mini|hochkant=1.2|Luftbild von Friedrichshagen am Müggelsee Friedrichshagen ist ein Ortsteil im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Er liegt am Nordufer des Müggelsees.
Ortsbeschreibung Mittelpunkt von Friedrichshagen ist die Bölschestraße, die zwei Jahrhunderte Baugeschichte repräsentiert. Die für ihre Einkaufsmöglichkeiten und vielfältige Gastronomie bekannte Straße konnte durch Sanierungsmaßnahmen ihren Charakter als Lebensader und Flaniermeile erhalten.
mini|links|Berliner Bürgerbräu
An der Einmündung der Bölschestraße zum Müggelseedamm – ganz in der Nähe des Spreetunnels – befand sich das Betriebsgelände der Brauerei Berliner Bürgerbräu. Bis zu ihrer Schließung 2010 war sie die älteste und letzte private Brauerei Berlins. Teile des Industriebaus der Privatbrauerei sind unter Denkmalschutz gestellt worden.
In Richtung Rahnsdorf befindet sich beidseitig des Müggelseedamms das Wasserwerk Friedrichshagen. Das Alte Wasserwerk Friedrichshagen ist Endstation der Straßenbahnlinie 60 aus Johannisthal.
Geschichte mini|hochkant=0.5|links|Wappen der ehemaligen Landgemeinde Friedrichshagen
Friedrichshagen wurde als Kolonistendorf Friedrichshagen am 29. Mai 1753 im Auftrag von Friedrich II. gegründet.LHA Potsdam, Rep. 2, 1. Dom. Reg. D 10661Eine ähnliche Kolonistengründung für Glaubensflüchtlinge war das 1747 errichtete Müggelheim in unmittelbarer Nachbarschaft. Vornehmlich wurden dort Baumwollspinner aus Böhmen und Schlesien angesiedelt, die in einfachen Lehmfachwerkhäusern lebten. Sie betrieben Baumwollspinnerei in Heimarbeit und verdienten sich in den Wintermonaten ihren Lebensunterhalt durch Besenbinderei. Um durch den Verkauf von süßen Maulbeeren einen Zusatzverdienst zu erlangen, pflanzten die Friedrichshagener mehrere hundert Maulbeerbäume an. Eine Seidenraupenzucht ist nicht dokumentiert.Aribert Giesche, Karl-Ludwig Lange: Die Häuser der Bölschestraße in Berlin-Friedrichshagen. Lukas Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86732-270-6.
Inmitten der Siedlung errichteten die Einwohner des Ortes einen Betsaal mit Schulstube und Lehrerwohnung. Erst um 1800 bekamen sie ein eigenes Gotteshaus, das aber nur ein schlichter Saalbau war, dem 1848 ein Glockentürmchen hinzugefügt wurde.
Im Jahr 1842 wurde die Haltestelle Friedrichshagen auf der Strecke der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn von Berlin in Richtung Frankfurt (Oder) eröffnet. Durch diese günstige Verkehrsanbindung entwickelte sich Friedrichshagen im 19. Jahrhundert zu einem Villenvorort und beliebten Ausflugsziel für „Sommerfrischler“, die besonders die landschaftlichen Reize des Müggelsees genossen. Friedrichshagen wurde 1878 eine eigenständige LandgemeindeHistorie. rathaus-friedrichshagen.de; abgerufen am 10. Mai 2023. und erhielt um 1880 den Titel „Klimatischer Luftkurort“. Es entstanden zwei Badestellen am Müggelsee, der Kurpark sowie Biergärten, Cafés und Hotels.
mini|hochkant|Beschädigte Christophoruskirche nach dem Orkan Quimburga vom 13. November 1972 mini|hochkant|Christophoruskirche Friedrichshagen
Hermann Gladenbeck verlegte 1887 seine bekannte Bildgießerei nach Friedrichshagen. Hier wurden bis 1926 Standbilder und Denkmale nach den Entwürfen bekannter Bildhauer in Bronze gegossen.
Ab 1889 wurde in Friedrichshagen ein großes Wasserwerk im Stil einer neogotischen Klosteranlage zur Wasserversorgung des Berliner Ostens errichtet und am 28. Oktober 1893 eröffnet. Nach zahlreichen Erweiterungs- und Modernisierungsbauten ist das Wasserwerk Friedrichshagen bis heute in Betrieb. In einem Schöpfmaschinenhaus am Ufer des Müggelsees befindet sich seit 1987 das Museum im Alten Wasserwerk der Berliner Wasserbetriebe. Das gesamte Betriebsgelände steht unter Denkmalschutz.
Im Jahr 1890 wurde der Friedrichshagener Dichterkreis gegründet. Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler wählten den Ort Hinter der Weltstadt (Buchtitel von Wilhelm Bölsche), da sie einerseits Ruhe und Natur für ihre kreativen Phasen, andererseits aber die Nähe zu den Verlegern schätzten (siehe auch: Neuer Friedrichshagener Dichterkreis).
