Hermann Graf von Neuenahr (Nuenar, a Nvenare, de Nova Aquila, ist der „Aar“ (Adler). Neaëtius) (* 1492;Verschiedentlich wird, wohl unrichtig, 1482 als Geburtsjahr angegeben. Nach seinem (um 1562 gesetzten; s. u.) Epitaph starb er im 39. Lebensjahr stehend („… qui annum agens nonum & trigesimum“). † 20. Oktober 1530 in Augsburg) war ein deutscher humanistischer Theologe, Staatsmann, Naturwissenschaftler und erzbischöflicher Kanzler der alten Universität Köln. mini|Skulptur des Hermann Graf von Neuenahr am Kölner Rathausturm (von Karl-Josef Dierkes)|150px Hermann von Neuenahr entstammte einer politisch einflussreichen Familie am Niederrhein. Diplomatische Missionen für das Erzstift Köln führten ihn bis nach Italien und Spanien. In der Reichspolitik unterstützte er die kaiserlich-habsburgische Position gegen französische und päpstliche Interessen. Er galt als einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit und verfügte über weitreichende Kontakte zu erasmisch und reformatorisch gesinnten Humanisten. In der Auseinandersetzung mit scholastischen Gegnern verwandte er neben sorgfältiger Argumentation auch Spott und Ironie. Graf Hermann sammelte und veröffentlichte antike und mittelalterliche Handschriften aus Klosterbibliotheken und betätigte sich auch selbst literarisch. Seine Forschungsinteressen lagen auf historischen, theologischen und medizinisch-pharmazeutischen Gebieten. Als Kölner Dompropst setzte er sich für eine Öffnung der Universität Köln gegenüber neuen, humanistischen Strömungen ein, konnte sich allerdings nur bedingt gegen konservative Kräfte durchsetzen.
Leben Hermann von Neuenahr war der Sohn von Wilhelm I. Graf von Neuenahr (* um 1447; † 1497),Hermann von dem Busche: De illustris et Generosi nouaquilae Comitis Guilhelmi obitu, ad Hermannum et Guilhelmum filios … hendecasyllabi, Köln: Nikolaus Caesar o. J. . Herr zu Bedburg, und (⚭ 1484) Gräfin Walburga von Manderscheid (* 1468; † 1530/35), Herrin zu Schleiden.Ahnenproben vom 18. April 1505; Historisches Archiv der Stadt Köln (Best. 210 (Domstift), U 1/1933 und 1934). Seine Mutter heiratete 1502 in zweiter Ehe Frederik van Egmond (um 1440–1521), Graf zu Büren und Leerdam, Sohn von Graf Wilhelm van Egmond (1412–1483), Herr von IJsselstein und Statthalter von Geldern, und dessen Frau Walburga von Moers (um 1415–um 1459).
Hermanns Schwester Anna von Neuenahr (um 1490–1535) war verheiratet (⚭ um 1508) mit Walraven II. van Brederode (1462–1531), Herr von Vianen und Ameide, Burggraf von Utrecht. Hermanns Bruder Graf Wilhelm II. von Neuenahr (1485/87–1552)Zu ihm vgl. Nicole Kuropka: Wilhelm von Neuenahr († 1553). Ein vergessener Botschafter der Reformation. In: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 52 (2003), S. 49–65. war verheiratet mit der Erbtochter der Grafschaft Moers, Gräfin Anna von Wied (um 1500–1528), einer Nichte des späteren Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Hermann V. von Wied (1477–1552). Wilhelm II. war der Vater von Graf Hermann von Neuenahr und Moers dem Jüngeren (1520–1578).
Floris van Egmond (1469–1539), habsburgischer Statthalter der Herrschaft Friesland, war Hermanns Stiefbruder. Aus einer außerehelichen Beziehung seines Vaters stammte die Halbschwester Agnes, verheiratet mit Wilhelm Deutz genannt van der Kulen. Johann IX. von Hoorn († 1506), seit 1482 Bischof von Lüttich, war Hermanns Großonkel, Konrad IV. von Rietberg († 1508), Bischof von Osnabrück und Münster, sein Cousin.
