mini|Deckblatt von Discours prononcez dans l’Académie françoise le jeudy 30 juin MDCCXXIX, à la réception de M. l’abbé Sallier – Scan der französischen Nationalbibliothek Jean-Baptiste de Mirabaud (* 1675 in Paris; † 24. Juni 1760 ebenda) war ein französischer Autor, Übersetzer und materialistischer Philosoph der französischen Frühaufklärung. Bekannt wurde er für seine beiden Übersetzungen, deren erste ihm die Mitgliedschaft in der Académie française ermöglichte. Erst nach seinem Tode stellte sich heraus, dass er Autor philosophischer Literatur war, die vor allem Gesellschafts- und Kirchenkritik enthielt und die er aus diesem Grund anonym veröffentlichen musste.
Leben Über das Leben de Mirabauds ist nur das bekannt, was die wenigen Quellen aus dem 18. Jahrhundert überliefert haben. Danach kämpfte er als Offizier in mehreren Schlachten, darunter der Schlacht von Steenkerke. Er war zeitweilig Mitglied des Oratorium, einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft. Anschließend wurde er Erzieher der beiden jüngsten Töchter von Philippe II. de Bourbon, duc d’Orléans und Françoise Marie de Bourbon.Hoefer: Nouvelle biographie générale, 1852, zitiert nach: Archives Biographiques Françaises (ABF), Teil I, Fichenummer 0743, Seitenzahl 419 (S. 7) – erschlossen über WBIS.
Durch seine Freundschaft zu Jean de La Fontaine wurde sein Interesse für Literatur geweckt.
Großes positives Echo fand seine Übersetzung des Werks La Gerusalemme Liberata (Befreites Jerusalem) von Torquato Tasso, die 1724 in Paris erschien. Der Übersetzung vorangestellt sind ein Vorwort und eine Biographie Tassos. Im Vorwort weist de Mirabaud darauf hin, dass es bereits einige französische Übersetzungen des Werks gebe, so zum Beispiel von Blaise de Vigenère und Jean Baudoin. Diese seien aber sprachlich veraltet, weswegen er Bedarf an einer neuen Übersetzung sieht.
1741 folgte eine Übersetzung des Werks Orlando furioso (Der rasende Roland) von Ludovico Ariosto (erschienen in den Haag).
De Mirabaud wurde am 28. September 1726 als Nachfolger von Henri Jacques Nompar de Caumont, duc de La Force, Mitglied der Académie française. 1742 wurde er deren secrétaire perpétuel (andere Quellen bezeichnen das Amt als secrétaire généralHenry Coston: Dictionnaire des dynasties bourgeoises et du monde des affaires. 1975, S. 390.). Sein Vorgänger in diesem Amt war der Geistliche Claude-François-Alexandre Houtteville,Biographie universelle ancienne et moderne. Band 29, 1821, S. 87. sein Nachfolger war Georges-Louis Leclerc de Buffon.Claude François Achard: Dictionnaire de la Provence et du comté Venaissin, Band I, Marseille, 17XX, S. 530. An beiden Ernennungen de Mirabauds hatten die jeweils kurz zuvor veröffentlichten Übersetzungen maßgeblichen Anteil. Da de Mirabaud bereits in die Académie aufgenommen wurde, als er mit seiner ersten Übersetzung nur eine einzige Publikation vorzuweisen hatte, schreibt Ley sie der Protektion durch einflussreiche Kreise (Paul Vernière nenne sie die freigeistige Bastion der Académie) zu.Hermann Ley: Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Band 4, Teil 2, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (Ost), 1984, ISBN 3-326-00307-2, S. 205. Hinter dieser wird das Haus Orleans vermutet.
De Mirabaud setzte als erster secrétaire perpétuel durch, dass ihm eine Dienstwohnung im Louvre gestellt und das Amt mit der Zahlung einer Pension verbunden wurde. In der Dienstwohnung blieb er bis zu seinem Tode wohnen, obwohl er das Amt bereits abgegeben hatte.
Die Ideen de Mirabauds erlangten großen Einfluss auf weitere Autoren der Aufklärung.
