Niederschöneweide ist ein Ortsteil des Bezirks Treptow-Köpenick von Berlin.
Geographie Niederschöneweide befindet sich im nordwestlichen Teil des Bezirks Treptow-Köpenick. Es liegt am südlichen Ufer der Spree gegenüber dem Ortsteil Oberschöneweide. Die Grenze verläuft am Ufer auf Niederschöneweider Seite. Die nördliche Grenze bildet der Britzer Verbindungskanal. Der Ortsteil grenzt im Osten an Köpenick, im Südosten an Adlershof, im Südwesten an Johannisthal und im Nordwesten an Baumschulenweg. Im Osten des Ortsteils Niederschöneweide liegt die Ortslage Oberspree.
Das Gelände Niederschöneweides ist flach und stark bebaut. Die einzigen größeren zusammenhängenden Grünflächen befinden sich im Osten des Ortsteils in Form von Kleingartenanlagen.
Geschichte
Erste Siedlungen Der Name „Schöne Weyde“ wird das erste Mal 1598 in einer Reisebeschreibung des Kurfürsten Joachim II. erwähnt. Sie beschreibt eine ausgedehnte Uferwiese links der Spree in Flussrichtung. Auf alten Karten gibt es auf dem Gebiet des heutigen Niederschöneweide eine Ansiedlung mit dem Namen „Theer Ofer“. Man vermutet aufgrund von vorhandenem Quellenmaterial, dass hier zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Schwelerei von Teer aufgenommen wurde. Die Hütte des Teerschwelers stand am Ufer, wo die beschriebene Wiese wieder in Wald überging. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Schwelerei ruiniert und danach wieder neu errichtet. Die Kurmärkische Kammer vergab den Teerofen regelmäßig für drei bis sechs Jahre an einen Zeitpächter, der dem Amt Köpenick untergeordnet war. Friedrich II. bewilligte 1753 persönlich das Bauholz für ein neues Haus auf dem „Schöneweidischen Teerofen“. Das Aufbauwerk fiel aber wenig später dem Siebenjährigen Krieg zum Opfer. Sein Bewohner, der als Rekrut eingezogen wurde, kehrte aus dem Krieg nicht zurück. Während des Krieges plünderten österreichische und russische Truppen die Teerschwele aus.
mini|links|hochkant=0.85|Der Teerbrenner (Stich von J. W. Meil) mini|Blick über die Spree nach Oberschöneweide
Trotz des Krieges wurde die friderizianische Binnenkolonisation erfolgreich fortgesetzt. Nach dem Siebenjährigen Krieg existierten auf dem südlichen Ufer der Spree sieben Ansiedlungen auf nur einer halben Meile. Es waren sowohl landwirtschaftliche als auch gewerbliche Siedlungen. Für diese als „Etablissements bei der schönen Weide“ oder auch „Etablissements bei Köpenick“ bezeichneten Stellen wurden am 1. November 1764 Erbverschreibungen vom Amt Köpenick ausgefertigt. Die Teerschwelerei wurde von einem Kolonisten aus Sachsen übernommen. Aber die Zeit der Teerschwelerei ging langsam zu Ende. Als neues Gewerbe entfaltete sich die Bleicherei, die parallel zu der in Köpenick aufblühenden Textilerzeugung entstand. 1778 verkaufte der letzte Kohlenschweler sein Erbrecht an einen Köpenicker Bleicher.
Um 1800 wohnten 42 Menschen in den Etablissements. Es existierten dort außer den Bleichereien und Kattundruckereien auch eine Salpetersiederei, eine Fabrik für Kruken, ein Judenhof und der Gasthof Neuer Krug. Die Siedlungen bildeten keine kommunale Einheit und hatten auch keinen offiziellen Namen. Im Jahr 1810 wurden die Etablissements nach der Auflösung des Amtes Köpenick dem Berliner Polizeibezirk unterstellt. Die noch zu entrichtenden Erbzinsgelder wurden vom Rentamt Mühlenhof eingezogen. Gebietsmäßig gehörten die Etablissements zum Kreis Teltow.
Zunächst breiteten sich weitere Bleicher und Kattundrucker zu beiden Seiten der Spree aus. Als erste Neugründung des Fabrikzeitalters entstand 1834 die Kattundruckerei Wolff, sie betrieb 13 Dampfmaschinen von und hatte 250 Beschäftigte. Ihr folgte 1869 die einst namhafte Shoddy- und Wollwarenfabrik John Blackburn. Mit der Wollfabrik kamen auch englische Fachkräfte mit ihren Familien und lebten mit den Ansässigen in Ortsgemeinschaft.
