Das mit 1060 ha größte hamburgische Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen liegt im Südosten Hamburgs in den Stadtteilen Kirchwerder und Neuengamme innerhalb der Vierlande. Der südliche Hauptteil liegt zwischen Gose Elbe und Stromelbe und der kleinere, nördliche Teil zwischen der Gose Elbe und der Dove Elbe.Verordnung über das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen Vom 24. August 1993. Webseite der Hamburger Justiz. Abgerufen am 16. Februar 2013. mini|Kirchwerder Wiesen westlich vom Gleisdreieck Die Kirchwerder Wiesen stellen eine weiträumige, weitestgehend offene Kulturlandschaft dar, die geprägt ist durch extensiv genutztes, feuchtes bis nasses Marschgrünland mit einem engmaschigen Netz aus artenreichen, naturschutzfachlich wertvollen Gräben. Diese Kulturlandschaft ist Lebensraum für seltene Wiesen-, Sumpf- und Wasserpflanzen sowie für zahlreiche seltene oder gefährdete Tierarten wie bodenbrütende Wiesenvögel, Amphibien, Libellen und Fische. Das Gebiet wird vom Naturschutzbund Deutschland betreut.

Schutzstatus Nach der ersten flächendeckenden Erfassung und Bewertung der Lebensräume der Vier- und Marschlande im Rahmen der landesweiten Biotopkartierung wurde Mitte der 1980er Jahre die herausragende Wertigkeit der Kirchwerder Wiesen und deren Schutzbedürftigkeit deutlichMartens, J., Gilland, L. & H. Kurz (1985): Konzept zur Pflege und Entwicklung schützenswerter Biotope der Vier- und Marschlande. Naturschutz und Landschaftspflege in Hamburg. Schriftenreihe der Umweltbehörde Heft 11. Hamburg. Über die Schutzgebietsausweisung entstand mit den Eigentümern, landwirtschaftlichen Betrieben, Jägern, Anglern und deren Verbänden eine rege Kontroverse. Damit in der Zeit des Verfahrens zur Schutzgebietsausweisung keine den beabsichtigten Schutzzielen entgegenwirkenden Aktivitäten (z. B. Umbruch von Grünland) möglich waren, erließ der Senat am 16. Juni 1992 eine Verordnung zur Sicherung des künftigen Naturschutzgebietes Kirchwerder Wiesen. Nach Diskussionen mit Betroffenen, den politischen Gremien und einer öffentlichen Auslegung beschloss der Senat am 24. August 1993 die Naturschutzgebietsverordnung. Die rechtlichen Auseinandersetzungen über die Schutzgebietsausweisung wurden bis zum Hamburgischen Oberverwaltungsgericht geführt, welches 2005 die Rechtmäßigkeit der Verordnung bestätigte.

Am 22. Dezember 1999 erfolgte gemäß Richtlinie 92/43/EWG eine Benennung als FFH-Gebiet. Damit ist es als Natura-2000-Gebiet Bestandteil des europaweiten Schutzgebietssystems. Die Grenzen des FFH-Gebietes Kirchwerder Wiesen umfassen alle als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Flächen. Das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen beinhaltet nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie die Lebensraumtypen mini|Magere Flachland-Mähwiese.

(LRT 3150) Natürliche eutrophe Seen, (LRT 3260) Flüsse der planaren bis montanen Stufe, (LRT 6430) Feuchte Hochstaudenfluren der planaren bis montanen Stufe, (LRT 6510) Magere Flachland-Mähwiese, (LRT 7140) Übergangs- und Schwingrasenmoore.

Für das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen sind fünf Tierarten als Erhaltungsziel nach Anhang II der FFH-Richtlinie gemeldet: Steinbeißer, Schlammpeitzger, Bitterling, Rapfen und Zierliche Tellerschnecke.

