mini|hochkant=1|Außenansicht der Neustädter Kirche von Osten (2008) Die Neustädter Kirche (auch: Neustädter Universitätskirche) ist das barocke Kirchengebäude der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der 1686 gegründeten Neustadt Erlangen sowie seit 1837 Universitätskirche der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Neben der evangelisch-reformierten Hugenottenkirche und der ebenfalls evangelisch-lutherischen Altstädter Dreifaltigkeitskirche ist sie eine der drei großen Kirchen der Erlanger Innenstadt, deren Türme bis heute das Stadtbild prägen.
Geschichte
Entstehung einer lutherischen Gemeinde in „Christian Erlangen“
Nachdem 1686 mit dem Bau der Christian Erlangen (von 1701 bis 1812 offizielle Bezeichnung für die heutige „Neustadt“) für die heute als Hugenotten bezeichneten französischen Glaubensflüchtlinge begonnen worden war, zogen zunehmend auch Deutsch-Reformierte und Lutheraner zu. Letztere waren zunächst der Altstädter Pfarrei zugehörig, bevor am 22. Januar 1703 der Erlass zur Gemeindegründung von Markgraf Christian Ernst unterzeichnet wurde. Noch im selben Jahr wurde der heute als „Neustädter Friedhof“ bekannte Gottesacker in der Äußeren Brucker Straße angelegt. Anfangs benutzte die neu gegründete Gemeinde noch die Sophienkirche der unmittelbar angrenzenden Ritterakademie, der Vorgängerin der heutigen Universität, für ihre Gottesdienste. Dieses Gotteshaus wurde 1964 abgebrochen. Heute sind nur noch Teile der Fassade erhalten, die dem in den 1960er Jahren an gleicher Stelle erbauten Geschäftshaus vorgeblendet wurden.Poscharsky, S. 5–9, 33 und 35.
Lange Bauphase aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten
Die heutige Kirche wurde ab 1722 errichtet – als einer von zahlreichen Kirchenbauten, die in der Barockzeit in Erlangen entstanden. Daher gab es erhebliche Finanzierungsprobleme, was die Bauarbeiten stark verzögerte. Zwar spendete der Bayreuther Markgraf 500 Gulden für den Bau, die französisch- (150 Gulden) und deutsch-reformierte (73 Gulden) Gemeinde Erlangens beteiligten sich finanziell und die Gemeindemitglieder spendeten zwischen 1721 und 1740 rund 10.000 Gulden. Dennoch mussten die Gemeindemitglieder ab 1720 auf Kollektenreisen und Wirtshäusern Geld für den Kirchenbau sammeln, um die Bausumme von insgesamt rund 35.000 Gulden aufbringen zu können. Diese fiel auch deshalb so hoch aus, weil man – wie in alten Dokumenten überliefert – die evangelisch-lutherische Hauptkirche für Erlangen und Umgebung schaffen wollte, was 1725 durch die Schaffung einer eigenen Superintendentur (zuvor gehörte man zur Superintendentur Baiersdorf) betont wurde.
Die Pläne für den Kirchenbau sind wohl dem Bayreuther Hofbauinspektor Johann David Räntz zuzuschreiben, der auch den Kanzelaltar der Altstädter Kirche entwarf. Von ihm ist allerdings nur eine Entwurfszeichnung der Südseite aus dem Jahr 1726 erhalten. Die Bauaufsicht oblag bis 1730 dem bayreuthischen Landbaumeister Wenzel Perner, dann seinem Nachfolger Johann Georg Weiß, der unter anderem von 1731 bis 1736 das Altstädter Rathaus errichtete. Als Maurermeister war Johann Georg Kannhäuser wohl nicht nur für die praktische Bauausführung zuständig, wie insbesondere am Kirchturm erkennbar ist. Perner war nicht nur Baumeister des Wiederaufbaus der Altstädter Kirche, sondern (gemeinsam mit Peter Franz Navelot) auch Erbauer des Turmes der Hugenottenkirche in den Jahren 1732 bis 1736.
Die Grundsteinlegung erfolgte – wohl aus Gründen der Sparsamkeit – ohne größere Feier am 19. Juni 1725. Der Dachstuhl und eine erste Kanzel (Vorgängerin des heutigen Kanzelaltares) wurden bereits 1733 fertiggestellt. Am 8. Dezember 1737 wurde die Kirche, obwohl nur provisorisch fertiggestellt, durch Superintendent Achiatius Severinus Memminger geweiht. 1744 wurde der bis heute erhaltene Kanzelaltar erbaut und die Sakristei mit darunter liegender Gruft eingerichtet. Damit war die Bauphase der Kirche im Wesentlichen abgeschlossen. Die beiden oberen Turmgeschosse wurden 1765 fertiggestellt, den Turmhelm samt Laterne setzte man erst 1830 auf.
