Il pastor fido (Der getreue Schäfer) ist ein tragikomisches Hirtenspiel (tragicomedia pastorale) in fünf Akten bzw. 6862 elf- und siebensilbigen Versen, das von Giovan Battista Guarini zwischen 1580 und 1583 verfasst und erstmals 1590 in Venedig gedruckt wurde. Es ist in Handlung und Verstechnik komplexer als Torquato Tassos 1580 veröffentlichte Hirtenfabel (favola pastorale) Aminta und markiert den Übergang vom Renaissance- zum Barocktheater.

mini|hochkant|Erstausgabe von Guarinis Il pastor fido (Venedig, 1590)

Handlung Um einen alten Fluch abzuwenden, opfern die Arkadier alljährlich der Diana eine Jungfrau. Laut Orakelspruch hat der Fluch erst ein Ende, wenn Amor zwei Kinder des Himmels vereint und ein treuer Hirte die Sünde einer untreuen Frau sühnt.

Diana-Priester Montano wird durch das Orakel angewiesen, seinen Sohn Silvio mit der Nymphe Amarilli zu verheiraten. Doch dazu kommt es nicht, da Silvio einzig auf die Jagd bedacht ist. In Amarilli wiederum hat sich der Hirte Mirtillo verliebt, dessen Vater Carino vor langer Zeit aus Arkadien nach Elide (Elis) gezogen war. Amarilli erwidert Mirtillos Liebe, wagt jedoch nicht, ihre Gefühle zu offenbaren, da Frauen bei unkeuschem Verhalten die Todesstrafe droht.

Mirtillo wird auch von Corisca begehrt, die ihre Rivalin durch eine List auszuschalten sucht: Sie lockt das Paar in eine Höhle, worauf es von einem Satyr angezeigt wird. Da Amarilli nicht in der Lage ist, ihre Unschuld zu beweisen, soll sie hingerichtet werden. Darauf beschließt Mirtillo, sich für die Geliebte zu opfern, was gemäß den arkadischen Gesetzen möglich ist.

Sein Freund Carino versucht ihn vergeblich mit dem Argument zu retten, als Fremder könne Mirtillo nicht das Verbrechen einer Einheimischen sühnen. Der Priester Montano steht nun vor der bitteren Notwendigkeit, die Hinrichtung seines Sohnes zu vollziehen. Da offenbart ihm der Seher Tirenio, dass die Verbindung von Mirtillo mit Amarilli die Forderung des Orakels erfülle. Montano stamme doch vom Halbgott Herkules ab, und Amarillis Vater Titiro sei ein Nachfahr des Gottes Pan. Damit seien von nun an keine Opfer mehr nötig. Der Heirat des Paares steht nun nichts mehr im Wege.

Silvio hat indessen auf der Jagd aus Versehen Dorinda verwundet, die in ihn verliebt ist. Aus Mitleid mit ihr wird Gegenliebe, und so gibt es eine zweite Hochzeit. Unter dem Eindruck dieser Happyends bittet Corinda die Brautleute um Verzeihung und verspricht, sich zu bessern.

Prolog Der Prolog wird vom arkadischen Fluss Alfeo gesprochen. Alfeo, der sich in die Nymphe Aretusa verliebte, als diese in seinen Wassern badete, stellte ihr nach, um von ihr Besitz zu ergreifen. Um sich Alfeo zu entziehen, bat Aretusa die Göttin Diana, der sie geweiht war, um Hilfe. Diana verwandelte Aretusa darauf in eine Quelle, deren Wasser das Meer unterquert, um in Sizilien wieder zu entspringen. Doch Alfeo folgte ihr und holte sie auf der Insel Ortigia bei Syrakus ein. Bei seiner Ankunft in Italien vergleicht Alfeo das Land mit seiner idyllischen Heimat. Diese habe sich inzwischen verändert. Einst sei sie frei und schön gewesen. Nun sei sie unterworfen und verwüstet. Alfeo weint dem goldenen Zeitalter nach, das in Arkadien sein letztes Bollwerk gefunden habe. Denn während im Rest Griechenlands Kriege tobten, habe in Arkadien immer Frieden geherrscht. Im Gegensatz zu den anderen griechischen Staaten habe Arkadien seine Freiheit nicht durch Waffengewalt, sondern allein durch das an die Götter gerichtete Gebet verteidigt. Obwohl die Bewohner Arkadiens Hirten gewesen seien, seien sie keineswegs plump gewesen, denn es seien Sternenforscher, Jäger, auch im Boxkampf erfahrene Menschen und unbesiegte Pfeilschützen unter ihnen gewesen. Die einst hochgeschätzten Beschäftigungen würden aber gegenwärtig in Arkadien gering geschätzt. Indessen entstehe in Italien ein neues Arkadien. In diesem Zusammenhang stimmt Alfeo ein Loblied auf Katharina Michaela von Spanien an, auf die Herrschaft ihres Vaters, König Philipp II. von Spanien, und im Allgemeinen auf das Geschlecht der Habsburger und dessen Weltreich, in dem die Sonne nie untergehe. Das Loblied mündet schließlich in eine Art Widmung an Karl Emanuel I. von Savoyen, den Gatten Katharina Michaelas. Ihm und seinen Nachkommen wird der Sieg über die im Osten vorgerückten Türken prophezeit. Schließlich bittet Alfeo um die Aufmerksamkeit des Publikums für das bevorstehende Schauspiel.

