mini|hochkant=1.2|Horst Streckenbach, genannt Tattoo Samy, 1979

Horst Streckenbach (* 5. August 1925 in Weißwasser/Oberlausitz als Helmut Horst Streckenbach;Standesbeamtin der Großen Kreisstadt Weißwasser/O.L., Referat Soziales und Ordnung, Standesamt, Marktplatz, 02943 Weißwasser/O.L. † 29. Juni 2001 in Frankfurt am Main), genannt „Tattoo Samy“, war ein deutscher Tätowierer und Piercer. „Samy“ Streckenbach gilt als bedeutend für die Entwicklung des Tätowierens in Deutschland. Von ihm ging die Benutzung von Autoklaven in Deutschland beim Tätowieren aus; er war der erste Tätowierer, der bereits 1976 im medizinischen Bereich arbeitete und nach einer Mammakarzinom-Operation eine Mamillenrekonstruktion vornahm. Der Vorgang wurde als „Streckenbach-Technik“ in die medizinische Literatur übernommen. C. Kaufmann, J. Zander, K. Holzmann: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 36. Jahrgang, Georg Thieme Verlag 1976, S. 10–13; S. 18 Abb. 14. (books.google.de) Zudem gilt er als „Vater des deutschen Intimschmucks“. Auf ihn geht der Barbell-Piercingschmuck zurück. Streckenbach war „der erste Tätowierer, dessen Arbeit in der bildenden Kunst Anwendung fand“.Museum für Hamburgische Geschichte, Sonderausstellung 2019/2020 Abteilung Streckenbach|Kohrs|Ulrichs.Manfred Kohrs: Tätowierungen in der bildenden Kunst des späten 20. Jahrhunderts, in: Tattoo Kulture Magazine 42, Januar/Februar 2021, S. 26.

Leben Horst „Samy“ Streckenbach wurde am 5. August 1925 im damals preußischen Weißwasser/Oberlausitz als Sohn des Steinarbeiters Gustav Wilhelm Oskar StreckenbachEinwohnerbuch für den Stadt- und Landkreis Schweidnitz mit allen Gemeinden einschl. der Städte Striegau und Freiburg i. Schl. 1942 und der Fabrikarbeiterin Frida Lisbeth Schmidt geboren. Die Ehe der Eltern wurde am 5. April 1926 im Standesamt Häslicht geschlossen.Standesamt Häslicht, Nr. 4/1926. Streckenbach wuchs in Häslicht auf. Im Alter von zehn Jahren ließ er sich von einem Mitschüler ein Herz auf den Arm tätowieren und begann im Alter von 14 Jahren selbst mit der Tätowiererei.Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. ISBN 3-89602-209-1, S. 283. Er erlernte in Häslicht den Beruf des Kraftfahrzeugschlossers und wurde 1943 in die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Einsatz an verschiedenen Fronten wurde Streckenbach in Italien eingesetzt. Er wurde insgesamt fünfmal verwundet und verlor zuletzt durch eine Blendgranate für 65 Tage die Sehkraft. Im Mai 1944 geriet er an der Westfront in US-amerikanische Gefangenschaft. Durch eine Operation in einem Militärhospital in Neapel erlangte er seine Sehkraft wieder zurück und wurde über Nordafrika in die USA transportiert. Dort durchlief er verschiedene Kriegsgefangenenlager; zuletzt in Burbank, Kalifornien. In dieser Zeit lernte er den jungen Lyle Tuttle kennen,Manfred Kohrs: Horst H. Streckenbach der vergessene Pionier. In: Tattoo Kulture Magazine Issue vom 12. April 2019, S. 28–40. und es entwickelte sich eine Freundschaft, die bis zu seinem Tod hielt.Tattoo Kulture Magazin: Interview von Manfred Kohrs mit Lyle Tuttle 25./26. Oktober 2018 Im Jahr 1946 wurde er in englische Kriegsgefangenschaft überführt und kam in ein Lager in Schottland. Anfang 1948 wurde er entlassen und lernte Les Skuse (1912–1973) kennen, der Streckenbach näher mit dem Tätowieren vertraut machte. Gegen Ende 1948 kehrte Streckenbach nach Deutschland zurück.Magazin des National Tattoo Club of the World, Ausgabe November-Dezember 1979, S. 6–14: Featured Artist of the Month – TATTOO SAMY Als erste Wohnanschrift ist ab 1948 die Bahnhofstraße 33 in Ehringshausen im Lahn-Dill-Kreis bekannt.Führerschein Klasse 2, ausgestellt vom Landrat Wetzlar am 25. Juni 1948. Bis Mai 1949 war er dort als Schlosser tätig.Bescheinigung des Arbeitsamtes Wetzlar vom 8. Juni 1949 Vom 24. Juni 1957 bis zum 19. September 1959 war er als Schlosser in der damaligen W. H. Küster GmbH beschäftigt.Entlassungsschein vom 19. September 1959. Archiv des Instituts für deutsche Tätowier-Geschichte. Sammlung Kohrs; NHS-MK-051-024 Am 28. August 1959 heiratete Streckenbach die Kellnerin Ella Fuchs (geb. am 7. Februar 1910 in Oelsnitz/Erzgeb.; gest. 12. August 1983 in Frankfurt/Main).Sterbeurkunde Nr. 4594 vom 19. August 1983 / Stadt Frankfurt. Am 4. November 1959 schrieb er einen Brief an Christian Warlich, in dem er sich für eine Übernahme von Warlichs Gaststätte mit Tätowierstube bewarb.Originalbrief Sammlung William Robinson, in der Ausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli im Museum für Hamburgische Geschichte. Ein Ergebnis ist nicht bekannt. Zu dieser Zeit war Streckenbach im Kreis Aschaffenburg ansässig.Anschrift auf dem Warlich-Briefumschlag: Sommerau Nr. 33 1/3 über Aschaffenburg Ufr. Anschließend zog er in die Betgasse 14 in Aschaffenburg, wo er ein Gewerbe Ausführung von Tätowierungen betrieb, das er am 15. Oktober 1964 abmeldete.Gewerbeabmeldung des Gewerbeamtes Aschaffenburg, o. Nr., 15. Oktober 1964 Am selben Tag meldete er zusammen mit seiner Ehefrau Ella in Frankfurt/Main in der Kurt-Schuhmacher-Straße 2 ein Gewerbe mit gleichlautendem Zweck an.Gewerbeanmeldung des Rechneiamtes Frankfurt AZ: III/34/343 595929/60. In diesem „Studio für modernen Haut- und Körperschmuck“ war Streckenbach bis 1990 tätig. In seiner Wohnung, die sich unmittelbar über dem Studio befand, lebte Streckenbach bis zu seinem Tod im Jahr 2001.