Selbstständiger Gemeindebezirk Von amtlicher Seite waren seit 1850 Überlegungen im Gange, die Siedlungen am linken Spreeufer mit einem bestehenden Kommunalbezirk zu vereinigen oder einen selbstständigen Gemeindebezirk zu bilden. Unter den länger Ansässigen war man hierzu sehr unterschiedlicher Auffassung. Investitionswillige Fabrikanten drangen auf einen selbstständigen Gemeindebezirk. 1867 gelang es dem Berliner Lederfabrikanten Dotti und dem Chemieunternehmer Louis Kunheim, das Amt Mühlenhof zu überzeugen. Der Beschluss musste aber noch den langen Weg durch die Instanzen gehen. Am 9. August 1878 wurden dann endlich alle Gewerbe-, Fabrik- und Villengrundstücke zur Gemarkung eines eigenen Gemeindebezirkes mit dem Namen „Niederschöneweide“ erklärt. Von der Königlichen Regierung zu Potsdam erhielt die neue Landgemeinde zwischen der Grünauer Straße (heute: Michael-Brückner-Straße) und Berliner Straße (heute: Schnellerstraße) ein Grundstück zum Schulhausbau. Die Schule, die ein Jahr später fertiggestellt war, besuchten anfangs auch Kinder aus Oberschöneweide und Johannisthal. Der Schulbesuch war aber nur für die Kinder des eigenen Ortes kostenlos. Bis zum Kirchenbau um 1908 blieb Niederschöneweide im Verband der Stadtkirche Köpenick.
mini|Industriearchitektur von 1888, ehemalige Bärenquell-Brauerei
Die Entwicklung des Ortes Niederschöneweide verlief weiterhin im Fahrwasser der Industrialisierung. Nachdem sich bisher hauptsächlich Textilgewerbe und -fabriken an beiden Seiten der Spree niedergelassen hatten, kamen nach und nach auch andere Produktionszweige dazu. Genannt seien hier die bereits 1871 hierher gezogene Kunheimsche Chemische Fabrik Kanne (1928: Kali Chemie AG), 1880 die Brauerei Borussia Meinert und Kampfhenkel (1898: Schultheiß-Brauerei AG), 1881 die Schal- und Tuchfabrik Anton und Alfred Lehmann, 1890 die Deutschen Messingwerke Flunkert, Kretzer und Eveking und 1902 das Hüttenwerk Ginsberg. Zu dieser Zeit waren die künftigen Standorte von AEG und Niles am gegenüberliegenden Spreeufer noch grüne Wiese.
mini|links|Ruderer auf der Oberspree vor Neptunshain
Trotz der zunehmenden Industrialisierung erweckte Niederschöneweide im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts den Eindruck eines aufsteigenden Ausflugsortes. Seit 1866 existieren zwei Dampferanlegestellen – je eine für das Lokal Neuer Krug und das Café Essig, aus dem später das Restaurant Sedan wurde. In den Sommermonaten trafen alle zwei Stunden Schiffe der Berliner Dampfschiffahrts-Gesellschaft mit zahlreichen Gästen ein, die hier ihren Aufenthalt in hübschen Gartenanlagen, Glaspavillons, auf Kegelbahnen und Spielplätzen bei einer vorzüglichen Bewirtung genießen konnten. In den 1870er und 1880er Jahren entstanden weitere Garten- und Vergnügungslokale wie Neptunshain und Hasselwerder aber auch die pompöse Einrichtung der Borussia-Brauerei, die ihren Gästen einen Biergarten voller romantisierender Felsen, Grotten, Springbrunnen, Türme, kolossaler Kaiserbüsten, eigenem Wasserbetrieb und einen Tanzsaal für 2.000 Gäste bot. Mit den gastronomischen Einrichtungen am gegenüber liegenden Spreeufer, dem heutigen Oberschöneweide, entstand ein Erholungsgebiet, in das seit der Eröffnung 1874 des Eisenbahnhaltepunktes Neuer Krug-Johannisthal (heute: Bahnhof Schöneweide) bis zu 50.000 Menschen strömten.
mini|Stubenrauchbrücke von 1908 nach Oberschöneweide
Infolge der immer stärkeren Industrialisierung, durch die ansehnliche Summen in die Steuerkasse flossen, verschwanden die Ausflugslokale allmählich. Das Geld wurde dringend für die notwendig gewordenen Wege- und Straßenbauten und deren Anbindung an das Chausseenetz des Kreises Teltow benötigt. 1885 wurde mit Mitteln des Kreises eine Kettenfähre zur Fußüberquerung über die Spree angelegt. Eine 1890–1891 erbaute Holzbrücke, über die auch die Gleise der Industriebahn Oberschöneweide führten und Oberschöneweide an die Bahnstrecke Berlin–Görlitz anschlossen, ersetzte die Fähre. Mit dem Kaisersteg, einer Fußgängerbrücke zum Großteil finanziert durch die AEG, entstand 1898 ein zweiter Spreeübergang. Erst 1904 wurde mit der Treskowbrücke und 1908 mit dem Ersatz der baufällig gewordenen Holzbrücke durch die stählerne Stubenrauchbrücke große tragfähige Übergänge nach Oberschöneweide geschaffen. Alle Brücken wurden von der Gemeinde Oberschöneweide oder dort ansässigen Firmen gebaut.
