mini|Luftbild 2008 mini|Stadtkern mit Wallfahrtsbasilika Walldürn ist eine Stadt im Neckar-Odenwald-Kreis in Baden-Württemberg, bekannt auch durch die Wallfahrt zum Blutwunder von Walldürn. Sie gehört zur europäischen Metropolregion Rhein-Neckar. Das Gemeindegebiet liegt im Naturpark Neckartal-Odenwald.
Geographie Lage Walldürn grenzt im Norden an Schneeberg, Miltenberg und Eichenbühl, Landkreis Miltenberg in Unterfranken, dann schließen sich im Uhrzeigersinn folgende Gemeinden des Neckar-Odenwald-Kreises an: Hardheim, Höpfingen, Rosenberg und Buchen.
Stadtgliederung Die Stadt Walldürn besteht aus den zehn Stadtteilen Walldürn-Stadt, Altheim, Gerolzahn, Glashofen, Gottersdorf, Hornbach, Kaltenbrunn, Reinhardsachsen, Rippberg und Wettersdorf. Die Stadtteile sind räumlich identisch mit den früheren Gemeinden gleichen Namens. Mit Ausnahme des Stadtteils Walldürn-Stadt erfolgt ihre offizielle Benennung in der Form „Walldürn, Stadtteil …“.
Zum Stadtteil Altheim gehören die Höfe Dörntal und Kudach und das Haus Untermühle. Zum Stadtteil Gerolzahn gehört das Gehöft Kummershof. Zum Stadtteil Glashofen gehört die Waldhufensiedlung Neusaß. Zum Stadtteil Hornbach gehören die Dörfer Großhornbach und Kleinhornbach. Zum Stadtteil Kaltenbrunn gehören das Dorf Kaltenbrunn und das Haus Spritzenmühle. Zum Stadtteil Rippberg gehören der Ort Siedlung Waldfrieden und das Haus Linkenmühle. Zum Stadtteil Walldürn-Stadt gehören die Häuser Im Rippberger Tal am Marsbach (Miltenberger Straße).
Im Stadtteil Altheim liegen die Wüstungen Rützenhaus und Kalshof, auf die jeweils nur Flurnamen hindeuten.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band V: Regierungsbezirk Karlsruhe Kohlhammer, Stuttgart 1976, ISBN 3-17-002542-2. S. 270–275
Geschichte
Römerzeit mini|Grundmauern des Römerbads Walldürn Auf dem bereits in vorrömischer Zeit besiedelten Gebiet von Walldürn befindet sich ein Abschnitt des UNESCO-Welterbes Obergermanisch-Raetischer Limes aus römischer Zeit, von dem Reste eines in der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. gegründeten Kastells mit Fundamenten eines Badehauses sowie mehrere restaurierte Wachttürme erhalten sind. Nur wenig südlich der Stadt begann ein 80 km langer, schnurgerader Abschnitt dieser Grenze zu Germanien, der bis nach Alfdorf im Welzheimer Wald reichte.
mini|Walldürn um 1670 mini|Wallfahrt um 1820 mini|Schloss Walldürn
Gründung bis Mittelalter Walldürn wurde anlässlich einer Schenkung an das Kloster Lorsch im Jahr 794 im Lorscher Codex erstmals als turninu erwähnt. Die Missionierung und damit auch die Besiedelung der Gegend ging vom nahen Kloster Amorbach aus. Nach Forschungen von Wolfgang Hartmann zog im Jahr 1144 König Konrad III. bei seinem Besuch in Amorbach die Vogtei der Odenwaldabtei an sich und setzte auf ihrem Besitz am verkehrswichtigen Main Vorfahren der von der Burg Weinsberg stammenden Herren von Dürn an. Diese errichteten dort die Burgen Mildenburg und Frohburg. Letztere ist nach Hartmann mit dem „Räuberschlösschen“ bei Freudenberg am Main identisch. 1168 übertrug Kaiser Friedrich Barbarossa die Klostervogtei dem Edelherrn Ruprecht II. von Frohburg. Dieser nannte sich ab 1171 nach seinem Verwaltungssitz in Dürn „de Durne“ (= von Dürn) und avancierte zu einem der bedeutendsten Gefolgsleute des Stauferkaisers.Wolfgang Hartmann: Das Burgenrätsel Miltenberg-Freudenberg und die Treuen Weiber von Weinsberg. Auf Spuren der Herren von Dürn vom Kloster Amorbach zum ersten Stauferkönig. Neustadt an der Aisch 2021, ISBN 9783981659221, S. 11–41, 48–68, 149–184.