Karriere als Tätowierer mini|hochkant=1.0|Horst Streckenbach, genannt Tattoo Samy, in seinem Studio in Frankfurt am Main, 1979

Wie viele Tätowierer Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begann er ohne weitere Ausrüstung mit der einfachen Handstecherei. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Samy Streckenbach neben Christian Warlich und Karl Finke in Hamburg zu den wenigen bekannten praktizierenden Tätowierern.

„Seinen besonderen Ruf erlangte Samy“ laut dem Schriftsteller Marcel Feige, „weil er alles anders machte als die anderen.“Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282. Sein Stil war anfangs von traditionell maritimen Motiven geprägt. Über mehrere Jahre lang war Streckenbach der einzige deutsche Tätowierer, der auch im Ausland tätowierte. Streckenbach war „zweimaliger Weltmeister seines Fachs“.Matthias Friedrich: Tätowierungen in Deutschland: eine kultursoziologische Untersuchung. S. 51. (books.google.de)G. S.: Blümchen zieren den Frauenhals. In: Frankfurter Rundschau. 30. Oktober 1976. Er persönlich hat das in einer Folge der Talkshow Hans Meiser berichtigt. Er führte dort aus: „Ich war nicht zweimal Weltmeister, sondern Tätowierer des Jahres.“Hans Meiser: Tattoos, Kunst am eigenen Körper RTL 1992.

Streckenbach der „Techniker“ Streckenbach baute seine Tätowiermaschinen bis zuletzt selber. Von den gängigen Modellen, die Samuel O’Reilly sich hatte patentieren lassen,Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282. unterschieden sie sich beispielsweise durch die Antriebsart. So setzte Streckenbach auf Rotation (Antrieb durch einen Elektromotor, der mittels Exzenter die Dreh- in eine Hubbewegung umwandelt) statt durch Magnetspulen (die durch das Prinzip des Wagnerschen Hammers, ähnlich wie bei einer Türklingel, direkt eine Hubbewegung erzeugen).

Der gelernte Kraftfahrzeugschlosser Streckenbach setzte von Beginn an auf eine Tätowiermaschine mit einem rotierenden Antrieb.Samuel M. Steward: Bad Boys and Tough Tattoos. Routledge, London / New York, ISBN 0-918393-76-0, S. 190. Manfred Kohrs, der bei Streckenbach das Tätowieren erlernt hatte,M. Carstens: Tätowieren – eine besondere Kunst / Manfred Kohrs. In: HAZ. Ausg. Ost, S. 2, 23. April 1981. entwickelte die „Urmaschine“ bis zur finalen Version im Jahr 1978 weiter. Auch das Zubehör zu den Maschinen sowie weitere Ausrüstung für sein Studio fertigte Streckenbach in seiner Werkstatt an, die dem Studio angegliedert war.

