mini|Übersichtskarte des Seifersdorfer Tals Das Seifersdorfer Tal ist ein Landschaftsabschnitt im Verlauf der Großen Röder zwischen Liegau-Augustusbad (Ortsteil von Radeberg) und Hermsdorf. Hier befindet sich einer der ältesten deutschen Landschaftsgärten; er wurde am Ende des 18. Jahrhunderts von Christina von Brühl konzipiert und angelegt.

Geographie Das Tal verläuft geografisch entlang der Großen Röder von Liegau-Augustusbad (Ortsteil von Radeberg) an der Grundmühle bis Grünberg (Ortsteil von Ottendorf-Okrilla). Es ist nach dem nahen Ort Seifersdorf (Ortsteil von Wachau) benannt. Der Landschaftsgarten Seifersdorfer Tal liegt zwischen der Grundmühle und der Niedermühle nahe Seifersdorf und liegt damit auf den Fluren von Seifersdorf (Wachau), Schönborn (Dresden), Liegau-Augustusbad und Grünberg (Ottendorf-Okrilla). Somit befindet es sich geografisch und kulturell in unmittelbarer Nähe zur Stadt Dresden, und zwar an deren nördlicher Grenze.

Landschafts- und Naturschutz Das Seifersdorfer Tal einschließlich des sich flussabwärts anschließenden Hermsdorfer Parks ist am 7. März 1960 mit Beschluss Nr. 53 - 37/60 des Rates des Bezirkes Dresden zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden (Sächsische LSG-Nr. d15; CDDA-Code 324532; Größe 288 Hektar).

Das Kerngebiet flussab- und flussaufwärts der Marienmühle (Querung Schönborner Weg, Seifersdorfer Straße) mit einer Größe von ca. 58,6 Hektar ist seit 1982 Naturschutzgebiet mit dem CDDA-Code 165549.

Das gesamte Seifersdorfer Tal einschließlich des Hermsdorfer Schloss-Parks ist seit 2006 Teil des Europäischen Schutzgebietes Natura 2000 (zugehörig zum insgesamt 770 ha großen FFH-Schutzgebiet Nr. 4848-301 Rödertal oberhalb Medingen) und unterliegt damit strengen natur- und vogelschutzrechtlichen Bestimmungen.

Geschichte und Hintergrund Christina von Brühl (1756–1816) war die Schwiegertochter des sächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl und Mutter von Carl Graf von Brühl, Generalintendant der Schauspiele und der Museen in Berlin; sie lebte seit 1775 mit ihrer Familie in der Nähe des Tales im Schloss Seifersdorf bzw. im zugehörigen Verwalterhaus. Ab 1781 gestaltete Christina von Brühl nach englischen Vorbildern das Seifersdorfer Tal als Landschaftspark um. Der größte Teil der Gartenszenen entstand bis 1791.Martin Braeß: Das Seifersdorfer Tal mit seinen Denkmälern. In: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz 4 (1915) 10, Dresden 1915, S. 402–415

Einflüsse Brühl ließ sich von der romantisch-sentimentalen Spätphase des Englischen Gartens inspirieren. Eines ihrer direkten Vorbilder war der aufklärerische Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld,Wilhelm Gottlieb Becker: Das Seifersdorfer Thal. Voß und Leo, Leipzig 1792 (Digitalisat) dessen Werk Gartentheorie (1779) kurz zuvor erschienen war und dem sie im Garten des Schlosses Seifersdorf, ihrem Wohnort, ein Denkmal setzte. Christina von Brühls Austausch mit Goethe, der federführend am Park an der Ilm mitwirkte, beförderte vermutlich ihre Arbeit an der Konzeption für das Seifersdorfer Tal als „pädagogische Landschaft“.