Vorfahren des Hermann von Neuenahr UrgroßelternGumprecht I. von Neuenahr-Rösberg (* um 1370; † 1409/13), Herr zu Alpen ⚭ 1398/99 Philippa Gräfin von Loon (* um 1370; † um 1410 bzw. vor 1429), Herrin von Heinsberg,Philippa von Heinsberg heiratete I. Gerhard von Tomberg-Landskron († 1398/99). aus dem Haus SponheimWilhelm I. Graf von Limburg (1385–1459), Herr zu Broich ⚭ 1403 Mathilde (Mezza) von Reifferscheidt († 1437), Herrin von Bedburg und HackenbroichDietrich III. von Manderscheid (* um 1420; † 1498), Herr zu Jünkerath, ab 1457 Reichsgraf ⚭ 1443 Elisabeth Gräfin von Blankenheim († nach 1469), Herrin zu Schleiden, Gerolstein, Kasselburg und NeuensteinElisabeth heiratete I. 1415 (verlobt 1399 und 1411) Wilhelm von Loen.Jakob I. Herr zu Horn und Altena (* um 1410; † 1488), ab 1450 Reichsgraf ⚭ Johanna Gräfin von Moers und Saarwerden (* um 1412; † 1461)GroßelternGumprecht II. von Neuenahr (* um 1400; † 1484), Erbvogt zu Köln, Herr zu Alpen, ab 1442 Graf ⚭ 1425 Margareta Gräfin von Limburg (* 1406; † um 1459Vgl. Historisches Archiv der Stadt Köln (Best. 250 Mariengarten, U 1/76).), Herrin zu Bedburg und HackenbroichKuno (Konrad) I. Graf von Manderscheid (* um 1444; † 1489), Herr zu Schleiden, Neuenstein und KasselburgKuno I. von Manderscheid heiratete II. 1476 Mechthild von Virneburg († nach 1506), Herrin von Kronenburg und Neuerburg, Tochter von Graf Wilhelm von Virneburg († vor 1469), Herr zu Falkenstein, und (⚭ 1446) Françoise (Franziska) von Rodemachern († 1483). ⚭ 1459 Walpurga Gräfin von Horn (* um 1443; † 1476), Herrin von AltenaElternWilhelm I. Graf von Neuenahr (* um 1447; † 1497), Herr zu Bedburg ⚭ 1484 Walburga Gräfin von Manderscheid (* 1468; † 1530/35), Herrin zu SchleidenWalburga von Manderscheid heiratete II. 1502 Friedrich von Egmond, Graf zu Büren und Leerdam (1440–1521), der zuvor (⚭ I. 1464) mit Aleida von Culemburg († 1471) verheiratet gewesen war. Hermann Graf von Neuenahr (1492–1530)
Hermann von Neuenahr wuchs in Köln auf. Der alte „Neuenahrer Hof“ (im 17. Jh. niedergelegt, Treppenturm in der Kirche St. Maria in der Kupfergasse erhalten), das Hofgut der Familie, stand an der Ecke Langgasse (heute: Neven-DuMont-Straße) / Schwalbengasse-Kupfergasse. Im Alter von drei Jahren erhielt Hermann von Neuenahr 1495Wilhelm Kisky: Die Domkapitel der geistlichen Kurfürsten in ihrer persönlichen Zusammensetzung im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert (Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit 1/3), Weimar: H. Böhlaus Nachfolger 1906, S. 36 und 67f. eine Domizellar-Präbende (Pfründe) am Kölner Domkapitel, 1500 besaß er auch ein Kanonikat an der Kathedrale St. Lambert in Lüttich, wo sein Großonkel als Bischof residierte, und hatte die Pfarr-Pfründe zu Hochemmerich inne. Er war zudem Kanoniker an St. Gereon in Köln und am Marienstift zu Aachen. Hermann von Neuenahr, dessen Vater starb, als er etwa fünf Jahre alt war, wurde bei einem Verwandten, dem Kölner Domherren Graf Simon von Spiegelberg (vor 1475–1524),Nach älterer Literatur (Hermann Hamelmann: Oratio de Rodolpho Langio (1580). In: Opera genealogico-historica de Westphalia & Saxonia inferiori. Heinrich Wilhelm Meyer, Lemgo 1711, S. 262f (Google-Books) u. a.) war Erzieher Hermanns der Kölner Domherr und Propst von Emmerich Moritz Graf von Spiegelberg (1406/07-1483), Freund und Reisegefährte des Humanisten Rudolf von Langen (um 1438–1519), der jedoch schon am 3. Juni 1483 starb; vgl. Wilhelm Kisky: Die Domkapitel der geistlichen Kurfürsten in ihrer persönlichen Zusammensetzung im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert (Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit 1/3), Weimar: H. Böhlaus Nachfolger 1906, S. 82. Ein Bruder Mauricius († nach 1508) des Simon von Spiegelberg wird 1508 als Domherr erwähnt, er nahm aber offenbar seine Präsenzpflicht in Köln nicht wahr; vgl. Historisches Archiv der Stadt Köln (Best. 210 (Domstift), U 1/1953). erzogen. Sein Erzieher („Institutor“) war der Humanist Petrus Pherndorphius (auch: Peter Segenensis; * vor 1480; † vor 1547).Vgl. Konrad Heresbach: De Educandis Erudiendisque Principum Liberis, Frankfurt am Main 1592, S. 36; Carl Krafft (Bearb.): Mitteilungen aus der niederrheinischen Reformationsgeschichte. In: Zeitschrift des bergischen Geschichtsvereins 6 (1869), S. 193–340, bes. S. 216f (Google-Books).