Erster Akt mini|hochkant|Szene aus dem 1. Akt, Kupferstich aus der 1602 in Venedig erschienenen Ausgabe Szenen 1 und 2 Während es der ebenso geschickte wie frauenverachtende Jäger Silvio ablehnt, die ihm versprochene Amarilli zu heiraten, ist Mirtillo darüber todunglücklich, dass Amarilli bereits verlobt ist, da er unsterblich in sie verliebt ist. Ähnlich wie Aminta im gleichnamigen Hirtenspiel Torquato Tassos (1573) gedenkt Mirtillo sich aufgrund dieses Umstands das Leben zu nehmen. Dass Amarilli Silvio versprochen wurde, erfährt er erst später von Ergasto. Dieser erzählt ihm, dass Silvio nicht in Amarilli verliebt sei und die beiden miteinander verheiratet werden sollten, um vom Orakel prophezeites Unheil von Arkadien abzuwenden. Offenbar ist Mirtillo so neu in Arkadien, dass er mit dem für das Leben der Bevölkerung wichtigen Orakelspruch nicht vertraut ist. Deshalb erzählt ihm Ergasto, was es damit auf sich hat: Der Hirte Aminta war unsterblich in Lucrina verliebt. Zunächst erwiderte diese seine Liebe – möglicherweise nur aus Koketterie, denn als ein anderer Hirte Interesse für zeigte, ließ sie Aminta links liegen und wollte nichts mehr von ihm wissen. Der über diese Wendung des Schicksals unglückliche Aminta wandte sich darauf mit einem Gebet an die Göttin Diana und bat diese, die Treulosigkeit Lucrinas zu bestrafen. Diana habe daraufhin die Pest auf die Erde geschickt, Tausende von Menschen seien gestorben. Als sich die Bevölkerung Arkadiens an das Orakel gewandt habe, um herauszufinden, wie man das Unheil abwenden könne, habe dieses geantwortet, Dianas Zorn ließe sich besänftigen, wenn Lucrina oder statt ihrer eine arkadische Jungfrau geopfert werde. Lucrina sei daraufhin zum Opferaltar geführt worden, damit Aminta sie der Diana opfere. Doch stattdessen habe Aminta Selbstmord begangen. Erst als er im Sterben gelegen habe, habe Lucrina Mitleid mit ihm empfunden und sich ebenfalls gerichtet. Der Tod der beiden habe Dianas Zorn aber nicht besänftigt, und die Pest habe weiterhin grassiert. Ein zweiter Orakelspruch habe verkündet, Diana fordere jedes Jahr die Opferung einer Jungfrau bzw. einer Frau, die nicht jünger als 15 und nicht älter als 20 Jahre alt sei. Weiter habe Diana durch das Orakel verlangt, dass ihr jede Frau geopfert werde, die einem Mann untreu sei. Erst wenn Amor zwei Kinder des Himmels vereine und ein treuer Hirte die Sünden einer untreuen Frau gutmache, werde der Zorn der Göttin besänftigt sein. Da mit Silvio, einem Nachfahren des Halbgottes Herkules, und Amarilli, einer Nachfahrin des Gottes Pan, erstmals zwei Kinder des Himmels in Arkadien lebten, wolle man nun diese gegen ihren Willen miteinander verheiraten.

Szenen 3–5 mini|Artemisia Gentileschi: Corisca und SatiroMary D. Garrard: Artemisia Gentileschi’s «Corisca and the Satyr». In: The Burlington Magazine. Band 135, Nr. 1078 (Januar 1993), S. 34–38 (). Während Mirtillo unglücklich in Amarilli verliebt ist, liebt Corisca unglücklich Mirtillo. Corisca wird als eitle, vom Erfolg bei den Männern verwöhnte Städterin (aus damaliger Sicht wohl auch: Prostituierte) beschrieben. Das Desinteresse, das Mirtillo ihr gegenüber bezeugt, verletzt sie. Sie will versuchen, ihn durch Charme zu gewinnen, sollte dies aber nicht fruchten, zu einer List zu greifen und sich an Amarilli zu rächen, die es gewagt hatte, mit ihr zu konkurrieren.

