mini|hochkant|Inge Stolten auf einer 1.-Mai-Demonstration in Hamburg
Inge Louise Stolten (* 23. März 1921 in Hamburg; † 4. Mai 1993 ebenda) war eine deutsche Schauspielerin, Schriftstellerin, Journalistin und Politikerin. Während der NS-Zeit gehörte sie dem passiven Widerstand im Umkreis der Weißen Rose Hamburg an. Durch eine Tuberkuloseerkrankung als Schauspielerin berufsunfähig, veröffentlichte sie ab 1956 zahlreiche Schriften und Rundfunkbeiträge zu verschiedenen gesellschaftspolitischen Themen sowie autobiographische Werke. Sie war die Großnichte von Otto Stolten und zweite Frau von Axel Eggebrecht.
Leben Kindheit und Jugend in Hamburg Inge Stolten wurde als Tochter des ungelernten Arbeiters Louis Stolten und der Reinigungskraft und ehemaligen Straßenbahnfahrerin Frieda Stolten (geb. Clasen) in Hamburg geboren.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 6 sowie Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 62. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Stadtteil St. Georg auf, wo sie mit den Eltern und dem drei Jahre jüngeren Bruder in einer Hinterhauswohnung lebte. Sie entstammte einer „alten sozialdemokratischen Familie“, ihr Großonkel Otto Stolten war der erste sozialdemokratische Bürgermeister Hamburgs.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 6, sowie Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 74.
Den Vater, der durch Multiple Sklerose fortschreitend gelähmt war, beschrieb sie später als den prägenden Elternteil. Louis Stolten war aktives SPD-Mitglied und autodidaktisch breit gebildet. Er war mit dem Neurologen Max Nonne befreundet, der ihn kostenlos behandelte.Vgl. Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 65. Als die Krankheit sich dennoch nicht aufhalten ließ, beging der Vater 1931 im Alter von 41 Jahren mit der Hilfe eines anderen Patienten im Krankenhaus Selbstmord durch eine Überdosis Schlaftabletten. Durch seine freigeistige Erziehung hatte Inge Stolten sowohl eine oppositionelle Haltung zum aufkommenden NationalsozialismusVgl. Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 62. als auch einen unbedingten Aufstiegswillen entwickelt: „Ich wußte, was ich wollte, ich wollte heraus aus dem Hinterhof“.Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 63.
Nach dem Willen des verstorbenen Vaters ging sie 1934 von der Volksschule in St. Georg auf die Aufbauschule in Eimsbüttel über, die 1933 von Gerhart-Hauptmann-Schule in Richard-Wagner-Schule umbenannt worden war.Vgl. Rainer Hering: Hamburger Schulen im „Dritten Reich“. Band 2: Anhang. Herausgegeben vom Verein für Hamburgische Geschichte (= Beiträge zur Geschichte Hamburgs 64). Hamburg University Press, Hamburg 2010, S. 854. (Open Access). Hier legte sie Ostern 1939 ihr Abitur ab.Vgl. Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 73. Die Schule, die von einem liberalen Geist geprägt war,Vgl. Stolten: Staatliche Aufbauschule, 1985, S. 46–50. wurde im selben Jahr von den Nationalsozialisten geschlossen.Vgl. Rainer Hering: Hamburger Schulen im „Dritten Reich“. Band 2: Anhang. Herausgegeben vom Verein für Hamburgische Geschichte (= Beiträge zur Geschichte Hamburgs 64). Hamburg University Press, Hamburg 2010, S. 854. (Open Access). Um sich ein Studium zu ermöglichen, meldete sich Inge Stolten zum Reichsarbeitsdienst, der mit Beginn des Zweiten Weltkriegs über die geplante Dienstzeit hinaus verlängert wurde.Vgl. Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 76. Wegen offen kritischer Äußerungen wurde sie in die Festung Dömitz strafversetzt und im Dezember 1939 als „politisch unzuverlässig“ entlassen, weswegen sie die Entlassungspapiere nicht zur Einschreibung an der Universität verwenden konnte: „Mit dem Studium war es vorbei“.Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 76.
