Der Truppenübungsplatz Wildflecken ist ein über 7000 Hektar großes militärisches Übungsgelände bei Wildflecken in der Hohen Rhön. Es wurde 1938 von der deutschen Wehrmacht eingerichtet und diente nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend der US-Armee. Gegenwärtig wird es mit dem dort befindlichen Gefechtssimulationszentrum Heer gemeinsam von der Bundeswehr und ihren NATO-Alliierten genutzt. Der Nordteil des Truppenübungsplatzes liegt auf hessischem Boden. Der Übungsplatz ist dem Unterstützungskommando der Bundeswehr unterstellt und gehört zum „Bereich Truppenübungsplatzkommandantur SÜD“.
Planungsgeschichte Planung und geographische Lage Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht zum 1. Oktober 1935Gesetz für den Wiederaufbau der Wehrmacht vom 16. März 1935, RGBl. I. 1935, 375 war eine Heeresstärke von 12 Korpskommandos mit 36 Divisionen geplant. Die Friedensstärke dieses Heeres sollte bis zum Jahre 1939 mit 550.000 Mann die fünfeinhalbfache Stärke der Reichswehr erreichen und mit einer Aufrüstung innerhalb kürzester Zeit die Ausbildung der Soldaten für den Kriegsfall durchgeführt werden. Hierzu mussten weitere Truppenübungsplätze geschaffen werden. So waren für das VII. und IX. Armeekorps im süddeutschen Raum jeweils zwei neue Truppenübungsplätze vorgesehen. Während für das VII. Armeekorps der Truppenübungsplatz Hohenfels geplant wurde, fiel die Standortwahl für das IX. Armeekorps auf die Mittelgebirgslandschaft der Rhön. In dieser strukturschwachen Region bestand für den mainfränkischen Teil seit 1935 mit dem sogenannten Dr.-Hellmuth-Plan ein Konzept zur wirtschaftlichen Entwicklung, das jedoch bereits den Raum Wildflecken im Hinblick auf die geplante militärische Nutzung ausnahm. Nach den Planungen des Heeres unter der Federführung des Wehrkreiskommandos VII in München war für das Gebiet zwischen Bad Brückenau im Süden, Wildflecken im Osten, Gersfeld im Norden und der Gemeinde Motten im Westen die Anlage eines ca. 7.400 Hektar großen Truppenübungsplatzes mit Gefechtsschießbahnen, Beobachtungsständen und Bunkern vorgesehen. Der Großteil dieses Geländes liegt in Bayern, ca. 1.200 Hektar befinden sich in Hessen-Nassau bzw. im heutigen Hessen. Die maximale West-Ost-Breite beträgt ca. elf, die Nord-Süd-Ausdehnung ca. zwölf Kilometer. Das Truppenlager war für 9.000 Mann und 1.500 Pferde ausgelegt. Ergänzend sah die Planung ein Verpflegungsdepot und eine Munitionsanstalt (Muna) vor.
Gebietserwerb Der Grundstückskauf wurde von der Reichsumsiedlungsgesellschaft mbH (Ruges) Berlin auf der Grundlage des Gesetzes über die Landbeschaffung für Zwecke der Wehrmacht vom 29. März 1935RGBl. I. S. 467 ff vorgenommen. Diese Gesellschaft war eigens für die Beschaffung und Entschädigung von für Zwecke der Wehrmacht enteignetem Grundbesitz geschaffen worden und hatte rund 50 Außenstellen im gesamten Reich.
Im geplanten Übungsgelände lagen sieben Gemeinden mit fünf Weilern und drei Mühlen mit ca. 2500 Bewohnern, die bis Mai 1938 umgesiedelt wurden:
Gemeinden in Unterfranken Altglashütten Neuglashütten Reußendorf Rothenrain Werberg Gemeinden in Hessen-Nassau Dalherda Kippelbach Weiler Dörrenberg Ebertshof Schmelzhof Silberhof Wiesenhof Mühlen Disbachsmühle Fuchsmühle Harfenmühle
Betroffen waren auch der Wallfahrtsort Maria Ehrenberg unmittelbar östlich der Gemeinde Motten sowie das Haus Franken, ein im Ersten Weltkrieg errichtetes Pferdelazarett, das 1920 in ein Wanderheim des Rhönclubs umgebaut worden war.
Die Umsiedler erhielten als Ersatz Gebäude und Land in der näheren Umgebung wie z. B. in Weißenbach, Roßbach, Rottendorf-Rothof, Wässerndorf, aber auch weiter entfernt bei Frankfurt am Main, Offenbach am Main, Seßlach und Deggendorf. Wer sich nicht zu einem freiwilligen Verkauf seiner Liegenschaften entschließen konnte, wurde enteignet.
