miniatur|Blätter und Trauben der Rebsorte Sangiovese
Als Weinrebenblätter oder Weinlaub werden Laubblätter der Edlen Weinrebe (Kultur- oder Edelrebe) Vitis vinifera var. vinifera bezeichnet.
Weingenuss ist allgemein bekannt, weniger aber die Verwendung von Weinblättern. Dabei werden sie bei der Lebensmittelbereitung verwendet und Extrakte aus rotem Weinlaub heute als Phytopharmaka bei chronisch venöser Insuffizienz häufig eingesetzt.
Geschichte der Verwendung von Weinblättern miniatur|Sogenannte Dionysos-Schale: Dionysos fährt auf einem von Delphinen umschwommenen Schiff über das Meer und der Weinstock wächst aus dem Schiffsmast; attisch-schwarzfigurig-korallenrote Augenschale des Exekias, um 530 v. Chr., Staatliche Antikensammlungen München.
Ägypter Aus ägyptischen Grabfunden sind neben Weinkernen auch Weinlaubgirlanden erhalten.Botanisches Museum Berlin. Prestel-Museumsführer. Prestel, München 1999 Die Darstellung von Weinranken und -trauben auf Grabmalereien demonstriert die Bedeutung von Wein im Alten Ägypten und ist als Hinweis auf die kultische Verwendung zu werten.K. Ossendorf: 6000 Jahre Weinbau in Ägypten. In: Schriften zur Weingeschichte, Nr. 55. Gesellschaft für Geschichte des Weines, Wiesbaden 1980.
Griechische Antike Die Wertschätzung von Weinlaub bei den Griechen erkennt man auch daran, dass auf antiken griechischen Münzen Weinblätter häufig abgebildet sind.H. Baumann: Pflanzenbilder auf griechischen Münzen. Hirmer, München 2000. Untrennbar mit der Verbreitung der Rebkultur im östlichen Mittelmeergebiet verbunden ist die Ausbreitung des Kultes für den Weingott Dionysos.
Seine Blüte erlebte er, als zwischen 2200 und 1400 v. Chr. der Weinbau Griechenland und den Balkan erreichte. Es handelt sich bei den Dionysien-Feiern um einen ausgelassen Kult der jährlichen Erneuerung der Natur. Symbolhafte Darstellung dieser Erneuerung ist der beblätterte Weinstock im Bogen.Gerd Hagenow: Aus dem Weingarten der Antike, der Wein in Dichtung, Brauchtum und Alltag. Kulturgeschichte der antiken Welt; 12. von Zabern, Mainz 1982.K. Christoffel: Der antike Weingott und das Mysterium des Weins. In: Schriften zur Weingeschichte, Nr. 6. Gesellschaft für Geschichte des Weines, Wiesbaden 1961. Die Dionysos-Legende aus der Homerischen Hymne 7 wird dargestellt in einem alten griechischer Krater, worauf ein mit Weinranken um den Schiffsmast geflochtenes Schiff dargestellt ist, um das sich die in Delphine verwandelten Seeräuber tummeln.
Römer Pedanios Dioscurides aus Anazarbos berichtet im fünften Buch seines zwischen 60 und 78 n. Chr. datierten Werkes. Als Umschlag sollen die zerkleinerten Blätter und Ranken Kopfschmerzen, mit Graupen vermengt eingenommen auch Entzündung und Brand des Magens lindern. Für sich allein aufgelegt wirken sie kühlend und adstringierend. Auch der aus ihnen gepresste Saft hilft innerlich bei Dysenterie, Blutauswurf, Magenschmerzen und falschem Appetit schwangerer Frauen.J. Berendes: Dioscurides Materia medica. Stuttgart 1902.
Plinius der Ältere erwähnt Weinblätter im dreiundzwanzigsten Buch seiner „Naturgeschichte“. Die Blätter wirken demnach bei Kopfweh, gegen Entzündungen, bei brennendem Schmerz im Magen, bei Gelenkserkrankungen, gegen Blutfluss aus Wunden und heilungsfördernd bei entzündeten Wunden.R. König: Plinius Naturkunde (lateinisch und deutsch). Bd. 24. Wiss. Buchges., Darmstadt 1993.
Danach wurde es in der Geschichte ruhig um das Weinlaub. Im Mittelalter finden sich nur wenige Zitate und diese geben, ebenso wie die Kräuterbücher der frühen Neuzeit meist die antiken Autoren wieder. Lediglich die Volksmedizin einiger Weinbau-Regionen kannte die Anwendung von Blättern.