Titiro und Montano diskutieren über die vorgesehene Zwangsehe zwischen Silvio und Amarilli. Dabei verrät Montano, dass er neben Silvio einen weiteren Sohn hatte, diesen aber als Kleinkind bei einer Flut verlor. Nun habe er geträumt, dass er geangelt habe und dabei ein alter Mann aus dem Wasser getreten sei, der ihm den verloren geglaubten Sohn übergeben, ihn aber davor gewarnt habe, diesen zu töten. Darauf sei im Traum jäh ein Sturm ausgebrochen, der gedroht habe, ihm das Kind fortzureißen. Als er aber die Götter angerufen habe, habe der Sturm sich ebenso plötzlich gelegt.

Im Wald klagt der dritte unglücklich Verliebte sein Leid: Der Satyr gedenkt, sich an Corisca zu rächen, die ihn des Öfteren verhöhnt hat. Anders als in Tassos Aminta will er der Abgewiesene das Objekt seiner Begierde nicht zur Liebe zwingen, wohl ihm aber anderswie Gewalt antun.

Am Ende des Aktes besingt der Chor – wie bei Tasso eine Hirtenschar – die Macht Jupiters als Beweger aller Dinge. Er bittet den Göttervater, das vom Orakel angekündigte, durch Liebe und Zorn angerichtete Unheil von den Arkadiern abzuwenden, und gibt der Hoffnung Ausdruck, das sich anbahnende Unglück werde sich als Glück entpuppen. Zu erkennen, inwiefern dies geschehen könnte, übersteige aber das Vermögen des Menschen.

Zweiter Akt Szene 1 mini|Antoon van Dyck: Mirtillo gibt Amarilli den Kranz zurück Wie in Machiavellis Mandragola (1518) und Ruzantes La Piovana (1533) hat Ergasto Schwierigkeiten, den aufgrund seiner Verliebtheit in Unruhe versetzten und sich daher von einem Ort zum andern bewegenden Mirtillo zu finden. Als Ergasto Mirtillo endlich findet, erzählt er diesem, er habe Corisca verraten, dass Mirtillo in Amarilli verliebt sei und Corisca als Vertraute und Freundin Amarillis dafür gewinnen können, Mirtillo und Amarilli zusammenzubringen. Um zu wissen, wie sie vorgehen soll, verlangt Corisca jedoch von Ergasto, bei Mirtillo in Erfahrung zu bringen, wie es zu der Verliebtheit in Amarilli gekommen sei. Mirtillo erinnert sich, dass Amarilli mit ihrer Mutter im Sommer während der olympischen Spiele nach Arkadien kam. Als Mirtillo Amarilli gesehen habe, habe er sich sofort in sie verliebt. Daraufhin habe er sich einer Schwester bzw. einer Schwester gleichen Freundin anvertraut. Diese habe ihn als Nymphe verkleidet nach Megara zu Amarilli geführt (was möglich gewesen sei, weil bei Mirtillo der Bartwuchs noch nicht eingesetzt habe). In Megara habe es sich ergeben, dass zum Zeitvertreib der Nymphen, zu denen Amarilli zählte, ein Spiel gehörte, in dem die Nymphen sich gegenseitig küssen sollten und anschließend die beste unter den Küsserinnen geehrt werden sollte. Als Mirtillo an der Reihe gewesen sei, von Amarilli geküsst zu werden, sei dieser vom Kuss geradezu überwältigt gewesen. Am Ende des Spiels habe Amarilli befunden, dass Mirtillo der beste unter den Küssern sei. Den Kranz, den Mirtillo darauf gewonnen habe, habe er Amarilli zurückgegeben. Amarilli wiederum habe ihm seinen Kranz geschenkt, den er bis heute als Andenken an jene Küsse trage. Mirtillo erzählt des Weiteren, dass er nach besagtem Wett-Küssen in die Stadt Amarillis gezogen sei, in der sein Vater zufällig ein weiteres Haus besitze. Doch Amarilli habe hier nicht seine liebenden Blicke erwidert, sondern ihn mit Verachtung gestraft, und der Vater sei indessen, vom Sohn verlassen, krank geworden, so dass Mirtillo zu diesem habe zurückkehren müssen. Daheim sei der Vater genesen. Mirtillo wiederum sei in seinem Liebesschmerz krank geworden. Erst als der Vater in seiner Verzweiflung das Orakel um Rat gefragt habe, wie sein Sohn genesen könne und Mirtillo angewiesen worden sei, nach Arkadien zu ziehen, habe sich sein Gesundheitszustand verbessert. Sein Seelenschmerz habe sich dadurch jedoch verstärkt.

Szenen 2–6