Das Gebiet der Gemeinden Altglashütten, Neuglashütten, Reußendorf, Rothenrain und Werberg bildete im Jahr 1942 den Heeresgutsbezirk Wildflecken.www.rhoenline.de – Abgesiedelte Heimat rund ums Dammersfeld. Ein Stück Rhön und seine Geschichte
Baugeschichte Baudurchführung mini|Ehemaliges Offizierskasino im Truppenlager mit Hauptplatz (vormals Adolf-Hitler- bzw. Eisenhower-Platz) Im Spätherbst 1936 begannen noch vor dem Abschluss des Geländeankaufs die Vorarbeiten für das Truppenlager mit den Vermessungen im nördlich von Wildflecken gelegenen Grünhansenwald, die sich bis etwa Mitte 1937 hinzogen. Zu diesem Zeitpunkt übernahm das neugebildete Wehrkreiskommando IX in Kassel die Planungen für den Übungsplatz, der ursprünglich für das IX. Armeekorps vorgesehen war. Mit der Bauleitung wurde der Regierungsbaumeister Leonz Karch betraut.
Zunächst wurde am Osthang des Waldgebietes im Winter 1936 ein Gemeinschaftslager mit Wohn- und Freizeitbaracken, Wirtschaftsgebäuden, Großküche und Sanitätsrevier für 3000 Arbeiter errichtet. Das im Juni 1937 fertiggestellte Arbeitslager wurde der Deutschen Arbeitsfront unterstellt. Im Lager konnte jedoch nur ein Drittel der für die Großbaustelle benötigten Arbeitskräfte untergebracht werden. Mit Beginn der Bauarbeiten wurden mit mehr als hundert Omnibussen weitere 6000 Arbeiter, Handwerker und Techniker täglich aus der näheren und weiteren Umgebung zu ihrer Arbeitsstätte gebracht.www.deutschesheer.de – Geschichte des Standortes Wildflecken
Die eigentlichen Bauarbeiten setzten umfangreiche Vorarbeiten voraus, da das schwer zugängliche Areal erst durch den Bau von Straßen mit Anbindung an das öffentliche Straßen- und Schienennetz erschlossen werden musste. Vom Bahnhof Wildflecken wurde eine Pflasterstraße mit Brücke über die Reichsstraße 287 zum Truppenlager hergestellt, das an einem nördlich der Ortschaft ansteigenden Berghang errichtet werden sollte. Die Differenz zwischen dem niedrigsten und höchsten Punkt des Plangebietes betrug 200 m. Die 156 geplanten Gebäude wurden in sechs parallel zum Berg gestaffelten Terrassen angelegt, die mit Ringstraßen und acht bergwärts führenden Verbindungsstraßen erschlossen wurden. Die Gebäude wurden überwiegend traufständig zum Hang ausgerichtet, im flacheren östlichen Bereich giebelständig.
Die eigentlichen Bauarbeiten begannen Mitte 1937.https://www.wildflecken.de/ – 1937–1945 German Army/deutsche Wehrmacht/Waffen-SS Die Gebäude wurden in Massivbauweise und zum größten Teil unterkellert für die verschiedenen Verwendungszwecke wie Mannschafts- und Offiziersunterkünfte, Verwaltung, Krankenrevier, Truppenküche, Heeresbäckerei usw. errichtet. Das Stall- und Pferdelager für 1500 Tiere war das letzte in dieser Größenordnung für militärische Zwecke. Die Pferde waren für die Bespannung von Zehn-Zentimeter-Kanonen und Fünfzehn-Zentimeter-Feldhaubitzen vorgesehen. 30 Stallungen, Gebäude für die Hufschmiede, die Veterinäre und das Futterlager wurden an den beiden höchstgelegenen Terrassen des Truppenlagers angeordnet, um zum einen den kürzesten Weg in das Übungsgelände zu haben und zum anderen bei günstigen Windverhältnissen die Stallgerüche vom Lager weg zu leiten.
Wasser- und Abwasserentsorgung wurden durch Quellfassungen, Pumpstationen, Hochbehälter und eine Kanalisation mit Kläranlage und Regenrückhaltebecken sichergestellt.
Truppenübungsplatz mini|Kleiner Auersberg auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Zeitgleich mit dem Truppenlager wurden auch die Ausbildungseinrichtungen des Übungsplatzes geschaffen. So entstanden vom Frühjahr 1937 bis zum Sommer des Folgejahres 30 Schul- und Gefechtsbahnen sowie 20 Zielgebiete für Infanterie mit einer Tiefe von 3500 und einer Breite von 600 Metern sowie für Panzer und Artillerie mit Schießbahnen von 6000 Meter Länge und 1500 Meter Breite. Die Artilleriefeuerstellungen waren um das Dammersfeld angeordnet. Später wurden noch Bunker verschiedener Größe zur Bedienung zusätzlicher Fahrziele und für vorgeschobene Artilleriebeobachter sowie Großbunker für Übungen zur Überwindung von Befestigungsanlagen und als Artillerieziele errichtet.
