miniatur|Bulgarische Folkloregruppe beim Folklorefest „Goldene Gadulka“ – 2007 in Russe

Die bulgarische Volksmusik ist die durch komplexe asymmetrische Taktarten und vergleichsweise einfache, einstimmige Melodien charakterisierte Volksmusik der Bulgaren. Neben den in lebhaften Rhythmen und streng im Takt vorgetragenen Tanzliedern und Instrumentalstücken gibt es eine zweite Gruppe von freirhythmischen Liedern und instrumentalen Volksweisen in langsamen Tempi.

In der bulgarischen Volksmusik sind Einflüsse aus der vorchristlichen Zeit, also aus der Zeit der Protobulgaren, bis zum 9. Jahrhundert nachweisbar. Sie wirkte während der Fremdherrschaft des Osmanischen Reiches ab dem 14. Jahrhundert identitätsstiftend für die Bulgaren, die erst 1878 wieder eine eigene Staatlichkeit erlangten. Die regional eigenständigen Musikstile in Bulgarien, die im 19. Jahrhundert erstmals systematisch beschrieben wurden, erfuhren nach 1944 eine Institutionalisierung unter den politischen Vorgaben der sozialistischen Herrschaft zu einer kollektiven Nationalkultur.

Typische Volksmusikinstrumente sind die dreiteilige Hirtenflöte kaval, die kürzere einteilige Hirtenflöte swirka, die kleine Blockflöte duduk, die Doppelflöte dwojanka, die Sackpfeife gajda, sowie die Saiteninstrumente gadulka, gusle und tambura.

Rhythmus Unsymmetrische Taktarten, von Béla Bartók als „bulgarische Taktarten“ bezeichnet, sind auf der Balkanhalbinsel weit verbreitet und sind von Serbien, Albanien, Griechenland und Rumänien bis in die Türkei bekannt. Als allgemeine Bezeichnung für die „schleppenden“ oder „hinkenden“ Rhythmen hat sich das türkische Wort aksak eingebürgert.Nice Fracile: The „Aksak“ Rhythm, a Distinctive Feature of the Balkan Folklore. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, T. 44, Fasc. 1/2, 2003, S. 197–210 In Bulgarien kommen folgende unsymmetrische Taktarten vor: 5/8, 7/8, 8/8, 9/8 und 11/8, außerdem die zusammengesetzten unsymmetrischen Taktarten (5+7)/8, (15+14)/8, (9+5)/16 und 22/16.

Von der europäischen Musiktheorie wurden die unsymmetrischen Takte 1886 zum ersten Mal bemerkt, als der bulgarische Musiklehrer Atanas Stoin fünf bulgarische Melodien veröffentlichte. 1913 beschrieb dann Dobri Christow die ganze Vielfalt der unsymmetrischen Taktarten in seinem Buch „Die rhythmischen Grundlagen unserer Volksmusik“.Добри Христов: Ритмичните основи на народната ни музика. In: Сборник за народни умотворения и народопис. (СбНУН). Bd. 27, 1913, , S. 1–48, (Dobri Christow: Die rhythmischen Grundlagen unserer Volksmusik.). Er stellte darin eine Tabelle mit den unsymmetrischen bulgarischen Takten zusammen, eine Leistung, die für die bulgarische Musikforschung von wesentlicher Bedeutung war. Mit dieser Arbeit sind die unsymmetrischen Takte überhaupt über die Grenzen Bulgariens hinaus bekannt geworden. Besonders großes Interesse für die bulgarische Volksmusik zeigte der ungarische Komponist Béla Bartók. Wiederholt erschienen in seinen Werken unsymmetrische Taktarten, z. B. 3/8, 5/8 und 7/8. Bartók betonte ausdrücklich, dass er diese aus der bulgarischen Volksmusik entlehnt hatte.

In der Musik des 20. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Beispiele für unsymmetrische Taktarten; so z. B. in „Mars, der Kriegsbringer“, dem ersten Satz von „Die Planeten“ von Gustav Holst, im „Unsquare Dance“ von Dave Brubeck, in „Money“ von Pink Floyd sowie in Werken des Minimal-Music-Komponisten Philip Glass.

Regionen In Bulgarien existieren sechs Folkloreregionen: Nordbulgarien (bulg. Северняшка/Sewernjaschka), auch Moesische (bulg. Мизийска/Misijska) genannt Dobrudscha (bulg. Добруджанско / Dobrudschansko), im Nordosten Thrakien (bulg. Тракийско/Trakijsko), im Zentrum Rhodopen (bulg. Родопско/Rodopsko), im Süden Schop (Oblast Sofia-Stadt) Pirin (bulg. пиринско/Pirinsko), auch (bulg. Македонско/Makedonsko) genannt, im Südwesten.