Jüngere Geschichte
Im Jahr 1904 wurde eine umfangreiche Innenrenovierung vorgenommen. Dabei wurden die verglasten Seitenteile des Kanzelaltares durch Mauerwerk ersetzt und der dahinter liegende Raum mit einer Zwischendecke ausgestattet. Dadurch entstand die heutige Sakristei, die seither regelmäßig für kleinere Gottesdienste genutzt, zum Beispiel für den sonntäglichen Frühgottesdienst. Nachdem die Kirche und insbesondere die qualitätvollen Deckengemälde Christian Leinbergers im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurden, konnte dies 1955 beseitigt werden.
Von 1979 bis 1982 zog sich eine aufwändige Gesamtrenovierung hin. Dabei war die Kirche komplett gesperrt; die Gemeinde musste für ihren Gottesdienst in das lutherische Gemeindehaus am Bohlenplatz, die frühere deutsch-reformierte Kirche, ausweichen. Zum 250-jährigen Weihejubiläum 1987 erhielt die Kirche – im Wesentlichen finanziert durch eine großzügige Einzelspende – einen neuen Abendmahlstisch, der näher am Kirchengestühl platziert wurde als der bisherige Altar.Poscharsky, S. 11f., 16f., 35.
Besondere Ereignisse
mini|hochkant=1.3|Festzug in die Neustädter Kirche bei der Einweihung der Universität Erlangen am 4. November 1743 (Kupferstich)
Am 4. November 1743 wurde die Erlanger Universität mit einem Gottesdienst in der Neustädter Kirche, der neuen Hauptkirche der Stadt offiziell eröffnet. Obwohl die Universitätsparochie 1814 aufgelöst und der Neustädter Gemeinde angegliedert wurde, fanden die Universitätsgottesdienste weiterhin in der Sophienkirche und später – als diese nicht mehr für Gottesdienste genutzt wurde – in der französisch-reformierten Kirche, der heutigen Hugenottenkirche, statt. Erst 1837 wurde die Neustädter Kirche zur Universitätskirche. Seither findet während der Vorlesungszeit jeden zweiten Sonntag ein Universitätsgottesdienst statt. Universitätsprediger ist stets ein Professor des Fachbereichs Theologie. Bedeutende Vertreter waren unter anderem Adolf Harleß und Gottfried Thomasius, die im 19. Jahrhundert die sogenannte Erlanger Theologie prägten, sowie Paul Althaus und Walter Künneth, die das Amt im 20. Jahrhundert ausübten. Seit 2020 hat Ursula Roth, die zugleich den Lehrstuhl für Praktische Theologie leitet, das Amt der Universitätspredigerin inne. In der Gruft der Neustädter Kirche wurden zahlreiche, zumeist adlige Personen bestattet – als letzte die Markgräfin Sophie Caroline Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel, die am 22. Dezember 1817 verstarb. Der fränkisch-preußische Rechtsphilosoph und konservative Politiker Friedrich Julius Stahl, später Professor an der Erlanger Universität, trat am 6. November 1819 durch die Taufe in der Neustädter Kirche vom Judentum zum Protestantismus über.Gerhard Masur: Friedrich Julius Stahl, Geschichte seines Lebens. Aufstieg und Entfaltung 1802–1840. Berlin 1930, S. 20ff. Im Jahr 1850 fand auf Initiative des Professors Karl Georg von Raumer und des Vikars Julius Schunck in der Neustädter Kirche der erste Kindergottesdienst Deutschlands statt. 1854 wurde auf Veranlassung Theodosius Harnacks in der Neustädter Gemeinde das Institut für Kirchenmusik gegründet. Zusammen mit der 1984 gegründeten Neustädter Kantorei werden bis heute jedes Jahr zahlreiche Konzerte in der Neustädter Kirche veranstaltet. Dadurch gilt diese als lebendiges Zentrum der Kirchenmusik in Erlangen und Umgebung.