Die Herren von Dürn waren daraufhin über mehrere Generationen eine der einflussreichsten Familien in der Umgebung, auf die zahlreiche Stadtgründungen zurückgehen. So wurde auch 1291 Dürn erstmals als Stadt genannt. Während des Niedergangs der Herren von Dürn kam 1294 die Stadt Dürn in den Besitz des Erzbischofs von Mainz. Nach dem Blutwunder von Walldürn im Jahr 1330 setzte allmählich die Wallfahrt nach Dürn ein, das 1423 erstmals Walldürn genannt wurde. 1448 wurde ein Rathaus erbaut, 1486 erhielt die Stadt das Marktrecht, 1492 wurde eine Mainzer Kellerei anstelle des alten Herrensitzes der Herren von Dürn erbaut. Nachdem sich mehrere Walldürner Ratsherren im Deutschen Bauernkrieg auf die Seite der rebellierenden Bauern gestellt hatten, verlor die Gemeinde in der Folge ihr Stadtrecht, das ihr erst 1948 formell wieder verliehen wurde.
Teil des Großherzogtums Baden Bei der politischen Neuordnung Südwestdeutschlands im Zuge der napoleonischen Kriege und der einhergehenden Säkularisation der geistlichen Fürstentümer kam Walldürn 1803 an das Fürstentum Leiningen und 1807 an Baden.
Revolution von 1848/49 Neben den sozialen Missständen in Walldürn ließ 1848 auch die fürstliche Herrschaft hier Unruhen aufkommen. Zwar waren 1820 die Leibeigenschaft und einige Naturalabgaben abgeschafft worden, durch die übrigen Abgaben wurden die Bauern jedoch nach wie vor übermäßig stark belastet, sodass einige hierdurch Haus und Hof verloren. Hinzu kamen 1842 und 1845 Missernten, die 1847 zur Einrichtung einer Suppenküche führten. Im selben Jahr tauchten auch erste Flugblätter auf, in denen die Freunde des Vaterlandes zur Vertreibung des Adels aufriefen. Der Sattlermeister Karl Thaddäus Keim und sein Sohn Christian leiteten Versammlungen und Debatten im Gasthaus „Stern“ und diskutierten dort unter anderem über die Grundrechte der Bürger. Der Gemeinderat reagierte hierauf mit dem Versuch, ein Ergebenheits- und Dankschreiben an den Großherzog in Karlsruhe zu senden, in der Hoffnung, hiermit mögliche Unruhen im Zaum halten zu können. Durch die ablehnende Haltung einzelner Gemeinderäte jedoch wurde stattdessen eine Petition an die badische Zweite Kammer gerichtet, in welcher darum gebeten wurde, alle indirekten Abgaben zu beseitigen. Stadtpfarrer Franz Joseph Faulhaber akzeptierte die Petition in seiner Eigenschaft als Zehntberechtigter jedoch nicht.
Anfang März 1848 entschloss sich der Revolutionsrat dazu, wie die Buchener Bauern nach Amorbach zum zuständigen Rentamt zu ziehen und dort vor allem die Herausgabe der Zinsbücher zu verlangen. Hierzu verlangte man von Amtsmann Bode die Erlaubnis, die dieser jedoch verweigerte. Die aufgebrachte Menge zog daraufhin zum Pfarrhaus und zwang Stadtpfarrer Faulhaber zu einer Verzichtserklärung auf große Teile der jährlichen Holzlieferung. Hierbei wurden Türen und Fenster des Pfarrhauses zertrümmert. Der Zug suchte als Nächstes den Juden Aaron Sender auf, bei dem einige Bürger verschuldet waren. Sein Warenlager wurde geplündert und die Schuldnerbücher vernichtet.
Tags darauf entsandte die Karlsruher Regierung Truppen, von denen auch eine Kompanie in Walldürn eintraf. Keim und sein Sohn sowie Anhänger von ihnen wurden verhaftet und wieder freigelassen. Den beiden Anführern drohten mehrjährige Gefängnisstrafen, woraufhin sie flohen. Das Walldürner Amt bat um einen weiteren Verbleib der Truppen in der Stadt.
Am 16. Mai 1849 wurde dann in Walldürn der Volksverein mit dem Vorsitzenden Joseph Matthäus Schachleiter gegründet; schon zuvor gab es den Bürgerverein. In der Folge entstand die Bürgerwehr und der Jungfrauenverein, dessen Mitglieder gelobten, nie einem Jüngling am Altar die Hand zu reichen, der jetzt nicht zum Kampfe hinausziehe. Der Bürgerwehr schlossen sich noch Freischärler an, und um einen Gegenschlag der preußischen Truppen, die der Großherzog zur Hilfe gerufen hatte, parieren zu können, wurde die Volkswehr, wie die Bürgerwehr seit Juni 1849 hieß, am 7. Juni 1849 zur Mobilmachung aufgerufen. Dieses Aufgebot, dem auch etliche Bürger anderer Ortschaften angehörten, ging durch das Neckartal gegen die Preußen vor, wurde aber zurückgedrängt und zog sich in die Heimatorte zurück.