Verbandsarbeit mini|Horst Streckenbach (rechts) auf der Tattoo Convention in Blackpool, 1979 (links David Allen Yurkew)

Im Jahr 1977 forcierte Streckenbach eine Einladung seines Mentees Manfred Kohrs, der alle in Deutschland gewerblich gemeldeten Tätowierer zu einem Informationstreffen nach Hannover eingeladen hatte. Zweck dieses Treffens war die Gründung einer nationalen Vereinigung, um anschließend technische und hygienische Standards einzuführen.Oliver Paaß: Nadel rein Nadel raus. In: Tattoo Kulture Magazine. No. 29, 20. Januar 2019, S. 79. Streckenbach engagierte sich auch stark in internationalen Vereinigungen; insgesamt 38-mal besuchte er allein die USA.Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282. Dabei wurde er stets von seiner Ehefrau begleitet, die auch administrative Aufgaben übernahm.Sabrina Ungemach: ALTE LIEBE ROSTET NICHT – Manfred Kohrs. In: Tattoo Kulture Magazine. No. 22, 29. August 2017. Er engagierte sich zunächst im National Tattoo Club of the WorldDer National Tattoo Club of the World wurde 1984 durch Mitgliederbeschluss umbenannt in (englisch) sowie bei der European Tattoo Artist Association (E.T.A.A.).

Die erste „Convention“ des National Tattoo Club of the World wurde vom 24. bis 25. Januar 1976 in Houston (Texas) abgehalten. Als einzige Deutsche waren Streckenbach und Kohrs zu dieser Veranstaltung angereist.Mississippi Gulf Coast’s Observer. Volume 13, Issue 3, September 2012, S. 36. Die nächste Convention, 1978 in Sacramento, besuchte Streckenbach in Begleitung von Peter Anton von Arnim, der ihn in den Folgejahren mehrfach begleitete. Vom 23. bis 25. März 1979 wurde die Convention im Cosmopolitan Hotel in Denver (Colorado) abgehalten. Nach diversen Vorträgen von Terry Wrigley,Terry’s Tattoo Studio (englisch); Peter Tat 2 Poulos, Diane Poulos, Don Ed Hardy, Bob Shaw, Big Walt Kilkucki, Painless Jeff Baker, David Yurkew und Arnold Rubin und Jan Stussy präsentierte Streckenbach eine Show mit tätowierten Personen. (englisch), Absatz 11: After the speakers were finished Tattoo Samy of Frankfurt Germany did a slide presentation of Tattooed People.

Streckenbach und der Präsident der E.T.A.A., Terry Wrigley, veranstalteten vom 17. bis 19. Oktober 1980 in Frankfurt am Main die erste professionelle Tattoo Convention in Deutschland.Manfred Kohrs: European Tattoo Artist Association 1980 Frankfurt. In: Tattoo Kulture Magazine 51, 28. Mai 2023, S. 12–17.

Piercing mini|Barbell mit Außengewinde

Streckenbach stach bereits 1953 als einziger bekannter Piercer Intimpiercings.Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. ISBN 3-89602-209-1, S. 282 ff.Alana Abendroth: Bodymodification: Körpermodifikationen im Wandel der Zeit: Tattoos, Piercings, Scarifications. UBOOKS 2009, ISBN 978-3-86608-600-5. Streckenbach hatte aufgrund seiner Mechanikerausbildung nicht nur seine eigenen Tätowiermaschinen konstruiert, sondern auch Körperschmuck angefertigt. Davon inspiriert, arbeitete Ward an der Weiterentwicklung des heute als Barbell bekannten Standardpiercingschmucks. Wards Finanzier/Mentor Doug Malloy setzte 1978Manfred Kohrs, Marcus Strohner: H.H. Streckenbachs Welt des Piercings und des Fetischs Eine Dokumentation in Form von Publikationen, Fotografien & Beiträgen aus der Tattoo-Collection-Kohrs. Am 17. September 2022. Streckenbach das erste dokumentierte Zungenpiercing; das von Kohrs gefertigte „Barbell NO.1“. Berichte darüber erschienen 1983 im Magazin Piercing Fans International Quarterly.Piercing Fans International Quarterly. Nr. 18 und Nr. 19, 1983.Phillipp Schaab: Interview mit Manfred Kohrs Wie das Piercing in Deutschland Bekanntheit erlangte. In: TätowierMagazin Ausgabe 07/20 (#293), S. 81-81, vom 19. Juni 2020

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