Die schlichte Saalkirche (um 1800 vermutlich ein verputzter Backsteinbau in barock-klassizistischen Formen) auf dem Marktplatz (1903–1920: Friedrichsplatz) erhielt 1903 als Nachfolgebau die wesentlich größere Christophoruskirche, weil die Bevölkerung erheblich zugenommen hatte. Am 25. September 1904 wurde ihr gegenüber ein Denkmal Friedrichs des Großen feierlich enthüllt. Dessen Kosten überstiegen den Jahresetat für Soziales des damals noch kleinen Ortes beträchtlich. Das Denkmal überstand beide Weltkriege ohne Schäden, wurde aber nach Ende des Zweiten Weltkriegs vom Sockel gestoßen. Erst 1946 wurde es nach einer Buntmetallsammlung eingeschmolzen.
Die Eingemeindung des damals zum Landkreis Niederbarnim gehörenden, 14.850 Einwohner zählenden Ortes in den Bezirk Köpenick von Groß-Berlin erfolgte 1920. Die beiden letzten Bürgermeister der eigenständigen Gemeinde Friedrichshagen waren Wilhelm Klut (1893–1909) und Felix Stiller (1909–1920) Nach ihnen sind zwei Straßen im Ortsteil benannt.
Um die Belebung des Ausflugverkehrs auf beiden Seiten der Müggelspree zu steigern, wurde im Jahr 1927 der überlastete Fährbetrieb durch den Spreetunnel Friedrichshagen abgelöst. Er besteht aus zwei, auf einer in der Mitte der Spree aufgeschütteten Insel in Beton gegossenen Tunnelröhren, die anschließend versenkt und unter Wasser zusammengefügt wurden; zur damaligen Zeit eine Pionierleistung technischer Baukunst. Durch den Spreetunnel kann man auf die Südseite des Müggelsees wechseln und zu den dort gelegenen Ausflugsgaststätten gelangen.
Im November 1972 wurde während des Orkans Quimburga der Turm der Christophoruskirche so schwer beschädigt, dass er abgetragen werden musste. Wegen fehlender finanzieller und materieller Mittel konnte der Kirchturm erst Jahre später in verkürzter und vereinfachter Form wieder errichtet werden.
mini|hochkant|Denkmal von Friedrich dem Großen
Mit der 250-Jahr-Feier Friedrichshagens im Jahr 2003 wurde auf dem Karree (Marktplatz) gegenüber der Christophoruskirche ein neues – vom armenischen Bildhauer Spartak Babajan geschaffenes – Bronze-Standbild Friedrichs II. aufgestellt, das dem 1904 aufgestellten Denkmal nachempfunden ist. Eine Bürgerinitiative hatte dafür Spenden gesammelt. Gegossen wurde die Plastik in der Bildgießerei Seiler im nahen Schöneiche. Das neue Standbild stellt den König, der durch die Trockenlegung von Landstrichen, die Neugründung von Dörfern und die Ansiedlung von Kolonisten „eine neue Provinz im Frieden“ eroberte, im Alter von 41 Jahren dar. Friedrich II. trägt seine typische Uniform und stützt sich mit der rechten Hand auf den leicht zur Seite ausgestellten Krückstock.
Ortslage Hirschgarten
In Friedrichshagen befindet sich an der Ortsteilgrenze zu Köpenick die Ortslage Hirschgarten mit dem gleichnamigen S-Bahnhof. Hirschgarten wurde als Villenkolonie im Juni des Jahres 1870 vom Bankier Albert Hirte nach einem Bebauungsplan von Eduard Titz begründet.Durch Hirschgarten und das Westend des Ostens. In: Berliner Morgenpost, 3. Juni 2012.Rolf Kießhauer: Vom Hirschacker zu Hirschgarten – Vom Werden und Wachsen einer Köpenicker Villenkolonie. In: Heimatverein Köpenick e. V. (Hrsg.): Von Copnic nach Köpenick – neue Streifzüge durch seine Geschichte. Trafo, Berlin 2014 (Schriftenreihe des Heimatvereins Köpenick e. V.), ISBN 978-3-86465-036-9, S. 231–241. Die Ortsbezeichnung soll auf den Namen des Bankiers Hirsch zurückzuführen sein, der sich hier als einer der ersten eine Villa bauen ließ. In Hirschgarten wurde seinerzeit ein Naturbad errichtet, das besondere Anziehungskraft besaß, da es über eine warme Quelle verfügte. Als die Quelle versiegte, wurde der Solebadbetrieb eingestellt. In Hirschgarten mündet das Neuenhagener Mühlenfließ (auch „Erpe“ genannt) in die Spree.