Zweiter Weltkrieg und frühe Nachkriegszeit: Schauspielerin und Rundfunksprecherin Anstelle des geplanten Lehramtsstudiums entschied sich Stolten für eine Ausbildung zur Schauspielerin, die sie nach Bestehen der Aufnahmeprüfung im Mai 1940 an der Schauspielschule des Hamburger Schauspielhauses begann.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 54. Während der Ausbildung spielte sie kleinere Rollen in Produktionen des Theaters und erhielt nach Abschluss 1942 ein Engagement am Schauspielhaus.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 101 sowie Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 54. Im Sommer 1942 übernahm sie beim Kriegsmarine-Fronttheater Ost III anstelle einer erkrankten Kollegin die Rolle der Luise in Schillers Kabale und Liebe und reiste nach Königsberg und an die Front in den baltischen Staaten.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 54 und Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 101.
Zur Spielzeit 1942/1943 kehrte sie nach Hamburg zurück und stand unter anderem in Donna Diana von Agustín Moreto und Idothea von Hans Leip sowie in dem NS-Propagandastück Das Dorf bei Odessa des späteren erfolgreichen Kriminalfilmautors Herbert Reinecker („Derrick“) auf der Bühne.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 62. In dieser Zeit traf sie sich regelmäßig mit mehreren befreundeten Mitgliedern der, erst später so genannten, Weißen Rose Hamburg, vor allem mit dem 1945 hingerichteten Hans Leipelt, mit Karl Ludwig Schneider und ihrer ehemaligen Mitschülerin Dorothea Zill.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 64. Stolten nahm nach eigener Aussage auch an Sitzungen des Musenkabinetts teil.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 70. Im Juli 1943 lebt sie gemeinsam mit Dorothea Zill und anderen Regimegegnern in Berlin im Keller einer Villa.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 73. Anschließend brach sie jedoch erneut an die Front auf, um bis Oktober am Theater der Nationalsozialistischen Gemeinschaft Kraft durch Freude in Minsk zu spielen.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 7, 102. Dadurch entging sie den verheerenden Bombenangriffen im Feuersturm von Hamburg. In Minsk wurde sie Zeugin der Unterdrückung, Ghettoisierung und Ermordung deportierter Juden und der Rassepolitik des Gauleiters Wilhelm Kube.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 79 ff. Sie trat im propagandistisch verwerteten Kaufmann von Venedig auf.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 85.
Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg und einer überstandenen Hepatitis-Infektion meldete sie sich erneut zur Truppenbetreuung und spielte an wechselnden Truppenstandorten in Deutschland.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 104–106. Als durch einen Erlass Goebbels’ am 1. September 1944 alle Theater geschlossen und die Schauspieler eingezogen wurden, wurde sie zur Ausbildung als Flakhelferin in eine Kaserne in Rendsburg abkommandiert.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 113. „Unwahrscheinliches Glück“Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 76. und geschauspielerte Schwächeanfälle führten dazu, dass der zuständige Arzt sie aus gesundheitlichen Gründen entließ.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 116. Anschließend tauchte sie in der Umgebung von Hamburg in einer leerstehenden Jagdhütte von Bekannten unter.Vgl. Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 77 sowie Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 121–128. Als Hamburg kurz vor der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 zur offenen Stadt erklärt wurde, kehrte sie in die Stadt zurück.
Die letzten Kriegsmonate hatte sie dazu genutzt, ihr Schulenglisch aufzubessern, so dass sie gleich nach ihrer Rückkehr als Dolmetscherin für die britischen Besatzer arbeiten konnte.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 119, 131. Außerdem gab sie Nachhilfeunterricht in Englisch, unter anderem dem Direktor der Hamburger Staatsoper, Albert Ruch.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 142. Dieser vermittelte sie an den britischen Soldatensender British Forces Network, wo sie illegal – denn deutsche Schauspieler durften nicht beschäftigt werden – als Hörspielsprecherin und Moderatorin arbeitete.Vgl. Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 79 und Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 143–145.