Begriff der im Landschaftspark konzeptualisierten Natur Die Begriffe der „Natur“ und des „Gefühls“ als Kraft, die zu sittlichem Handeln führen sollte, spielten eine grundlegende Rolle in dieser Konzeption. Der Landschaftsgarten sollte auf seine Besucher nicht nur über die Naturerfahrung ästhetisch-sittlich bildend wirken. Man wendete sich ab vom Konzept des Barockgartens, dem man mit seinen Symmetrien, seinen sehr weitläufigen und klaren Blickbeziehungen sowie starkem Beschnitt der Pflanzen die Unterjochung der Natur zuschrieb. Damit verknüpfte man aus bürgerlicher Perspektive negative moralische Bewertungen der Lebensweise der herrschenden Klasse, der Adligen. Der englische Landschaftspark war real genauso stark durchgestaltet wie der Barockgarten – jedoch nach anderen Kriterien. Seine „Natürlichkeit“ wurde mit bürgerlichen Tugenden konnotiert wie Ordnung, Fleiß, Treue, Redlichkeit, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit des Herzens, geselliger Umgang, Frömmigkeit usw. Die Natur – vermittelt durch den Landschaftspark – löse Gefühle aus, die die sozialen Fähigkeiten der Individuen, ihre Tugenden, verstärkten. Auch im Seifersdorfer Tal sind viele Staffagen den sogenannten Tugenden gewidmet, wird die „richtige“ Distanz zu Amor aufgezeigt. Im Landschaftspark wurde die Natur auch in quasi pantheistischer Weise als etwas „Göttliches“ verehrt, wodurch der Park zum religiösen Gedenkort wurde. Im Seifersdorfer Tal wurden Naturphänomene ästhetisiert oder nachgebaut und architektonisch-bildhauerisch gefasst und Büsten und Statuen von antiken Göttern, wie z. B. Pan, aufgestellt. Ein modernes Bild von Natur wurde im ehemaligen Wirtschaftsraum des Rödertals mit seinen baumlosen Tierweiden installiert.

Der Seifersdorfer Landschaftspark war auch ein Ort des Totengedenkens, wenn auch niemand real dort bestattet wurde, wie es zum Beispiel im Klosterpark von Altzella der Fall war. Manche Staffagen im Seifersdorfer Tal sind grabähnlich inszeniert, wie Lorenzos Grab, das Denkmal für Leopold von Braunschweig und der Sarkophag Heinrich von Brühls; letzterer war schon 18 Jahre zuvor verstorben.Winfried Müller: Gärten der Aufklärung. Soziabilität und Naturtranszendierung. In: Hans Vorländer (Hg.): Transzendenz und die Konstitution von Ordnungen. Berlin/Boston 2013.

Bezüge zur Literatur der Empfindsamkeit Vorlage für das Seifersdorfer Tal war die Literatur der Empfindsamkeit. Das Wort empfindsam war damals ein Neologismus, den Gotthold Ephraim Lessing als Übersetzung für sentimental vorgeschlagen hatte und der in der Folge auf die ganze Epoche als Epoche der Empfindsamkeit übertragen wurde. Die komplette Anlage des Seifersdorfer Tales wie auch die einzelnen Staffagen und Parkarchitekturen bilden ein umfangreiches und komplexes Referenzsystem, das damalige literarische, philosophische und gartenbauliche Diskurse aufnimmt und weiterführt. Das ikonografische Programm ist heterogen. Das Seifersdorfer Tal enthält ein Netz an Zitaten zeitgenössischer literarischer Werke sowie allegorischer Verweise auf Geisteshaltungen und Wertvorstellungen. Letztere waren zum Beispiel Tugend, Ruhe, Vergänglichkeit, Versöhnlichkeit, Wahrheit, gotische Freundschaft und Vergessenheit der Sorgen. Weiterhin finden sich Verweise auf damalige Bestseller wie Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien (1768) von Lawrence Sterne, das Versepos Oberon (1780) von Christoph Martin Wieland, die „drei Barditen“ (religiös-patriotische Weihegesänge) Hermanns Schlacht (1769), Hermann und die Fürsten (1784) und schließlich Hermanns Tod (1787) von Friedrich Gottlieb Klopstock sowie den Gedichtzyklus Canzoniere von Francesco Petrarca. Indirekt stilbildend für die Landschaftsgärten dieser Zeit war Jean-Jacques Rousseaus Werk Julie oder Die neue Heloise (1761), in dem er Landschaft unter moralphilosophischen Gesichtspunkten betrachtet. Rousseau wird im Seifersdorfer Tal nicht direkt zitiert.

Bezüge zu konkreten Zeitgenossen: Literaten, Intellektuelle, Freunde und Familie Christina von Brühl setzte aber nicht nur ideelle Zeichen für Werke, Künstler und Denker ihrer Zeit, sondern stand mit den Personen, denen im Seifersdorfer Tal gedacht wurde, über eine umfangreiche Briefkorrespondenz und Besuche in persönlichem und teils freundschaftlichem Kontakt. Das Wohnhaus der Familie, das Verwalterhaus des Seifersdorfer Ritterguts sowie das Seifersdorfer Tal wurden zwischen 1771 und 1790 von der bürgerlichen Elite sowie von Künstlern aus Dresden, Weimar und Berlin besucht, darunter Christoph Martin Wieland, Theodor Körner, Jean Paul, Caspar David Friedrich, Elisa von der Recke, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und Friedrich Gottlieb Klopstock. Dem Paar von Brühl standen der Weimarer und der Karlsbader Kreis um Johann Wolfgang von Goethe besonders nahe. Ein großer Teil der Staffagen würdigt dementsprechend Freunde, Bekannte und Zeitgenossen aus der Entstehungszeit des Parks wie Herzogin Anna Amalia, Johann Gottfried Herder, den Komponisten und Dresdner Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann, Leopold von Braunschweig, Johann Wolfgang von Goethe u. a. Letzterer sowie Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland unterrichteten während ihrer Anwesenheit in Seifersdorf auch den Sohn Christina von Brühls, Carl von Brühl. Ein großer Teil der Staffagen ist Familienmitgliedern der Brühls gewidmet. Sie vermitteln das Selbstbild der Familie, zeigen ihre Beziehungen untereinander auf und dienen der Rehabilitation des Vaters und Schwiegervaters, des ehemaligen Premierministers Heinrich Graf von Brühl.