Philosophisches Wirken mini|Deckblatt von De l’âme et de son immortalité – Scan der französischen Nationalbibliothek mini|Deckblatt von Opinions des Anciens sur les Juifs – Scan der französischen Nationalbibliothek
Historischer Hintergrund Nach dem Tode Ludwig XIV. am 1. September 1715 wurde Philippe II. Regent von Frankreich. Dieser war zwar Atheist, dennoch gab es weiter starke kirchlich geprägte Strukturen bei staatlichen Stellen wie Polizei und Justiz. Atheistische Thesen zu vertreten und zu verbreiten machte weiterhin nicht nur wissenschaftlich angreifbar: Es drohten auch Haft oder die Todesstrafe. Hinzu kommt, dass durch diese Thesen auch die – auf Gott gestützte – weltliche Ordnung in Frage gestellt oder gar offen kritisiert wurde.Vgl. nur Allhusen (Hrsg.): Analysis von Mirabaud’s Natursystem und dem Materialismus; aus dem Französischen, Kiel 1852, S. 28 ff. Vor diesem Hintergrund wurden viele atheistische, kirchen- oder obrigkeitskritische Schriften im 18. Jahrhundert nur anonym oder pseudonym veröffentlicht.Werner Krauss: Die Literatur der französischen Frühaufklärung. Athenaeum-Verlag, Frankfurt (Main) 1971, S. 169. Teilweise wurden zusammengehörende Werke getrennt, neu zusammengeführt oder unter anderem Titel veröffentlicht.Ira Owen Wade: The clandestine organization and diffusion of philosophic ideas in France from 1700 to 1750, Princeton University Press, Princeton USA. / Oxford University Press, London 1938, (Nachdruck von 1967) S. 205, 206f. Daher sind bis heute Einzelheiten der „Verfasserfragen“ nicht vollständig geklärt. Manuskripte dienten auch nicht immer der Veröffentlichung, sondern wurden nur in engen Kreisen mündlich vorgetragen.Ira Owen Wade: The clandestine organization and diffusion of philosophic ideas in France from 1700 to 1750, Princeton University Press, Princeton USA / Oxford University Press, London 1938, (Nachdruck von 1967) S. 205, 209.
Positionen De Mirabaud vertrat materialistische (im Sinne einer Weltsicht, die alles in der Welt Beobachtbare auf Materie und die sie betreffenden Naturgesetze zurückführt) und atheistische Positionen.Hermann Ley: Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Band 4, Teil 2, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (DDR) 1984, ISBN 3-326-00307-2, S. 204 ff.
Zu seinen Hauptthesen gehört, die Welt sei älter, als die Bibel behaupte.Hermann Ley: Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Band 4, Teil 2, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (DDR) 1984, ISBN 3-326-00307-2, S. 206. Sie entstehe zudem „bloß aus dem Etwas, nicht aus dem Nichts“. Gemeint war, dass die Welt nicht in einem Schöpfungsakt, sondern aus der Umformung bereits (ewig) bestehender Materie entstanden sei.Le monde, son origine, et son antiquité, London, 1751, S. 60ff, zitiert nach Hermann Ley: Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Band 4, Teil 2, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (DDR) 1984, ISBN 3-326-00307-2, S. 219. Er schrieb, „nichts sei lächerlicher als anzunehmen, Gott habe die Welt zu seinem Ruhme geschaffen“.Hermann Ley: Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Band 4, Teil 2, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (DDR) 1984, ISBN 3-326-00307-2, S. 217ff. Die Idee einer unsterblichen Seele des Menschen lehnte er ab. Seine Position in dieser Frage ist daher nach Fritz Neubert am ehesten vergleichbar mit dem Epikureismus, wie Lukrez ihn gelehrt habe. Er sah die Seele als etwas im Gehirn Ansässiges, als bloße Nervenwirkung, an. Mirabaud versuchte, bei Platon Widersprüche nachzuweisen, die dessen Annahme von einer immateriellen Seele widerlegen sollten.Fritz Neubert: „Textkritik“ im 18. Jahrhundert. J.B. Mirabaud, Le Monde (1751). In: Germanisch-romanische Monatsschrift, 15 (1926–27), S. 213, 220. Dieser Ansatz habe bei Voltaire ein Echo gefunden, argumentiert Ira Owen.Ira Owen Wade: The clandestine organization and diffusion of philosophic ideas in France from 1700 to 1750, Princeton University Press, Princeton USA / Oxford University Press, London 1938 (Nachdruck von 1967), S. 205, 215.