Heeresverpflegungsdepot, Muna und Verwaltung Eine dritte Baustelle bildete vom Sommer 1938 bis Ende 1940 das außerhalb des Übungsplatzes westlich des Arnsberges vorgesehene Heeresverpflegungsdepot mit vierstöckigen Magazingebäuden und einem Anschluss an die Bahnstrecke Jossa–Wildflecken. Das Richtfest wurde am 20. September 1940 gefeiert. Gleichzeitig wurde am Fuß des Kreuzberges eine Munitionsanstalt, Muna genannt, mit Montagehallen, Lagerhäusern und Unterkunftsgebäuden errichtet.
Weiter waren Bauten für die Kommandantur, die Standortverwaltung des zum Heeresgutsbezirk erklärten Übungsplatzes und das Heeresforstamt erforderlich, das ca. 4000 Hektar Wald, die in das Eigentum des Reiches übergangen waren, zu verwalten hatte. Bis zur Fertigstellung der Gebäude im Januar 1938 war die Kommandantur im Hotel Zur Post in Bad Brückenau untergebracht.
Die Bauarbeiten für das ca. 3,5 Millionen Reichsmark teure Großprojekt Truppenlager und Truppenübungsplatz führten unter äußerstem Zeitdruck bis zu 9000 Arbeitern im Schichtbetrieb aus. 50 bis 60 Architekten, Ingenieure und Techniker und die gleiche Anzahl Verwaltungsangestellter leiteten die größte Baustelle Bayerns. Erstmals wurden auch im Winter die Bauarbeiten nicht unterbrochen. Durch beheizte Zelte war die Frostsicherheit gewährleistet, so dass durchgehend und rund um die Uhr gearbeitet werden konnte. So war es möglich, in der Rekordzeit von einem knappen Jahr die wichtigsten Einrichtungen und Gebäude zu schaffen. Fünf Arbeiter verunglückten bei den Bauarbeiten tödlich. Ein Gedenkstein an der Auffahrt zum Truppenlager erinnert an ihr Schicksal. Bereits am 8. Februar 1938 übergab der kommandierende General des IX. Armeekorps, General der Artillerie Friedrich Dollmann, mit dem ersten Schuss der II. Abteilung des Artillerie-Regiments 51 (mot.) den Truppenübungsplatz seiner Bestimmung. Ein Gedenkstein markiert den Ort dieses Geschehens am Fuß der Dammersfeldkuppe.
Militärische Nutzung und Entwicklung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Als erste Einheiten bezogen das Artillerie-Regiment 51 aus Fulda und das Infanterie-Regiment 88 aus Hanau ihre neuen Unterkünfte im Truppenlager Wildflecken.
Der Ausbau des Truppenlagers und des Übungsplatzes waren noch nicht abgeschlossen, als der Zweite Weltkrieg begann und die Nutzung des Platzes intensiviert wurde. Neben der Gefechtsausbildung nahm die Aufstellung neuer Feld- und Ersatzeinheiten und später die Nachrüstung und personelle Auffrischung aus der Front genommener Truppen immer breiteren Raum ein. Der Truppenübungsplatz Wildflecken wurde zum Ausgangspunkt für hunderte von Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS.
Der damalige SS-Unterscharführer Franz Schönhuber und nachmalige Mitbegründer sowie Bundesvorsitzender der Partei Die Republikaner schildert in seiner Biographie Ich war dabei sein Eintreffen im Truppenlager Wildflecken. Dort war er ab dem Sommer 1944 als Ausbilder und Dolmetscher einer französischen Freiwilligeneinheit eingesetzt, die später den Stamm für die 33. Waffen-Grenadier-Division der SS Charlemagne (französische Nr. 1) bildete:
Zum Unterhalt der baulichen Einrichtungen sowie für den weiteren Ausbau der Infrastruktur wurden tschechische und polnische Kriegsgefangene herangezogen, für die noch im Jahr 1939 ein eigenes Lager errichtet worden war. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion kamen schließlich noch Gefangene der Roten Armee dazu. Neben deutschen Dienstverpflichteten wurden für den Betrieb der Muna auch die Kriegsgefangenen eingesetzt.
Eine Verteidigung des militärischen Geländes im Frühjahr 1945 kam nicht in Betracht, da die aktiven Truppen sowie die Stammeinheiten im März 1945 an der Westfront eingesetzt wurden. So konnten am 6. April 1945 Einheiten der 3. und 14. US-Division nach kurzem Kampf Wildflecken und das Truppenlager einnehmen.Schmid, Ulrich: Von der Rhön zur Reichskanzlei – Das Lager im Dritten Reich, in Fuldaer Zeitung vom 22. Februar 2013, S. 16