1946 wurde sie unter Schauspieldirektor Bernhard Minetti für zwei Jahre ans Neue Stadttheater Kiel engagiert,Vgl. Herbert A. Frenzel, Hans Joachim Moser (Hrsg.): Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Schauspiel, Oper, Film, Rundfunk. Deutschland, Österreich, Schweiz. De Gruyter, Berlin 1956, , S. 724 und Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 8. wo sie in Shakespeares Wie es euch gefällt und in Carl Zuckmayers Des Teufels General spielte.Vgl. Stolten: Das alltägliche Exil, 1982, S. 150, 162. Es folgten wechselnde Engagements und ab 1952 verschiedene Auftritte am Jungen Theater (heute Ernst Deutsch Theater) in Hamburg, unter anderem in „Die heilige Flamme“ von W. Somerset Maugham.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 102 f. Ab 1954 trat sie auch wieder an ihrer Ausbildungsstätte auf, dem Deutschen Schauspielhaus,Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 103. so in Kleists Penthesilea und Schillers Die Räuber.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 103. 1956 spielt sie auch an der Landesbühne Schleswig-Holstein in RendsburgVgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 103. die Amalia in Die Räuber.
Zudem arbeitete sie beim NWDR als Hörspiel- und Synchronsprecherin und übernahm erstmals auch kleinere Rollen in Fernsehspielen.Vgl. Stolten: Das Tagebuch der Jutta S., 1970, S. 27. 1954 lernte sie den 22 Jahre älteren Schriftsteller und NWDR-Mitbegründer Axel Eggebrecht kennen, der ihr Lebensgefährte und später ihr Ehemann wurde.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 6. Vgl. auch Stolten: Das Tagebuch der Jutta S., 1970, S. 50: „Fünfzehn Monate kennen wir uns nun – auf den Tag genau“ (Eintrag vom 4. August 1956).
Krankheit und Berufswechsel: Schriftstellerin und Journalistin Im Mai 1956 wurde bei Stolten eine offene Tuberkulose diagnostiziert. Nachdem sie zunächst versucht hatte, die Krankheit geheim zu halten und die Kaverne ambulant behandeln zu lassen, um ihren Beruf nicht aufgeben zu müssen, ließ sie sich im November 1956 ins Lungensanatorium in Mölln einweisen.Stolten: Das Tagebuch der Jutta S. 1970, S. 80, sowie Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten. 1997, S. 9. Nach acht Monaten aus dem Sanatorium entlassen, durfte sie wegen der zu großen Lungenbelastung nicht mehr als Schauspielerin arbeiten, was sie jedoch im Rückblick als Vorteil empfand: „Die Krankheit erweist sich als Glücksfall. Aus dem Sanatorium werde ich als,berufsunfähig‘ entlassen, um irgendetwas zu tun, fange ich an zu schreiben, und bin selbst völlig überrascht, daß ich es kann. Ich habe einen neuen Beruf.“Stolten: Nicht aus gutem Hause, 1981, S. 81.
In den Folgejahren arbeitete sie als Journalistin und Publizistin für Radio und Fernsehen. Vor allem für den Hörfunk schrieb sie zahlreiche Features und Glossen zu verschiedensten gesellschaftspolitischen Themen sowie eine große Anzahl an Rezensionen.Eine ausführliche Liste von Hörfunkbeiträgen Stoltens findet sich in Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 28–78. Für eine Auswahl siehe unter Radiobeiträge. Ihre Erfahrungen im Sanatorium verarbeitete sie anonymisiert in ihrem 1970 veröffentlichten Roman Das Tagebuch der Jutta S. (siehe unter Autobiographisches Werk). Es ist ihr einziger veröffentlichter Roman – das Manuskript zu einem Roman über den Neumünsteraner Textilkaufmann Hermann Marsian blieb unvollendet.Vgl. Sasinowska: Der Nachlaß Inge Stolten, 1997, S. 83.
Statt belletristischer Arbeiten standen nun Sachbücher mit politischem Impetus im Vordergrund. Sie publizierte mehrere, meist autobiographisch gefärbte, Beiträge zur Aufarbeitung der NS-Zeit. Gemeinsam mit dem Journalisten Thomas Ayck, der ebenfalls beim NDR arbeitete, veröffentlichte sie 1979 die Streitschrift Kinderlos aus Verantwortung. Das Thema gewollte Kinderlosigkeit beschäftigte sie auch noch in Rundfunkbeiträgen sowie in der Neuauflage des Buches von 1988.