mini|E. V. Ramasami
E. V. Ramasami (Erode Venkata Ramasami Naicker; auch Ramasamy, Ramaswamy; Tamil Ī. Ve. Rāmacāmi []; * 17. September 1879 in Erode; † 24. Dezember 1973 in Vellore), genannt Periyar ( Periyār [] ‚der Große‘) war ein Politiker und Aktivist aus dem indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Er war einer der Vordenker der Dravidischen Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Tamil Nadu entstand und eine eigenständige Identität der Tamilen als „Draviden“ im Gegensatz zu den „Ariern“ Nordindiens postulierte.
Ramasami vertrat eine radikale sozialreformerische und nationalistische Ideologie: Er widersetzte sich dem Einfluss der Brahmanen und forderte eine generelle Abschaffung des Kastensystems. Ebenso forderte er die Abschaffung des Hinduismus und lehnte darüber hinaus die Religion als solche ab. Ausgehend vom Gegensatz einer „dravidischen“ und „arischen“ Kultur lehnte er alle „arischen“ Einflüsse ab und forderte für die „Draviden“ Südindiens einen unabhängigen Staat Dravida Nadu.
Nach ersten politischen Aktivitäten in der Kongresspartei führte Ramasami ab 1927 die Selbstachtungsbewegung (Self-Respect Movement) an, aus der 1944 die Organisation Dravidar Kazhagam (DK) hervorging. Ramasami nahm mit seinen Organisationen nicht an Wahlen teil, sondern konzentrierte sich auf politische Agitation und propagandistische Aktivitäten. Aus der DK ging aber 1949 die Partei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) hervor, welche die Dravidische Bewegung später in Tamil Nadu an die Macht brachte und heute zusammen mit der DMK-Abspaltung AIADMK die Politik Tamil Nadus prägt.
Leben Herkunft und frühe Jahre (1879–1920) Ramasami wurde am 17. September 1879 in Erode, einer Stadt im Norden des heutigen indischen Bundesstaates Tamil Nadu, als Sohn von Venkata Naicker und Chinna Thayammal alias Muthammal geboren. Sein Vater war ein reicher Händler und orthodoxer vishnuitischer Hindu. Die Familie war kanaresischer Abstammung und gehörte zu den Balija Naidu, einer gesellschaftlich bessergestellten Shudra-Kaste.Anita Diehl: E. V. Ramaswami Naicker-Periyar. A Study of the Influence of a Personality in Contemporary South India, Lund: Scandinavian University Books, 1977, S. 19. Den Namenszusatz Naicker, der auf die Zugehörigkeit zu dieser Kaste hinwies, legte Ramasami später als Zeichen seiner Ablehnung des Kastenwesens ab. Allgemein ist Ramasami unter dem Namen Periyar („der Große“) bekannt, ein Ehrenname, den er 1938 verliehen bekam.Marguerite Ross Barnett: The Politics of Cultural Nationalism in South India, Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1976, S. 54, Anm. 2.
Der junge Ramasami genoss nur eine einfache Schulbildung. Schon im Alter von zehn Jahren nahm ihn sein Vater von der Schule, weil er dort mit Jungen aus niederen Kasten Umgang pflegte.Barnett 1976, S. 36. Fortan beteiligte sich Ramasami an den Geschäften seines Vaters. Gemäß dem traditionellen hinduistischen Brauch heiratete Ramasami jung: 1898 ehelichte er die damals 13-jährige Nagammal. Im Jahr 1900 wurde dem Ehepaar eine Tochter geboren, die aber im Alter von fünf Monaten starb. Es sollte Ramasamis einziges Kind bleiben.
Im Alter von 25 Jahren wurde Ramasami, der als Händler mittlerweile ein beträchtliches Vermögen angehäuft hatte, zum Sadhu (wandernden Asketen). Während seiner Pilgerreisen besuchte er unter anderem die heilige Stadt Varanasi (Benares). Dort machte er negative Erfahrungen mit der brahmanischen Priesterschaft, die in seinen Augen die Massen ausbeutete, und so kehrte er von der Hindureligion entfremdet nach Erode zurück. Bald zeigten sich erste Zeichen einer Ablehnung hinduistischer Traditionen, etwa als er seine jung verwitwete Nichte zur Wiederheirat ermutigte. Gleichwohl arrangierte sich Ramasami mit dem Hindu-Establishment und war unter anderem Vorsitzender eines örtlichen Tempelverwaltungskomitees.Diehl 1977, S. 19.