Vor dem Ersten Weltkrieg existierte eine weitere, die Ägäische Folkloreregion (bulg. Беломорска/Belomorska), die jedoch nach Bevölkerungsverschiebungen (→Thrakische Bulgaren) heute in andere Regionen aufgegangen ist.

Volkslieder Das Volkslied spielt eine sehr wichtige Rolle im Leben eines Bulgaren. Das bulgarische Volk liebt den Gesang. Es singt mit Liebe die alten, von den Vorvätern überkommenen Lieder und schafft ständig neue. Volkssänger verfügen über ein erstaunliches Gedächtnis. Oft beherrschen sie bis zu 500 Volkslieder. In einzelnen Fällen wird diese Zahl noch weit übertroffen. So sang der 90-jährige Volkssänger Pawel Atanasow (1867–1960) 742 Lieder, die von Mitarbeitern der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften aufgeschrieben und erforscht wurden. Wasila Waltschewa (1906–1981) sang ungefähr 1000 Lieder, Penka Poptodorowa (1895–1970) über 1000 Lieder.

Die große Vielfalt der bulgarischen Volkslieder in Bezug auf musikalische Merkmale, Verbreitung der Lieder und historische Wurzeln stellt eine gewisse Schwierigkeit bei der Einteilung des Liedmaterials dar. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen folgenden Arten von Liedern: Brauch- und Rituallieder, Arbeitslieder, Tafellieder, sowie Reigenvolkslieder.

Brauch- und Rituallieder Brauchlieder sind die ältesten bulgarischen Volkslieder. Sie sind funktional an bestimmte Bräuche gebunden und hängen zum großen Teil unmittelbar mit dem Leben des Volkes und mit seiner starken Naturverbundenheit zusammen. Gleichzeitig äußert sich darin der feste Glaube an das Gute und an die Gerechtigkeit. Es sind Kalenderlieder, die an einem seit Jahrhunderten festgelegten Feiertag wie z. B. Weihnachten, Lazarus-Tag (orthodoxer Gedenktag: Samstag vor Palmsonntag; bulg. Лазаровден) oder Enjotag (Tag der Sommersonnenwende; 24. Juni; bulg. Еньовден) gesungen werden. Teilweise handelt es sich auch um Familienbrauchlieder, also um Lieder, die mit keinem bestimmten Kalendertag, aber mit einem bestimmten Anlass, z. B. mit einer Taufe, Hochzeit oder einer Bestattung, verbunden sind. Die Lieder trösten beispielsweise zu einer Hochzeit die junge Braut, die das Vaterhaus verlässt, sie erflehen aber auch Regen oder wollen böse Geister vertreiben. Innerhalb des Brauchtums nehmen sie einen genau bestimmten Platz ein.

Kalenderlieder Einen Überblick über die verschiedenen Bräuche gibt der sogenannte Folklore-Kalender. Es ist ein System, das den Jahreszyklus unterteilt, indem heidnische (vorchristliche), orthodoxe (christliche) und weltliche Elemente zusammengeführt werden. Ähnlich wie in vielen indoeuropäischen Kalendern werden auch im bulgarischen das Sonnen- und das Mondprinzip vereinigt. Weihnachten ist zum Beispiel aufgrund des Sonnenstandes immer am 25. Dezember. Ostern feiert man aber wegen des wechselnden Mondkalenders an unterschiedlichen Tagen (für Einzelheiten zur Berechnung siehe: Osterdatum).

Der Folklore-Kalender teilt das Jahr in ein Sommer- und in ein Winterhalbjahr. Der Heilige Georgi steht für den Sommer, der Heilige Dimiter für den Winter. Stets spielt Musik eine wichtige Rolle bei diesen Bräuchen und Ritualen, wie beispielsweise das Weihnachtssingen oder die Feier des Lazarustages.

Weihnachtssingen

Feier des Lazarustages Die Feier des Lazarustages am Palmsonntag ist ein besonders interessanter Brauch in Bulgarien. In heidnischer Zeit wurde an diesem Tag die wieder auferstandene Fruchtbarkeitsgöttin geehrt. Seit christlicher Zeit symbolisiert der Lazarustag das Heranreifen der jungen Mädchen. Wie bei den Koledari zeigt ihr Singen und Tanzen den Wandel vom Kind zum heiratsfähigen Mädchen. Die Mädchen, die am Lazarus-Ritual teilnehmen, haben ihr 18. Lebensjahr vollendet. Wie wichtig dieser Brauch war, zeigt sich darin, dass in altbulgarischer Zeit nur ein Mädchen, das beim Lazarus-Ritual mitgemacht hatte, heiraten und Schmuck tragen durfte.

