bestechend – diese ganze problematische Zeile aus Versatzstücken aus anderen Tageliedern ersetzen wollte […] reicht der Bogen der Textkritik.“De Boor, Helmut: S. 27 Die Vorstellung Hermann Pauls, an der Lesart wan festzuhalten, wird von der Forschung im Allgemeinen konsequent als überholt angesehen. Als akzeptiert gilt es, dass wan als Variante für man steht. Siewerts geht ebenfalls davon aus: „Die Handschrift und auch die Edition in Des Minnesangs Frühling bieten die Lesart wan. Dies Wort erfuhr zwei verschiedene Deutungen. Während die eine, fußend auf Hermann Paul, in wan die Adversativpartikel (aber es) sehen möchten, verstehen die anderen, im Anschluß an Wilhelm Scherer wan als alemannische Variante für man. (…) Die zweite Deutung, wan als Variante zu man ist inzwischen allgemein akzeptiert […].“Siewerts, Ute: S. 130 Jungbluth betont am konsequentesten, dass nur die zweite Deutung bzw. dass wan als Variante für man zu lesen ist: „Es kann überhaupt nicht zweifelhaft sein, daß der überlieferte Wortlaut von v. 39,19f. nur die zweite Deutung zuläßt; allein – und ausschlaggebend!“Jungbluth, Günther: S. 120 Auch wenn die Forschung sich in diesem Punkt einig zu sein scheint, so ist auch das man textkritisch schwierig zu begründen, zumal seine Funktion fragwürdig ist.Siehe „Interpretation“ Es ist für Jungbluth nämlich beinahe ausgeschlossen, dass das man sich auf einen Wächter oder den Vogel bezieht, da beides einen absoluten Sonderfall darstellen würde. Unter dieser Bedingung wäre das man ohne Funktion, was ebenfalls unmöglich scheint. Jungbluth geht daher davon aus, dass das Gedicht, und vor allem der betreffende Vers, nicht in seiner ursprünglichen Fassung überliefert wurde, und dass das man in dieser ursprünglichen Fassung nicht vorhanden war. „Stellt Dietmars Tagelied also einen Sonderfall dar? Oder sollte – eine Frage, zu der die obigen Beobachtungen zu berechtigen scheinen – das Besondere und Ungewöhnliche allein auf einem Irrtum der Überlieferung beruhen, durch den wir uns nachgerade ein Jahrhundert das richtige Verständnis dieses Liedes haben verbauen lassen?“Jungbluth, Günther: S. 121 Beispielsweise Schweikle unterstützt in Bezug zu Dietmars Tagelied diese Auffassung: Da sich im Liedercorpus von Dietmar „[…] formale Verbesserungen aufweisen, die nach Meinung der Forschung von den Schreibern stammen sollen, wäre zu fragen, warum dann bei diesem Gedicht solche Besserungen unterblieben, vollends, wenn sie so naheliegend sind, wie G. Jungbluth […] annimmt.“Schweikle, Günther: S. 404 Jungbluth glaubt an eine Veränderung des Originals durch den RedakteurJungbluth, Günther: S. 122 und möchte v. 39,19 rekonstruieren, indem er eine typische Formel aus anderen Liedern für den Anbruch des Tages benutzt. „[…] so wie ich mir das Lied in seiner ursprünglichen Gestalt vorstelle:Ich erwähne einzig die Veränderungen der ersten Strophe bzw. v.19. Die übrigen Änderungen finden sich bei Jungbluth S. 127

‚Slâfest du, friedel ziere? ich wæn ez taget und schiere: ein vogellîn sô wol getân daz ist der linden an daz zwî gegân.‘ […]“Jungbluth, Günther: S. 127

In dieser Fassung ist es weder der Vogel, noch ein suspekter Wächter, der die Liebenden zum Aufwachen und zur Trennung zwingt. Der Tag und eventuell die Formel liep âne leit mac niht sîn sind in dieser Fassung die wesentlichen Trennungsgründe. „Alles scheint, wenn ich recht sehe, nunmehr aufs schönste zu stimmen. Weder geistert mehr ein – sonderbar stummer – Wächter durch das Lied, noch ist es das Vöglein auf dem Lindenzweig […] das die Liebenden aus dem Schlafe weckt. Das Vöglein ist vielmehr nur Zeichen des grauenden Tages, der unerbeitterlich den Abschied heranwinkt.“Jungbluth, Günther: S. 123