Erste politische Aktivitäten in der Kongresspartei (1920–1927) mini|hochkant|E. V. Ramasami in den Anfangsjahren der Selbstachtungsbewegung
Nach ersten lokalpolitischen Aktivitäten in seiner Heimatstadt Erode schloss sich Ramasami unter dem Einfluss C. Rajagopalacharis 1920 dem Indischen Nationalkongress an, der zu jener Zeit unter der Leitung Mahatma Gandhis für die Unabhängigkeit Indiens eintrat. Als linientreuer Kongressanhänger trug er demonstrativ Khadi-Kleidung, propagierte die Prohibition und trat gegen die Zusammenarbeit mit den Briten ein. Er stieg bald zu einem der wichtigsten nichtbrahmanischen Kongress-Politiker in Tamil Nadu auf.E. Sa. Visswanathan: The Political Career of E. V. Ramasami Naicker. A Study in the Politics of Tamilnadu, 1920–1949, Madras: Ravi & Vasanth, 1983, S. 38–39. In der Kongresspartei trat Ramasami vehement für die Rechte von Niedrigkastigen ein: 1924 wurde er bekannt, als er sich bei einer von Gandhi initiierten Satyagraha-Aktion (ziviler Ungehorsam) zugunsten von Unberührbaren in Vaikom, einer Kleinstadt im heutigen Bundesstaat Kerala, beteiligte und für mehrere Monate inhaftiert wurde. Sein Eintreten brachte ihm den Beinamen „Held von Vaikom“ ein.Visswanathan 1983, S. 42–45.
Schon bald zeigten sich Differenzen zwischen der von Brahmanen dominierten Kongresspartei und Ramasami. 1925 protestierte Ramasami in der sogenannten Gurukulam-Kontroverse gegen die separate Speisung von brahmanischen und nichtbrahmanischen Schülern in einer vom Kongress unterhaltenen traditionellen Schule (gurukulam) in der Stadt Kallidaikurichi.Visswanathan 1983, S. 45–55. Im selben Jahr forderte er auf einem Parteitag in Kanchipuram Quoten für Nichtbrahmanen in der Legislative und im öffentlichen Dienst. Dabei zeigte sich für ihn, wie schwierig es sein würde, die Rechte von Nichtbrahmanen in der Kongresspartei voranzutreiben.Visswanathan 1983, S. 55–62. 1927 kam es schließlich zum Streit zwischen Ramasami und Mahatma Gandhi, als dieser bei einer Südindien-Reise öffentlich für das orthodoxe Kastensystem als Grundlage der Gesellschaft eintrat. Die Differenzen schienen für Ramasami so unüberwindbar, dass er sich entschloss, aus der Kongresspartei auszutreten.Visswanathan 1983, S. 63–65.
Selbstachtungsbewegung und Justice Party (1927–1944) mini|Titelseite von Ramasamis Zeitschrift Kudi Arasu von 1926 Nach seinem Austritt aus der Kongresspartei 1927 konzentrierte sich Ramasami auf die Selbstachtungsbewegung (Self-Respect Movement / Suyamariathai Iyakkam), deren Vorsitz er bereits ein Jahr zuvor übernommen hatte.Visswanathan 1983, S. 71–73. Die Selbstachtungsbewegung war eine sozialreformerische Bewegung mit dem erklärten Ziel, Nichtbrahmanen ein Gefühl von „Selbstachtung“ auf Grundlage ihrer dravidischen Identität zu verschaffen und gegen die postulierte gesellschaftliche Übermacht der Brahmanen anzukämpfen. Die Selbstachtungsbewegung war nicht in das parteipolitische Geschäft eingebunden, sondern agierte mit öffentlichen Kampagnen und propagandistischen Aktivitäten.Diehl 1977, S. 27. Während seiner Zeit in der Selbstachtungsbewegung vertrat Ramasami eine zunehmend radikale Ideologie und begann den Gegensatz zwischen Ariern und Draviden sowie seine Ablehnung des orthodoxen Hinduismus zu formulieren.Visswanathan 1983, S. 73–77. Als Sprachrohr dienten Ramasami dabei die Zeitschrift Kudi Arasu („Volksherrschaft“), die er bereits 1924 gegründet hatte, sowie ab 1935 die Zeitschrift Viduthalai („Befreiung“).Eugene F. Irschick: Politics and Social Conflict in South India. The Non-Brahman Movement and Tamil Separatism, 1916–1929, Berkley and Los Angeles: University of California Press, 1969, S. 334 f. 1931 brach Ramasami zu einer elfmonatigen Reise auf, in deren Verlauf er mehrere europäische Länder besuchte. In der Sowjetunion kam er in Kontakt mit sozialistischem Gedankengut, das er in der Folgezeit in seine Schriften einfließen ließ.Nambi K. Arooran: Tamil renaissance and Dravidian nationalism, Madurai: Koodal, 1980, S. 177 f.
