Simon Reichwein von Montabaur (Rychwyn, Rychuinus, Riquinus) oder Dythemius (Ditemius) (* um 1501 in Montabaur;„clarum oppidulum Montaburium, ubi natus sum ego“ † 1559 in Trier) war ein deutscher Humanist, Arzt und Gelehrter.
Leben Herkunft Die Eltern von Simon Reichwein waren der Schöffe und Schultheiß von Montabaur Konrad (Cuno; Coene; Coeneman) Richwin (* vor 1480; † 1535) und seine Frau Guitgin (Jutta).Vgl. Urkunde vom 2. Januar 1514; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 27 Gemünden, Chorherren, Nr. 56). Konrad (Coene) Richwyn (auch: Sipges Conrad) aus Westerburg ist ab 1506 als Schöffe und Stadtschultheiß im kurtrierischen Montabaur belegt. Er war ein Sohn von Sipgyn (Sipigen; Sypyin; Siebrecht) Richwin, Peter Webers Sohn, 1473 bis 1503Urkunden vom 18. Januar 1503; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 53C025 Herrschaft Landskron, Urkunden 1876). als Stadtschultheiß in Westerburg erwähnt, und seiner Frau Demut,Urkunde vom 15. März 1469; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 340 Grafschaft Sayn-Hachenburg, Nr. U 11468).Vgl. bes. Urkunden vom 10. Mai und 24. September 1535, ausgestellt in Westerburg; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW Bestand 339 Herrschaft Westerburg und Schadeck, Stadt Westerburg, Nr. 382; Bestand 27 Gemünden, Chorherren, Nr. 67 (Digitalisat)) u. a.; Wolf-Heino Struck: Die Stifte St. Severus in Gemünden, St. Maria in Diez mit ihren Vorläufern, St. Petrus in Kettenbach, St. Adelphus in Salz. (Germania Sacra. NF 25), Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, S. 165 (Digitalisat bei Germania Sacra online). die 1491 ein Drittel des Zehnten zu Montabaur und Dernbach erwarben.Urkunden vom 21. und 31. Dezember 1491 und 18. Januar 1503; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 53C025 Herrschaft Landskron, Urkunden 1848 und 1876 01); Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 121 Lehnsarchive, vom Stein, U 1491 Dezember 31).
Um eine Jahresrente in Höhe von 2½ Gulden, die Cuno Richwin und seine Frau 1510 vor den Montabaurer Schöffen dem Prior AndreasSupprior Andreas wird 1502 bis 1520 urkundlich erwähnt; Wilhelm Becker (Bearb.): Das Necrologium der vormaligen Prämonstratenser-Abtei Arnstein an der Lahn. Niedner, Wiesbaden 1881, S. 211. und dem Prämonstratenser-Kloster Arnstein versprochen hatten,Schuldurkunde vom 17. Januar 1510; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 11 Arnstein, Prämonstratenser, Nr. U 690). führte das Kloster ab 1535 einen Rechtsstreit mit Simon Reichwein und seinen Brüdern.Akte Rechtsstreit des Klosters Arnstein mit dem Physikus Reichwein und dessen Brüdern zu Montabaur wegen Zinsforderung, 1535-1540, 1736; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 11 Arnstein, Prämonstratenser, Nr. IVe 2; vgl. Nr. U 867).
Simons Bruder Johann RichwiniNicht identisch mit dem Kurkölner Rat Johann Richwin († 1552/56) von Broich. Dieser Johann Richwin ist 1543 und 1545 mit „Richwinus“ in Briefen von Philipp Melanchthon (1497–1560) gemeint, was Carl Krafft: Mittheilungen aus der Matrikel der alten Cölner Universität zur Zeit des Humanismus. In: Zeitschrift für Preussische Geschichte und Landeskunde. 5 (1868), S. 467–503, bes. S. S. 497, u. a. fälschlich auf Simon Reichwein beziehen. hatte bis 1524 ein Kanonikat in Gemünden inne, auf das er zugunsten von Severus Richwini († nach 1534) verzichtete.Urkunde vom 5. April 1524; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 27 Gemünden, Chorherren, Nr. 62); Wolf-Heino Struck: Die Stifte St. Severus in Gemünden, St. Maria in Diez mit ihren Vorläufern, St. Petrus in Kettenbach, St. Adelphus in Salz. (Germania Sacra. NF 25), Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, S. 54, 187 und 190. Bei einem 1507 erwähnten Kanoniker scheint es sich um eine gleichnamige andere Person zu handeln. Simon und Jan (Johann) „Ditemius“ (Reichwein) wurden um 1524 zusammen Lehrer in Diest.Vgl. Leonard Keil: Humanisten in den Trierer Landen im Anfang des 16. Jahrhunderts. 3. Simon Reichwein. In: Trierische Chronik. 17 (1920/21), S. 82–89, bes. S. 84f. Den Humanistennamen Ditemius oder Dythemius haben die beiden Brüder vermutlich nach dem griechischen Wort δίδυμος dídymos für „Zwilling“ angenommen.