Welche Lieder die Lazarus-Mädchen vortragen, hängt von den Verhältnissen in dem Haus, wo die Mädchen die Lazaruslieder singen, ab. Sie können für ein herangewachsenes Mädchen, für eine ältere Frau, für ein Kind, für einen Schafhirten bestimmt sein. Ähnlich den Weihnachtsliedern gibt es auch bei den Lazarusliedern eine große Vielfalt: die Mädchen singen unterwegs, beim Eintritt in das Haus, im Haus selbst und während man tanzt. Nur an diesem Tag, glaubten die Menschen, besitzt das Mädchen magische Kräfte, um durch ein Lied und durch einen Tanz das Haus, die Hausbesitzer und deren Gut und Felder zu segnen.

Es sind lebensfrohe, poetische Lieder mit kurzen Melodien, meistens im tempo giusto. Die Melodien sind lustig, schalkhaft und zudem in verschiedenen Landesteilen sehr unterschiedlich. Der Rhythmus ist von den schnellen Schritten des Lazarustanzes bestimmt.

Ein Hauptthema der Lieder ist die Vorhersage, welches Mädchen wen heiraten wird. Die Mädchen spielen dann einen Tanz vor, der ihre zukünftige Hochzeit symbolisieren soll. Sie stehen um einen Kessel herum, der voll mit “schweigsamen Wasser” ist – „schweigsam“ ist es, da die Mädchen schweigen, während sie den Kessel füllen. In diesen Kessel taucht jedes Mädchen einen Blumenstrauß mit einem daran festgebundenen Ring. Die Blumensträuße bleiben über Nacht in dem Kessel. Am nächsten Morgen nimmt jedes Mädchen seinen Strauß. Die anderen Mädchen singen ein Lied, worin sie weissagen, welchen Beruf der Auserwählte des Mädchens haben wird. Die Weissagung des Berufes muss mit dem Beruf des späteren Ehemannes aber nicht wirklich übereinstimmen.

In anderen Teilen Bulgariens, besonders in Dörfern, durch die ein Fluss fließt, werfen die Mädchen ihre Blumensträuße in den Fluss. Dann heißt es: “Der Junge, der deinen Blumenstrauß findet, wird dich heiraten!”

Familienbrauchlieder Die Schwäche des Menschen gegenüber den Naturgewalten hat einen Zyklus von Liedern zum Erbitten von Regen (in Nordbulgarien mit der Idolpuppe German) oder gegen Überschwemmungen ins Leben gerufen. In früheren Zeiten hatte jede Ortschaft Lieder, die bei Dürre oder bei heftigen Regenfällen, die die Ernte gefährdeten, gesungen wurden.

Kalenderlieder beschreiben die Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur. Dagegen sind Familienbrauchlieder für die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft relevant. Bulgarische Familienbräuche sind bei der Geburt eines Kindes, bei einer Hochzeit und bei einem Begräbnis von besonderer Bedeutung – dies sind vielleicht die wichtigsten Momente im Leben eines Menschen.

Hochzeitslieder Beispielhaft soll hier die Musik bei einer traditionellen bulgarischen Hochzeit beschrieben werden.

Drei Elemente sind die musikalische Basis der traditionellen bulgarischen Hochzeit: der Gruppengesang von Frauen, die Instrumentalmusik und der Männergesang während des Essens mit Instrumentalbegleitung. Die Symbolik der Hochzeitslieder, der Instrumentalmelodien und Tänze kann als eine Gegenüberstellung von Mann und Frau betrachtet werden. Es entsteht eine Gegenüberstellung von Ritualen der Braut und Ritualen des Bräutigams.

Die eigentliche traditionelle bulgarische Hochzeit dauert drei bis fünf Tage, aber die Hochzeitsbräuche zwischen der Verlobung und einem Jahr nach der Hochzeit dauern ganze zwei Jahre. Weiterhin unterscheidet man zwischen Vorhochzeits-, Hochzeits- und Nachhochzeitsritualen.

Unter der Vorhochzeitszeit versteht man zwei bis drei Tage vor der Vermählung. Die Vorhochzeitsrituale schließen das Backen von speziellen Brauchbroten ein, ebenso die Vorbereitung der Hochzeitsfahne (Bulgarische Hochzeitsfahne, bulg. сватбено знаме oder уруглица/Urugliza), die Vorbereitung der Braut durch das Flechten ihres Haars und des Bräutigams durch Rasur. Während dies geschieht, wird die ganze Zeit gesungen.