Mit Verordnung vom 4. Februar 2025 hat der Senat das Schutzgebiet um 203 ha auf 1060 ha erweitertVierte Verordnung zur Änderung von Verordnungen über Naturschutzgebiete; HmbGVBl. Nr. 8; S. 222 – 225 vom 14. Februar 2025. Die Erweiterungsfläche in Neuengamme (nördlicher Teil des Naturschutzgebietes) repräsentiert im Bereich der Gose-Elbe einen landschafts- und kulturhistorisch bedeutsamen Ausschnitt der Flussaue einer ehemaligen Nebenelbe.mini|Gose Elbe im Bereich des NaturschutzgebietesZeugnisse hiervon sind alte Deiche und durch mittelalterliche Deichdurchbrüche entstandene Bracks. Zentrales Element dieses wertvollen Landschaftsraums ist die sehr naturnahe, wasserpflanzenreiche Gose-Elbe. Die angrenzende Niederung beherbergt das zweitgrößte Vorkommen der Schachbrettblume in Hamburg (ca. 8.000 Individuen), einer typischen Art auf Feucht- und Nasswiesen im Überschwemmungsbereich von Flüssen. Bei den Erweiterungsflächen südlich der Straße Neuengammer Hausdeich handelt es sich um extensiv genutztes Grünland, eingestreut liegen wertvolle Flächen mit Nassgrünland und Gehölzen feuchter Standorte. Hier finden sich Bestände der schutzwürdigen und seltenen Trauben-Trespe und des Hain-Gilbweiderichs. Dieser Erweiterungsbereich wird vom naturnahen Neuengammer Durchstich durchzogen, der mit seinem dichten, uferbegleitenden Gehölzbestand einen Lebensraum für den Biber darstellt. Für das Erweiterungsgebiet des Naturschutzgebietes in Kirchwerder sind im Westen artenreiche Feucht- und Nasswiesen mit Beständen der Kuckucks-Lichtnelke und des Sumpf-Haarstrangs prägend.mini|Beetgraben mit Gewöhnlichem Blutweiderich östlich vom Gleisdreieck Im südlichen, kleinteilig strukturierten Erweiterungsbereich finden sich eingestreut arten- und blütenreiche Wiesen, die in ihrer Ausprägung dem Lebensraumtyp Magere Flachland-Mähwiese der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie zugeordnet werden können. Die südöstlichen Erweiterungsflächen beim Gleisdreieck und Marschbahndamm zeichnen sich durch altes, artenreiches, extensiv genutztes Grünland mit einem gut ausgebildeten, wertvollen Beetgraben-Relief mit gefährdeten Pflanzenarten aus. Hier finden sich Bestände des seltenen Klappertopfs, des Moor-Labkrauts, und in den Gräben Froschbiss und Krebsschere.