Inhaltlicher Aufbau Der Inhalt und das Thema des Gedichts, der Abschied der Liebenden beim Morgengrauen, entspricht der Alba im provenzalischen Minnesang. Somit entspricht der Inhalt, abgesehen vom nicht deutlich anwesenden Wächter, dem deutschen Tagelied. Das Lied ist überwiegend dialogisch aufgebaut: „In der ersten Strophe spricht die Frau zu ihrem Geliebten, in der zweiten Strophe antwortet ihr der Mann, schließlich, in der letzten Strophe, ist lediglich der erste Vers erzählend gestaltet. In den folgenden drei Versen weint und klagt die Dame In direkter Rede über ihr Verlassenwerden.“Siewerts, Ute: S. 131 Die Forschung ist sich beim Inhalt des Liedes nicht einig, weshalb die Frau den Mann weckt: Wegen einer Warnung eines Wächters, der Anwesenheit des Vogels oder wegen des anbrechenden Tages. De Boor geht eindeutig von der Abwesenheit eines Wächters aus, aber betont das ‚Grüne‘ Umfeld durch die Linde und den Vogel: Es „[…] kann mit Sicherheit registriert werden, daß dieses Lied von einer Liebesbegegnung im Grünen singt, daß der höfische Wächter […] keine Rolle spielt und daß sich auch die ehebrecherische Liebesbeziehung der höfisch-aristokratisierenden Tagelieder keineswegs aufdrängt, ja nicht einmal wahrscheinlich ist. Mit Vöglein, Linde und Liebe im Grünen ist man auf der umfassenden Ebene mittelalterlicher erotischer Dichtung […] auf der auch die Alba sich entfalten und vereinstigen konnte.“De Boor, Helmut: S. 28 Die Beziehung der beiden Liebenden ist somit vermutlich keine moralisch bewertete und das Gedicht betont die Rollen der beiden Liebenden nicht als ein Hierarchisches, sondern als ein persönlich-erotisches Verhältnis.

Interpretation Die Interpretation des Liedes fokussiert sich in der Forschung vor allem auf die erste Strophe, die Aufschluss darüber geben soll, ob ein Wächter im Lied vorkommt oder nicht. Siewerts fasst die Möglichkeiten der Interpretationen für das Lied nach Handschrift (C) zusammen: „[…] an der Person des Wächters jedoch, deren eigenartige Künstlichkeit eine Art Gattungssignal darstellt, scheiden sich die hermeneutischen Geister. (…) Gibt es nun einen Wächter in Dietmars Lied und wenn ja, wo ist dieser zu finden? Man (Vers 2) und/oder vogellîn (Vers 3, 1. Strophe) – so lässt sich die Diskussion knapp aufs wesentliche reduzieren. Zur Verdeutlichung seien die vier Interpretationsansätze noch einmal kurz zusammengefasst.

1. Der Wächter versteckt sich im unbestimmten Pronomen man – dabei wird die Konjunktur man/wan als gegeben vorausgesetzt und der Wächter auf radikale Weise reduziert. 2. Das vogellîn nimmt die Rolle des Wächters ein und wird damit zum Feind der Liebenden. Allerdings zeigt eine präzise Betrachtung des mittelhochdeutschen Textes, daß der Vogel an keiner Stelle auch nur den Schnabel bewegt, er sitzt lediglich im Lindenbaum […]. 3. Man und vogellîn sind identisch, d. h. die Frau geht mit ihrer Warnung man wekt uns davon aus, daß der Vogel demnächst singen wird. 4. Es gibt keinen Wächter, weil das Lied zu früh entstanden ist, um einen Wächter enthalten zu dürfen, bzw. es ist auch hinsichtlich einer Gattungserwartung des Publikums unerheblich, wo und ob ein Wächter existiert. Entscheidend ist lediglich die typische Tageliedsituation.“Siewerts, Ute: S. 132

Der zweite und der dritte Interpretationsansatz wurde zwar diskutiert, ist aber nach der Forschung am unwahrscheinlichsten. Vom dritten Interpretationsansatz, dass man und vogelîn identisch seien, distanziert sich bspw. Jungbluth deutlich und bejaht zumindest für die Handschrift (C) den ersten Interpretationsansatz: „Damit erhebt sich wiederum die alte Frage, wer mit man gemeint sein kann. Doch gewiß nicht, wie etliche angenommen haben, das Voglein auf dem Lindenzweig […]. (…) Scheidet diese Anknüpfungsmöglichkeit aber aus, so kann der Vers, wie er uns vor Augen stehtJungbluth deutet hier schon an, dass er an der Originalität des Gedichtes (C) zweifelt., schlechterdings nur auf den Wächter Bezug nehmen […].“ Allerdings betont Jungbluth, dass ein Wächter, der nur durch man eingeführt wird, kaum möglich scheint.