Medizinische Nutzung Die heilende Kraft des Weines ist schon seit der Zeit der Sumerer um 2200 v. Chr. bekannt und das Wissen um diese Heilkraft geht über die Bibel und Wein als Schlaf- und Beruhigungsmittel bei Hippokrates von Kos (um 400 v. Chr.), die äußerliche Anwendung durch Galenos (129–199 n. Chr.), die Wein-Kräuter-Ansätze der Hildegard von Bingen (1098–1179) bis ins 18. Jahrhundert, als Friedrich Hoffmann (1660–1742), der Leibarzt des preußischen Königs Friedrich I, die populäre „Wein-Cur“ erfand.H. Kliewe: Die Bedeutung des Weines für die Gesundheit. In: Schriften zur Weingeschichte, Nr. 17. Gesellschaft für Geschichte des Weines, Wiesbaden 1967.H. Kreiskott: Der Wein – eine Arznei von der Antike bis zur Gegenwart. In: Schriften zur Weingeschichte, Nr. 66. Gesellschaft für Geschichte des Weines, Wiesbaden 1983.
Neben dieser auch heute noch empfohlenen medizinischen Verwendung von WeinM. Köhnlechner: Die Heilkräfte des Weines. Herbig, München 2001. werden auch die Blätter therapeutisch eingesetzt. Präparate aus rotem Weinlaub enthalten rote Weinrebenblätter, meist in Form von Trockenextrakten.
Historie Angesichts der seit der Antike belegten und über die Kräuterbücher tradierte Verwendung von Weinlaub bei Anwendungen, die mit Blutungen, Wunden, Entzündungen, Hämorrhoiden und dem Gefäßsystem zu tun haben, könnte man bei der medizinische Verwendung von rotem Weinlaub auch an die Signaturenlehre (rotes Laub > rotes Blut) denken.W. D. Müller-Jahncke: Ordnung durch »Signatur«. Analogiedenken im Arzneischatz des 16. und 17. Jahrhunderts. DtschApoth Ztg 1984; 124: S. 2184–2189.
Obwohl die medizinische Verwendung von Weinlaub schon eine lange Geschichte hat, wird die Phytotherapie mit rotem Weinlaub durch die Wiederentdeckung der in Südfrankreich üblichen traditionellen Verwendung aber erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts populär.E. Schneider: Rotes Weinlaub – Geschichte der Verwendung. In: Zeitschrift für Phytotherapie 2007; 28: S. 250–258
Anwendungsgebiete Heute wird in der Therapie mit pflanzlichen Arzneimitteln ganz allgemein zwischen der evidenzbasierten, also der durch klinische Studien gesicherten Anwendung durch den Arzt, und der traditionellen Anwendung durch den Laien unterschieden, die keiner ärztlichen Verordnung bedarf.
Grundlage hierfür sind die Angaben der Gemeinschaftlichen Arzneipflanzen-Monographien (community herbal monograph) der Europäischen Arzneimittelbehörde,EMA 2009. European Medicines Agency. Evaluation of Medicines for Human Use. Doc. Ref.: EMA/HMPC/16635/2009, London, 12. November 2009. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Draft, Community Herbal Monograph on Vitis vinifera L. Var. tinctoria, Folium. die auch für Rote Weinlaubblätter erschienen ist.
Ein als Arzneimittel zugelassener Trockenextrakt aus roten Weinrebenblättern (4 –6:1), Auszugsmittel: Wasser, eingestellt auf einen Flavonoidgehalt von 3 bis 7 % wird danach in der rationalen Phytotherapie bei oraler Einnahme mit der „evidence-based“ Indikation zur Behandlung der chronischen Veneninsuffizienz (CVI) eingesetzt, die charakterisiert ist durch dicke Beine (Ödeme), Erkrankung der Beinvenen (Krampfadern), einem Schweregefühl, Schmerzen und Ermüdung in den Beinen, Juckreiz, Spannungen und Krämpfe in den Waden.C. de Mey: Die ödemprotektive Wirksamkeit von Antistax bei der chronisch venösen Insuffizienz. Ein Kommentar aus Sicht der Evidenz-basierten Medizin. Fortschritte der Medizin 2000. 118 (Originalien, Nr. III): S. 125–133.
Gestützt wird diese EU-Monographie auf die Auswertung der pharmakologischen und klinischen Daten durch die ESCOPESCOP Monographs. The scientific foundation for herbal medicinal products. Vitis viniferae folium, Red Vine Leaf. Second Edition Supplement. Stuttgart: Thieme 2009. Wirkmechanismus des Extraktes aus rotem Weinlaub und der darin enthaltenen Inhaltsstoffe ist es, die Öffnung der Endothelialbarriere der Venen zu verhindern. Damit wird die Bildung von Ödemen verhindert und Entzündungen vorgebeugt, was durch pharmakologische Studien gezeigt werden konnte.S. Nees, D. Weiss, Thallmair, P. Lamm, G. Juchem: Neue Aspekte zur Pathogenese und Therapie chronischer peripherer Venenleiden. Fortschritt und Fortbildung in der Medizin 2000; 24: S. 3–20.S. Nees, D. R. Weiss, E. Reichenbach-Klinke, F. Rampp, B. Heilmeier, J. Kanbach, A. Esperester: Protective effects of flavonoids contained in the red vine leaf on venular endothelium against the attack of activated blood components in vitro. In: Arzneim-Forsch 2003; 53: S. 330-341.S. Nees: Pathologische Regulation endothelialer Barrierefunktionen in der Venenwand. Vasomed. 2007; 1: S. 31.