Studium in Köln und Italien Am 14. November 1504 immatrikulierte er sich als „domic[ellarius] Herm[annus] de Nuwenaro, can[onicus] maioris eccl[esiae]“ an der Kölner Universität.Matrikel Köln, 14. November 1504: „… pro univ[ersitate] et rectore n[il], quia nob[ilis], dedit bed[ellis] Hornensem (=Domherr Hermann von Neuenahr, Kanoniker der Kathedrale, [hat] für die Universität und den Rektor nichts [gegeben], weil er ja ein Edelmann ist, er hat den Pedellen einen Hoornsgulden gegeben).“; Zusatz des 16. Jahrhunderts: postea prep[ositus] eccl[esiae] Col[oniensis] (=später Propst der Kölner Kirche). Der Hoornsgulden war nach seinem Onkel Bischof Johann IX. von Hoorn benannt. Zu seinen universitären Lehrern gehörte unter anderem Jacobus Magdalius von Gouda († 1520).Vgl. Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd. III. 2. Aufl. Saur, München 2006, S. 303. miniatur|Giovanni di Pietro Falloppi: Fresko Rückreise der Heiligen Drei Könige in der Cappella dei Re Magi der Basilika San Petronio, Bologna, um 1410|links|250px 1508 bis 1510 unternahm Hermann von Neuenahr im Gefolge einer nach Rom reisenden Gesandtschaft des Kölner Erzbischofs Philipp II. von Daun (1463–1515) eine ausgedehnte Studienreise nach Italien.Vgl. Theodor Joseph Lacomblet: Reise der erzbischöflichen Oratores nach Rom im Jahr 1508 zur Erwirkung der Wahlbestätigung und des Palliums. In: Archiv für die Geschichte des Niederrheins 2 (1857), S. 191–202 (Google-Books). Beim Aufbruch in Köln am 12. Dezember 1508 wurde er von seinem Präzeptor (Lehrer), dem Humanisten Johannes Caesarius, begleitet. Die Reiseroute führte über Bonn, Koblenz, Remagen, Niederheimbach, Oberwesel, Bingen, Mainz, Oppenheim, Worms, Oggersheim, über den Rhein nach Rheinhausen (Huysen), Bruchsal (Brosel), Vaihingen (Phayngen), Esslingen, Göppingen, Ulm, Kempten, Schloss Erenstein (verlesen „Kronstein“) bei Reutte, folgte dann der Via Claudia Augusta über den Fernpass, Nassereith, Landeck, Pfunds (Fentz), den Reschenpass, Schlanders, Meran, Tramin, Trient, Calliano, Borghetto sull'Adige, die Chiusa Veneta (Venedier Kluse) bei Ceraino, Verona, Isola della Scala (Alaschala) und Ostiglia am Po. Neuenahr und Caesarius trennten sich am 13. Januar 1509 in Bologna von der Reisegruppe, immatrikulieren sich an der dortigen UniversitätVgl. Gustav C. Knod: Deutsche Studenten in Bologna (1289-1562). R. von Decker / G. Schenk, Berlin 1899, Nr. 2535, S. 371 (Digitalisat im Internet Archive). und studierten intensiv Griechisch. Bei einem Besuch in Ferrara lernte Hermann den Humanisten und Mediziner Niccolò Leoniceno (1428–1524) kennen.Vgl. Brief an Johannes Schott vom 16. Dezember 1529. Famulus von Hermann von Neuenahr in Bologna war Magister Gerhard von Enschringen (* vor 1490; † zwischen 1560 und 1572),Aus Trier, Matrikel Köln 3. Oktober 1506, 1507 Baccalauréat in Trier, 1508 Magister in Köln, ab 1532 als kurtrierischer Fiskal und Universitätskanzler bezeugt, verheiratet mit Irmgard von Rolingen, Bruder des kurtrierischen Kanzlers Johann von Enschringen (um 1480–1543) und des Dekans Lic. Nikolaus von Enschringen (* um 1485; † 1562).Gustav C. Knod: Deutsche Studenten in Bologna (1289-1562). R. von Decker / G. Schenk, Berlin 1899, Nr. 794, S. 115: „1509. Gerhardus Enschrynghen, famulus d. Hermanni de Newenare“. sein späterer Sekretär und Kaplan.Vgl. Peter G. Bietenholz, Thomas Brian Deutscher (Hrsg.): Gerhard von Enschringen. In: Contemporaries of Erasmus. A biographical register of the Renaissance and Reformation. Band I, A-E. University of Toronto Press, Toronto, Buffalo, London 1985, S. 433 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau); Brief von Johannes Reuchlin an Willibald Pirckheimer vom 5. April 1518. In: Matthias Dall'Asta, Georg Burkard (Hrsg.): Johannes Reuchlin. Briefwechsel, 1518–1522. Holzboog, Stuttgart 2011, Bd. IV, S. 49–51, bes. S. 50f.
Humanistenkreise