Der Hungerpastor ist der Titel eines 1863ab November 1863 in den ersten zwölf Heften der „Deutschen Roman-Zeitung“ vorabgedruckt und 1864 erstmals in Buchform im Verlag Otto Janke in Berlin publizierten Entwicklungsromans von Wilhelm Raabe. Erzählt wird die Geschichte des armen Schusterjungen Johannes Unwirrsch, der sich durch seinen Bildungshunger emporarbeitet und Pfarrer wird, während die Kontrastfigur Moses Freudenstein durch ihre Egozentrik ihr hochgestecktes Ziel nicht erreicht. Thema und Metaphorik des Romans ist die aufbauende und zerstörende Macht des Hungers.
Inhalt Im Zentrum des Romans steht die Entwicklung Hans Unwirrschs vom Kind armer Leute zum Dorfpfarrer. Der Handlungszeitraum reicht vom Tag seiner Geburt im Jahr 1819 bis zum ersten Lebensjahr des Sohnes ca. 1853.
Die Schusterkugel
Die Geschichte beginnt 1819 mit zwei Geburten: In der Kröppelstraße der fiktiven Kleinstadt „Neustadt“ feiert der Schuhmachermeister Anton Unwirrsch mit seinem Schwager und Kollegen Nikolaus Grünebaum, nach langem Warten auf einen Stammhalter, die Geburt des Sohnes Johannes („Hans“) Jakob Nikolaus. Im Nachbarhaus wird am selben Tag dem Juden Samuel Freudenstein, einem Trödler, das Kind Moses geboren. Die Mutter „Blümchen“ stirbt bei der Geburt (Kap. 1).
Beim Blick in seine Schusterkugel sucht Unwirrsch, wie sein Schusterkollege Jakob Böhme, ein tieferes Verständnis der Welt und kommt dabei oft ins Träumen von einer anderen, besseren Zukunft für seinen Sohn: „Sein ganzes, eifriges Streben nach Erkenntnis trug er auf [Hans] über; der Sohn sollte und musste erreichen, was der Vater nicht erreichen konnte. […] Frei sollte er die Bahn finden, und keine Pforte der Weisheit, keine der Bildung sollte ihm der Mangel, die Not des Lebens verschließen.“ (1. Kap.) Die Schusterkugel wird Hans als Symbol des geistigen Erbes seines Vaters durch sein Leben begleiten und über seinem Pfarrer-Schreibtisch hängen.
1820, ein Jahr nach der Geburt des Sohnes, stirbt Meister Anton. Seine Witwe Christine verdient ihren Lebensunterhalt mit der schweren Arbeit einer Wäscherin. Tagsüber kümmert sich die unverheiratete Base Schlotterbeck um den kleinen Hans. Sie ist eine Pragmatikerin, sieht aber auch längst Verstorbene in ihrer Umgebung herumlaufen. Durch sie lernt Hans die Literatur des Volkes kennen: Sie erzählt ihm Märchen aus ihrem Volkskalender, liest mit ihm die Geschichten des Alten Testaments und erweckt damit seine Kinderphantasie. Sie bessert ihr Armengeld mit dem Verkauf von Stickwaren und dem Bekleiden von Spielpuppen auf. Für den Weihnachtsmarkt bastelt sie mit Hans Rosinen- und Pflaumenmänner. (Kap. 2)
Armenschule
Mit fünf Jahren kommt Hans in die Armenschule, die im feuchten ehemaligen Spritzenhaus untergebracht ist, was für den gesundheitlich angeschlagenen und schlecht bezahlten Lehrer Silberlöffel den Tuberkulosetod bedeutet. Physisch und psychisch geschwächt kann er sich nicht gegen die aufsässigen und gewalttätigen Schulkinder durchsetzen, an deren Streichen und Prügeleien auch Hans teilnimmt. Sein Onkel Grünebaum, der im Gasthaus das große politische Wort führt, aber seine Werkstatt im Chaos versinken lässt und zum Flickschuster absinkt, hat Mitleid mit dem Lehrer und appelliert an seinen Neffen, sich an solchen Aktionen nicht zu beteiligen und sich auf die Seite der Schwachen zu stellen. In der Schule sind seine Versuche erfolglos, aber er widersetzt sich offen einer Horde, als diese „den Judenjungen“ Moses auf der Straße verspotten und attackieren und dieser keine Hilfe von den Erwachsenen bekommt. Zwar werden die beiden in den Laden Freudensteins getrieben, aber sie sind stolz darauf, das Feld nicht kampflos geräumt zu haben. Seitdem sind die beiden Jungen Freunde. (Kap. 3–5) Im Trödelladen entdeckt Hans eine kuriose Sammlung der verschiedensten Gegenstände und Bücher, fühlt sich dort wie in einer Märchen- und Sagenhöhle und