Ein weiterer, wohl älterer Sohn des Montabaurer Schultheißen wird 1511 ohne Namensnennung als Kanoniker in Gemünden und Kaplan des Erzbischofs von Trier erwähnt.Wolf-Heino Struck: Die Stifte St. Severus in Gemünden, St. Maria in Diez mit ihren Vorläufern, St. Petrus in Kettenbach, St. Adelphus in Salz. (Germania Sacra. NF 25), Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, S. 187. Simons Schwester Demut (* um 1505/10; † nach 1590) von „Mont Thabur“ wurde als Kind 1517 von der Meisterin Anna von Heppenheft (Heppsen) († 1528) „zo einer chore geweyelter Schwester“„Weilen“ bedeutete „mit dem Nonnenschleier einkleiden“; Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. XXVIII. S. Hirzel, Leipzig 1955, Sp. 814. Die Annahme des Schleiers durch Demut sollte zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. in das Prämonstratenserinnen-Kloster Beselich aufgenommen; im Aufnahmeprotokoll werden weitere Töchter des „Cuno Rychwin“ erwähnt.Notiz vom 7. Dezember 1517 auf einer Urkunde vom 24. Juni 1517; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 13 Beselich, Prämonstratenserinnen, Nr. U 90 a). Demut Reichwein wurde später PriorinAuch Demoid Reichwyn, Demet Richerin, Demuth Reichwein, Demoidt Priorissen u. ä.; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 13 Beselich, Prämonstratenserinnen, Nr. U 114; U 117 – U 119, U 122 – U 125). und 1587 Verweserin (zusammen mit Ida Wied) bzw. letzte Äbtissin (Vorsteherin)Auch Demuth Reichwyn, Frau zu Beselich, u. ä.; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 13 Beselich, Prämonstratenserinnen, Nr. U 126 – U 126aa). des Klosters.Wolf Heino Struck: Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte im Gebiet der mittleren Lahn bis zum Ausgang des Mittelalters. Die Klöster Bärbach, Beselich, Dirstein und Gnadenthal, das Johanniterhaus Eschenau und die Klause Fachingen. Regesten (vor 1153)-1634. Historische Kommission für Nassau, Wiesbaden 1961. Susanna Reichwin († nach 1569) von Montabaur („von Mundbaurn“),Oskar Hütteroth: Die althessischen Pfarrer der Reformationszeit. 2. Aufl. N. G. Elwert, Marburg 1966, S. 99 und 264. eine Schwester oder Cousine Simons, war mit dem Arzt Johann Dryander verheiratet.Urkunden zwischen 3. Mai 1557 und 30. Juni 1569; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 166 Amt Gleiberg, Nr. U 260, U 338, U 387, U 431, U 441, U 462 und U 474); Hessisches Staatsarchiv Marburg (Bestand 257 Samtgerichthof, Nr. E 27).
Der Vater der Geschwister Reichwein, Schultheiß Conrat Richwin zu Montabaur, war 1535 in einer weiteren Ehe mit Anna NN. verheiratet. Konrad Richwins Bruder Peter Richwin († 1538),Auch Petrus Sipgin von Westerburg; Urkunde vom 4. November 1497; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 116 Amt Montabaur, Nr. U 103).Nach dessen Tod präsentierte Kuno II. von Leiningen-Westerburg dem Trierer Erzbischof den Kanoniker „Petrus Reichwein de Gemünden“ als neuen Propst; Wilhelm Becker (Bearb.): Das Necrologium der vormaligen Prämonstratenser-Abtei Arnstein an der Lahn. Niedner, Wiesbaden 1881, S. 138. Sohn des Schultheißen von Westerburg, war seit 1498 Propst von St. Severus in Gemünden,Vgl. Hellmuth Gensicke: Landesgeschichte des Westerwaldes. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau 13) Selbstverlag der Historischen Kommission für Nassau, Wiesbaden 1958, S. 499 und S. 550; Wolf-Heino Struck: Die Stifte St. Severus in Gemünden, St. Maria in Diez mit ihren Vorläufern, St. Petrus in Kettenbach, St. Adelphus in Salz. (Germania Sacra. NF 25), Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, S. 164–166, 187, 199–202, 215 und 402. ihre Schwester Irmina (Emel) war mit Henne von Winden († zwischen 1495 und 1504) verheiratet.Bruno Krings: Das Prämonstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139–1527). Historische Kommission für Nassau, Wiesbaden 1990, S. 543f. Ein weiterer Verwandter, Johann (Henne) Rychwyn, hatte zwischen 1491 und 1507 die Akzise in Montabaur gepachtet und war dort 1485, 1490 Schöffe und 1498 Bürgermeister.Vgl. Hellmuth Gensicke: Die Akzise zu Montabaur und ihr Ertrag. In: Nassauische Annalen 72 (1961), S. 198–206, bes. S. 206; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Prämonstratenserkloster Arnstein, U 517 und U 560). Meister Reynardus Rijchwijn (Magister Reinhard Richwin) de Westerborch immatrikulierte sich 1507 in Köln, erhielt 1511 den Altar der St. Antoniuskapelle zu Neustadt, 1524–1533 als Pfarrer der Margarethenkirche bei Seelbach erwähnt, Lehrer der Arnsteiner Klosterschule, war bis 1540 Pfarrer in Kirchähr, 1545–1549 Kanoniker in Gemünden.Bruno Krings: Das Prämonstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139–1527). Historische Kommission für Nassau, Wiesbaden 1990, S. 607.