Seit der Gemeindebildung wurden vielfältige Strukturmaßnahmen zielstrebig verwirklicht. So wurde unter anderem eine Postdienststelle eingerichtet (1884), ein Liefervertrag mit den Berliner Elektricitäts-Werken geschlossen (1887), eine oberirdische Telegrafenlinie gebaut (1892), eine Apothekenfiliale, die Feuerwehr Niederschöneweide, eine Flussbadeanstalt und eine Zahlstelle der gemeinsamen Ortskrankenkasse für Köpenick und Umgebung errichtet (1895), elektrische Erdkabel für die Straßenbeleuchtung verlegt (1897), eine Aktiengesellschaft Gaswerk Niederschöneweide gegründet (1898), der Anschluss an das Trinkwasserleitungssystem der Berliner Wasserwerke hergestellt und gleichzeitig die Straßenbrunnen beseitigt (1900) und ein Gemeindefriedhof angelegt (1910–1912). Da die Grundstücke in Schöneweide durch die ständig fortschreitende Industrialisierung begehrt und teuer waren, wurde für den Friedhof ein Grundstück in Altglienicke erworben. Heute ist er der Städtische Friedhof Altglienicke.
Der 1874 angelegte Haltepunkt Neuer Krug-Johannisthal der Berlin-Görlitzer Eisenbahn wurde zwischen 1880 und 1882 zum Bahnhof Johannisthal-Niederschöneweide ausgebaut. Auf Antrag der Gemeinde wurde der Bahnhof 1896 in Niederschöneweide-Johannisthal umbenannt, da sie zum einen die Streckenverlängerung nach Spindlersfeld mitfinanziert hatte und zum anderen mehrere Betriebe private Werkbahnanschlüsse an das Schienennetz unter dieser Anschrift besaßen. 1929 wurde der Bahnhof noch einmal in den heute noch gültigen Namen Bahnhof Schöneweide umbenannt. Der öffentliche Nahverkehr wurde zu dieser Zeit durch mehrere Straßenbahnlinien der Berliner Ostbahnen ergänzt, deren Strecken teilweise noch gegenwärtig im Netz der Berliner Straßenbahn bestehen.
Laut der Vorortbauordnung von 1892 war Niederschöneweide als Landhausbezirk vorgesehen, doch erwies sich diese Planung angesichts der Realitäten schon um die Jahrhundertwende als indiskutabel. Die Bauordnung wurde wieder außer Kraft gesetzt. Auf Grund der industriellen Ansiedlungen entstanden hier sowieso keine herrschaftlichen Villenhäuser mehr. Die Werksbeamten genossen meistens den Vorzug von Dienstwohnungen auf den Firmengeländen. Für die einfachen Arbeiter wurden alle Flächen, die nicht für Produktionsstätten genutzt wurden, gewinnsüchtig und unsozial mit drei- und viergeschossigen Mietshäusern bebaut. Zudem besaßen die Mietshäuser auf der Hofseite häufig noch Seitenflügel und bis zu zwei Hinterhäuser. Durch die immer massiver betriebene Bautätigkeit entstand das gravierende Problem der Brauchwasserentsorgung. Zwar durften 1895 einige Grundstücke, darunter auch das Gemeindehaus, eine genehmigte unterirdische Entsorgungsanlage für Wirtschafts- und Niederschlagswasser anlegen, doch bedurfte die Entsorgung einer generellen Lösung. Da Niederschöneweide mit diesem Problem nicht alleine konfrontiert war, verbanden sich 1902 die Gemeinden Adlershof, Altglienicke, Grünau, Johannisthal, Rudow und Niederschöneweide, um die Einführung einer geregelten Kanalisation gemeinsam in Angriff zu nehmen. Die führende Rolle fiel Niederschöneweide zu. Es stellte nicht nur den Vorsitzenden und war Geschäftssitz, ihm galt auch das erste Teilprojekt der stufenweise realisierten Gesamtanlage. Mit dem Kanalisationsprojekt betraute der Verband die Städtereinigungsgesellschaft Wiesbaden, er leitete den Bau und späteren Betrieb sowie die Unterhaltung des Druckrohrsystems. Die Tätigkeit des Verbandes endete erst nach der Bildung von Groß-Berlin. Anfang des 20. Jahrhunderts bot Niederschöneweide das Bild eines zusammenhängenden Industrie- und Arbeiterwohngebietes mit großstädtisch anmutenden Straßenzügen.
Eingemeindung nach Berlin mini|hochkant|Evangelische Friedenskirche