Auch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi zog Mirabaud in diesem Zusammenhang als Beleg heran: Der Glaube an die Wiedererweckung des Körpers sei Konsequenz der Annahme, der Körper sei für das Bestehen der Seele notwendig. Er versuchte nachzuweisen, dass auch Völker, die nicht von der Unsterblichkeit der Seele ausgingen, deshalb nicht weniger moralisch handelten.
Er lehnte den Geozentrismus ab und folgte Epikur in der Vorstellung einer Vielzahl von Welten.
De Mirabaud bezweifelte außerdem, dass eine globale Sintflut stattgefunden habe und ging von einem nur lokalen Ereignis aus. Ebenso verneinte er die Abstammung aller Völker von Adam und Noah sowie die Existenz eines Jenseits mit Lohn und Strafe für die zu Lebzeiten begangenen Taten.Fritz Neubert: „Textkritik“ im 18. Jahrhundert. J.B. Mirabaud, Le Monde (1751), in: Germanisch-romanische Monatsschrift 15 (1926–27), S. 213,218.
Nach dem Tode de Mirabauds veröffentlichte Paul Henri Thiry d’Holbach eigene Literatur unter dem Pseudonym „Jean Baptiste de Mirabaud“.Jean-Claude Bourdin: Hegel et les matérialistes français du XVIIIe siècle, 1992, ISBN 2-86563-286-5, S. 24, 124 (incl. Fn. 1), 127. Auch in einem Brief an John Wilkes nannte er de Mirabaud als Autor seines eigenen Werks „Système de la nature“, ebenso in einem Brief an Ferdinando Galiani.Paul Thiry Baron d’Holbach, in: Hermann Sauter (Hrsg.): Die gesamte erhaltene Korrespondenz, Stuttgart, Steiner-Verlag-Wiesbaden-GmbH, 1986, Nr. 41 (S. 60) und Nr. 45 (S. 67). Die pseudonyme Veröffentlichung diente dem Schutz d’Holbachs, für den es „falsche Kühnheit“ gewesen wäre, sich „selbstmörderisch dem Justizapparat der herrschenden Klasse zu überantworten“.Manfred Naumann, in: Paul Henri Thiry d’Holbach: System der Natur, Aufbau-Verlag Berlin (DDR) 1960, S. XVIII f. Die Urheberschaft d’Holbachs wurde zunächst nicht erkannt; selbst im Jahre 2000 ging Hans-Joachim Becker noch davon aus, de Mirabaud habe ein Werk Le Système de la Nature de d’Holbach verfasst.Hans-Joachim Becker: Fichtes Idee der Nation und das Judentum: den vergessenen Generationen der jüdischen Fichte-Rezeption, 2000, Fn. 29 (S. 48) books.google.de
Methoden Auch de Mirabaud veröffentlichte zu seinem Schutz teilweise anonym. Dies führte dazu, dass seine Urheberschaft an einigen Werken umstritten ist.Werner Krauss: Die Literatur der französischen Frühaufklärung, Frankfurt (Main): Athenaeum-Verl., 1971, S. 209. Seinen Zeitgenossen war sie vielfach nicht bekannt. Die Öffentlichkeit schätzte de Mirabaud daher als „einen rechtschaffenen und in philosophischer Hinsicht ‚friedfertigen‘ Zeitgenossen“. Als das Werk Systeme de la nature unter de Mirabauds Namen erschien, konnte dies Voltaire nicht glauben, weil er ihm ein solches Werk nicht zugetraut hatte.Fritz Neubert: „Textkritik“ im 18. Jahrhundert. J.B. Mirabaud, Le Monde (1751), in: Germanisch-romanische Monatsschrift 15 (1926–27), S. 213, 215. Auch „auf feindlicher Seite rief diese Tarnung Empörung hervor: Sabatier erwähnt unter dem Stichwort „Mirabeau“ (sic), dieser sei zwar kein besonders begnadeter Schriftsteller gewesen, habe aber einen untadeligen Charakter gehabt.“Sabatier, in: les trois siècles de la littérature française, Amsterdam, 1774, t.II, p. 442ff., zitiert nach Arthur Baumgarten: Grundpositionen der französischen Aufklärung, Berlin, Rütten & Loening, 1955, S. 287 (Fn. 76a).