Architektur
mini|hochkant=1.3|Neustädter Kirche vom Dach der Erlangen Arcaden (2012)
Drei Kirchen im Konzept der barocken Planstadt
Die Neustädter Kirche bildet mit der Altstädter Kirche und der Hugenottenkirche eine architektonische Einheit. Dies wurde möglich, weil die Altstädter Kirche beim Altstadtbrand im Jahr 1706 zerstört wurde und somit bei ihrem Neubau von 1709 bis 1721 in das Konzept der Neustadt, die als barocke Planstadt angelegt wurde, einbezogen werden konnte. Die Einheit wird an der Lage deutlich: Alle drei Kirchen befinden sich um jeweils einen Gebäudeblock versetzt entlang der zentralen Nord-Süd-Achse, die von der heutigen Hauptstraße gebildet wird; Neustädter und Altstädter Kirche liegen dabei auf einer östlichen Parallelen zur eigentlichen Hauptstraße, auf der auch das Schloss angeordnet ist; in der Altstadt „knickt“ die Hauptstraße aus topographischen Gründen von ihrer eigentlichen Geraden ab und erreicht die Altstädter Kirche genau auf dieser Parallele. Die beiden lutherischen Kirchen (Altstädter und Neustädter Kirche) sind dabei geostet, der Chor befindet sich also jeweils auf der Ostseite. Die Türme stehen auf der Westseite der jeweiligen Kirche. Die Hugenottenkirche ist genau spiegelverkehrt angelegt.
Außenbau und Fassade
Die aus unverputzten Sandsteinquadern erbaute Neustädter Kirche wurde also innerhalb einer weitgehend festgelegten städtebaulichen Situation errichtet. Das Äußere der Kirche, klar und überzeugend gegliedert, kommt in den engen Straßenzügen der Innenstadt kaum zur Geltung; lediglich von Osten gibt die zurückgesetzte, so den Neustädter Kirchenplatz bildende Häuserfront den Blick auf den zweijochigen Chor mit halbrundem Schluss frei. Dieser ist mit dem etwas breiteren, sieben Joche umfassenden Langhaus unter einem gemeinsamen Satteldach vereinigt. Langhaus und Chor sind in der gleichen Art und Weise gegliedert, nämlich durch flache Pilaster mit dorischen Kapitellen. Das breite Kranzgebälk wird durch Diglyphen aufgelockert.Poscharsky, S. 3–5.
Die Fenster sind, dem barocken Zeitgeschmack entsprechend, rundbogig abgeschlossen, wobei diese Rundbogenform zusätzlich durch den Verlauf einer einfachen Fensterverdachung betont wird. Da je zwei Reihen rundbogig abschließender Fenster übereinander stehen, wird bereits von außen angedeutet, dass sich innen – wie lutherischen Kirchen dieser Zeitstellung üblich – seitliche Emporen befinden. Beide Fensterreihen stehen auf einem schmalen, aber deutlich aus der Wandebene hervortretenden Sohlbankgesims, das hinter den Pilastern weiterzulaufen scheint. Somit entsteht neben der starken Betonung der Vertikalen auch eine umlaufende Horizontale. Im mittleren Langhausjoch befindet sich anstelle der unteren Fenster jeweils ein aufwändig gestaltetes Portal, darüber ein kleines Ovalfenster. Nord- und Südportal sind von korinthischen Säulen flankiert. Im westlichen und östlichen Langhausjoch wurde auf Fenster verzichtet, da sich hier die Treppentürme zum Aufgang auf die beiden Emporen befinden. Auch im Chorscheitel ist das untere Fenster nicht vorhanden, stattdessen befindet sich hier der schlichte Eingang zur Sakristei in Form eines schlichten rundbogigen Portals.
Turm
mini|hochkant=0.5|Turm der Neustädter Kirche (2010) Der Turm der Neustädter Kirche ist mit 60 Metern Höhe der höchste Kirchturm Erlangens. Betrachtet man ihn, so stellt man fest, dass er viergeschossig aufgebaut und die klassische Abfolge der antiken Säulenordnungen zeigt. Damit nimmt er ein Konzept auf, das alle drei großen Innenstadtkirchen verbindet. Der Turm ist über quadratischem Grundriss erbaut, die einzelnen Geschosse sind durch weit auskragendes Gesims deutlich voneinander abgegrenzt. Im untersten Geschoss wird die Gliederung durch Pilaster mit dorischen Kapitellen, wie sie an Chor und Langhaus zu beobachten ist, fortgeführt. Dementsprechend besitzt das Geschoss auch die gleiche Höhe wie die Seitenwände des Langhauses. Das zweite Geschoss, das etwa bis zur Firsthöhe reicht, wird von Pilastern mit ionischen Kapitellen gegliedert. Hier befinden sich nach drei Seiten hin (die Ostseite wird vom Dachstuhl verdeckt) rundbogige Schallöffnungen.