taucht, in Fortsetzung der Erzählungen der Base, in eine Phantasiewelt mit einem Blick in unendliche Räume ein. Moses dagegen ist ihm an Lebenserfahrung in praktischen Dingen weit überlegen. Als dieser ihm erzählt, dass er im Herbst aufs Gymnasium gehen wird, ist er unglücklich über die für ihn geplante Schusterlehre beim Onkel. Denn nach der Vorstellung seines Vormundes soll er „wie alle andern Unwirrsche und Grünebäume ein Schuster werden“. (Kap. 5) Aber Hans möchte wie sein Freund als Voraussetzung für ein Studium Latein lernen. Für den Trödler wäre der gesellschaftliche Aufstieg des Sohnes durch Bildung eine Genugtuung und ein Ausgleich für die Geringschätzung durch die Bevölkerung. Auch Hans’ Mutter würde gerne den Wunsch ihres Sohnes erfüllen, der zugleich der ihres Mannes war, doch im Gegensatz zu Freudenstein hat sie nur geringe Ersparnisse und außerdem ist sie mit dem energischen Widerstand ihres Schwagers konfrontiert. (Kap. 6)
Gymnasium
Als sich der Termin des neuen Schuljahres nähert und der Onkel immer noch nicht seine Meinung geändert hat, entschließt sich der schüchterne Hans zu einer Verzweiflungstat und bittet einen Gymnasialprofessor um Unterstützung. (Kap. 6) Dr. der Philosophie Blasius Fackler kommt selbst aus armen Leineweber-Verhältnissen. Er ist beeindruckt vom Bildungshunger des Schustersohnes, fühlt deshalb mit dem „Staubgeborenen“ und setzt sich für ihn ein: zuerst bei dessen Vormund, der darauf seinen Einspruch aufgibt und sich aus der Verantwortung für die Bildung des Neffen beleidigt zurückzieht. Später, als er in der Oberstufe sein Latein- und Griechischlehrer wird und Verständnis für den oft in seinen Phantasien versunkenen Jungen hat, vermittelt er ihm eine Hauslehrerstelle für die beiden 6- und 8-jährigen verwöhnten Söhne des Kanzleidirektors Trüffler.
Die ersten Gymnasialjahre sind für den noch kindlichen und unselbständigen Hans schwer, im Unterschied zu Moses mit seiner schnellen Fassungsgabe und seinem guten Gedächtnis. Für diesen und seinen Vater ist die Oberschule v. a. der Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg und der Triumph über die anderen Kröppelstraßenjungen und ihre Eltern. Hans dagegen sucht die Erweiterung seines Weltbildes und verliert sich oft an den konkreten Griechisch-Übersetzungsaufgaben vorbei in die Abenteuer der Odyssee. Er braucht viel Kraft, um die Aufopferung seiner ihn bewundernden Mutter zu verdienen, und sieht es als seine Pflicht an, „durch eigene Anstrengung sich den Weg durchs Leben weiterzubahnen“. (Kap. 7) Die Beziehung der Jungen verändert sich durch die unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielsetzungen. Obwohl beide im Gymnasium als Außenseiter gelten, Moses als Jude und Hans als Sohn einer armen Witwe, und viel Zeit gemeinsam im Trödelladen verbringen, wo sich Hans in die Bücher der klassischen Dichtung vertieft, ist das Verhältnis einseitig geworden. Moses hat sich geistig aus der Freundschaft wegentwickelt, während Hans dies nicht registriert und sich immer wieder Illusionen hingibt: Als Hans sich für kurze Zeit dem großbürgerlichen Lebensstil der Trüfflers mehr zugehörig fühlt als seiner Schicht, holt Moses ihn durch seine Kritik, er sei doch nur Türsteher bei den Festen und nicht Teilnehmer, in die Realität zurück. (Kap. 7)
Am Mittwoch vor Ostern bestehen Moses als Primus und Hans als Zweitbester das Abitur (Kap. 8). Für ihre Familien ist dies ein großer Tag, sogar Onkel Grünebaum brüstet sich in seinem Stolz auf den Neffen und behauptet, er habe seinen Weg zum Gelehrten immer schon vorausgesehen. Während die Unwirrschs feiern, stirbt Samuel Freudenstein an zwei Schlaganfällen. Nach dem Erfolg des Sohnes und der Demonstration des Aufstiegswillens der Stadt gegenüber wollte er seinen Laden schließen und zeigte seinem Sohn den in verschlossenen Schubladen versteckten Reichtum: Bargeld in großer Menge und Wertpapiere.