Umsetzung Materiell umgesetzt wurden diese Ideen mit kleinen Tempeln, Altären, Hütten aus Holz und Stroh, Ruheplätzen, Pavillons, Grotten und aus Bruchsteinen gemauerten kleinformatigen Häusern. Vielfach wurden den Arrangements Accessoires mit metaphorischer Bedeutung sowie Inschriften, „gemeinsinnige Belehrungen“, beigegeben. Besonders letztere unterstreichen den ideellen Charakter und die Literaturbezogenheit der Anlage. Aufgrund der für adelige Verhältnisse relativ prekären finanziellen Situation der Familie wurden viele der Staffagen aus vergänglichen Materialien wie Holz, Rinde, Stroh gefertigt. Darum ist nur ein Teil der Parkarchitekturen erhalten.

mini|Tempel der Wohltätigkeit

Nutzung des Seifersdorfer Tals Die Staffagen boten in ihrer Gesamtheit – eingebunden in den Naturraum des Seifersdorfer Tales – nicht nur ein zu durchwanderndes Landschaftsbild, sondern auch eine Bühne bzw. einen Aktionsraum für musikalische Darbietungen und Theateraufführungen. Diese fanden im Rahmen von Festen statt, die die Familie Brühl organisierte und finanzierte und an denen Angestellte des Brühlschen Gutes sowie die Bevölkerung der umliegenden Dörfer beteiligt war. Die adlige Familie inszenierte sich dabei in Singspielen als moralisch integer sowie vorbildhaft und stellte unter dem Stichwort Wohlthätigkeit in großem Stil Speisen und Getränke bereit. Dies war besonders beim Altar der Tugend sowie auf der Sänger- oder Festwiese der Fall.Th. Seelig: Führer durch das Seifersdorfer Tal. Meinhold, Dresden 1896 Die Tugend der Wohlthätigkeit war ein weiterer wichtiger Aspekt der sittlichen Wirkung des Naturparks, der gemeinsinnige und karitative Aktivitäten fördern sollte. Sie materialisierte sich im Tempel der Wohlthätigkeit, in dem eine Büchse aufgestellt war, die zu „milden Gaben für die Armen“ aufforderte.

Rezeption Die Resonanz der Zeitgenossen auf dieses Werk der Landschaftsarchitektur variierte von überwältigter Zustimmung bis zu Ablehnung. Dessen zeitgenössische Bewertung war von zwei Diskursen bestimmt. Im männlich dominierten Diskurs über die Gartenkunst musste sich Christina von Brühl nach dem damaligen Geschmack Kritik für ihre Inkonsequenz in der Anwendung von Stilprinzipien gefallen lassen. Als ehemals bürgerliche Neunobilitierte und als Frau versuchte sie, in der absolut männlich dominierten Bildungselite wie auch in der adligen Gesellschaft Anerkennung zu finden. Diese Position polarisierte die Rezeption ihres Werkes und ihrer Person unter ihren Zeitgenossen.

Nach dem Tod ihres Mannes 1811 verließ Christina von Brühl das Schloss Seifersdorf und lebte bis zu ihrem Tod 1816 in Berlin. Einzelne Staffagen wurden erst nach dieser Zeit errichtet, so Den freundlichen Pflegern des Tales, die ihr Sohn Carl seiner Frau Johanna (geb. von Pourtalès) widmete. Zu dieser Zeit lebte Carl von Brühl in Berlin und arbeitete als Intendant der königlichen Schauspiele in Berlin, seit 1829 als Generalintendant der Museen in Berlin – er war also nicht mehr ständig in Seifersdorf präsent. Im Jahr 1837 verstarb er. In den folgenden 45 Jahren geriet das Seifersdorfer Tal in Vergessenheit.