mini|Bronzemünze (Pruta) des Johannes Hyrkanos I.Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett: Johannes Hyrkanos I. (, ) war ein Ethnarch und Jerusalemer Hohepriester aus der Dynastie der Hasmonäer, der von 135 bis 104 v. Chr. in Judäa regierte.

Seine Eltern und Brüder fielen einem Anschlag zum Opfer, dem Hyrkanos entging. In der Anfangsphase seiner Herrschaft wurde er vom Seleukidenkönig Antiochos VII. in Jerusalem belagert, erreichte jedoch durch Verhandlungen relativ günstige Übergabebedingungen. Er nahm am Partherkrieg des Antiochos mit einem eigenen Kontingent teil. Nachdem Antiochos 129 v. Chr. während des Feldzugs gestorben war, folgte für das Seleukidenreich eine Zeit der Instabilität, geprägt durch Machtkämpfe mehrerer Thronanwärter. Dies ermöglichte Johannes Hyrkanos eine selbstständige Politik. Durch Eroberungskriege vergrößerte er das Territorium Judäas. Er zwang die Idumäer, das Judentum anzunehmen, und zerstörte das Heiligtum der Samaritaner auf dem Berg Garizim. Die Prägung eigener Münzen verdeutlicht die Unabhängigkeit Judäas. Sowohl die Eroberung von Idumäa und Samarien als auch die Münzprägung werden in die späten Regierungsjahre des Johannes Hyrkanos datiert.

Name mini|Inschrift , Ostrakon aus Jerusalem Der Name Hyrkanos wurde ursprünglich als Beiname von Judäern getragen, deren Vorfahren aus der jüdischen Diaspora am Kaspischen Meer (Hyrkanien) stammten – so Klaus Bringmann. Er kommt bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. innerhalb der Tobiadenfamilie vor.

Michael Tilly dagegen meint, dass Johannes den Beinamen Hyrkanos annahm, nachdem er militärische Erfolge in Hyrkanien erzielt hatte.Michael Tilly: 1 Makkabäer (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament). Herder, Freiburg im Breisgau 2015, S. 273. Dazu hatte er während des Partherfeldzugs unter Antiochos VII. Gelegenheit. Diese Interpretation des Namens geht auf einen Vorschlag des Eusebius von Caesarea zurück. Sie kann aber nicht erklären, warum Hyrkanos bereits früher als jüdischer Personenname bezeugt ist.Jonathan A. Goldstein: The Hasmonean Revolt and the Hasmonean Dynasty. In: The Cambridge History of Judaism. Band 2: The Hellenistic Age. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 292–351, hier S. 324. Zur Diskussion vgl. Daniel A. Machiela: A Brief History of the Second Temple Period Name “Hyrcanus”. In: Journal of Jewish Studies. Band 61 (2010), S. 117–138 (academia.edu). Bei Ausgrabungen in Jerusalem (Giv'ati Parking Lot) wurde 2015 ein Fragment einer Schüssel aus Kalkstein entdeckt, die den hebräischen Schriftzug „Hurqanôs“ trägt (Foto), was als Beleg dafür gewertet wird, dass der Name damals üblich war.Israel Antiquities Authority: A Stone Bowl Engraved with a Rare Hebrew Inscription – “Hyrcanus” – Dating to the Hasmonean Period was Discovered. In: antiquities.org.il, abgerufen am 13. Oktober 2024.

Familiärer Hintergrund Johannes Hyrkanos war der dritte Sohn des Simon Makkabäus. Unter Simons Herrschaft wurde Judäa de facto zu einem unabhängigen Staat. Der Seleukidenherrscher Demetrios II. erkannte Simon als Hohepriester an, gewährte ihm Steuerfreiheit und das Recht, Festungen zu besitzen. Obwohl er diesen Titel nicht führte, regierte Simon ab 141 v. Chr. wie ein König.Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage, Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 186 f. Zu Lebzeiten seines Vaters war Johannes Hyrkanos der Oberbefehlshaber der Armee. Er residierte in Geser. Zu archäologischen Befunden der Hasmonäerzeit auf dem Tell Gezer vgl. Joe D. Seger: The Search for Maccabean Gezer. In: The Biblical Archaeologist. Band 39/4 (1976), S. 142–144. und besiegte eine seleukidische Armee unter dem Epistrategen Kendebaios in einer Schlacht nahe Azotos.Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 117. Vgl. . Diese Schlacht datiert Kay Ehling auf Herbst 137 bis Frühjahr 136 v. Chr., da die Erwähnung eines „reißenden Gebirgsbachs“ in ein Hinweis auf die winterlichen Regenfälle sein kann.Kay Ehling: Probleme der seleukidischen Chronologie und Geschichte der Jahre zwischen 139 und 131 v. Chr. In: Ulrike Peter (Hrsg.): Stephanos nomismatikos. Edith Schönert-Geiss zum 65. Geburtstag (Griechisches Münzwerk). Akademie, Berlin 1998, S. 227–254, hier S. 235 f.