Bevölkerung Jahr Einwohner1871–1910 Gross-Berlin: Geographie der Weltstadt. Friedrich Leyden, 1933.1919–1946 Statistisches Jahrbuch von Berlin (jeweilige Jahre) 1858 1.412 1871 2.142 1880 3.616 1890 7.903 1900 11.288 1910 14.341 1919 14.847 1925 16.662 Jahr Einwohner1950 und 1963 Statistisches Jahrbuch der DDR 1964 1939 18.033 1946 16.420 1950 17.762 1963 19.755 1991 17.561 1995 16.342 2000 16.439 Jahr Einwohner 2007 17.179 2010 17.483 2015 17.997 2020 19.009 2021 19.064 2022 19.057 2023 19.097 2024 19.036 2025 19.014
Quelle ab 2007: Statistischer Bericht A I 5. Einwohnerregisterstatistik Berlin. Bestand – Grunddaten. 31. Dezember. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (jeweilige Jahre)
Kultur Wegen der Lage im äußersten Südosten Berlins ist Friedrichshagen ein „Künstlerdorf“ geblieben. Jeden Sommer öffnen bildende Künstler ihre Ateliers und gewähren Einblicke in ihre Arbeit. Darüber hinaus beherbergt Friedrichshagen eine Vielzahl von Galerien, in denen in wechselnden Ausstellungen Werke von Künstlern aus ganz Europa zu sehen sind.
Das 1930 erbaute Naturtheater Friedrichshagen in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofs bietet im Sommer Kinovorstellungen und Konzerte unter freiem Himmel und ergänzt damit das Angebot des historischen Kinos Union in der Bölschestraße.
Neben regelmäßigen Konzerten und Kleinkunstveranstaltungen gilt das jeweils im Frühjahr und im Herbst stattfindende „Kneipenfest“ als einer der musikalischen Höhepunkte. Eine Nacht lang bietet sich dann den Musikliebhabern in zahlreichen Lokalen eine Auswahl von Klassik über Jazz bis hin zu Rock und Blues.
Am zweiten Mai-Wochenende jeden Jahres wird auf der Bölschestraße das „Bölschefest“ veranstaltet. Regelmäßig zieht dieses Spektakel rund 200.000 Besucher in den Ortsteil, die durch die Straße schlendern, das Kulturprogramm auf der Bühne am Marktplatz verfolgen und sich am Höhenfeuerwerk über dem nächtlichen Müggelsee erfreuen.
Jährlich im Herbst wird in Friedrichshagen das Kultur-Festival „Dichter.dran“ veranstaltet. Für ein ganzes Wochenende werden in vielen Läden, Ateliers, Schulen und anderen Veranstaltungsorten Kulturevents angeboten.
Fußläufig vom S-Bahnhof ist die bereits seit 1919 bestehende Kleingartenkolonie Wiesengrund an der Erpe im Landschaftsschutzgebiet Erpetal erreichbar.
Der Film Hai-Alarm am Müggelsee spielt in Friedrichshagen und wurde auch dort gedreht.
Verkehr Individualverkehr Die zentrale Straße des Ortsteils ist die Bölschestraße, die diesen in Nord-Süd-Richtung durchquert. Sie beginnt am Fürstenwalder Damm im Norden und endet am Müggelseedamm im Süden, die beide den Ortsteil in West-Ost-Richtung tangieren. Weitere Straßenverbindungen bestehen in Richtung Dahlwitz-Hoppegarten über die Dahlwitzer Landstraße sowie nach Schöneiche über die Schöneicher Straße.
Öffentlicher Personennahverkehr Eisenbahn Mit dem Bau der Niederschlesisch-Märkischen Bahn wurde 1842 der Bahnhof Friedrichshagen eröffnet. 1894 wurde an der Strecke außerdem die Station Hirschgarten errichtet. Seit 1928 wird die Strecke von der S-Bahn Berlin bedient.Jürgen Meyer-Kronthaler, Wolfgang Kramer: Berlins S-Bahnhöfe – Ein dreiviertel Jahrhundert. Be.bra, Berlin 1998, ISBN 3-930863-25-1. Heute verkehrt hier die Linie S 3 Spandau–Erkner.
Straßenbahn Der S-Bahnhof Friedrichshagen ist gleichzeitig Umsteigepunkt zur Berliner Straßenbahn (Linien 60 und 61) sowie zur 1910 eröffneten Schöneicher Straßenbahn (Linie 88). Bereits seit 1891 verkehrte im Ort die Friedrichshagener Straßenbahn, die 1906 durch die Cöpenicker Straßenbahn übernommen wurde, die wiederum 1920 in der Berliner Straßenbahn aufging.
Die Linie 60 führt vom Alten Wasserwerk Friedrichshagen über die Bölschestraße nach Johannisthal. Die Linie 61 verbindet den Ortsteil, von Rahnsdorf im Osten kommend, ebenfalls über die Bölschestraße mit Adlershof im Westen. Die Straßenbahnlinie 88 ist eine Überlandstraßenbahn. Sie wird von der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH betrieben und führt vom S-Bahnhof Friedrichshagen mit zwei Halten in Friedrichshagen über Schöneiche nach Alt-Rüdersdorf.
Bildung Evangelische Grundschule Friedrichshagene (privat), Peter-Hille-Straße 36