Universität
Nach dem Tod des Vaters verkauft Moses das Trödelgeschäft und wandert zusammen mit Hans in die drei Tagesmärsche entfernte Universitätsstadt. (Kap. 9) Während er sich von seinem Vermögen eine Wohnung im besten Stadtviertel, schöne Kleidung und ein standesgemäßes Studentenleben leisten kann, ist der mit den spärlichen Rücklagen der Mutter, einem Stipendium und Empfehlungsbriefen seines Lehrers Fackler ausgestattete Hans in einem billigen Dachkämmerchen untergekommen und muss sparsam wirtschaften. Moses studiert Philosophie und hört Jura-Vorlesungen. Mit seinem scharfen Intellekt kritisiert er spöttisch die Umwelt und die Begrenztheit der Patrioten. Er fühlt sich als Kosmopolit, übernimmt vom Deutschtum nur das, was ihn überzeugt und ihm hilft. Hans nennt dies Egoismus, Moses dagegen Individualismus. (Kap. 10) Sein Volk sei jahrhundertelang ausgegrenzt gewesen und habe sich seine Überlebensbereiche suchen müssen. Doch trotz dieser Unterschiede bleibt die Freundschaft der beiden mit ähnlicher Rollenverteilung weiterhin bestehen. Bei Anfeindungen, die Moses sich durch seine Haltung bei den Studenten zuzieht, und vor körperlichen Auseinandersetzungen wird er von Hans beschützt. Und er desillusioniert immer wieder das naive Weltbild des Freundes, weist ihn auf die Realität hin und hilft ihm bei Hebräisch-Übungen für sein Theologie-Studium. Hans interessiert sich weniger als Moses für wissenschaftliche Theorien als für die praktische Lehre eines Pfarrers. Moses promoviert mit einer von Spinoza inspirierten Dissertation über die „Materie als Moment des Göttlichen“. Obwohl er in der Disputation auf heftigen Widerspruch stößt, setzt er sich mit seiner Argumentation durch und geht als „Doctor philosophiae“ nach Paris.
Während Hans bei seinen Examensvorbereitungen ist, erreicht ihn ein Brief seines Onkels, der ihn zu seiner sterbenden Mutter ruft. Auf dem Heimweg kehrt Hans im Wirtshaus „Zum Posthorn“ in Windheim ein. (Kap. 11) Dort wird er von den Wirtsleuten, denen er und sein schmaler Geldbeutel von seinen Zwischenstopps während der vergangenen Semesterferien her gut bekannt ist, freudig empfangen, und so erzählt Hans ihnen über sich und die Welt der Universitätsstadt. Nachdem er in seinem Bericht den Namen seines Freundes Moses Freudenstein erwähnt hat, wird er an den Nachbartisch des Leutnants außer Dienst Rudolf Götz und seiner Nichte Franziska geladen. Der Offizier redet schlecht über den Freund: Monsieur Freudenstein habe sich in Paris gegen Franziska nach dem Tod ihres Vaters nicht sehr ritterlich betragen.
In Neustadt begleitet Hans über Winter das Sterben seiner Mutter und bereitet sich auf das Examen als „Kandidat der Gottesgelehrtheit“ vor. Als er im Frühjahr aus der Kirche von seiner Prüfungspredigt heimkehrt, ist die Mutter friedlich entschlafen. Nach deren Beerdigung vermietet er das Haus an einen Maurer, der die Base als Hausmeisterin übernimmt, und verlässt die Stadt.
Hauslehrer in Bocksdorf und Kohlenau
Da alle Pfarrstellen der Umgebung besetzt sind, muss Hans im „Hauslehrertum“ seinen Unterhalt verdienen. (Kap. 13) Die erste Stelle findet er wiederum durch Vermittlung Professor Facklers auf dem Gut des Landedelmannes Herrn von Holoch in Bocksdorf. Während die Eltern mit der Erziehungsmethode des Hauslehrers zufrieden sind, zieht sich Hans im zweiten Dienstjahr den Unwillen der angereisten Erbtante zu. Sie nennt ihn einen „unpolierten Tölpel“, der ungeeignet sei für die Erziehung des Stammhalters und seiner kleinen Schwester und nimmt den Junker Erich mit in die Residenzstadt, um ihn „zum Edelmann der Zukunft“ ausbilden zu lassen.