Neueste klinische Studien belegen eine Steigerung der Mikrozirkulation der Haut und der Sauerstoffversorgung und damit verbunden einer Reduktion des Unterschenkelvolumens nach oraler Gabe von Rotem Weinlaub-Extrakt.H. Kiesewetter, J. Koscielny, U. Kalus et al.: Efficacy of orally administered extract of red vine leaf AS 195 in chronic venous insuffiency (stages I-II). In: Arzneim Forsch 2000; 50: S. 109–117.U. Kalus, J. Koscielny, A. Grigorov, E. Schaefer, H. Peil, H. Kiesewetter: Improvement of Cutaneous Microcirculation and Oxygen Supply in Patients with Chronic Venous Insufficiency by Orally Administered Extract of Red Vine Leaves AS 195: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled, Crossover Study. In: Drugs in R & D 2004; 5: S. 63–71.
Demgegenüber steht die ebenfalls in der EMA-Monographie bewertete traditionelle Anwendung von rotem Weinlaub, die sich auf eine Reihe von Produkten aus unterschiedlichen EU-Ländern bezieht. Danach werden die geschnittenen und gepulverten Blätter und ein wässriger Trockenextrakt mit DEV 3:1 zur oralen Anwendung eingesetzt. Zudem wird ein wässriger Trockenextrakt 4-6:1 in einer Salbengrundlage sowie ein wässriger Dickextrakt 4-6:1 aufgeführt.
Geschnittene Blätter als Tee, Pulver in Kapseln, Trockenextrakt 3:1 in Tabletten und Dickextrakt verdünnt in Tropfen werden für die traditionelle Indikation zur Erleichterung der Symptome bei Beschwerden und Schweregefühl in den Beinen verursacht durch leichte venöse Durchblutungsbeschwerden, sowie zur symptomatischen Behandlung von oberflächlicher Kapillarbrüchigkeit zugelassen.
Eine Salbenzubereitung mit Trockenextrakt wird traditionell bei den Symptomen Juckreiz und Brennen im Zusammenhang mit Hämorrhoiden eingesetzt und der Dickextrakt 1:100 verdünnt dient als Augentropfen zur vorübergehenden Besserung von Beschwerden aufgrund von Trockenheit im Auge, hervorgerufen durch Wind und Sonne. Diese Produkte sind als traditionelle pflanzliche Arzneimittel zu kennzeichnen und die Indikationen basieren ausschließlich auf langer, traditioneller Verwendung.
Inhaltsstoffe Als Wirkstoffe enthalten rote Weinlaubblätter Flavonoide, überwiegend Quercetin-Glycoside und Kaempferol-3-glucosid. Die rote Färbung rührt von Anthocyanen her. Daneben treten oligomere Proanthocyanidine und andere phenolische Verbindungen auf, die als Polyphenole bezeichnet werden.E. Schneider: Rotes Weinlaub – eine venenwirksame Arzneidroge. In: Dtsch Apoth Ztg 2007; 147 (30): S. 3380–3386.E. Schneider, H. von der Heydt, A. Esperester: Evaluation of polyphenol composition in red leaves from different varieties of Vitis vinifera L. ssp. vinifera. In: Planta Med 2008; 74: S. 565–572. miniatur|Strukturformel des Flavonoids Kaempferol-3-O-glucosid (auch Astragalin genannt)
Für rotes Weinlaub ist aber nur die Gruppe der Polyphenole von Bedeutung, der im Wesentlichen folgende Substanzgruppen angehören: Phenolcarbonsäuren (Kaffeesäure, Ferulasäure und Protocatechusäure), Flavone (Quercetin, Kaempferol), Anthocyane, Tannine (Catechine, Procyanidine), sowie Resveratrol (3,4',5'-Trihydroxystilben) und seine Dimere.
Für die Wirksamkeit bei Venenerkrankungen entscheidend sind die Flavonoide Kaempferol-3-O-glucosid (auch Astragalin genannt), Isoquercitrin = Quercetin-3-O-glucosid und Quercetin-3-O-glucuronid. Im Vergleich zu Rotwein treten in den Blättern die Myricetin-glycoside in den Hintergrund.
Pharmazeutische Qualität mini|Rote Weinrebenblätter, getrocknet