1937 beteiligte sich Ramasami an den Anti-Hindi-Protesten, die auf die Entscheidung der neu gewählten Kongress-Regierung der Provinz Madras folgten, die nordindische Sprache Hindi zu einem Pflichtfach an den Schulen zu machen. Während die Kongresspartei das Hindi als gesamtindische Lingua franca propagierte, betrachtete Ramasami das Hindi als arische Sprache und seine Einführung als brahmanisch-nordindische Verschwörung gegen das Tamil. Als treibende Kraft der Anti-Hindi-Proteste wurde Ramasami zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Zusammenhang mit den Anti-Hindi-Protesten erhob er 1938 erstmals die Forderung nach einem unabhängigen Dravidenstaat: Analog zu der zu jener Zeit von der Muslimliga geforderten Gründung Pakistans sollten die Draviden einen eigenen Staat Dravida Nadu („dravidisches Land“) bekommen.Marguerite Ross Barnett: The Politics of Cultural Nationalism in South India. Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1976, S. 53.
mini|E. V. Ramasami mit Muhammad Ali Jinnah und B. R. Ambedkar (1940) Bereits ab 1935 hatte sich Ramasami der Justice Party zugewandt. Die 1917 gegründete Justice Party wurde von Nichtbrahmanen getragen, die größtenteils aus bessergestellten landbesitzenden und Händler-Kasten stammten. Die Justice Party stellte von 1920 bis 1926 sowie erneut von 1930 bis 1937 die Regierung der Provinz Madras. Wie die Selbstachtungsbewegung, vertrat die Justice Party ein dezidiert anti-brahmanisches Programm und propagierte die dravidische Identität der Nichtbrahmanen, doch war sie in ihrer Ideologie deutlich weniger radikal. Während die Selbstachtungsbewegung auch unter den unteren Schichten Unterstützung genoss, gelang es der Justice Party, die vor allem für die Interessen der Elite-Nichtbrahmanen eintrat, nicht, eine Massenbasis aufzubauen.Zur Justice Party siehe Robert L. Hardgrave Jr.: "The Dravidian Movement". In: Essays in the Political Sociology of South India. New Delhi, Usha Publications: 1979, S. 15–24. Nachdem sie 1937 bei den Wahlen zum Provinzparlament eine vernichtende Niederlage gegen die Kongresspartei erlitten hatte, hoffte die Justice Party von der Popularität Ramasamis zu profitieren und trug diesem den Parteivorsitz an. 1938 wurde Ramasami, der zu diesem Zeitpunkt noch wegen seiner Beteiligung an den Anti-Hindi-Protesten in Haft saß, zum Vorsitzenden der Justice Party gewählt.Jakob Rösel: Die Gestalt und Entstehung des tamilischen Nationalismus. Duncker und Humblot, Berlin 1997, S. 55–57.
Gründung der DK und Abspaltung der DMK (1944–1949) Gegen parteiinterne Widerstände gelang es Ramasami, die Justice Party unter seine Kontrolle zu bringen und nach seinen Vorstellungen umzuformen. 1944 setzte er durch, dass sich die Selbstachtungsbewegung und die Justice Party unter zur Organisation Dravidar Kazhagam (DK) vereinigten. Die DK beschloss, nicht an Wahlen teilzunehmen, schrieb sich die Forderung nach einem unabhängigen Dravida Nadu auf die Fahnen. Sie nahm als ihr Symbol eine schwarze Flagge mit einem roten Kreis an, die den traurigen Zustand der unterdrückten Draviden und die Hoffnung auf ein unabhängiges Dravida Nadu symbolisieren sollte. Ihre Mitglieder sollten als Erkennungszeichen schwarze Hemden tragen. Mit der Gründung der DK war es Ramasami gelungen, die alte Honoratiorenpartei Justice Party in eine schlagkräftige Massenorganisation umzuwandeln.Hardgrave 1979, S. 27–28.
mini|C. N. Annadurai und E. V. Ramasami