Nutzungsgeschichte Die Kirchwerder Wiesen wurden als Teil der Vier- und Marschlande wahrscheinlich bis zum 12. Jahrhundert vom Menschen hauptsächlich von der Geest aus genutzt. Das Gebiet lag im Einfluss von Gezeiten und Hochwasser sowie erheblichen langfristigen Schwankungen des Wasserstandes. Dies ermöglichte keine langfristige Besiedlung. Ausgedehnte Bruch- und Auewälder, Röhrichte sowie Moore am Rand zur Geest prägten die Landschaft. Die deutliche Meeresspiegelabsenkung von 850 bis 1100 ermöglichte im gesamten norddeutschen Raum eine Besiedlung der Marschen. Dem wieder einsetzenden Meeresspiegelanstieg wurde durch den einsetzenden Deichbau begegnet.Behre, Karl-Ernst (2008): Die Schwankungen des mittleren Tidehochwassers an der deutschen Nordseeküste in den letzten 3000 Jahren nach archäologischen Daten in G. Schernewski und T. Dolch (Hrsg.): Geographie der Meere und Küsten, Coastline Reports 1 (2004) S. 1–7, Die Eindeichung Kirchwerders erfolgte zwischen 1212 und 1220 und war die Voraussetzung für die Nutzbarmachung des GebietesAschenberg, Heinz und Gerhard Kroker (1992): Sturmfluten und Hochwasserschutz in Hamburg. Ein Abriß der Geschichte des Deichbaus und der Binnenentwässerung im Stromspaltungsgebiet der Elbe, Baubehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, S. 64. Um die grundwassernahen Böden landwirtschaftlich nutzen zu können, wurde ein komplexes Grabensystem geschaffen. Für eine möglichst gleichmäßige Verteilung von Bodenverhältnissen und anteiliger Deichunterhaltung wurde das Land für die einzelnen Höfe in 40 Morgen große Marschhufen, verhältnismäßig schmale und sehr lange Streifenfluren eingeteilt, die sich vom Deich bis zum Hinterdeich erstreckten. Diese heute noch in den Kirchwerder Wiesen weitgehend erhaltene Siedlungsform, die Deiche und das Grabensystem als bestimmendes Landschaftsmerkmal, bieten ein anschauliches Bild der über 800 Jahre zurückliegenden Marschenkultivierung. Das eigentliche Beet-Grabensystem wurde bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nur unwesentlich verändert. Die Entwässerung erfolgte in den ersten Jahrhunderten nur über Schleusen und Siele. Zu Beginn der Eindeichung lag das Land 0,5 bis 1 Meter höher als die heutige Oberfläche und damit ungefähr einen Meter über dem Mittelhochwasser der Elbe, deren Hauptstrom damals die Gose Elbe bildete. Die Kultivierung hatte auch einige unerwünschte Folgen: Durch die Entwässerung wurde dem Boden Wasser entzogen, der daraufhin mit Sackungen reagierte. Durch die zunehmende Eindeichung und Waldrodung im Hochmittelalter mit Bodenerosion lagerte sich immer mehr Schlick und Sand im Vorland der Deiche abKüster, Hansjörg (1999): Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. C.H Beck Verlag. München 424 S. ISBN 3 406 453570. Die Geländehöhen binnendeichs liegen heute im Osten des Gebietes bei 0,80 bis 1,00 mNN und steigen Richtung Osten auf 1,60 bis 2,10 mNN. Ohne die heute vorhandenen Elbdeiche würde die Landschaft täglich bei Tidehochwasser bis zu 1,60 m unter Wasser stehen, da das mittlere Tide-Hochwasser in Zollenspieker bei 2,44 mNN liegt (1974–2005). Das Entwässerungssystem funktionierte in den vergangenen Jahrhunderten bei längerem Hochwasser der Elbe, starken Niederschlägen oder bei Windstille nur ungenügend, so dass gerade die tiefer liegenden Bereiche (namengebend hierfür die Flurbezeichnung Seefeld in Kirchwerder) oft wochenlang überschwemmt warenSchwoon, C. (1926): Die Ent- und Bewässerung der hamburgischen Marschniederungen. Die Bautechnik. Heft 53:1-23. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wurden windgetriebene Schöpfmühlen eingesetzt, die in die Gose Elbe förderten. Dies bewirkte eine deutliche Ausdehnung der gartenbaulichen Nutzung und eine Umwandlung von Wiesen und Weiden zu Ackerland. Durch das Bevölkerungswachstum Hamburgs und neue Absatzmärkte verdoppelte sich zwischen 1895 und 1936 die Gartenbaufläche und umfasste 30 % der landwirtschaftlich genutzten FlächeKundt, Hildegard (1938): Die Vierlande. Entwicklung ihres Landschaftsbildes in Verbindung mit der Wirtschaft. Dissertation Hansische Universität Hamburg, Schriftenreihe der Hansischen Gilde, Band 9, 71 S.. In den 1960er und 1970er Jahren begann die Rückentwicklung der Gartenbauflächen zu landwirtschaftlichen Nutzungen. mini|Beseitigung von Obstbäumen in den Kirchwerder Wiesen. Obstbaumkulturen nahmen zeitweise einen erheblichen Flächen- und Wertschöpfungsanteil ein. Die Obstbaumzählung 1900 ergab für die gesamten Vierlande einen Bestand von 2.100 Bäumen auf 100 ha, wobei der Schwerpunkt mit 43 % des Gesamtbestandes in Kirchwerder lag. Im Alten Land wurde damals eine Dichte von 7.900 Bäumen auf 100 ha erreicht.Röhr, Johannes (1907): Die Entwicklung der Landwirtschaft in den Vierlanden bei Hamburg, eine betriebswirtschaftliche Studie über den Einfluß des Absatzes auf die Betriebsorganisation. Dissertation an der Großherzoglich hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen. 71 S. Im Jahre 1900 wurden in Kirchwerder 64.921 Obstbäume gezählt, 1913 deutlich mehr mit 75.416 Stück. Ab den 1950er Jahren ging der Bestand erheblich zurück. Landwirtschaftliche Statistikerhebungen zeigen, dass abweichend von anderen Marschlandschaften ein Großteil der Vier- und Marschlande einschließlich des heutigen Naturschutzgebietes bis ins 20. Jahrhundert überwiegend ackerbaulich genutzt wurde, wobei dieser Anteil aufgrund von Witterungsverhältnissen und Absatzmöglichkeiten für Produkte langfristig erheblich schwankte. Die damalige Landschaft mit ihrer neunjährigen Fruchtfolge im Ackerland beinhaltete im ersten Jahr die Brache und im 8. und 9. Jahr die Weide, wobei Abweichungen auf niedrigen, der Überschwemmung ausgesetzten Böden ohne Wintergetreideanbau und einem fünfzigprozentigen Weideanteil nicht unüblich waren. Zwischen 1883 und 1904 lag der Anteil der Ackerweiden recht gleich bleibend bei 30 % der AnbauflächeSköllin, Helmut (1920): Die Siedlungsmöglichkeiten im hamburgischen Marschgebiet. Auf Grund einer Spezialaufnahme der Landherrenschaften über den landwirtschaftlichen Anbau in den Marsch- und Vierlanden. Statistische Mitteilungen über den hamburgischen Staat Nr. 9, Otto Meissner Verlag, Hamburg. Die damalige Landschaft mit dem hohen Ackeranteil ist nicht mit heutigen Nutzungsintensitäten in dieser Kulturart zu vergleichen.

Gewässer und ihre Entstehungsgeschichte Neben dem Grabensystem, der Gose Elbe und einem Brack an der Gose Elbe befinden sich im Schutzgebiet mit den Seefelder Teichen und dem Hower See zwei größere Stillgewässerkomplexe. mini|Südlicher Kirchwerder Sammelgraben.