Mit dem Einzug des 5. preußischen Jägerbataillons in das badische Frankenland wurde die Vormachtstellung des Großherzogs wieder gesichert und die Revolution beendet. Eine Kompanie verblieb bis zum 1. September 1852 in Walldürn.Revolution im Südwesten. Stätten der Demokratiebewegung 1848/49 in Baden-Württemberg. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft Hauptamtlicher Archivare im Städtetag Baden-Württemberg. INFO Verlag, Karlsruhe 1997, ISBN 3-88190-219-8, S. 686–691
Eingemeindungen Am 1. Juli 1971 wurde Reinhardsachsen und am 31. Dezember 1971 Altheim eingemeindet. Am 1. Dezember 1972 folgten Rippberg, Gottersdorf und Wettersdorf. Mit der Eingemeindung von Gerolzahn, Glashofen, Hornbach und Kaltenbrunn am 1. Januar 1975 war die Gemeindereform abgeschlossen.
Religionen Christentum mini|Wallfahrtsbasilika St. Georg Die Reformation hielt in Walldürn keinen Einzug, so dass die Bevölkerung lange Zeit fast ausschließlich katholisch war. Neben der Wallfahrtsbasilika St. Georg gibt es die St.-Marien-Kirche. Beide gehören zur Seelsorgeeinheit Walldürn. Erst durch die Aufnahme von Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Anteil der Protestanten leicht an. 1947 wurde eine evangelische Pfarrei eingerichtet und 1951 eine Kirche gebaut. Bei der Volkszählung 1987 waren 85,7 Prozent der Walldürner katholisch und 10,9 Prozent evangelisch.
Jüdische Gemeinde Walldürn mini|hochkant|Mahnmal für die am 22. Oktober 1940 ins KZ Gurs deportierten Walldürner Juden Die jüdische Gemeinde Walldürn bestand bereits im Mittelalter. Von den Judenverfolgungen 1298, 1335/37 und 1348/49 war die jüdische Gemeinde Walldürn betroffen und ging in dieser Zeit unter. Ab 1378 lebten wieder Juden in Walldürn. Diese wurden jedoch 1470 mit den anderen Juden des Erzstiftes Mainz ausgewiesen. Die Entstehung einer neuzeitlichen jüdischen Gemeinde in Walldürn geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, da in der Zeit um 1700 wieder jüdische Einwohnern in Walldürn genannt wurden. Die jüdische Gemeinde Walldürn hatte eine eigene Synagoge, eine jüdische Religionsschule und ein rituelles Bad. Auf dem jüdischen Friedhof in Bödigheim wurden die Toten der Gemeinde beigesetzt. 1827 wurde die jüdische Gemeinde Walldürn dem Bezirksrabbinat Merchingen zugeteilt, das später vom Bezirksrabbiner in Mosbach betreut wurde. Nach 1933 verließen einige aufgrund der nationalsozialistischen Repressalien die Stadt. Auch der zunehmende wirtschaftliche Boykott der jüdischen Geschäfte sowie die zunehmende Entrechtung und andere Repressalien sorgten dafür, dass jüdische Einwohner Walldürns wegzogen beziehungsweise auswanderten. Die letzten zehn Juden wurden im Oktober 1940 im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion ins KZ Gurs deportiert und dort ermordet.Alemannia Judaica: Walldürn (Neckar-Odenwald-Kreis) Jüdische Geschichte / Betsaal / Synagoge. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum. Online auf www.alemannia-judaica.de. Abgerufen am 2. Juni 2015.
Von den jüdischen Personen, die in Walldürn geboren wurden oder längere Zeit in der Stadt wohnten, kamen in der Zeit des Nationalsozialismus zwölf Personen ums Leben.Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem.Angaben aus Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945.
Politik Gemeinderat Der Gemeinderat hat normalerweise 26 ehrenamtliche Mitglieder, die für fünf Jahre gewählt werden. Die Gemeinderäte führen die Bezeichnung Stadtrat. Häufig erhöht sich die Zahl der Mitglieder durch Ausgleichssitze (gesamt 2019: 33 Sitze; 2014: 31). Hinzu kommt der Bürgermeister als stimmberechtigter Gemeinderatsvorsitzender.
Dabei garantiert die Unechte Teilortswahl den Ortsteilen eine festgelegte Anzahl von Sitzen: Aus Walldürn-Stadt kommen mindestens 16, aus Altheim und Rippberg–Hornbach jeweils mindestens drei Räte, sowie aus Glashofen–Gerolzahn, Gottersdorf, Reinhardsachsen–Kaltenbrunn und Wettersdorf jeweils mindestens ein Gemeinderat.Stadt Walldürn: Hauptsatzung, §16; abgerufen am 30. Juni 2019.