Hyrkanos war von seinem Vater nicht als Nachfolger vorgesehen worden; er kam in diese Position, weil er überlebte, als fast die ganze Familie im Januar/Februar 135 einem Anschlag zum Opfer fiel:Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond. London u. a. 2016, S. 49. Ptolemaios, der Sohn des Abubos, war Simons Schwiegersohn und Strategos in der Gegend von Jericho. Wahrscheinlich waren die Abubiden eine regionale Dynastenfamilie, die das Jordantal kontrollierte, und darin mit den Hasmonäern, die Jerusalem regierten, aus seleukidischer Sicht ebenbürtig. Die Existenz solcher halbautonomer regionaler Akteure dokumentiert die Schwäche der seleukidischen Zentralregierung. Für die Angehörigen dieser Familien war es naheliegend, sich durch Heiraten zu verbinden, um nötigenfalls gegenüber seleukidischen Forderungen gemeinsam auftreten zu können.Benedikt Eckhardt: The Hasmoneans and their Rivals in Seleucid and Post-Seleucid Judea. In: Journal for the Study of Judaism in the Persian, Hellenistic, and Roman Period. Band 47/1 (2016), S. 55–70, hier S. 62–65. Der Abubide Ptolemaios lud seinen Schwiegervater Simon und dessen Söhne Mattathias und Judas zu einem Bankett in die Festung Dok ein. Anschließend ließ er sie ermorden. Ptolemaios schickte seine Leute nach Geser, um auch den dritten Sohn Johannes Hyrkanos zu beseitigen, aber dieser wurde rechtzeitig gewarnt.. Er begab sich sofort nach Jerusalem und brachte die Stadt unter seine Kontrolle. Als Ptolemaios versuchte, Jerusalem und den Tempelberg zu besetzen, erhielt er von der Bevölkerung keinen Einlass in die Stadt.; Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13, 229: . Dan Barag und Benedikt Eckhardt halten es für möglich, dass der Anschlag auf Weisung des Seleukidenkönigs Antiochos VII. erfolgte. Dieser war ein tatkräftigerer Herrscher als seine Vorgänger, dem möglicherweise die Amtsführung Simons in Jerusalem zu eigenständig erschien.Benedikt Eckhardt: Ethnos und Herrschaft. Politische Figuationen judäischer Identität von Antiochos III. bis Herodes I. De Gruyter, Berlin / Boston 2013, S. 183.

Regierungszeit Johannes Hyrkanos folgte seinem Vater als Ethnarch von Judäa und im Amt des Hohepriesters. Gleich nachdem er seine Ämter in Jerusalem angetreten hatte, belagerte er Ptolemaios in der Festung Dok, um die Ermordung seines Vaters zu rächen.Vgl. aber Jonathan A. Goldstein: The Hasmonean Revolt and the Hasmonean Dynasty. In: The Cambridge History of Judaism. Band 2: The Hellenistic Age. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 292–351, hier S. 322: Hyrkanos musste sich zunächst mit Antiochios VII. auseinandersetzen und schob die Belagerung von Dok und die Bestrafung des Ptolemaios daher auf. Ptolemaios hielt aber die Mutter und die Brüder des Hyrkanos gefangen (die also noch lebten: hier weicht Josephus von 1. Makkabäer ab), ließ sie misshandeln und besaß dadurch ein Druckmittel; so zog sich die Belagerung in die Länge. Josephus zufolge zeigte die Mutter des Hyrkanos bei diesen Misshandlungen besondere Tapferkeit, während Hyrkanos selbst als Zauderer in keinem günstigen Licht erscheint.Erich S. Gruen: The Hasmoneans in Josephus. In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus (= Blackwell Companions to the Ancient World). Wiley & Sons, Chichester 2016, S. 220–234, hier S. 230. Vgl. Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 1,57 ff.; Jüdische Altertümer 13,230–235. Schließlich brach Hyrkanos die Belagerung von Dok ab, laut Josephus aus dem Grund, dass ein Sabbatjahr begonnen hatte (Oktober 135 bis Oktober 134 v. Chr.). Historisch wahrscheinlicher ist, dass Hyrkanos abzog, weil er die Nachricht erhalten hatte, eine seleukidische Armee sei in Judäa eingetroffen.Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond. London u. a. 2016, S. 55. Ptolemaios ließ seine Geiseln töten und floh zu Zeno Kotylas, dem Herrscher von Philadelphia. Für die Morde an Simon und seiner Familie wurde Ptolemaios, soweit bekannt, nie zur Rechenschaft gezogen.

Seleukidische Belagerung Jerusalems