Studium und Tätigkeit als Präzeptor 1518 immatrikuliert sich „Sijm[on] Rijchwijn al[ias] Dythemius de Montebuer“ an der Artistenfakultät der Universität Köln und studierte dort bis etwa 1522/23.Zum Folgenden vgl. Peter G. Bietenholz, Thomas Brian Deutscher (Hrsg.): Contemporaries of Erasmus: A biographical register of the Renaissance and Reformation. 3 Bände. University of Toronto Press, Toronto / London 1985–1987, passim. Reichwein gehörte der Montana-Burse unter dem humanistisch interessierten Quirin op dem Veld von Willich († 1537) an. Beatus Rhenanus (1485–1547) prophezeite ihm, er werde einst Ludimagister (Lehrer) sein. 1520 legte er zusammen mit Heinrich Bullinger (1504–1575) und Gerardus Bucoldianus († nach 1542)Auch „Gerhard Bucoltz, Bucholds, Geraldus Bucoldus u. ä.“, vermutlich aus Bocholt bei Lüttich; später Philologe und Leibarzt von König Ferdinand I. (1503–1564). als „Symon Montebuir“ unter Arnold Haldrein (1484–1534)Epitaph an einem der Kreuzpfeiler der Nordseite des Kölner Doms. das Baccalaureats-Examen ab; wegen Armut hatte er nur die halbe Gebühr zu entrichten. Ab 1522 war Reichwein Magister und – gegen den Wunsch seines Vaters, der ihn schon damals an den Trierer Hof binden wollte„… in diversum me vocante parente, nam ille aulae Trevirensi me destinaret“. – Präzeptor der jungen Grafen Anton von Isenburg († 1531)1529 im Gefolge des Trierer Erzbischofs Richard von Greiffenklau zu Vollrads auf dem Reichstag in Speyer, gestorben als Gouverneur von Luxemburg. und Salentin von Isenburg († 1544),Beide Junggrafen immatrikulierten sich am 24. März 1520 in Köln. der Söhne von Graf Salentin VI. von Isenburg-Neumagen-Grenzau (1492–1534) und Elisabeth von Hunolstein-Neumagen (* um 1476; † um 1536),Peter G. Bietenholz, Thomas Brian Deutscher: Contemporaries of Erasmus, Bd. II. University Press, Toronto 1986, S. 228. die zuvor von Johannes Caesarius unterrichtet worden waren.Johannes Caesarius (Hrsg.): Q. Horatii Flacci epistolae desumptis ex Landini commentariis, in gratiam illustrium discipulorum Antonii et Salentini comitum Isenburgicorum. Johannes Soter, Köln 1522 (verschollen); vgl. Josephus Hartzheim: Bibliotheca Coloniensis. Thomas Odenthal, Köln 1747, S. 165 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München).
Diest und Löwen 1523Vgl. Fidèle Jean Raymaekers: François Caroli, imprimeur à Diest, en 1525. In: Société des bibliophiles de Belgique (Hrsg.): Le bibliophile belge. (Bulletin du bibliophile belge 13), Bd. IV, F. Heussner, Brüssel 1857, S. 362f, bes. S. 362 (Google-Books). oder eher 1524Leonard Keil: Humanisten in den Trierer Landen im Anfang des 16. Jahrhunderts. 3. Simon Reichwein. In: Trierische Chronik. 17 (1920/21), S. 82–89, bes. S. 83. wurde Reichwein, der sich zu dieser Zeit mit seinen Schülern in Köln aufhielt, für ein Gehalt von 100 Philippstalern jährlich zum Rektor des neugegründeten Collegium Humanitatis in Diest berufen.Brief Reichweins vom 29. März 1530 (Ep. 2298) an Erasmus (Digitalisat im Internet Archive).